Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Im Zusammenhang des Kapitels über die von Caesar geplante, durch die Iden des März nur in den ersten Anfängen erkennbare Konzeption einer neuen Ordnung stehen Mommsens berühmte Sätze über eine von Caesar in Aussicht genommene Sonderrolle der Juden neben Römern und Griechen[1]:
Dies Judentum, obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem nirgends erfreulichen Bilde der damaligen Völkermengung[2], war nichtsdestoweniger ein im natürlichen Verlauf der Dinge sich entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich ableugnen noch bekämpfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein Vorgänger Alexander, in richtiger Erkenntnis der Dinge möglichst Vorschub tat. Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen Judentums[3], damit nicht viel weniger für die Nation tat wie ihr eigener David durch den Tempelbau von Jerusalem, so förderte auch Caesar die Juden in Alexandreia[4] wie in Rom[5] durch besondere Begünstigungen und Vorrechte und schützte namentlich ihren eigentümlichen Kult gegen die römischen wie gegen die griechischen Lokalpfaffen. Die beiden großen Männer dachten natürlich nicht daran, der hellenischen oder italisch-hellenischen Nationalität die jüdische ebenbürtig zur Seite zu stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die Pandoragabe politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich wesentlich gleichgültig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern seiner nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben mit jeder beliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen Grad der fremden Volkstümlichkeit sich anschmiegt[6] - der Jude war ebendarum wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermaßen abstrakten und von vornherein verschliffenen Nationalität ausgestattet werden sollte. Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition[7] und insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem Caesarischen Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbürgertum, dessen Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war.
Die zeitgenössische Rezeption von Mommsens Deutung der von Caesar vorgesehenen "Funktion" der Juden zwischen Republik und Kaiserzeit ist bekannt: Im sog. "Berliner Antisemitismus-Streit" wurde die Formulierung vom "wirksamen Ferment der Dekomposition", deren mindestens zweideutiger Wohlklang in den an nationale Tönen gewöhnten Ohren der Zeit schwer zu bestreiten ist, ein gern wiederholtes Zitat für "Gebildete" unter den Antisemiten[8]. Die von Mommsen in der genannten Weise bestimmte Funktion im Staat Caesars wurde von den Antisemiten auf eine ähnliche Rolle der Juden im modernen Nationalstaat übertragen, mit umgekehrter Bewertung; zum Ärger des Verfassers ist wohl kaum eine Stelle der Römischen Geschichte häufiger zitiert worden[9].
Mommsen hat sich nach der
»Römischen Geschichte« noch zu manchen Fragen der caesarischen
Spätzeit in einzelnen Beiträgen und in den Fußnoten zum
Staatsrecht und zum Strafrecht geäußert; soweit ich sehe, hat er sich
im Rahmen der Debatten des Antisemitismusstreites aber nur noch ein einziges
Mal zu seiner Interpretation geäußert, in der Schrift "Auch ein
Wort über unser Judentum" vom Jahre
1880:
Indes da ich einmal hier das Wort nehme, glaube ich hinzufügen zu sollen, daß meine Meinung über die Judenfrage vor dreißig Jahren ebenso dieselbe war, wie meine Stimmung gegen diesen Teil meiner Mitbürger. Wer sich von dem letzteren überzeugen will, worauf mehr ankommt, der lese zum Beispiel was ich über das Verhalten der Juden bei Cäsars Tod gesagt habe[10]. Wer mein Buch kennt, wird es bestätigen, daß dasselbe den Anspruch erhebt den Judenschmeichlern ebenso zu mißfallen wie den Judenhassern[11].
Wenn Mommsen seine Ansicht im 1888 erschienenen V. Band der »Römischen Geschichte« wenn nicht widerrufen, dann aber auch nicht wiederholt hat, so findet dies eine Erklärung wohl auch darin, daß er über die weitere Entwicklung der jüdisch-römischen Beziehungen nach Caesar und Augustus zu schreiben hatte, und weniger über die Juden der Diaspora, als über den - wieder ein moderner Vergleich - "jüdischen Kirchenstaat" in seinen Konflikten mit der römischen Obrigkeit:
Der jüdische Kirchenstaat als Haupt der Diaspora vertrug sich nicht mit der Unbedingtheit des weltlichen Großstaates[12].
