Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Claudius ist, dem Umfang
seiner Werke nach, der produktivste "wissenschaftliche" Autor unter seinen
Prinzipatskollegen[1] - die
Rezensenten des Altertums und der Neuzeit haben seine Publikationen freilich
ganz unterschiedlich
beurteilt.
Um mit den modernen Urteilen
zu beginnen: insbesondere als Historiker erfährt Claudius in der neueren
Literatur eine bemerkenswert positive Beurteilung. Momiglianos Kapitel
über den "Intellektuellen" Claudius ist hier an erster Stelle zu
nennen; mehrfach wird auch die Meinung vertreten, daß Claudius in den
Jahren seiner erzwungenen Muße gerade aufgrund seiner historischen Studien
einen geschulten Blick für die Vergangenheit Roms und für die
Notwendigkeiten der Gegenwart gewonnen habe[2] 2. Paradebeispiel für das
"Historia-Magistra-Vitae"-Motiv im Leben des Claudius ist die Senatsrede
zugunsten der Gallier vom Jahre 48[3]
Dagegen fällt es schon
schwerer, ein anerkennendes antikes Urteil über Claudius' gelehrte
Qualifikationen zu finden. Tiberius, der ein literarisch versierter Mann war,
hat offenbar bei den Überlegungen über seinen möglichen
Nachfolger Claudius' Ringen um die bonae artes als Argument für den
Kandidaten Claudius erwogen; daß dahinter mehr als eine bloß
rhetorische Wendung stecken könnte, läßt sich vielleicht daran
ablesen, daß Tiberius bei Beförderungen und Ernennungen gelegentlich
solche Verdienste anerkannt hat[4]. Seneca hat aus der Verbannung heraus die
antiquarische Gelehrsamkeit des Princeps gerühmt, doch will das allein
wohl wenig besagen[5]. Er
hat sich aber noch einmal zu diesem Thema geäußert: auch der von ihm
verfaßte Senats-Nachruf Neros auf Claudius enthielt anerkennende
Bemerkungen über die Studien des Verstorbenen, die - im Unterschied zu
anderen Formulierungen - nicht belächelt wurden[6]. Was Seneca wirklich darüber dachte,
war allerdings in der "Apocolocyntosis" nachzulesen. Seneca hielt
antiquarische Studien der spezialisierten Art, wie Claudius sie liebte,
für eine griechische Krankheit[7]. So richtig anerkennendes über Claudius
ist eigentlich nur in zünftigen Grammatiker-Bemerkungen über die
Nützlichkeit der "litterae Claudianae" zu finden[8].
Suetons Urteil über
Claudius' Gelehrsamkeit ist geradezu vernichtend; diese Beurteilung ist deshalb
auffällig, weil im zweiten Jahrhundert die von Claudius geschätzten
antiquarischen Themen mehr und mehr auch innerhalb der Oberschicht soziale
Anerkennung fanden. Schwer erklärlich ist es gerade in diesem
Zusammenhang, daß Gellius kein einziges Claudius-Zitat überliefert[9].
Der Prinzeps - dem der
Praefekt von Ägypten mit der dienstlich angeordneten Verlesung seiner
Werke in der Bibliothek von Alexandreia schmeicheln konnte[10] - hätte sich über die modernen
Urteile bestimmt gefreut. Als römischer Wissenschaftler war er von
großem Ehrgeiz beseelt: der Claudier, dem nach menschlichem Ermessen jedes
traditionelle Wirken in der Öffentlichkeit versagt bleiben würde,
wollte wenigstens als Wissenschaftler einen seinem Stand angemessenen Ruf
erlangen.
Philosophische, literarische
und historische Bildung auf hohem Niveau war selbstverständlich - ein
Standard für die Dynastie, der schon vom Divus Julius vorgegeben war.
Dieses Niveau als allgemeine Erwartung einmal vorausgesetzt, gehörte es
freilich nicht zum guten Ton, literarisches oder gelehrtes Wissen zu
paradieren. Exemplarisch wird das durch Tiberius dokumentiert, der
erschreckende Spezialkenntnisse abgelegener Details der griechischen
Mythographie hatte - Tischgespräche über die Sirenen und die Mutter
der Hekuba finden, nach Sueton, aber auf Rhodos statt, und nicht in Rom. Diese
Dinge gehörten nicht vor den Senat oder ins Consilium[11].
