Träume in der römischen Kaiserzeit. Normalität, Exzeptionalität und Signifikanz

Die folgenden Ausführungen wurden am 11. September 1998 als Vortrag auf dem 42. Deutschen Historikertag in Frankfurt/Main gehalten. Den Rahmen bot die Sektion »Gebet und Fluch, Zeichen und Traum. Aspekte religiöser Kommunikation in antiken Staatswesen«, an der auch Jörg Rüpke (Potsdam), Tanja Scheer (München), Kai Brodersen (München) und Veit Rosenberger (Augsburg) teilnahmen.
Die Beiträge sind inzwischen publiziert: Kai Brodersen (Hrsg.), Gebet und Fluch, Zeichen und Traum. Aspekte religiöser Kommunikation in antiken Staatswesen (Antike Kultur und Geschichte 1), Münster: LIT-Verlag 2001.

Dr. Gregor Weber
Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
E-Mail: gregor.weber@ku-eichstaett.de


0. Einführung

Sueton trifft in der Augustus-Vita eine grundsätzliche Feststellung über seinen Protagonisten: »Träumen maß er eine große Bedeutung bei, und zwar sowohl seinen eigenen als auch denen anderer, wenn er in ihnen vorkam.« Den ersten Beleg dafür gibt ein Traum des Arztes Artorius ab, in dem Minerva ihm den Auftrag erteilt, Octavian trotz Krankheit zur Teilnahme an der Schlacht bei Philippi zu bewegen und nicht im Lager zurückzulassen: Die Befolgung dieser Anweisung erbrachte angesichts eines Vorstoßes von Brutus die Rettung. Antiken Autoren zufolge entstammte der Traum Augustus' Autobiographie, anders als das zweite Beispiel, das den Iuppiter-Tonans-Tempel auf dem Kapitol betrifft, den Augustus im Jahre 22 vor Christus dediziert hatte. Der Princeps träumte diesmal selbst, der zutiefst beleidigte Iuppiter Capitolinus beklage sich, daß ihm durch das neue Heiligtum viele Verehrer entzogen würden; er habe darauf entgegnet, der 'Donnerer' sei doch nur der Torhüter. Der Traum stellt wohl ein Aition für das Anbringen von Glocken am Tonans-Tempel dar und betont Augustus' Verbundenheit mit der neuen Gottheit. Sueton faßt zusammen: »Während des ganzen Frühjahrs hatte Augustus sehr viele überaus angsteinflößende, aber inhalts- und folgenlose Träume, in den übrigen Jahreszeiten träumte er seltener und weniger Unsinniges«.

Diese Ausführungen des antiken Biographen sind dreifach aufschlußreich: Sie erwecken erstens mit Blick auf weitere Kaiserträume in anderen Viten den Eindruck, daß für Sueton ein träumender Kaiser nichts Außergewöhnliches war, wenngleich er Augustus eine besondere Sensibilität attestiert und hier durch den Gründer der Dynastie gleichsam Maßstäbe gesetzt werden. Sie verweisen zweitens auf emotionale Reaktionen im Gefolge von Träumen, hier die Angst des Princeps, andernorts auch Freude und Bestätigung, wovon die Signifikanz der Träume jedoch nicht tangiert ist. Sie zeigen drittens, daß man Träume und ihre Häufigkeit mit bestimmten Jahreszeiten in Verbindung brachte und langfristige Beobachtungen zu Trauminhalten und deren Erfüllung traf. Dies gilt auch für Nero, der angeblich erst nach der Ermordung seiner Mutter zu träumen begonnen hatte.

Aus diesen Beobachtungen ergeben sich weiterführende Fragen: Wer waren überhaupt die Träumenden der Kaiserzeit? Wie wurde auf Träume reagiert: Wurden sie als Wirklichkeit begriffen? Wer nahm bei Bedarf ihre Deutung vor? Was war mit ihrer Verbreitung intendiert? Lassen sich bei den Träumen wiederkehrende Motive, Situationen und Funktionen feststellen? Welcher Bezug bestand zur Religion?