Das alte Urteil über die bewußt und mit tiefgründigen Absichten privilegierte Position der Juden klingt im Kapitel über »Judaea und die Juden« im V. Band der »Römischen Geschichte« deshalb nur noch in abgeschwächter Form an:
Nicht am wenigsten hat Caesars persönliche Dankbarkeit die förmliche Restauration des Judenstaates gefördert. Das jüdische Reich erhielt die beste Stellung, die dem Clientelstaat gewährt werden konnte, völlige Freiheit von Abgaben an die Römer und von militärischer Besatzung und Aushebung, wogegen allerdings auch die Pflichten und die Kosten der Grenzvertheidigung von der einheimischen Regierung zu übernehmen waren.[13]
Zurückgenommen oder "korrigiert" hat er seine Interpretation der caesarischen Politik gegenüber den Juden aber nicht. Das Verhältnis der römischen Obrigkeit gegenüber den Juden der Diaspora hat Mommsen dann noch einmal in dem späten Aufsatz über den »Religionsfrevel nach römischem Recht«[14] sowie im »Strafrecht«[15] thematisiert und mit dem Verhältnis zum Christentum verglichen; zum Kennzeichen der - mit der Spätzeit Caesars gewissermaßen einsetzenden - Kaiserzeit gehört die Toleranz gegenüber der jüdischen Religion[16].
Mommsens Beurteilung der
Rolle der Juden im Staat Caesar ist freilich nicht nur von Interesse als
ungewollter Beitrag zum "Berliner Antisemitismusstreit" und spätere
antisemitische Debatten: Seine Bemerkungen über Caesars Verhältnis zu
den Juden, in bewußt neuzeitlichem Vokabular und mit Anklängen an
Debatten der Gegenwart, sind doch vor allem ein auf unübertroffener
Durchdringung der Quellen beruhendes "althistorisches" Urteil über die
Juden im Staat Caesars. Einmal abgesehen von der "schriftstellerischen"
Wirkung: In welchem Maße ist es überhaupt »richtig« und
»nachprüfbar«, was Mommsen über Caesars Bestimmung der
jüdischen Sonderrolle schreibt? Auf welche Überlieferung hätte
er sich berufen können, wenn er seine »Römische Geschichte«
mit Fußnoten versehen hätte? Durch den Verzicht auf die Anmerkungen
des Wissenschaftsbetriebes wird leicht übersehen, auf welcher
überwältigenden Kenntnis aller denkbaren und überhaupt
zugänglichen Quellen die »Römische Geschichte« aufbaut. In
welchem Maße ist es möglich, Mommsens These zu belegen, oder als
bloß Spekulation zu erweisen?
***
Neben den von Josephus in den »Antiquitates Judaicae« zitierten Urkunden zu den jüdisch-römischen Beziehungen gibt es nur ein einziges "zeitgenössisches" Zeugnis außerhalb der jüdischen Tradition über die besonderen Beziehungen zwischen den Juden und Caesar. Mommsen hat es zwar erwähnt[17], doch ist es von der späteren Forschung - wenn ich es richtig sehe - in seiner Bedeutung nicht richtig gewürdigt geworden[18].
Als Sueton mit der
Stoffsammlung für das Kapitel über Caesars Begräbnis
beschäftigt war, stieß er auch auf Berichte über die emotionale
Teilnahme von "Ausländern" an den nur mühsam von den
Verantwortlichen kontrollierten Trauerfeierlichkeiten. Statt viele fremde Namen
zu nennen, vielleicht sogar solche, die seine zeitgenössischen Leser als
besonders exotisch überrascht hätten, hebt er namentlich allein die
Juden hervor; sie beklagten den Toten nicht nur am Tage der Bestattung, sondern
mehrere Tage und Nächte lang[19]:
In summo publico luctu exterarum gentium[20] multitudo circulatim suo quaeque more lamentata est praecipue Iudaei, qui etiam noctibus continuis bustum[21] frequentarent.
Ein Blick auf Abschnitte über die Bestattung der Principes in den anderen Viten Suetons macht deutlich, daß solche spontane Teilnahme der exterae gentes von Sueton und seinen Vorlagen als ungewöhnlich empfunden wurde: Die Bestattung des Augustus etwa liegt ganz in den Händen der Behörden[22].
Caesar hat ein
Sonderverhältnis ausgerechnet zu dem Volk, das von den Zeitgenossen
aufgrund seiner "fremden" Sitten und seines "fremden" Kultus immer als
besonders auffällig gegolten
hatte.