Daß es immer als
bewundernswert galt, wenn einer der "principes civitatis" neben seinen
politischen oder gar militärischen Leistungen auch noch als Schriftsteller
und als Wissenschaftler etwas zu bieten hatte, steht auf einem anderen Blatt:
das beste Exemplum für eine solche "Universalbegabung" ist der
Begründer der Dynastie, Caesar selbst. Abgesehen von seiner Bedeutung als
Redner und als Verfasser der Commentarii hatte Caesar ein von der
Fachwissenschaft anerkanntes Werk zu grammatischen Fragen veröffentlicht,
das Werk "De analogia"[12], und überdies war er in der Lage, die
astronomischen Probleme der Kalenderreform selbständig zu beurteilen und
wohl auch schriftlich darzustellen[13], - alles dies natürlich in
aristokratischem, weil keinerlei Anstrengung verratendem
Stil.
Als perfekter
"Gentleman" nach diesen Maßstäben galt Germanicus, Claudius
Bruder: ein exzellenter Redner, und bestens vertraut mit der griechischen
Literatur[14]. Neben
diesem älteren Bruder mußte Claudius es ganz besonders schwer haben -
Germanicus verkörperte alles das, was man von einem Prinzen der Dynastie
erwartete: die, für moderne Ohren, gefühllosen Schimpfworte der
eigenen Mutter über Claudius erklären sich nicht zuletzt durch diese
peinliche Diskrepanz[15].
Augustus hat Claudius nicht,
wie seinen leiblichen Enkel Agrippa Postumus, auf eine Insel verbannt, aber
doch dafür gesorgt, daß er nicht die übliche prinzliche
Förderung erfuhr. Claudius' geringfügige Beachtung im Testament
signalisierte der Öffentlichkeit dann den endgültige Ausschluß[16], und Tiberius, der sich
an Augustus' Vorgaben zu halten behauptete, konnte sich bei der schlechten
Behandlung seines Neffen stets darauf berufen[17].
Claudius hatte brennenden
Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz konnte nach alledem nicht den üblichen Weg
nehmen. Sueton legt in seinen Biographien Wert auf die Prägung der
Persönlichkeit des jeweiligen Herrschers in den Jahren vor seinem
Herrschaftsantritt: so kontrastiert er Claudius' Ausschluß von der
üblichen Laufbahn mit seinem Wunsch, dann wenigstens auf einem anderen
Gebiet die ihm von Augustus und von Tiberius vorenthaltene "dignitas" zu
erreichen[18]. Schon
dadurch mußte er sich nachhaltig von allen seinen gleichaltrigen
Standesgenossen unterscheiden: es war nicht üblich, durch Leistungen
allein in den "disciplinae liberales" "dignitas" anzustreben. Anders als die
übrigen intellektuell interessierten Angehörigen der Dynastie und
auch des Senatorenstandes hatte Claudius zudem mehr Zeit als sonst üblich,
und dies gibt allen seinen Bemühungen einen sozusagen professionellen
Anstrich.
Auch
Äußerlichkeiten gehören damals zum literarischen und
wissenschaftlichen Geschäft, und so ist es nachvollziehbar, daß sich
Claudius - wenn man die Nachrichten über seine gesundheitlichen Probleme
berücksichtigt - bei seinen öffentlichen Auftritten zu blamieren in
der Lage war[19]. Was zu
einer gelungenen "recitatio" gehört, machen einschlägige
Erwähnungen in Plinius' Briefen deutlich - legt man solche Kriterien an,
so hatte Claudius - solange er nicht Prinzeps war - nicht die geringste Chance,
als Wissenschaftler in der Öffentlichkeit anerkannt zu werden[20]. Es sei an Augustus'
Sorge erinnert, Claudius könne sich ohne einen Aufpasser bei einem
Priesterbankett lächerlich machen und zugleich die ganze Familie
blamieren[21].
Der junge Claudius, dessen
demütigende Existenz am Hof aus Suetons ersten Kapiteln erhellt, wuchs
vermutlich nicht im Abseits des Haushaltes seiner Mutter heran, sondern als
Mitglied des augusteischen "Kindergartens". Augustus - und ihrerseits auch
Livia - legten Wert auf die standesgemäße Ausbildung aller Prinzen.
