Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Der Begriff der "Globalisierung" - jemand hat den Begriff das "Peitschenwort" unserer Zeit genannt[2] - ist für den Bereich der Geschichte des Altertums nicht so leicht anwendbar wie für unsere Gegenwart, und dann vielleicht noch für die Neueste Geschichte oder die Epoche der Frühen Neuzeit. Gleichwohl gibt es auch in der Alten Geschichte Epochen, in denen gezielte politische Expansion und der Export von wirtschaftlichen und kulturellen Standards einen vorsichtigen Vergleich erlauben mit den Problemen von Globalisierung und Internationalisierung der Moderne.
Die Zeit Alexanders des Großen und, nach seinem Tod, die Entstehung der
hellenistischen Monarchien in Weltteilen, die bisher höchstens mittelbar
mit der griechischen Welt in Berührung gekommen waren, ist ohne Zweifel
eine Epoche, die an solche modernen Phänomene erinnern könnte; nach
den Vorgaben des bayerischen Lehrplans werden die Schüler Alexander den
Großen aber nur noch in der Unterstufe kennenlernen[3]. Das zweite naheliegende Beispiel
für Entwicklungen, die heute mit dem Begriff der Globaliserung
angesprochen werden, ist natürlich das Imperium Romanum. Bei der
Vorbereitung dieser Tagung bot sich ein Schwerpunkt in der römischen
Geschichte schon deshalb an, weil der Lehrplan z. B. für Gymnasien in der
Jahrgangsstufe 11 ca. zehn Stunden für "Rom zur Zeit des Prinzipats"
vorsieht: Hier geht es allerdings mehr um, verkürzt gesagt, Fragen der
Innenpolitik.[4] Der
Lehrplan für die Hauptschule hat andere, und keineswegs "einfachere",
Schwerpunkte. Zur Behandlung der Begegnung zwischen Römern, Kelten und
Germanen werden Hinweise für ein anspruchsvolles Programm gegeben[5]. Der Lehrplan
für die Realschule ist anders gegliedert, fordert aber z. B. auch die
Unterrichtung über die "Ausformung europäischen Kultur in der
Nachfolge des Römischen Reiches".[6] Im Rahmen der Freiheiten, die die
Lehrpläne erlauben, ist also durchaus Platz für Betrachtungen
über die Geschichte des Imperium Romanum unter dem Aspekt der
Globaliserung, behutsamen Umgang mit dem Begriff vorausgesetzt.
***
Ein Blick auf die Karte des Römischen Reiches in seiner größten Erstreckung unter Traian nach Westen und nach Osten vermag in der Tat die Vorstellung von einer globalen Macht zu wecken - wenigstens im Bereich des Mittelmeers[7]. Ein weiterer Blick auf die einschlägigen universalhistorischen Karten macht allerdings deutlich, daß Rom selbstverständlich keine Macht von globalem Einfluß im heutigen Sinne war.[8]
Die Römer selbst waren selbstbewußt genug, um auf solche
Relativierungen zu verzichten. Wenn Augustus in seinem Tatenbericht davon
spricht, Roms Herrschaft über den Weltkreis, den "Orbis Terrarum",
gesichert zu haben, so hielt dies keiner seiner Zeitgenossen für
übertrieben.[9]
Und die Weltkugel, der Globus, unter der Herrschaft der Göttin Roma ist
ein Münzbild, das dem Publikum schon in den letzten Jahrzehnten der
Republik gefiel[10]. Vergils berühmte Verse
über den römischen Beruf zur Herrschaft über die Welt sind ohne
Frage eine gültige Formulierung römischer Herrschaftsauffassung.[11]
Die Nachfolger des Augustus erbten die expansionistische Tradition der
späten Republik, ohne daß schließlich im zweiten Jahrhundert die
Ausdehnung des Reiches wesentlich größer gewesen wäre.[12] Territoriale
Zugewinne im Westen waren nach Augustus ohnehin nicht möglich, sieht man
von der Gewinnung Britanniens ab; das Gebiet des heutigen Rumänien kam
durch Traian hinzu in der Form der Provinz Dakien; auf dem Gebiet des heutigen
Jordanien entstand die Provinz Arabia; der Versuch, Mesopotamien (heute: der
Iraq) dem Reich dauerhaft hinzuzufügen, scheiterte an den Parthern. Im
Verlauf des zweiten Jahrhunderts, unter Lucius Verus und Septimius Severus
entstand dann, als Ersatz sozusagen, ein Verteidigungssystem im Norden von
Mesopotamien.[13]
Auch wenn die Träume mancher Römer von einer Eroberung
tatsächlich der ganzen Welt bis hin zu den Indern[14] nicht in Erfüllung gegangen
sind, ist das römische Reich ein so ausgedehnter geographischer Raum
gewesen, daß er nur unter größter Anstrengung von der Armee
gehalten werden konnte; die Schaffung des Limes seit dem Beginn des II.