Der Leser der Caesar-Vita
ist schlecht vorbereitet auf diese Klientel-Beziehung. Die Biograph hat mehr
über den kriegerischen Umgang mit den Kelten und andere militärischen
Erfolgen als vom "friedlichen" Umgang mit exterae gentes berichtet[23]. "Freundliche"
Beziehungen Caesars zum "Ausland" werden von Sueton eher skeptisch als
billigend gesehen: Die fremden Königinnen, mit denen er Umgang pflog[24], bereiten den Leser der
Biographie keineswegs darauf vor, daß Caesar von einer extera gens nach
allen Bürgerkriegssiegen Emotionen der Dankbarkeit entgegengebracht
wurden.
Die Juden, darauf will
Sueton durch die Auswahl seiner Nachricht hinweisen, hatten also eine ganz
besondere Beziehung zu dem Toten. Für die ersten Leser des Werkes war
diese Notiz nicht von bloß antiquarischem, sondern von durchaus aktuellem
Interesse, berührte sie doch auch wichtige Fragen der Reichspolitik sowohl
zu Trajans als auch zu Hadrians
Zeiten.
Wenn die Voraussetzung
erlaubt ist, daß Sueton die Caesar-Vita noch zu Lebzeiten Trajans
verfaßt hat[25], so
ist das Verhältnis Trajans zu den Juden betroffen: Viel spricht ja
dafür, daß Trajan zunächst bestrebt war, die Juden sowohl in
Judaea als auch in der Diaspora nicht zu provozieren. Gründe dafür
sind nicht schwer zu finden: der gewünschte Kontrast zu Domitian, und der
nüchterne Gedanke, daß die Front im Osten nicht durch Unruhen in
Iudaea gefährdet werden dürfe[26]. Und die Leser hadrianischer Zeit mochten
an den Kontrast zwischen Hadrian und Caesar denken - wohl nichts, was Sueton,
der im Streit aus den Diensten Hadrians geschieden war, vermieden wissen
wollte.
Von Suetons Beurteilung des
Judentums im allgemeinen läßt sich nur sagen, daß er wenigstens
keine Gelegenheit gesucht hat, judenfeindliche Notizen in seine Biographien
aufzunehmen[27]. Wenn man
bei ihm tatsächlich die durchschnittliche römische Skepsis
gegenüber den Juden voraussetzen kann, hat er durch die Auswahl der von
ihm gebotenen Nachrichten über die Juden doch auch dafür gesorgt,
daß seine Leser den Eindruck gewinnen konnten, daß die bewährten
principes die Juden nicht provoziert haben und sogar von ihnen geschätzt
wurden[28].
Die Bewertung des
"guten" oder "schlechten" Verhältnisses zu den Juden war im 1.
Jahrhundert vorgegeben weniger durch Caesars Entscheidungen als durch die
Politik des Augustus, der hier, wie sonst auch, Caesar nicht als Vorgänger
und Vorbild nannte, wenn es sich vermeiden ließ[29]. Bei aller Zurückhaltung galt der
erste Princeps als ein Förderer und Freund jüdischer Interessen,
sowohl in Rom selbst als auch außerhalb; die Übernahme der
caesarischen Regelungen ist der Beweis für seine Billigung der
zugrundeliegenden Überlegungen[30].
Wenn es eines Beweises
für die Wertschätzung des Princeps durch die stadtrömischen
Juden bedürfte, so ist die Benennung von Synagogen nach ihm der
deutlichste Hinweis[31].
Als erster Römer sandte er kostbare Gaben zum Tempel in Jerusalem[32]; der Freund Agrippa hat
während seines Aufenthaltes in Jerusalem im Tempel geopfert[33]; damit könnte er
über das von Augustus für vertretbar gehaltene Maß
hinausgegangen sein - der Enkel Gaius wurde wegen seines Verzichts auf einen
Gang zum Tempel gelobt[34]. Wenn auch nichts darüber
ausdrücklich bekannt ist, so dürften die stadtrömischen Juden
bei der Bestattung des Princeps durchaus präsent gewesen sein und ihre
Dankbarkeit bekundet haben[35].
Sueton kann mit der Notiz
über die Trauer der stadtrömischen Juden um Caesar eine der
Möglichkeiten des römisch-jüdischen Verhältnisses in den
vergangenen 100 Jahren ansprechen: die Einbindung der Juden in ein enges, sogar
durch Dankbarkeit geprägtes Klientel-Verhältnis zwischen Iudaea, den
Diasporajuden und Rom[36].