Claudius, geb. 10 v. Chr., wuchs heran neben Gaius (geb. 20 v. Chr.), Lucius
(geb. 17 v. Chr.), Germanicus (geb. 15 v. Chr.), Drusus, Tiberius' Sohn (geb.
15 v. Chr.) und dem mysteriösen Agrippa Postumus (geb. 12 v. Chr.), von
den vielen fremden Prinzen am Hof einmal abgesehen[22].
Soweit überliefert,
hatten die Prinzen des kaiserlichen Hauses Lehrer von Rang - man denke an
Verrius Flaccus, der als Preis für gute Klassenarbeiten bibliophile
Kostbarkeiten aussetzen konnte[23]. Über Claudius' Schulzeit ist allein
die Nachricht erhalten, daß er einen ziemlich barschen und im Wortsinne
schlagfertigen "paedagogus" zugewiesen bekam, und dies über die
übliche Zeit hinaus, ein Beispiel für schwarze Pädagogik der
augusteischen Zeit. Sueton erwähnt dieses Detail - als Zitat aus einer
Schrift des Claudius selbst - weil es die Ausnahme von der Regel war; man kann
daran ersehen, wie früh die Ausgrenzung des Knaben Claudius begonnen haben
muß[24]. In einem
gewissen Widerspruch dazu steht Augustus' Bemerkung über Claudius'
Begleiter Sulpicius und Athenodoros - Augustus scheint hier vorauszusetzen,
daß Claudius sich auch ganz andere, in diesem Falle seriösere
Tischgenossen aussuchen könnte[25].
Im Alter von vielleicht 20
Jahren treffen wir Claudius im Gespräch mit Livius über den Beruf des
Historikers; Quelle für diese Notiz Suetons wird Claudius' eigener Bericht
sein[26]. Livius starb
vielleicht im Jahre 12 n. Chr.[27]; so gehört Livius' Ermutigung
für die Prinzen ungefähr in die Zeit, als Augustus seine Briefe an
Livia schrieb und die Regeln für Claudius' Ausgrenzung festlegte[28]. Eines steht fest:
Claudius' Stellung bei Hofe war so kümmerlich, daß Livius sich
keinerlei Vorteil von irgendeiner Schmeichelei ausrechnen konnte. Es fällt
im übrigen auf, daß Livius niemals im Zusammenhang mit anderen
Sternen der intellektuellen Szene des Hofes erwähnt wird - nur mit
Augustus, und hier zusammen mit Claudius[29].
Aus welchem Grund wohl mag
Livius den mißhandelten Prinzen ermuntert haben, "Geschichte zu
schreiben", in einem Alter, das Zeitgenossen sicher nicht geeignet für
dieses Genre hielten, und dazu noch, wie man annehmen muß, Zeitgeschichte
- Zeitgeschichte, die Livius selbst gerade zu schreiben im Begriff war ? Welche
sachliche Begründung könnte Livius eigentlich gegeben haben ?
Wären seine wichtigsten Bücher erhalten, nämlich die
zeitgeschichtlichen, wäre es leichter, darüber zu urteilen - sie
waren gewiß nicht im Ton eines Cremutius Cordus geschrieben, sondern
diskret und zur Not flüchtend in die Schilderung ruhmreicher
auswärtiger Abenteuer des Prinzeps[30]. In diesen spätaugusteischen Jahren
wissen wir von keinem Senator, der den gefährlichen Stoff erneut zu
berühren wagte[31].
Viel spricht deshalb
dafür, daß Livius dem unbeschäftigten, von jeder üblichen
Karriere ausgeschlossenen Prinzen einen wohlmeinenden Rat zur
Weiterbeschäftigung gab. Daß Claudius keinesfalls eine historische
Naturbegabung war, soll auch Suetons durchaus unfreundlich gemeinter Hinweis
auf den "research assistant" Sulpicius Flavus verdeutlichen[32].
Claudius' Weg zur
Geschichtsschreibung ist deshalb, im damaligen Bezugssystem, alles andere als
selbstverständlich. Livius als Historiker ritterlichen Standes stellt
damals nicht die Ausnahme von der Regel senatorischer Geschichtsschreibung dar.