Jahrhunderts ist ein Eingeständnis der Schwäche, das jedem kundigen
Barbaren deutlich machte, daß die Zeit weiterer Eroberungen Roms vorbei
war.[15]
Kein griechischer oder barbarischer Untertan ist bis in die Spätantike
hinein freiwillig zum römischen Reich gekommen[16] - gewonnen wurde das Imperium
durch militärische Gewalt. Das Gebiet des Reiches im Osten wäre noch
viel umfangreicher, wenn die politischen und militärischen Mittel nur
gereicht hätten - es hat nicht am Willen gefehlt, sondern an den
Mitteln.[17] Dies
ist ein möglicher Gesichtspunkt; auf der anderen Seite wurde dieses dann
konsolidierte Herrschaftsgebiet gehalten keineswegs nur durch Gewalt, sondern
durch kluge Verwaltung der Zentrale, an ihrer Spitze der Princeps.[18]
Die Ordnung des Reiches, die "Pax Romana", hatte ohne jeden Zweifel viele
Vorzüge für alle Teile der in das Reich integrierten Bevölkung.
Das beginnt übrigens schon in der Jahren der Alleinherrschaft Caesars;
nicht ohne Grund erwähnt Sueton gerade die Trauer (summus luctus) der
"Ausländer" (der exterae gentes) nach den Iden des März.[19] Der Nachfolger
Augustus hat dann sein Programm für die Schutzherrschaft über eine
von Römern befriedete Welt begonnen.
Theodor Mommsen bemerkt im Vorwort zu seiner Geschichte der römischen
Provinzen aus dem Jahre 1888 folgendes:
"(Das Kaiserregiment) hat in seinem Kreise, den die, welche ihm angehörten,
nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden und das Gedeihen der
vielen vereinigten Nationen länger und vollständiger gehegt, als es
irgendeiner anderen Vormacht je gelungen ist. In den Ackerstädten Afrikas,
in den Winzerheimstätten an der Mosel, in den blühenden Ortschaften
der lykischen Gebirge und des syrischen Wüstenrandes ist die Arbeit der
Kaiserzeit zu suchen und auch zu finden. Noch heute gibt es manche Landschaft
des Orients wie des Okzidents, für welche die Kaiserzeit den an sich sehr
bescheidenen, aber doch vorher wie nachher nie erreichten Höhepunkt des
guten Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz
aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder
heute mit größerem Verstande und mit größerer
Humanität regiert worden ist, ob Gesittung und Völkerglück im
allgemeinen seitdem vorwärts- oder zurückgegangen sind, so ist es
sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen
würde."[20]
Die Ausdehnung der römischen Herrschaft in einem mittelbaren Sinne als
"Globaliserung" der Mittelmeerwelt verstanden, soll im Folgenden der Frage
nachgegangen werden, wie sich Tendenzen der Romanisierung, der politischen und
kulturellen Vereinheitlichung, verhalten zur Duldung von lokalen Wünschen
(wenn es sie denn gab) nach Autonomie und Beibehaltung einer eigenen
Identität.