***
Mommsens Interpretation des Nahverhältnisses der Juden zu Caesar wird von Sueton nicht nur in dem äußerlichen Sinne der exzessiven jüdischen Trauer um den Toten gestützt. Diese Dankbarkeit am Scheiterhaufen leitete sich natürlich her von den beneficia, die Caesar den Juden hatte zuteil werden lassen; Mommsen selbst hat im V. Band der »Römischen Geschichte« mit nüchternen Worten darauf hingewiesen[37].
Man muß noch keine
besonderen Absichten Caesars - im Sinne der Worte Mommsens im III. Band der
»Römischen Geschichte« - für die Juden bemühen, um
ihre Trauer nach den Iden des März zu verstehen. Er war der Sieger
über Pompeius, der die Unabhängigkeit des jüdischen Staates
zerstört, der das angestammte Territorium der Juden zugunsten alter
Konkurrenten verringert hatte; sogar das Allerheiligste des Tempels hatte
dieser betreten[38]. Sein
familiaris Gabinius hatte die Schwächung des jüdischen Staates dann
noch fortgesetzt[39].
Anders als von den vielen
Könige und Potentaten des Ostens, die Pompeius ihre Hilfe im
Bürgerkrieg versprochen hatten, war von den Juden Hilfe wohl kaum zu
erwarten: Sie dürften nach Pompeius' Eroberung von Jerusalem zu den
wenigen Gruppen im Osten des Reiches gehört haben, auf die Caesar von
vornherein Hoffnungen setzen
konnte.
Die Quellen erlauben keine
Aussagen über Caesars Kontakte zu jüdischen Notabeln vor den
Kämpfen des Sommers 47 um Alexandreia; wenn sein Kampf seit den
fünfziger Jahren um "Präsenz" im ursprünglich
pompeianischen Klientelbereich Kleinasiens ein Maßstab sein kann[40], so wird Caesar auch
über die politischen Verhältnisse in Judaea bestens informiert
gewesen
sein.
Zu seiner Klientel
gehören die Juden dann spätestens seit den Kämpfen um
Alexandreia, als jüdische Soldaten unter dem Kommando des Mithridates von
Pergamon rechtzeitig zum Entsatz eintrafen[41]; militärische Einheiten der
jüdischen Bevölkerung Alexandreias hatten damals ebenfalls Anteil am
Sieg; ein Brief des Hyrkanos war der entscheidende Auslöser für ihre
Parteinahme[42].
Bei der Suche nach Zeugnisse
und Indizien für die Konzeption von Caesars jüdischer Politik seit
dem Sommer 47 ist zunächst zu unterscheiden zwischen den Regelungen
für Judaea als Klientelstaat und der Behandlung der jüdischen
Diaspora; allerdings dürfte Caesar von Anfang berücksichtigt haben,
daß es eine besondere, in ihrer politischen Bedeutung gar nicht zu
unterschätzende Bindung zwischen der Diaspora und dem Tempel in Jerusalem
gab[43]. Auch der Erfolg
von Hyrkanos' Brief bei den Juden Alexandreias muß ihm einmal mehr
deutlich gemacht haben, daß sich die Juden von anderen Völkern des
Ostens unterschieden und deshalb mit Überlegung in eine neue Ordnung
eingebunden werden
mußten.
Caesar hielt sich viel
darauf zugute, erwiesene Wohltaten angemessen zu vergelten[44]. Der Lohn für Antipater, der sich
gerade noch rechtzeitig auf die Seite des Siegers geschlagen hatte, war denkbar
hoch: Antipater erhielt aufgrund der persönlichen Machtvollkommenheit
Caesars das römische Bürgerrecht und die Immunität[45] sowie den Titel eines
»epitropos« oder »procurator«[46]; damit gehörte er sofort zum engsten
Kreis der "ausländischen" Klienten und Helfer der neuen Ordnung, mit
der entsprechenden Sicherung seiner Position gegenüber innenpolitischen
Gegnern.
Für die Beurteilung von
Caesars weiteren Entscheidungen wäre es interessant zu wissen, wie gut die
römische Führungsschicht über die Eigenheiten dieses
Territoriums informiert war und über die Schwierigkeiten, die Juden
politisch zu
kontrollieren.