Politisch relevante Geschichtsschreibung war damals immer noch senatorisch -
vor allem gilt dies natürlich für die "eigentliche" Gattung der
Geschichte, die Zeitgeschichte; das wird, für die augusteische Zeit,
dokumentiert durch Namen wie Asinius Pollio und Cremutius
Cordus.
Vom Temperament her war
Claudius, wie die Gallier-Rede nahelegt, mehr Antiquar als politisch gesonnener
Historiker, und es ging ihm nicht um die Fortsetzung großer
historiographischer Traditionen, sondern um die von Sueton an anderer Stelle
erwähnte "dignitas"[33]: der erste Vortrag entbehrte nicht der
Peinlichkeit und war, auf literarischem Gebiet, genau das, was Augustus bei
anderer Gelegenheit so sehr hatte verhindern wollen[34]. Die Nachricht über die Kritik von
Mutter und Großmutter ist sicher so zu verstehen, daß sich die
"recitationes" bald auf familiäres Publikum zu beschränken hatten[35].
Claudius als Historiker nimmt
einen Typus vorweg, den Juvenal vor Augen hat, wenn er über die schlaffen
und praxisfernen Historiker seiner Zeit lästert[36]: die Tradition der senatorischen
Geschichtsschreibung war das ganz und gar nicht - wobei anzumerken ist,
daß Augustus mit dem vorsichtigen Livius sicher ganz zufrieden war. Es war
ein Zeugnis von "civilitas", und nicht von "Liberalität", wenn der
Princeps die Geduld für eine Vorlesung des Cremutius Cordus aufbrachte.
Timagenes' Ausfälle gegen die bestehende Ordnung erfuhren schon eine
deutlichere Reaktion[37].
Claudius gehörte
selbstverständlich nicht zu den Leuten, die noch einem
mittelmäßigen Werk durch eine fulminante "recitatio" ein Echo im
stadtrömischen Feuilleton verschaffen konnten[38]. Läßt sich aber etwas über
die inhaltliche Bedeutung seiner Arbeit sagen ? Die Themenwahl des Prinzen
für sein Erstlingswerk ist jedenfalls bemerkenswert: keine umfassende
römische Geschichte im Stil des Livius, kein griechisches Werk über
die Etrusker oder die Karthager, wie in späteren Jahren, sondern ein
Thema, das noch jedem grimmigen senatorischen Gegner des Augustus zur Ehre und
zur Gefahr gereicht hätte: römische Zeitgeschichte seit den Iden des
März.
Mutete sich der
mißhandelte Prinz also zu, die Werke eines Asinius Pollio, eines Cremutius
Cordus, selbst seines Mentors Livius zu verbessern ? Meinte er, neue Quellen
erschließen zu können, sozusagen im späteren Archiv-Stil Suetons
? Es gab damals schon eine ganze Reihe von qualitätsvollen, durchaus
freimütigen Darstellungen der Zeit nach Caesars Tod[39]. Das Thema "ab excessu divi Iuli" war
deshalb eigentlich schon besetzt, und es bedurfte, nach dem Comment der
"historia perpetua", schon sehr guter Gründe für eine Neubearbeitung,
wollte man sich nicht lächerlich machen.
Claudius hat bloß zwei
Bücher des in Angriff genommenen Werkes vollendet und damit allenfalls die
Anfangsjahre der Triumviralzeit behandeln können. Die von Sueton
wiedergegebene Begründung ist sicher ein Selbstzeugnis aus den Memoiren:
Mutter und Großmutter haben ihn "zur Schnecke gemacht"- so
könnte man das wohl übersetzen: "correptus est"[40]. Für Sueton ist das nur ein Vorgriff
auf Claudius' spätere Anhängigkeit von den Damen seiner Umgebung -
nach römischer Vorstellung war es natürlich ein Unding, daß sich
Mutter und Großmutter darum
kümmerten.
Ein Werk im Stil des Velleius
kann es also eigentlich nicht gewesen sein. Nimmt man Sueton wörtlich,
dann müßte Claudius in den Erinnerung an diese häusliche Schelte
ganz "taciteische" Töne über seine Schwierigkeiten bei der
Auswertung der Quellen angeschlagen haben. Man ist versucht, an Timagenes zu
denken, der lieber sein Manuskript verbrannte, als daß er Konzessionen
machte[41]. Augustus war
ja ein sehr strenger alter Herr im Umgang mit der historischen
Wahrheit.