Dieses Fragenspektrum möchte ich in vier Schritten erschließen: Zunächst geht es um eine allgemeine Beschreibung des Phänomens 'Traum' unter Berücksichtigung der im einleitenden Vortrag genannten Aspekte des Kommunikationsmodells. Darauf folgt die Erschließung des Materials anhand verschiedener Träume, die jeweils auf den Kaiser bezogen sind, und zwar unter der Perspektive der Akteure und ihrer Intentionen sowie der modernen Analyse. Im dritten Abschnitt wird nach den Funktionen der Träume, ihrer Verfügbarkeit und Kontrolle sowie nach der Rolle von Deutungsspezialisten gefragt, und vor allem sind politische Implikationen der Träume, etwa im Zusammenhang mit Krisensituationen, zu beleuchten. Schließlich soll der Blick noch kurz auf den historischen Längsschnitt, d.h. die hellenistischen Könige und die spätantiken Kaiser, gelenkt werden.

I. Träume in der römischen Kaiserzeit

Bereits in den homerischen Epen wird deutlich, daß man von einem doppelten Ursprung der Träume ausging; diese Unterscheidung wurde danach ausdifferenziert, blieb aber weitgehend konstant: Träume kamen entweder von außen, etwa von den Göttern, Dämonen bzw. Engeln, oder von innen, aus dem Körper oder aus der Seele des Menschen. Dabei gab es durchaus Möglichkeiten, etwa mittels Inkubation oder Magie, Träume künstlich zu induzieren, doch wurde der Traum in aller Regel dem Träumenden einfach zuteil. Das Traumgeschehen selbst war individuell, ohne Zeugen, also nicht-öffentlich: Der Träumende war Hauptempfänger einer Botschaft, die aus Worten, Bildfolgen oder Symbolen bestehen konnte. Letzteren waren innerhalb der antiken Vorstellungswelt keine Grenzen gesetzt, sie waren aber oft zweideutig und mußten dann von der Traumwelt in die Wachwelt 'übersetzt' werden. Dies geschah durch professionelle Traumdeuter, man konnte aber auch selbst auf Handbücher zurückgreifen, von denen sich allein das von Artemidor aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert erhalten hat. Wie schon in der Antike vermerkt, waren konkurrierende Interpretationen möglich, ja üblich, da es keine autoritative Deutungsinstanz gab.

Träumen konnte prinzipiell jeder, vom Sklaven bis zum Kaiser. Ebenso konnte jeder von seinen Träumen berichten, indem er sie Freunden mitteilte, inschriftlich verzeichnete oder Teil einer Autobiographie werden ließ: Er wurde damit selbst zum 'Sender' an verschiedenste sekundäre Empfänger. Unsere Kenntnis erstreckt sich vor allem auf zwei Bereiche: Einmal liegen zahlreiche Inschriften vor, die lapidar auf eine Dedikation nach Traumauftrag verweisen. Dann finden sich vornehmlich bei Historikern und Biographen Träume, die einem klaren Selektionsprinzip unterworfen waren: Aufgenommen wurde nur, was relevant erschien, etwa im Hinblick auf die Res publica oder den Princeps selbst. Dem entspricht der bereits bei Homer formulierte Grundsatz, daß die Glaubwürdigkeit des Traumes untrennbar mit dem Sozialstatus des Träumenden verknüpft war. Bei der Durchsicht des Materials, gerade wenn man noch Briefcorpora heranzieht, entsteht trotz mancher philosophischer Kritik an der Signifikanz der Träume nicht der Eindruck, daß Träume ein diskreditiertes Unterschicht-Phänomen waren. Man gab sich mit der Berufung auf Träume nicht der Lächerlichkeit preis, vielmehr beschäftigte sich gerade die Elite der Kaiserzeit intensiv mit ihnen; dies belegt etwa der bekannte Pliniusbrief, aus dem Suetons persönliche Einstellung Träumen gegenüber und sein Interesse an dieser Thematik ersichtlich wird (Ep. 1,18). Man wunderte sich also kaum, wenn durch Träume in das individuelle Leben eingegriffen wurde: Die Traumwelt war Teil der Wirklichkeit.