Die in der Folge von
Pompeius' Feldzug entstandene Literatur über die Juden müßte
solche Kenntnisse erheblich verbessert haben, weit über die Ansammlung von
Topoi der judenfeindlichen "Archäologien" hinaus[47]. Die Römer stießen bei der
Begegnung mit den Juden auf Strukturen, die sich von denen in anderen
untertänigen Gebieten erheblich unterschieden[48]. Ob Kleopatra Caesar hier Experten zur
Verfügung stellen konnte[49]? Der neue Einfluß in Ägypten
und Alexandreia brachte die römische Politik ohnehin in Kontakt mit der
größten Gruppe der Diaspora[50]. Sobald die Planung des Feldzuges gegen
die Parther auf dem Weg gebracht wurde, mußte dieser Teil der
rückwärtigen Front von großer Bedeutung sein[51]. Im Unterschied zu den Seleukiden hat
Caesar die Juden aber nicht als Soldaten einsetzen wollen, wie die Freistellung
vom Wehrdienst beweist[52].
Caesars Regelungen sind
durch mehrere von Josephus zitierte Dokumente bezeugt, deren Reihenfolge und
Exaktheit in Einzelheiten genau zu überprüfen ist, deren generelle
"Echtheit" und Zuverlässigkeit aber nicht bestritten werden sollte[53]. Es ist natürlich
nicht römisches Interesse, das diese Zeugnisse erhalten hat; Josephus
selbst legt Wert auf die Vorlage alter und vorteilhafter Bestimmungen für
die Juden, und ganz unabhängig von Josephus' eigenem Interesse gilt,
daß die jüdischen Herrscher seit Caesars und Augustus' Zeit
ihrerseits Wert immer darauf gelegt haben, Regelungen der Römer zugunsten
der Juden einer oft sehr feindlichen Umwelt ins Gedächtnis zu rufen[54].
Caesar hat den Juden nach
Ausweis der bei Josephus überlieferten Dokumente den denkbar besten Status
eingeräumt, den ein Klientelstaat erreichen konnte. Dies allein ist im
Rahmen der Neuordnung des Ostens und seinen persönlichen Beziehung zu
Antipater noch nicht ungewöhnlich; wenn er die Juden auffordert, sich
wegen des Abschluß eines Bündnisses mit dem Senat in Verbindung zu
setzen, so standen die traditionellen römisch-jüdischen Beziehungen
seit dem 2. Jahrhundert als Präzedenzfall zur Verfügung[55].
Die Gestaltung der Steuer-
und der Territorialverhältnisse zeigt Caesar einerseits als guten Kenner
traditioneller jüdischer Ansprüche, zugleich aber auch als
geschickten Bewahrer römischen Finanzinteressen. Selbst das
Zugeständnis des »Schabbatjahres« wird aufgewogen durch
höhere Steuern[56].
Gabinius hatte die Haupstadt
Jerusalem geschwächt und fünf Steuerbezirke eingerichtet; Hyrkanos
war ganz auf sein Tempelamt eingeschränkt worden[57]. Von Gabinius' Bezirken ist seit Caesars
Sieg nichts mehr zu hören; der von Pompeius beschlagnahmte Grundbesitz
ging zurück an die Vorbesitzer; im Sinn der auch sonst bezeugten Politik,
den Einfluß der publicani zu mindern, hatten die Steuerpächter keinen
Zugriff mehr auf die nach Rom fließenden Zahlungen[58].
Die ohne Zweifel wichtigste
territoriale Regelung war wegen der Gewinnung eines Zugangs zum Meer die
Rückgabe der Hafenstadt Jaffa[59]. Alle Regelungen zu Steuer-, Grundbesitz-
und Territorialfragen betrafen Probleme, die sich auch in anderen der Ordnung
bedürftigen Gebiete in dieser oder ähnlicher Form ergeben
mußten; im Falle der Juden läßt sich feststellen, daß
Caesar offensichtlich Wert darauf gelegt hat, möglichst viele der
pompeianischen Regelungen unter Wahrung römischer Interessen
rückgängig zu machen oder zu ändern. Caesar geht aber nicht so
weit, Jerusalem zur civitas libera et immunis zu machen; sie bleibt weiterhin
civitas stipendiaria.
Andere Entscheidungen Caesar
in den Jahren 47 bis 44 sind für die Frage nach der längerfristgen
Konzeption seiner Politik wichtiger und betreffen spezifisch jüdische
Themen, für die es in anderen Klientelterritorien keine Parallele geben
konnte; am ehesten sollten sich hier Indizien finden lassen für Caesars
Gewichtung der künftigen jüdischen
Politik.
Als wichtigstes
Zugeständnis an das jüdische Selbstverständnis ist gewiß
die Zusicherung zu werten, "gemäß den hergebrachten Sitten"[60] leben zu dürfen.