Was genau könnte
Claudius denn gemeint haben, als er davon sprach, er habe weder
"freimütig" noch "wahrhaftig" schreiben können? In den ersten
beiden Büchern, über die er nicht hinaus kam, war natürlich von
Octavian und von Antonius die Rede; Antonius war immerhin der Großvater
des Prinzen[42], und hier
könnten in der Tat Worte formuliert worden sein, die auf das
Mißfallen der beiden Damen stießen. Auf der anderen Seite gab es
genügend senatorische Autoren, die, anders als Claudius, überdies
Augenzeugen waren, die mit Ernst und Hochachtung von Antonius zu Lasten des
Siegers Augustus zu schreiben in der Lage gewesen sind: die Namen von Asinius
Pollio und Cremutius Cordus sind Beleg
genug.
Es ging hier, selbst wenn
Claudius es so mißverständlich "senatorisch" formuliert haben
sollte, mit einiger Sicherheit nicht um "libertas", und nicht um die
Erschließung indiskreter neuer Quellen, sondern um die Position des
jugendlichen Verfassers innerhalb des kaiserlichen Hauses und um die
potentielle Peinlichkeit seiner öffentlichen
Auftritte.
Trotz des häuslichen
Widerspruchs hielt Claudius an seinem Beruf zur Geschichtsschreibung fest: er
übersprang die, wie er meinte, sensitiven Bereiche und begann "a pace
civili", mit welchen Worten Suetons wohl auch der Titel des dann im Laufe der
Zeit 41bändigen Werkes gemeint sein dürfte[43].
Diesem Titel nach zu urteilen
war Claudius also der verwunderlichen Meinung, daß er "a pace civili"
ohne vergleichbare Hemmungen schreiben könne. Die 41 Bände haben
vielleicht, wie schon Bücheler vermutet hat, die 41 Jahre des Augustus von
27 v. Chr. bis 14 n. Chr. umfaßt - was im übrigen ein sehr banaler
annalistischer Schematismus wäre[44]. Auch hier vermißt man eine
urteilende Bemerkung Suetons, der doch die Existenz jener Bände noch zu
seiner Zeit bezeugt - ausdrücklich zitiert hat er daraus nur ein einziges
Mal, und dies in kritischer Absicht, weil er meinte, Claudius eines skurrilen
Selbstwiderspruchs im Zusammenhang mit der Berechnung der Saekularspiele
glaubte überführen zu können[45].
Dieses Werk dürfte
Claudius in der Zeit der erzwungenen Muße bearbeitet haben, also in der
Zeit wohl bis zum Tode des Tiberius[46]; 41 Bücher sind, unter antiken
Bedingungen, bei durchschnittlicher Länge, für ein Werk der
historischen Original-Forschung fast ein Lebenswerk, in jedem Falle eine
abendfüllende, mühsame Beschäftigung, eine Aussicht, die z. B.
Plinius den Jüngeren von solchen Projekten abhielt[47]. Livius hat seine 142 Bücher in dem
geradezu atemberaubenden Tempo von durchschnittlich drei Büchern pro Jahr
geschrieben[48]; Claudius,
der viel Zeit für die Ausarbeitung seiner Reden brauchte, hat gewiß
langsamer als sein Tutor gearbeitet[49].
Claudius' Autoren-Ehrgeiz ist
wiederum bemerkenswert. Es spottete jeder Tradition römischer,
senatorischer Historiographie, daß ein dermaßen schlecht behandeltes
und von jeder Beförderung ausgenommenes Mitglied des Herrscherhauses sich
zutraute, eine umfassende zeitgeschichtliche Darstellung des Augustus zu
verfassen. Er konkurrierte, je länger er an der Arbeit saß, ja nicht
nur mit Velleius Paterculus, sondern auch mit Senatoren von Rang: Servilius
Nonianus, Clodius Licinus, vielleicht auch L. Arruntius und Aufidius Bassus,
deren Senatorenstatus freilich weniger sicher ist[50].