Was von einem Traum an andere vermittelt wurde, hing von den Intentionen des Träumenden ab. Hervorzuheben ist, daß sich die Faktizität eines Traumes, also ob er wirklich stattgefunden hat und was tatsächlich in ihm übermittelt wurde, nicht von den antiken Zeitgenossen überprüfen ließ, und auch der modernen Forschung steht hierfür kein Instrumentarium zur Verfügung. Dieser Befund verweist nachdrücklich auf die wohl häufig genutzte Möglichkeit, Träume zu konstruieren.

Träume waren zur Weiterverbreitung geradezu prädestiniert. Dies hängt auch mit den verschiedenen Traumarten zusammen, die man mit Artemidor folgendermaßen typisieren kann: Symbolisch verschlüsselte oneiroi waren deutungsbedürftig, anders als chrematismoi, die direkte Mitteilungen darstellten, oder als horamata, die das zukünftige Geschehen direkt abbildeten. Diesen drei Arten wurde ein Zukunftsbezug attestiert, weshalb man sie für signifikant hielt. Die Kommunikation darüber lag auf der Hand, sei es, weil die Deutung unklar war und die Unsicherheit einen emotionalen Druck entstehen ließ, sei es, weil man sich durch die Traumbotschaft von anderen abheben bzw. Macht ausüben konnte. Enhypnia, also Tagesreste aus dem Innern des Träumenden, und phantasmata, Illusionen oder Trugbilder, sorgten dagegen für Verwirrung. Vor der Traumerfüllung war nicht immer eindeutig darüber zu befinden, welche Traumart vorlag, da es hierfür kaum verläßliche Kriterien gab. Da es sich potentiell immer um die Botschaft einer Gottheit handeln konnte, sind die Träume innerhalb des Spektrums religiöser Kommunikation anzusiedeln, wenngleich sie nicht an bestimmte Orte, spezifische Kulte oder Riten gebunden waren.

II. Materialerschließung

Besondere Aufmerksamkeit wurde von den Zeitgenossen den Träumen der Kaiser und solchen, die jene betrafen, zuteil, und um sie soll es im folgenden gehen: Zwischen Caesar und Konstantin wurden fast jedem Kaiser Träume zugeschrieben, und durch den Zufall der Überlieferung haben sich ungefähr 120 erhalten. Dies entsprach dem Interesse an der Person des Princeps, doch sind auch Spezifika des Mediums 'Traum' ausschlaggebend, die sich am besten durch eine Strukturierung des Materials nach Motiven erfassen lassen. Sechs Rubriken sind zu unterscheiden:

  1. Im Traum wurde die künftige Bedeutsamkeit des Protagonisten den Eltern oder anderen Personen bereits vor seiner Geburt oder während seiner Kindheit angekündigt.
  2. Im Traum erging eine Voraussage der baldigen Übernahme der Herrschaft.
  3. Im Traum vor einer Schlacht wurde dem Kaiser der Sieg bedeutet.
  4. Im Traum spiegelte sich die konkrete Ausübung der Herrschaft wider.
  5. Im Traum wurde die besondere Befähigung und göttliche Begünstigung des Kaisers herausgestellt.
  6. Im Traum erfuhr das nahende Ende des Kaisers eine eindrucksvolle Ankündigung.

Die Sichtweise der Akteure, ihre Intentionen sowie die historische Analyse seien an drei Beispielen aus dem ersten Jahrhundert verdeutlicht, die man auch gegen solche aus den beiden folgenden Jahrhunderten austauschen könnte:

Cassius Dio zufolge wurde Vespasians Herrschaft lange zuvor durch Vorzeichen und Träume angekündigt; dabei heißt es: »Ein Traum aber offenbarte Vespasian, wenn Caesar Nero einen Zahn verliere, werde er selber Kaiser sein. Diese Prophezeiung mit dem Zahn wurde schon am nächsten Tag Wirklichkeit.« Dio, der sich intensiv mit Träumen befaßt hatte, fügt ausdrücklich hinzu, daß dieser Traum eine Deutung verlangte. Sueton hat Details bewahrt: Zum einen die Verortung dieses Traumes in Griechenland, wo sich Nero (und in seinem Gefolge auch Vespasian) seit dem Sommer 66 aufhielt; zum anderen die Erwähnung eines Arztes, der den gezogenen Zahn quasi als Beleg vorzeigte.