Die Duldung der "nomoi" schloß alles das ein, was die Juden seit
Jahrhunderten in Konflikt mit anderen hatte bringen können, doch ist diese
von Caesar verbriefte Duldung - noch vor der Ausnahme der Synagogen vom
Collegien-Verbot - nur ein altes probates Mittel, das schon frühere
Herrscher angewandt haben, um die Juden nicht zur Rebellion anzustacheln[61]. Auch im römischen
Bereich ist diese Regelung im Sinne des suis legibus uti ein durchaus bekanntes
Herrschaftsmittel[62].
Immerhin erwähnenswert sind die Konzessionen für die Einhaltung der
Schabbat-Regeln[63] und
die Befreiung der Juden vom Wehrdienst, mit der Caesar in klugem Realismus
allen Schwierigkeiten aus dem Wege gehen wollte, die sich aus den
jüdischen Nomoi ergeben konnten[64].
Im Falle der Juden handelte
sich allerdings um religiöse Lebensformen, die bei den Griechen des
hellenistischen Ostens immer schon Anstoß erregt hatten. Wie tief
verwurzelt die Abneigung gegen die jüdischen Privilegien war, die sich aus
der Generalklausel des suis legibus uti von selbst ergaben, wird schon aus den
Adressaten der römischen Urkunden deutlich, die von Josephus zitiert
werden: ein Brief geht nach Sidon, Tyros und Askalon[65], einer nach Parion in der Troas[66].
Die geographische Verteilung
dieser Adressaten unterstreicht die Tragweite jeder Neubestimmung des
römisch-jüdischen Verhältnisses im Unterschied zu vergleichbaren
Regelungen mit anderen verdienten Bundesgenossen: Das Eingehen auf
jüdische Wünsche hatte niemals nur Konsequenzen für Judaea
allein, sondern auch für alle Gebiete des römischen Reiches, in denen
sich eine nennenswerte Zahl von Juden
aufhielten.
Caesar hat das Problem
erkannt und eine Lösung gefunden, die sich wenigstens zu seinen Lebzeiten
bewährt hat: die Förderung einer zentralen religiösen
Autorität in Jerusalem, auf die Einfluß nehmen zu können er
offensichtlich sicher gewesen ist[67]. Caesar trennt offensichtlich nicht: Jeder
Jude praktiziert die jüdische Religion und fühlt sich als
Angehöriger des jüdischen Staates[68].
Die von Josephus zitierten
Dokumente zeigen, wie den mißmutigen Griechen immer wieder klargemacht
werden mußte, welches der römische Standpunkt in der Frage der
jüdischen Kultausübung war; entsprechende Weisungen an die Griechen
waren freilich mehr oder weniger schnell von dem römischen
Verantwortlichen vor Ort
durchzusetzen.
Im Falle der jüdischen
Betroffenen war das schwieriger: wie sollte ein römischer Statthalter
Weisungen an die Juden durchsetzen, deren Beachtung sie möglicherweise mit
ihren »nomoi« in Konflikt gerieten ließ? Caesar meinte, einen
Weg zur Lösung des Problems der "Kontrolle" der Juden in der Diaspora
gefunden zu haben: Wenn Hyrkanos die Juden in Ägypten beeinflussen konnte,
dann vielleicht auch in den anderen Provinzen. Caesar trennte die
religiöse von der weltlichen Autorität: Neben den
»epitropos« bzw. »procurator« Antipater setzte er den
Hohepriester und Ethnarchen Hyrkanos[69] - dessen Brief an die Juden Alexandreias
so wichtig für deren Eingreifen auf Caesars Seite gewesen war. Hyrkanos,
der in der - ja keineswegs unparteilichen -Überlieferung als nicht sehr
kompetent charakterisiert wird, an dessen Loyalität aber wenigstens Caesar
damals keinerlei Zweifel hatte, war damit zur Leitfigur aller Juden der
Diaspora ernannt worden; es ist eine andere Frage, wie sich die jüdische
Aristokratie gegenüber dieser Aufwertung verhalten hat[70]. Äußerliches, keineswegs
geringes Ehrenzeichen ist Hyrkanos' Recht, bei den Gladiatorenspielen bevorzugt
bei den Senatoren sitzen zu dürfen[71].
Caesar hat die Vorteile der
neuen Regelung schon selbst nutzen können: Einen Rechtsstreit der Juden
von Sidon verwies er an Hyrkanos als die zuständige Instanz[72]. Hyrkanos seinerseits
hat nicht gezögert, seine Vollmachten im Interesse der Diaspora
einzusetzen. In der Zeit nach Caesars Tod schickt er Gesandte zu Dolabella, um
sich für die Freistellung der Juden Kleinasiens vom Kriegsdienst zu
verwenden[73]. In
ähnlicher Weise können die Juden von Laodikeia ihre Rechte
durchsetzen[74].