***
Kein Volk kam, wie erwähnt, freiwillig; war es aber einmal Teil des Imperium, sahen viele ehemalige Gegner auch die Vorzüge der hellenistisch-römischen Zivilisation und der "Pax Romana". Patronisierend spricht Tacitus im "Agricola", einer Schrift über seinen Schwiegervater, über die - angeblich - eifrige Bereitschaft der Britannier, sich "romanisieren" zu lassen:
Wir dürfen diese übertreibenden Worte freilich nicht so ohne weiteres
als Zeugnis für sofortige Begeisterung der unterworfenen Britannier
über die Kultur ihrer neuen Herren nehmen; sie hatten keine andere Wahl,
oder sie sahen einen politischen Vorteil darin.[22] Als es darum ging, Varus über
die Vorbereitungen der Germanen für den Aufstand zu täuschen,
spielten die Germanen ihm die Akzeptanz der Segnungen des römischen Rechts
vor, sehr zu seinem Schaden.[23]
Tacitus selbst wußte sehr genau, daß die Einführung
"römischer" Institutionen auch ein Akt der Disziplinierung sein
konnte; zum Jahre 47 n. Chr. berichtet er:
"So stellten die Friesen, die seit ihrem Aufstand, bei dem L. Apronius
geschlagen wurde, feindlich oder doch unzuverlässig waren, Geiseln und
siedelten sich willig auf dem Gebiet an, das Corbulo ihnen anwies. Er ernannte
ihnen einen Senat und leitende Beamte und gab ihnen Gesetze."[24]
Der ältere Plinius hat sich zur Frage der Romanisierung des Westen nicht
weniger römisch-egozentrisch ausgedrückt. In seiner "Naturalis
Historia" schildert er das elende Leben der Barbaren in Schleswig-Holstein, am
äußersten Rande der römisch ziviliserten Welt:
"Wir haben schon gesagt, daß es auch im Orient, an der Küste des
Ozeans, Volksstämme gibt, die in solcher Dürftigkeit leben. Aber auch
im Norden haben wir solche gesehen, nämlich bei den Chauken. (...) Dort
haust ein armseliger Stamm auf hohen Erdhügeln (..)."
Der längere Abschnitt schließt mit den Worten:
"Und diese Stämme sagen, ein Sieg des römischen Volkes über sie
würde sie zu Sklaven machen. Wirklich - viele verschont das Schicksal nur,
um sie zu strafen."[25]
***
Im Unterschied zur Romanisierung des Westens, für die Tacitus' eben zitierte Worte im "Agricola" ein berühmtes Zeugnis sind, war die Romanisierung im Osten von anderer Art und Wirkung.[26] Eine vergleichbare Sentenz des Tacitus über den griechisch geprägten Osten des Imperium wäre völlig undenkbar. Die Griechen hielten selbstverständlich an ihrer Sprache fest; sie definierten sich über ihre Kultur und über ihre politisch-kulturelle Vergangenheit zunächst einmal als Griechen, selbst wenn sie das römische Bürgerrecht besaßen und damit zur privilegierten Elite gehörten. Die Intellektuellen - z. B. die Redner der sog. Zweiten Sophistik im II. Jahrhundert n. Chr. - schwelgten in Erinnerungen an die gute, alte Zeit vergangener griechischer Größe.[27] Die Gleichstellung von Griechen und Römern in Plutarchs Parallelbiographien ist deshalb alles andere als selbstverständlich.[28]
"Romanisierung" im griechischen Osten ist sichtbar vor allem in der
Architektur von unbestritten komfortablen Bauten, wie Thermen und Aquaedukten.
Anders als die zitierten Britannier war man zurückhaltend bei der
Übernahme spezifisch römischer Errungenschaften - abgesehen eben von
Gladiatorenspielen und warmen Bädern.[29]. Den Römern war vollkommen
bewußt, daß sie im Osten anders auftreten mußten als im Westen,
Norden oder Süden: immerhin hatte man doch einen wichtigen Teil der
eigenen Kultur von dort übernommen; der sentimentale Philhellenismus der
Römer hielt sich dabei in Grenzen; Nero ist die Ausnahme von der Regel.[30] Es war den
Griechen sozusagen offiziell erlaubt, ihre griechische Identität unter
römischer Oberhohheit zu erhalten. Plinius hat das zu Beginn des II.