Man kann nichts darüber aussagen, ob der Traum tatsächlich auch so geträumt wurde; auch wenn er vielleicht erst in der Anfangsphase von Vespasians Herrschaft in Umlauf gesetzt wurde, war er zweifellos wirkungsvoll, was sich einigermaßen erschließen läßt: Das Motiv des Zahnverlustes konnte Gebildeten geläufig sein, da bereits für Hippias und Pyrrhos Zähne die Macht und ihr Ausfall deren Verlust symbolisierten. Nach Artemidor wurden zur Deutung derartiger Träume zwar bestimmte Informationen benötigt, etwa über den Typ und den Zustand des Zahnes, doch dürfte hier die Botschaft kaum zweifelhaft gewesen sein: Auf Neros Zahnverlust folgt sein Machtverlust!

Für den modernen Betrachter sind zwei Aspekte relevant: Zum einen agiert in diesem Traum, anders als bei Augustus, kein Gott, und das Traumbild ist aus dem Alltag genommen. Dies läßt sich auf den Habitus Vespasians beziehen, der keine Verbindung mit einer Schutzgottheit einging. Zum anderen besteht eine Diskrepanz zwischen der Erfüllung des Traumes und der tatsächlichen Sukzession von Nero auf Vespasian: Der Traum überbrückt die Wirren des Vierkaiserjahres und läßt Vespasians Sieg bereits zu Lebzeiten Neros als vorherbestimmt erscheinen.

Daß man Träume bewußt konstruiert und eingesetzt hat, veranschaulicht eine Traumerzählung aus dem Jahre 42, mit der eine Reaktion des Kaisers Claudius bewußt herbeigeführt wurde. Bei Sueton heißt es: »Als Messalina und Narcissus sich zusammengetan hatten, Appius Silanus zu verderben, verteilten sie die Rollen folgendermaßen: Narcissus stürzte vor Tagesanbruch, scheinbar völlig verstört, ins Schlafgemach seines Patrons und behauptete, er habe geträumt, Claudius sei von Appius Gewalt angetan worden, und Messalina berichtete dann, sich erstaunt stellend, auch ihr sei dieselbe Gestalt schon einige Nächte lang erschienen. Und nicht viel später wurde, wie verabredet, gemeldet, Appius, dem sie tags zuvor befohlen hatten, zu dieser Zeit zu kommen, stürze herein. Als wäre dies ein Beweis für die Richtigkeit des Traums, wurde sofort der Befehl gegeben, ihn festzunehmen und zu töten.« Anlaß für die Intrige war Dio zufolge die Standhaftigkeit des Opfers gegenüber Avancen seiner Stieftochter Messalina. Die Träumenden konnten beanspruchen, künftiges Geschehen unmittelbar vorausgesehen zu haben, was eine Deutung redundant machte: Claudius verstand die Traumszenerie als direkte Ansage der Zukunft. Glaubwürdigkeit wurde durch den Rückgriff auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten im Umgang mit Träumen erzielt: Zum einen wurde angeblich identisch geträumt, so daß die subjektive, individuelle Traumerfahrung eine Verobjektivierung erfuhr. Zum anderen gab Messalina vor, das Traumgesicht mehrfach gesehen zu haben, was für die Dringlichkeit der Traumbotschaft stand. Schließlich hatte man Appius zum richtigen Zeitpunkt kommen lassen und damit den entscheidenden Zusammenhang zwischen Traum und Erfüllung hergestellt.