Eine ganz ungewöhnliche
und überraschende Konzession an die jüdischen Klienten sei zum
Schluß erwähnt: Caesar hat - vielleicht erst im Jahre 45 oder 44, und
nach einigem Zögern - den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems erlaubt[75]. Jeder Kenner der
"Alten Geschichte" im Senat mochte sich an den Bau der langen Mauern von
Athen erinnern - und an die Belagerung Jerusalems durch Pompeius. Diese von
Caesar genehmigten neuen Mauern Jerusalems waren es, die später von Titus
unter großen Opfern gestürmt werden[76].
Dieses Verhalten war mit
Sicherheit keine Demonstration gegen Pompeius, die Caesar damals nicht mehr
nötig hatte: Es liegt nahe, hier, im Sinne von Mommsens Interpretation,
die Absicht zu erkennen, den Juden eine von allen anderen Klientelmächten
unterschiedene und bevorzugte Sonderrolle
einzuräumen.
***
Der Beschluß über die collegia aus dem Jahre 46 ist ein weiteres indirektes Zeugnis für Caesars Beurteilung des Judentums[77]. Sueton erwähnt die Duldung der Juden, ohne sie selbst namentlich zu nennen, in seiner Bemerkung über die Kollegien: Cuncta collegia praeter antiquitus constituta distraxit[78]. Mommsen hat diese Notiz Suetons mit folgenden Worten in der Römischen Geschichte kommentiert[79]:
Ähnlich wie Alexander für sein griechisch-orientalisches Reich eine angemessene Hauptstadt in dem hellenisch-jüdisch-ägyptischen und vor allem kosmopolitischen Alexandreia fand, so sollte auch die im Mittelpunkt des Orient und Okzidents gelegene Hauptstadt des neuen römisch-hellenischen Weltreichs nicht eine italische Gemeinde sein, sondern die denationalisierte Kapitale vieler Nationen sein. Darum duldete es Caesar, daß neben dem Vater Jovis die neu angesiedelten ägyptischen Götter verehrt wurden[80], und gestattete sogar den Juden die freie Übung ihres seltsam fremdartigen Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches[81].
Daß die Juden tatsächlich eine Ausnahmegenehmigung für ihr collegium erhielten, wird belegt durch die ausdrückliche Nennung Caesars im Sendschreiben an Parium, demzufolge er den Juden erlaubt habe, »Thiasoi« zu bilden, sowie Geld zu sammeln und gemeinsame Mahlzeiten abzuhalten[82]. Dies war eine für die Juden der Diaspora geradezu lebensnotwendige Präzisierung ihres Status: Ab sofort waren die jüdischen Versammlungsrechte garantiert und damit die Ausübung des Kultes in der Synagoge[83]. Caesars Entgegenkommen zeigt staatsmännisches Verständnis für die Bedingungen jüdischen Gemeindelebens - es wäre interessant zu wissen, in welchem Maße ihm die Funktion der Synagoge im jüdischen Leben besser bekannt gewesen ist als anderen Zeitgenossen[84].
Das von Caesar - und seinen
Nachfolgern - garantierte "Versammlungsrecht" hat die Juden vor allen
damals denkbaren Konflikten in der Berührung mit Nichtjuden weitgehend zu
schützen vermocht. Immer wieder ist - vergeblich - von den Gegnern des
Judentums versucht worden, die von Caesar begründete Regelung in Frage
wieder zu stellen. Wenn die römischen Juden später Synagogen nach den
Wohltätern Augustus und Agrippa benannt haben, dann hätte die
größte und schönste, unter anderen Umständen, vielleicht
den Namen Caesars
erhalten.
***
Die Quellenbasis ist ersichtlich zu schmal, um Mommsens Interpretation der Sonderstellung des Judentums im herkömmlichen Sinne "belegen" zu können. Daß Mommsen andererseits auch gute Gründe für seine Beurteilung der caesarischen Politik haben konnte, machten die vorangegangenen Betrachtungen deutlich.