Das Werk eines Mannes wie
Claudius, der dazu nicht einmal die Konventionen der "recitationes"
einhalten konnte, war zum Scheitern verurteilt. Allein der dem Princeps aus
persönlichen Gründen gewogene ältere Plinius bringt einige
claudische "mirabilia", wohl aus den Historiae: selbst Plinius, der aus
politischen Gründen zu jedem denkbaren Claudius-Zitat bereit gewesen sein
dürfte, hat wohl nicht viel Zitierfähiges gefunden[51]. Er hat das Werk
namentlich nur an einer einzigen Stelle zitiert, in einem Abschnitt über
Arabien - der Zusammenhang der Stelle, die Erwähnung einer einheimischen
Zypressenart, dürfte der Orientfeldzug des Gaius gewesen sein[52]. Quelle des Claudius
für seine Darstellung von Gaius' Expedition war ohne Zweifel ein Werk des
Iuba von Mauretanien; er kann hier schwerlich mit neu erschlossenem Material
aufgetrumpft haben, und den hilfreichen Iuba hat er vielleicht gar nicht als
Quelle angegeben[53].
Auch ohne direkte Fragmente
ist die Vermutung erlaubt, daß Claudius mit Lesefrüchten seiner
antiquarischen Forschung nicht gespart hat; die literarischen Regeln der Zeit
erlaubten dies, forderten es geradezu[54]: auch einige der "antiquarischen"
Nachrichten bei Tacitus könnten also durchaus einer claudischen Vorlage
entnommen sein[55].
Viel spricht dafür,
daß die Gelehrsamkeit der Claudius-Rede vom Jahre 48 ein Maßstab ist
für die "materia" dieser verlorenen Bücher; Suetons
vernichtendes Urteil über die Memoiren trifft sicher auch für dieses
Werk zu: "magis inepte quam ineleganter"[56]. Als ein indirekter Hinweis ist mit
Sicherheit auch die Claudius-Rede in Senecas Schrift für Polybios zu
werten[57]. Die eventuelle
Erlesenheit antiquarischer Details wurde vermutlich nicht ergänzt durch
Einsichten in die "arcana imperii" der augusteischen Zeit, wie man sie bei
einem solchen Verfasser gerne erwarten würde: als Indiz könnte man z.
B. die ganz verfehlte Erinnerung an Augustus' Versuche der Nachfolgeregelung
bei der Adoption Neros heranziehen[58]. Peinliche Berufungen auf das Vorbild des
Augustus könnten dem Werk eine zusätzliche Würze gegeben haben[59].
Das autobiobraphische Werk De
vita sua wird wohl erst in späteren Jahren verfaßt worden sein[60], soweit Claudius
über seine Jugend berichtet hat, wird er seine schlechte Behandlung am
Hofe beklagt haben: es wäre interessant zu wissen, ob er Augustus
persönlich daran Schuld gegeben hat[61]. Mit einem solchen Werk folgte er einer
auch von Augustus und von Tiberius befolgten literarischen Tradition der
Römer - nur war es eben nicht üblich, eine Existenz, wie sie Claudius
bis 41 n. Chr. hatte führen müssen, für memoirenreif zu halten.
Suetons Nachrichten über die wenigen öffentlichen Auftritte,
Förderungen und Kränkungen vor Caligulas Tod dürften aus diesen
acht Büchern stammen: mit kritischen Bemerkungen über Tiberius und
Caligula, die auch sonst aus seinem Munde bezeugt sind, wird Claudius in diesem
Werk nicht gespart haben[62].
Claudius begann auch deshalb
mit Werken in lateinischer Sprache, weil sie ihm eher ein hauptstädtisches
Echo versprechen konnten. Werke in griechischer Sprache folgten, die sich schon
dadurch weniger an die senatorischen Standesgenossen als an die
"internationale" philologische "Fachwelt" richteten. Vom Karthago-Werk ist
buchstäblich nur der Titel erhalten geblieben[63]. Die Wahl des Themas ist wiederum alles
andere als selbstverständlich: ein Blick in Felix Jacobys Sammlung der
Geschichte einzelner Länder und Völker lehrt, daß Claudius der
einzige namentlich bekannte Autor ist, der den Karthagern ein einzelnes Werk
gewidmet hat[64]. Vorlagen
gab es genug, nur daß eben bisher niemand auf die Idee gekommen war,
diesem Volk nicht nur - vielleicht durchaus umfangreiche - Abschnitte und
Exkurse zu widmen, sondern ein ganzes Werk. Der letzte römische Autor, der
über die Karthager geschrieben hatte, war Lucius Arruntius, der in
sallustischer Manier den Ersten Punischen Krieg geschildert hat[65].