Claudius, dessen Engagement im Rechtswesen bekannt ist, unternahm weder Nachforschungen noch durchschaute er die Konstruktion, sondern reagierte mit panischer Angst, da für ihn die Wachwelt durch die Traumwelt präfiguriert wurde. Der Traum zeigt, daß alles, was sich als Vorausschau der Zukunft gab, als bedrohlich, weil potentiell signifikant, empfunden werden konnte. Der Traum steht außerdem für Claudius' Abhängigkeit von seinen Freigelassenen und Frauen, und indem er Sueton zufolge den Traum sogar dem Senat mitteilte und Narcissus lobte, übernahm er selbst die Verantwortung für die Hinrichtung ohne Verfahren - vielleicht durchaus zufrieden mit diesem Ergebnis. Indem Claudius den Traum ernstnahm, stand er durchaus in der Tradition des Dynastiegründers.

Dio weiß zum Tod Domitians zwei als ungünstig qualifizierte Träume zu berichten: »Unter anderem träumte Domitian selbst, Rusticus trete ihm mit einem Schwert entgegen, und ihm war, als habe Minerva, deren Statue er in seinem Schlafgemach aufgestellt hatte, ihre Waffen fortgeworfen und stürze sich auf einem mit Rappen bespannten Wagen in einen Abgrund.« Die einzelnen Elemente ließen sich problemlos deuten, zumal vergleichbare Träume von Nero und Galba bekannt waren: Iunius Arulenus Rusticus, im Jahre 92 noch Konsul, wurde bald darauf von Domitian zu Tode gebracht. Der Kaiser wurde, so die Traumbotschaft, von einem seiner zahlreichen Opfer bedroht. Dies wird man weniger als Ausdruck von Schuldgefühlen werten, was einen authentischen Traum voraussetzt, sondern eher daran denken, daß dem Kaiser 'gegönnt' werden sollte, von seinen Opfern postum gerächt zu werden.

Im zweiten Traum agiert die Statue von Domitians Schutzgöttin Minerva. Das Wegwerfen der Waffen, in Suetons Version auf Weisung Iuppiters, steht für die Aufkündigung des Schutzes, gleichbedeutend mit Domitians Tod. Der Abgrund, in den sich die Göttin stürzt, ist aus anderen Todesträumen bekannt, und die Unglück verheißende Farbe der Pferde verstärkt die Düsterkeit des Bildes. Beide Träume greifen Aspekte heraus, welche die Zeitgenossen offenbar als problematisch empfanden. Konstrukteure und Entstehungszeit der Träume bleiben unbekannt, letztere lag vielleicht erst nach Domitians Tod; doch die Intention ist evident: Indem man dem Kaiser Alpträume und Todesangst zuschrieb, wurde er in dieselbe Situation gestellt wie seine Opfer.

III. Die Funktion der Träume

Die behandelten Beispiele lassen sich unter dem Aspekt der Funktion von Träumen in einem weiteren Rahmen systematisieren. Zu erinnern ist an zwei Grundvoraussetzungen: Einmal die potentielle Signifikanz der Träume, das heißt: Jeder konnte sich erfüllen, unabhängig von seiner Art; dies konnte sofort oder später geschehen, und solange war ein glaubwürdig konstruierter Traum keinesfalls abwegig. Sodann stand das Medium Traum jedem zur Verfügung, und von dessen Intentionen hing die angezielte Öffentlichkeit ab. In den vorliegenden Fällen kommen dafür die Elite am Hof und in den Provinzen, auch die plebs urbana oder einzelne Heeresgruppen in Frage, doch übermitteln die antiken Autoren hierzu kaum Hinweise.

Zunächst konnte der Kaiser selbst Träume berichten oder zur Übermittlung wichtiger Inhalte verbreiten lassen. Dies geschah in Gesprächen oder im Ausstreuen von Gerüchten, auch in Flugschriften und Autobiographien, nicht zuletzt, wie bei Septimius Severus, in bildlicher Umsetzung der Traumbotschaft. Personen aus dem Umfeld des Kaisers oder Fremde konnten durch Konstruktion und Verbreitung von Träumen Gunst beim Kaiser oder bei Prätendenten zu erwerben suchen; sie trugen damit zu dessen Prestige bei und stärkten gleichzeitig ihre Position im Patronagesystem. Diese Träume hatten den Kaiser zum Inhalt, etwa seine besondere Geburt oder göttliche Begünstigung. Jenseits kaiserlicher Gunst kamen, so das Beispiel für Claudius, auch massive Eigeninteressen zum Tragen. Schließlich konnten Konkurrenten und Opponenten Träume mit für den Kaiser ungünstigen Inhalten, etwa Ankündigungen seines baldigen Todes, verbreiten; in einer solchen Atmosphäre ließ sich das Ableben des Kaisers durchaus beschleunigen.