Jahrhunderts wohlklingend formuliert, als er einem Freund schrieb, der Achaia
zu verwalten hatte:
"Bedenke, Du wirst in die Provinz Achaia gesandt, das wahre, unverfälschte
Griechenland, wo, wie es heißt, zuerst Bildung und Wissenschaft und selbst
der Ackerbau erfunden worden ist."[31]
Der feine diplomatische Takt, der aus dem Briefwechsel zwischen Traian und
Plinius spricht, hat wenig zu tun mit wirklicher Anerkennung für die
Griechen[32],
sondern gehört ganz einfach zum römischen politischen Handwerk und
findet sich schon bei Pompeius' Umgang mit dem im mithridatischen Krieg
besiegten Kleinasien: die "lex Pompeia", mit der die Verhältnisse in
der neuen Doppelprovinz Bithynia-Pontus geregelt wurden, nahm sorgfältig
Rücksicht auf die traditionellen und bewährten städtischen
Einrichtungen der Griechen.[33]
Der Briefwechsel zwischen Plinius und Traian bietet viele interessante
Beispiele für den differenzierten Umgang mit der griechischen Oberschicht;
vergleichbare Zeugnisse für die Provinzen des Westens sind nicht erhalten,
doch war der Ton mit Sicherheit weniger rücksichtsvoll - vergleichbar den
relativ streng reglementierenden Städteordnungen.[34] Der leitende Gesichtspunkt Traians
im Briefwechsel mit Plinius ist nicht die Durchsetzung eines festen Programms,
das unterschiedslos zu gelten hat für alle Provinzen, im Osten wie im
Westen, sondern es geht stets darum, den lokalen Gegebenheiten zu entsprechen -
ohne Schädigung der römischen Interessen.[35]
***
Das römische Reich hat im Osten schließlich alle Gebiete übernommen, wo Alexanders Eroberungen von Bestand gewesen waren (also nicht z. B. Pakistan und Afghanistan), und im Westen gelangte römische Kultur nach Nordafrika, zur iberischen Halbinsel und nach Britannien. Es entstand ein Vielvölkerstaat, von Euphrat und Tigris bis zum Atlantik, vom Oberlauf des Nils bis nach Schottland, mit einer Bevölkerung von mindestens 50 Millionen.[36]
Die soziale Elite der Ritter und Senatoren, also die Oberschicht aus allen
Himmelsrichtungen des Imperium Romanum im Besitz des römischen
Bürgerrechts, besaß dadurch eine sozusagen "römische"
Identität. Was die niederen Schichten darüber dachten, ist uns
unbekannt, aber es kann angenommen werden, daß manche Aspekte der
römischen Herrschaft gar nicht so unwillkommen waren, konnten doch die
einfachen Leute vor der traditionellen Hoffahrt ihrer Landsleute durch
römische Magistrate geschützt werden - wenn sie so korrekt wie der
jüngere Plinius waren.
Ursprünglich war das Bürgerrecht tatsächlich von hohem Wert,
angefangen mit dem Sozialprestige in der Heimat. Die Berufung des Apostels
Paulus auf sein Bürgerrecht und den damit verbundenen Schutz vor einer
Aburteilung durch den Provinzstatthalter ist ein exemplarischer Fall.[37] Der
römischen Oberschicht anzugehören, ist freilich nicht gleichbedeutend
mit einem Verlust der ursprünglichen Wurzeln. Die eigentliche
"Heimat" ist auch für sozial privilegierte römische Bürger
griechischer Herkunft die eigene Gemeinde, und nicht etwa Rom.[38] Bis auf Caesar
gab es bei der Verleihung des römischen Bürgerrechts die
Notwendigkeit, auf das ursprüngliche Bürgerrecht zu verzichten;[39] seit Caesar
läßt sich an den erhaltenen Testimonien ablesen, daß ein
doppeltes Bürgerrecht erlaubt wurde und sich auch durchsetzte: ein
interessantes Zeugnis für die Weitsicht der römischen Zentrale. Diese
Entwicklung geht noch weiter: die Verleihung des Bürgerrechts ist seit
etwa Augustus nicht mehr mit einer Loslösung aus der eigenen Gemeinde in
Steuer- und Rechtsfragen verbunden.[40]
Die Bürgerrechtsverleihungen der Kaiserzeit an Individuen[41] und - seltener -
ganze Gemeinden[42]waren in der Regel mehr motiviert
von dem Wunsch nach der Ausübung von Patronage, als vom
"ideologischen" Motiv der Romanisierung oder "Globalisierung"; allenfalls
Caesar und sein gelehrter Nachahmer Claudius entsprechen hier "modernen"
Erwartungen.[43]
Am Ende dieser Entwicklung steht die sog. Constitutio Antoniana des Jahres 212