Selbst wenn die Abgrenzung
des Themas als spezielle Landesgeschichte der Originalität nicht
entbehrte, gab es natürlich Vorlagen in Hülle und Fülle -
angefangen mit Aristoteles' Darstellung der karthagischen Verfassung, über
Silenos und Sosylos bis zu Timaios[66]. Roms Kampf gegen die Karthager lag
eigentlich zu weit zurück, als daß in einem so viel später
verfaßten Werk propagandistische Äußerungen zu erwarten
wären[67]. Der Umfang
des Werkes ist im Vergleich mit anderen Landesgeschichten keineswegs
auffällig; Werke solcher Länge gab es selbst für die Isaurer[68].
Natürlich gibt es
Vermutungen in der neueren Literatur, warum Claudius sich gerade dieses Thema
ausgesucht hat - Momigliano meinte, daß das Interesse an Karthago
gekoppelt sei an die Erinnerung an Roms große Zeit[69]; Barbara Levick sieht in Claudius einen
Außenseiter, der deshalb gerne Außenseiter-Themen wählte, also -
wenigstens bei diesem Werk - Eskapismus in der Beschäftigung mit fernen,
überdies romfeindlichen Völkern[70]. In Ermangelung auch nur eines einzigen
Fragments will ich hier keine weitere Vermutung wagen: festzuhalten bleibt
aber, daß Claudius vielleicht der erste gewesen ist, der eine speziell
karthagische Landesgeschichte geschrieben
hat.
Berücksichtigt man,
daß auch aus dem zwanzigbändigen Werk über die Etrusker kein
einziges direktes Fragment und kein einziges wertendes Testimonium erhalten
ist, überrascht der gelegentlich moderne Enthusiasmus über dieses
verlorene Werk. Es gab damals viel Material über die Etrusker, das
Claudius zu Rate ziehen konnte[71]. Die griechische Historiographie hatte
sich des Themas spätestens seit Timaios und Theopomp angenommen, soweit
erkennbar, mit einem besonderen völkerkundlichen Interesse am
hellenistischen "Luxus"-Motiv[72]. Eine Reihe weiterer, freilich ganz
schattenhafter griechischer Autoren läßt sich noch nennen, die
über mehr Informationen verfügten als bloß über das
detaillierte Wohlleben der etruskischen Aristokratie. Polybios z. B., der
Etrurien kurz im II. Buch erwähnt, verfügte offensichtlich über
genauere Informationen zur politischen Geschichte Etruriens[73]. Daß Poseidonios die Etrusker
behandelt hat, versteht sich bei der Konzeption seines Werkes von selbst[74]. Sozusagen
monographische Behandlungen des Themas sind nur zwei überliefert: eine
Schrift unter dem Namen des Aristoteles über "Sitten und Gebräuche
der Tyrrhener"[75] sowie
eine Arbeit "Über die Tyrrhener" des Theophrast[76], beide ohne Bruchzahlen zitiert und
deshalb wohl geringeren
Umfangs.
Auch die römische
Historiographie nahm sich der Etrusker an. Nach Fabius Pictor ist hier vor
allem der ältere Cato zu nennen, der die Etrusker in seinen
"Origines" behandelt hat[77]. Nicht nur die politische und die
Kulturgeschichte der Etrusker interessierte die Römer, sondern auch die
"disciplina Etrusca". Zu diesem Themenkreis gab es eine umfangreichere
Literatur. Eine gewichtige römische Veröffentlichung über die
Etrusker waren die - mindestens zwei - Bücher des Verrius Flaccus, die
auch etruskologisch im "modernen" Sinn gewesen sind, insofern hier
Informationen verarbeitet waren, die sich nicht in den bekannten annalistischen
Werken fanden[78].
Soweit sich römische
Autoren intensiver mit den Etruskern beschäftigten, konnten sie sogar auf
wirklich etruskische Autoren zurückgreifen. Von Varro wurden "Tuscae
historiae" als Quellen herangezogen[79]; Verrius Flaccus konnte einen Tarquitius
Priscus zitieren[80]. Aus
Ciceros Briefwechsel ist Aulus Caecina bekannt, der, als geborener Etrusker,
über die disciplina Etrusca geschrieben hat[81].