Träume anderer, in denen der Kaiser vorkam, konnten demnach für ihn gefählich werden. Ihre Verbreitung war angesichts des Interesses an seiner Person weder zu kontrollieren noch zu stoppen, wie auch Verbote anderer Divinationsformen und kaiserliche Monopolisierungsversuche fehlschlugen. Und es gab, wie erwähnt, für Träume keine Autorität, die bei konkurrierenden Deutungen definitiv entschied. Die Gefahr betraf ebenso Träume des Kaisers selbst, wenn er sie mit seiner Umgebung besprach oder Deutungsspezialisten heranzog. Die Traumdeuter am Hof bleiben freilich meist anonym, wie wir für Caesar auch nur von coiectores wissen, nicht aber deren Namen kennen. Es gibt auch kaum Hinweise auf Deutungen durch den Kaiser, zumal er in einem Dilemma stand: Deutete er selbst, konnte ein Mißlingen zwar folgenreich sein, doch war ein günstiger Ausgang mit Prestige verbunden. Ließ er deuten, begab er sich in Abhängigkeit, die zu seinen Ungunsten ausgenützt werden konnte, ihm aber bei Versagen der Deutung 'Sündenböcke' bereitstellte. Die Notiz über Mithradates, er habe Deutungen eigener Träume und von seinen Frauen in seinem Geheimarchiv aufbewahrt, verwundert deshalb nicht, ebensowenig wie Dios Bemerkung, daß wegen Verbreitung einiger Träume Caracallas viele Personen hart mißhandelt wurden.

Suetons Hinweis auf die regelmäßige Beobachtung der Träume durch Augustus macht deutlich, daß Träume durchaus zum kaiserlichen Alltag gehörten und allein Überlieferungsumstände sowie Interessen der antiken Autoren zur vorliegenden Auswahl führten. Betrachtet man die Funktion der Träume in politicis, so war ein Großteil der Traummotive mit besonderen Situationen verbunden. Deren wichtigste ist der Dynastiewechsel, weshalb für Vespasian oder Septimius Severus Voraussagen ihrer Herrschaft überliefert sind, nicht dagegen bei geregelter, unangefochtener Nachfolge. Zur Schaffung von Akzeptanz konnte es auch bei umstrittener Sukzession hilfreich erscheinen, auf die traumgeleitete Ankündigung einer wundersamen Geburt, etwa bei Augustus, oder das positive Votum des Vorgängers zu verweisen.

Andere Träume bezogen sich auf die virtutes des Kaisers, bewerteten seine Machtausübung und spiegeln somit die enorme Kommunikation und öffentliche Auseinandersetzung wider. Hierunter fällt auch die aufgezeigte Möglichkeit, Gegner oder Konkurrenten durch Träume zu diskreditieren.

Schließlich war mit den Träumen vom nahenden Ende eines Kaisers die Gelegenheit zu einer abschließenden Beurteilung seiner Person gegeben: Diese, vorwiegend negativ, wird meist postum stattgefunden haben, doch zeigt ein Beispiel aus der Zeit des Claudius, daß man auch mit einer Verbreitung zu Lebzeiten des Kaisers zu rechnen hat: Ein sonst unbekannter Ritter namens Petra sah Tacitus zufolge im Traum den Kaiser mit einem Kranz aus vergilbtem Weinlaub und deutete diesen als Ankündigung von Claudius' Tod am Ende des Herbstes; der Traum kam in Umlauf und führte zum Tod des Träumenden.