n. Chr., als alle freien Bewohner des Reiches zu römischen Bürgern,
cives Romani, gemacht wurden: in diesem Moment war das Imperium (wenigstens
juristisch) so einheitlich wie noch nie.[44] Caracallas in den Einzelheiten
ganz dürftig überlieferte "Globalisierung" des Bürgerrechts
ist aber nur oberflächlich gesehen ein Schulbuchbeispiel für die
Tendenz des Kaiserreichs zur Vereinheitlichung. Der "Effekt" von Caracallas
Entscheidung einer kollektiven Bürgerrechtsverleihung ist greifbar in der
epigraphischen und papyrologischen Überlieferung: seit 212 gibt es jede
Menge Aurelii, die sich römischer Sitte entsprechend nach dem nennen, der
ihnen den Zugang zum Bürgerrecht erlaubt hat: Caracalla hieß
offiziell Marcus Aurelius Antoninus. Eine Nachprüfung z. B. für die
Provinz Asia zeigt, daß ca. 30 Prozent aller römischen Bürger
Aurelii sind - wobei es eine wichtige Beobachtung ist, daß diese Aurelii
mehr in den ländlichen Gebieten leben, nicht in den Städten. Im
Grunde war es eine Bürgerrechtsverleihung an die Landbevölkerung. Die
"einfache" Herkunft dieser römischen Bürger ist ablesbar an ihrem
Verzicht auf das übliche dreigliedrige Namensschema; sie waren nicht sehr
vertraut mit den Regeln des römischen Namenwesens, im Unterschied zu den
Städtern.[45]
An den tatsächlichen Sozial- und Rechtsverhältnissen hat die
Constitutio Antoniania wohl nicht gerüttelt, und sollte es wohl auch
nicht. Ob Bürgerrecht oder nicht: was vor allem zählte, war die
Unterscheidung von honestiores und humiliores, von Oberschicht und
Unterschicht.[46]
***
Latein war die Sprache der Weltmacht, und kein Ausländer, sei er Kelte oder Grieche, durfte Senator werden, der nicht auch der lateinischen Sprache mächtig war.[47] Kenntnisse der lateinischen Sprache waren für den sozialen Aufstieg unabdingbar, selbst wenn sich manche Griechen (anders als die Neu-Römer im Westen) aufgrund des angeborenen kulturellen Überlegenheitsgefühls dagegen sträubten. Die Schulbildung hatte sozusagen einen gemeinsamen gymnasialen Standard: Papyrus-Fragmente lateinischer Literatur finden sich an den entlegensten Stellen des Reiches.[48]
Damit ist nicht gesagt, daß die Sprachen der unterworfenen Völker
sofort verschwanden oder gar bewußt unterdrückt wurden. Die Landes-
bzw. Volkssprachen haben erstaunlich lange weitergelebt, ohne daß sich
dies im einzelnen immer sehr genau belegen läßt. Das Imperium blieb
vielsprachig, vor allem in den ländlichen Gebieten - zu den bis in die
Spätantike überlebenden Sprachen gehörte z. B. das Thrakische,
das Keltische bei den Galatern, das Kappadokische, die Sprache der Isaurier;[49] in Afrika
überlebte die Sprache der Berber sogar die Sprache der römischen
Eroberer.[50] Der
hohe Stellenwert der Volkssprachen ist auch daran ablesbar, daß wichtige
Rechtsgeschäfte nicht nur auf Griechisch oder auf Latein abgeschlossen
werden mußten, wie durch Ulpian bezeugt ist, der wenige Jahre nach der
"globalen" Verleihung des Bürgerrechts schrieb.[51]
Als der Apostel Paulus in den vierziger Jahren nach Lystra kam, hatte er ein
begeistertes Publikum:
"Da aber das Volk sah, was Paulus getan hatte, huben sie ihre Stimme auf und
sprachen auf Lykaonisch: die Götter sind den Menschen gleich geworden und
zu uns hernieder gekommen."[52]
Die Stadt Lystra war eine römische Kolonie und natürlich ganz
griechisch geprägt, angefangen mit den erhaltenen Inschriften.[53] Ausgehend von
dieser Überlieferung würde niemand auf den Gedanken kommen, daß
die Leute von Lystra spontan lykaonisch sprechen, und nicht griechisch oder
lateinisch. Die Überlieferung erlaubt nur wenige Vergleiche; die
Inschriften etwa von Tomi am Schwarzen Meer sind lateinisch und griechisch -
durch verzweifelte Bemerkungen von Ovid, der dort sein Leben im Exil fristete,
wissen wir aber, daß die Leute dort Sarmatisch oder Getisch sprachen, und
besonders schlimm für Ovid, griechisch mit einem schrecklichen getischen
Akzent.[54].