Diese Nennung einiger der
bekannteren Autoren über die Etrusker ist nötig, um Claudius' zwanzig
Etrusker-Bücher besser einordnen zu können. In der Regel wird
vorausgesetzt, daß es sich wenigstens hier - im Unterschied
möglicherweise zu den anderen Werken des Prinzeps - um so etwas wie
"Originalforschung" in durchaus modernem Sinne gehandelt hat. Zur
Begründung wird sogar die Heirat des Claudius mit Plautia Urgulanilla
herangezogen, die in der Tat mütterlicherseits von der etruskischen
Aristokratie abstammte. Jacques Heurgon setzt voraus, daß diese Verwandten
über unerschlossenes Material zur etruskischen Geschichte verfügt
haben, das erst durch Claudius "publiziert" worden ist[82]. Die Existenz solchen Materials, das
bisher von den römischen Autoren noch nicht erschlossen werden konnte,
wird gerne aus Elogia etruskischer Familien aus Tarquinii erschlossen[83].
Kontrollierbar ist Claudius'
Forschungsleistung natürlich nicht. Vorlagen für zwanzig Bücher
- etwa livianischer Länge ? - über die Etrusker gab es genug. Dennoch
war Claudius sichtlich stolz auf seine etruskischen Forschungen, insbesondere
auf seine Kontrolle der römischen Vulgata durch etruskische Autoren. In
seiner ausschweifenden Rede über die Gallier vom Jahre 48 zitiert er mit
der ihm eigenen Gelehrsamkeit, die Seneca in der Schrift ad Polybium zu
rühmen in der Lage war, eine von der römischen Version abweichende
Version über die Identität des Servius Tullius, mit
ausdrücklichem Verweis auf "etruskische Autoren"[84].
Wenn aber schon Varro
"Tuscae historiae" zitiert, wenn schon Verius Flaccus einen etruskischen
Autor wie Tarquitius Priscus benutzte, dann ist es - nach dem Maßstab
seiner übrigen Werke - in hohem Maße unwahrscheinlich, daß sich
Claudius zurecht neuer Quellenfunde zu einer so vielverhandelten Frage wie der
des Servius Tullius hätte rühmen können[85].
Als Reformator des Alphabeths
zeigt sich Claudius, wie nicht anders zu erwarten, auf der Höhe der
zeitgenössischen Fachliteratur[86]. Hier wird der enorme Ehrgeiz deutlich,
grundsätzliche Reformen durchzuführen, vielleicht in Erinnerung an
eine ähnliche Reform des alten Appius Claudius[87]; entfernt fühlt man sich an Caesars
Kalenderreform erinnert, oder an grundsätzliche Verlautbarungen des
Augustus. Es sollte auch hier keinen Zweifel daran geben, daß sich
Claudius, wie so oft, überschätzt hat. Tacitus, der - aufgrund seiner
eigenen Interessen an den späteren Folgen - aus Claudius' Gallier-Antrag
das Beste zu machen versucht hat, ordnet diese censorische Reform unzweifelhaft
in den Bereich der Lächerlichkeit ein[88]. Den inhaltlichen Kern von Claudius' Rede,
nämlich die Begründung für die angeblich so notwendige Reform
hat Tacitus ausdrücklich ausgelassen, aus gutem Grund. Anders als etwa die
caesarische Kalenderreform, die rückgängig zu machen wegen ihrer
evidenten Bedeutung niemand in den Sinn kam, ist diese Reform der
Rechtschreibung im Moment von Claudius' Tod erledigt gewesen: spätere
wohlwollende Erwähnungen der Sache in der "Fachliteratur" sind
dafür kein Ersatz[89].
***
Es ist gewiß
problematisch, negative Urteile über verlorene Werke und kurze Fragmente
zu sprechen[91] - deshalb
soll zum Schluß noch einmal an das zwiespältige Urteil des alten
Augustus über Claudius erinnert werden, der hinter den äußeren
Eigentümlichkeiten des Prinzen doch auch angestrengte Begabung zu erkennen
glaubte[92]. Vielleicht
hatte Augustus hier ein besseres Urteil als bei seinen Enkeln Gaius und Lucius,
und die modernen Kritiker des Claudius befinden sich im
Unrecht.