Die Voraussage eines Sieges und das göttliche Eingreifen in der Schlacht, was in der Person Konstantins kulminierte, kamen dagegen erst in der Spätantike zum Tragen und stehen in Zusammenhang mit dem Ausschließlichkeitsanspruchs des neuen Gottes.

IV. Hellenismus und Spätantike

Dies leitet über zum historischen Längsschnitt: Hervorzuheben ist die Kontinuität von Homer bis zum Ende der Spätantike mit Träumen für exponierte Persönlichkeiten, für Alexander und die Diadochen genauso wie für die Kaiser von Konstantin bis Maurikios. Sie betrifft die Traummotive und ihre Funktionen, besonders die Verbindung von Träumen mit Herrschern, die einen Neubeginn markierten oder nicht in dynastischer Kontinuität standen. In die römische Politik fanden derartige Träume erst in der Späten Republik, vor allem mit Sulla, Eingang, sieht man von der Überlieferung für Scipio Africanus und wenigen, für die Res publica relevanten Träumen ab. Auch zur Spätantike entstand kein Bruch: Anstelle der paganen Götter agierten Heilige, Engel und der christliche Gott, und das Christentum verschmolz seine Traumtradition mit der paganen. Unterschiedliche Schwerpunkte sind insofern für die Motive feststellbar, als die Hervorhebung von Geburt und Sieg des Herrschers vornehmlich im Hellenismus und in der Spätantike geschah, während die Charakterisierung des Herrschers bei der Ausübung seiner Herrschaft bzw. die Konzeptionalisierung des Todes primär die Prinzipatszeit betrafen.

V. Zusammenfassung

Ich komme zum Schluß. Mit Hilfe der drei im Titel genannten Begriffe sollen die Spezifika der Träume mit Blick auf die religiöse Kommunikation nochmals zusammengefaßt werden:

  1. Normalität: Träume waren eine Alltagserfahrung, die jedem zuteil werden konnte und an der die Gesellschaft der römischen Kaiserzeit auf allen Ebenen großes Interesse zeigte. Sie provozierten bei Träumenden und Sekundäradressaten Reaktionen zwischen Angst und Bestätigung. Voraussetzung hierfür war das Bewußtsein, daß Träume als göttliche Botschaft etwas über die Zukunft aussagen konnten, unabhängig von Art, Inhalt und Ort, an dem geträumt wurde.
  2. Exzeptionalität: Träume konnten auch gleichzeitig Situationen markieren oder außergewöhnliche Ereignisse ankündigen; auf der politischen Ebene vermochten dies etwa die Voraussage der Herrschaft für einen Prätendenten oder eines Dynastiewechsels, außerdem die Ankündigung von Geburt und Tod des Kaisers zu sein. Diesen Träumen wurde Aufmerksamkeit und Verbreitung zuteil, weil sie sich auf privilegierte Träumer bezogen, deren Träume nachhaltige Konsequenzen für viele andere nach sich ziehen konnten.
  3. Signifikanz: Träume verläßlich zu interpretieren, war schwierig, zumal es keine Deutungsinstanz mit Autorität und keine Möglichkeit gab, vor der Erfüllung des Traumes zu herauszufinden, ob die Deutung zutraf. Dies führte dazu, daß ein erheblicher Spielraum für die Konstruktion von Träumen entstand, um damit politische Ziele zu verfolgen, etwa die Kommunikation von Meinungen, die Schaffung von Akzeptanz und die Legitimierung der eigenen Ziele; Götter konnten dabei einbezogen sein, auch bei positivem Traumausgang, mußten es aber nicht - angezielt waren auch hier: die Menschen. Die einzige Bedingung bestand darin, daß Strukturen und Konventionen des Traums überzeugend aufbereitet wurden; dies war quasi jedem möglich, ebenso, bei entsprechendem Inhalt, die Verbreitung: Den römischen Kaisern, ihren Helfern, Günstlingen und vor allem auch Gegnern war dies überaus bewußt, erwiesen sie sich gerade bei diesem ambivalenten Medium als wahre Meister.


Dr. Gregor Weber, 15. Oktober 1998