Caesar hat die Juden mit -
im zeitgenössischen Rahmen - weitgehenden Zugeständnissen sowohl in
in Judaea als auch in der Diaspora als loyale Untertanen zu gewinnen versucht;
für manche Regelung konnte er republikanische Präzedenzfälle
heranziehen, doch erschöpften sich seine Zugeständnisse eben nicht in
der bloßen Wiederholung günstiger Regelungen, die schon anderen
Klientelmächten zuteil geworden sind. Der Wiederaufbau geschleifter Mauern
z.B. mag hin und wieder im Senat genehmigt worden sein[85] - die Mauern Jerusalems stehen aber doch
für mehr als für den Wiederaufbau einer Zitadelle. Welchen -
wenigstens kurzfristigen - Erfolg Caesar mit seiner Politik gehabt hat, zeigt
die Reaktion der stadtrömischen Juden nach den Iden des
März.
Sowohl die Erkenntnis von
der Unabdingbarkeit der synagogalen Organisation als auch die Ernennung Hyrkans
zum Ethnarchen der Diaspora-Juden beweisen ein Verständnis für die
Voraussetzungen jüdischen Lebens, das nicht bei vielen seiner politischen
Konkurrenten im republikanischen Rom vorauszusetzen ist. Caesar scheint hier
vorurteilsloser - oder wenigstens pragmatischer - gewesen zu sein als die
meisten seiner Standesgenossen[86].
Was immer Cicero selbst
über die Juden gedacht haben mag, so sind seine vielzitierten Bemerkungen
über die aufdringliche Präsenz der Juden in Rom in der
Verteidigungsrede für Flaccus doch ein Indiz für einen Teil der
"öffentlichen Meinung"[87]. Die Vorbehalte der griechischen
Intellektuellen, und besonders der aus dem Bereich der Seleukidenreiches,
werden ein übriges getan haben, das Verständnis der republikanischen
Oberschicht für das Judentum geringzuhalten[88]. In den griechischen Provinzen stieß
die neue offizielle Duldung des Judentums in jedem Falle auf Widerstand, wie
sich schon durch die Überlieferung bei Josephus zeigen läßt:
Wiederholt muß darauf hingewiesen werden, daß die jüdischen
Synagogen unantastbar seien.
Es ist deshalb ganz
unwahrscheinlich, daß Caesar ein demonstratives Nahverhältnis zu den
Juden bei der römischen senatorischen "Öffentlichkeit" in
irgendeiner Weise zum Vorteil hätte gereichen können. Seine -
wohlwollende - Haltung widerspricht der republikanischen Tradition der
vergangenen Jahrzehnte. Juden waren nicht viel beliebter als Kelten und
Ägypter[89].
Die Formen des
jüdischen Kultus weckten immer wieder Mißtrauen in einer
gegenüber "fremden" Religionen keineswegs toleranten Umgebung[90]. Die Skepsis der
römischen Oberschicht gegenüber dem Christentum kann zum Vergleich
herangezogen werden: Selbst der milde Plinius war erst nach der peinlichen
Befragung zweier christlicher Sklavinnen davon überzeugt, daß die
bithynischen Christen nichts Unrechtes begingen[91]. Die offizielle Duldung der Synagogen in
Rom erklärt sich durch die Erkenntnis Caesars (und seiner Berater),
daß alle antisemitischen Parolen haltlose Erfindungen waren, und daß
die Duldung der jüdischen Religionsaussübung das beste Mittel
für die Gewinnung der jüdischen Loyalität sei[92].
Wenn nicht in der Intention,
dann doch in der Fernwirkung sind Caesars Bestimmungen - wie in so vielen
anderen Bereichen - entscheidend für die Zukunft[93]. Selbst wenn seine Entscheidungen zu
Judaea und zur jüdischen Diaspora in erster Linie einer
"realpolitischen" Sicherung der gegenwärtigen Verhältnisse
dienten und gelegentlich vielleicht bloß auf jüdische Forderungen
"reagierten"[94], so
verrät Caesars Politik doch eine tiefblickende und richtige
Einschätzung der Möglichkeiten - und Grenzen - einer Integration der
Juden in das römische Reich: Caesar traf die richtigen Entscheidungen im
richtigen Moment. Augustus hat die caesarischen Regelungen übernommen, die
dann gültig geblieben sind bis zur Erhebung des Christentums zur
römischen Staatsreligion: Bei Philo nimmt Augustus die Stellung ein, die
eigentlich Caesar gebührt[95]. "Vielleicht zeigt sich so, daß
historische Größe ebenso im augenblicklichen Zugriff unter dem Druck
unausweichlicher Verhältnisse wie in der Ausführung vorbedachter
Planungen bestehen kann[96]".