Solche fremden Akzente müssen in Rom sehr verbreitet gewesen sein: der
Kaiser Septimius Severus war bekannt für seinen offensichtlich
afrikanischen, also "punischen" Akzent.[55]
***
Mommsens Lob des römischen Reiches[56] erinnert an die Lobrede des Aelius Aristides auf Rom, die er im Jahre 143 vor dem Kaiser Antoninus Pius gehalten hat. Diese umfängliche Rede ist, wenn man sie wörtlich nimmt, ein leuchtendes Beispiel für die gelungene Vereinheitlichung des Reichsgebiets unter der segensreichen Herrschaft der Römer.[57] Hatte Polybios im II. Jahrhundert v. Chr. von der Eroberung und Beherrschung der Welt durch die Römer gesprochen[58], so vertritt der Rhetor des II. Jahrhunderts n. Chr. die Überzeugung, daß das römische Reich ein echtes Gemeinwesen sei, unter der fürsorglichen Aufsicht durch den Kaiser. Die Rede ist eine Verherrlichung der "Pax Romana", der römischen Herrschaftspraxis und ihrer Normen; Mißstände gibt es nicht. Das Thema unserer Tagung wird direkt berührt in der Behandlung der Bürgerrechtsfrage: die Römer, meint Aristides, haben alle anständigen Leute mit dem Bürgerrecht beschenkt und damit die Stadt Rom über ihre ursprünglichen engen Grenzen hinaus sozusagen zur Weltstadt gemacht.[59] Es gibt keine Trennung mehr zwischen Römern und Barbaren als Angehörigen fremder Völker, sondern nur noch die Trennung zwischen guten Bürgern und unzuverlässigen Elementen. Es ist ein fulminantes Lob der Romanisierung, der Vereinheitlichung der Welt unter römischem Vorzeichen. Der Kaiser wird sich das einigermaßen erfreut angehört haben; so haben manche Angehörigen der Reichselite im II. Jahrhundert n. Chr. tatsächlich geredet und möglicherweise auch gedacht.[60]
Mommsen von mir zitiertes Urteil ist keine Lobrede wie des Aelius Aristides,
sondern ein historisch abgewogenes Urteil, das auch heute noch im großen
und ganzen nachvollziehbar ist. Der Wohlergehen der Oberschicht im II.
Jahrhundert steht dabei außer Frage. Wir besitzen nur mittelbare Zeugnisse
darüber, was die sozial niedrigeren Schichten über die Vorzüge
oder Nachteile der römischen Herrschaft über die Mittelmeerwelt
gedacht haben, doch ist die Feststellung erlaubt, daß die römische
Administration, wenn sie vorbildlich war, wie etwa im Falle des jüngeren
Plinius, gerade auch den Unterschichten der von ihnen beaufsichtigten
Städte mehr Schutz vor der Willkür der lokalen Oberschicht bot, als
dies ohne die Römer der Fall gewesen wäre.
Alle hatten ihren relativen Vorteil von der damaligen römischen Ordnung
der Welt. Der harmonische, "demokratische" Weltstaat des Aristides wurde
allerdings zusammengehalten weniger durch ein ideologisch begründetes
Gemeinschaftsgefühl der Reichsbewohner, das sich an Rom und dem Princeps
orientierte[61],
als vielmehr durch das Interesse der Oberschicht aller Provinzen an der
Verbesserung oder Sicherung des sozialen Status. Ein "Weltstaat" ist das
Imperium Romanum nur in dem Sinne der einheitlichen und eben oft auch sehr
vorbildlichen Organisation durch die römische Zentrale, übrigens mit
kaum mehr als 10.000 Planstellen für das ganze Imperium[62].
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