Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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"Politische Stellung und politischen Einfluß habe ich nie gehabt und nie erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt"[1]
Mommsens Kritik an der Politik seiner Zeit in der sogenannten "Testamentsklausel" vom 2. September 1899 ist schon mehrfach in ihrer Bedeutung gewürdigt worden[2]. Dieses Dokument ist aber nicht das einzige Zeugnis für die politischen Ansichten Mommsens in seinen letzten Lebensjahren. In engem Zusammenhang mit der Testamentsklausel stehen viele andere, heute weniger beachtete Äußerungen zur Politik der Wilhelminischen Ära[3].
Sein Engagement in der
Tagespolitik war den andersdenkenden Zeitgenossen - das waren auch die meisten
seiner Fachkollegen - ein Ärgernis erster Ordnung. Das Mißfallen
über Mommsens Parteinahme für den, wie er damals hieß,
"entschiedenen" Liberalismus, führte bei seinem höchst
konservativen Schwiegersohn Wilamowitz sogar zur grundsätzlichen Abwertung
seiner politischen Haltung. Im Jahre 1917 schreibt er an Werner Jäger, der
sich anläßlich des 100. Geburtstages Mommsens offenbar nicht so
kritisch geäußert
hatte:
"Ich glaube, Sie legen der politischen Stellung Mommsens viel zu viel Gewicht bei. Natürlich hat er die Stimmung des 48ers bewahrt, wie er immer die Formen seinr Jugendverse beibehielt. Er war für alle wirtschaftlichen und eigentlich auch alle sozialen Dinge unempfänglich, hatte nur ein altes Credo. In der Praxis verleugnete er die Caesarnatur nicht ..."[4].
Mommsen hätte das sicher anders beurteilt: das Motiv vom "Bürger" taucht nicht nur in der Testamentsklausel auf, sondern auch in vielen anderen Äußerungen[5]. Was er damit meinte, machen etwa die folgenden Worte aus einem Zeitschriftenbeitrag des Jahres 1900 deutlich:
"Die leitenden Männer sind verantwortlich, aber nicht sie allein. Es gibt eine Verantwortlichkeit auch der Massen, und so gering darf sich keiner achten, daß er davon nicht auch seinen Teil trüge"[6].
Mommsen war kein "Bürger" in akademischer Zurückgezogenheit - zeit seines Lebens ist er "Partei" gewesen. Mommsens Ansichten gehören bei aller Individualität einen bestimmten politischen Lager an, in dem, wenn nicht dieselben, dann doch oft auch ähnliche Ansichten vertreten worden sind. In der Bismarck-Zeit gehörte er zunächst der Nationalliberalen Partei an und war von 1873-1879 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses[7]. 1881-1884 wurde er für die Liberalen in den Reichstag gewählt[8]. Als Folge der Auseinandersetzungen um die Innenpolitik Bismarcks kam es 1880 zu einer Trennung des linken Flügels von den übrigen Strömungen des Nationalliberalismus. Mommsen hat sich dieser "Liberalen Vereinigung" der "Sezessionisten" angeschlossen[9]. Im Jahre 1884 wurde daraus die "Deutsche Freisinnige Partei"[10]- 1893 hat sich Mommsens Partei im Zusammenhang mit dem Streit um die Militärvorlage vom November 1892 erneut gespalten. Fortan gab es die "Freisinnige Volkspartei", unter der Führung von Eugen Richter[11], und die kleinere Gruppierung der "Freisinnigen Vereinigung", auch "Wahlverein der Liberalen" genannt[12]. Diese am weitesten links stehende Gruppe des deutschen Liberalismus wurde seit 1893 Theodor Mommsens politische Heimat. Besonders eng verbunden waren ihm hier Ludwig Bamberger (1823-1899)[13] und Theodor Barth (1849-1909), seit 1882 Herausgeber der "Nation"[14]. Von Anfang an schrieb Mommsen Beiträge für diese liberale Wochenschrift, und er war immer bereit, seine allgemeine Berühmtheit für die politischen Ziele seiner Freunde einzusetzen. Nach Bambergers Tod war er der mit Abstand Älteste in diesem Kreis und gehörte zu den wenigen Überlebenden, wenigstens innerhalb des akademischen Bereichs, die die 1848er Tradition so lange aufrechterhalten haben - für Kritiker wie den Schwiegersohn Wilamowitz war diese Haltung bloß ein "altes Credo", für die Jüngeren in der "Freisinnigen Vereinigung" war Mommsen dafür ein leuchtendes Vorbild. Einer aus diesem Kreis ist Hugo Preuß (1860-1925), der Vater der Weimarer Verfassung.
Die eingehende
Beschäftigung mit Mommsen als politisch engagiertem Zeitgenossen ist eine
Aufgabe wohl weniger für den Neuhistoriker, der ihn nur als einen unter
vielen "Gelehrtenpolitikern" betrachten kann, als für einen
biographisch interessierten Altertumswissenschaftler[15]. Für den Biographen und
Wissenschaftshistoriker ist es allerdings eine sehr lohnende Aufgabe, Mommsens
Stellungnahmen im einzelnen nachzugehen, zumal dieser Aspekt seines
öffentlichen Wirkens in der "offiziellen" Biographie Lothar Wickerts nicht
immer gründlich genug behandelt worden ist[16]. Die Quellenlage für einen solchen
Nachtrag ist trotz des Verlustes der meisten Briefe Mommsens durch die
Erhaltung der Briefe der meisten seiner Korrespondenzpartner durchaus
vielversprechend[17]. Der
folgende Beitrag will deshalb nicht mehr sein als die Skizzierung einer
umfassenderen, auf Archivstudien aufgebauten Studie zu Mommsen und dem
Linksliberalismus der Wilhelminischen Zeit[18].
Weit über die Tagespolitik der neunziger Jahre hinaus reicht Mommsens Engagement gegen den Antisemitismus. Selbst Eduard Schwartz hat die Intensität dieses Kampfes nicht in Frage gestellt. Im Nachruf heißt es immerhin: "Tief bewegt hat ihn wohl nur der Widerstand gegen den Antisemitismus"[19].
Als einer der ganz wenigen
innerhalb des akademischen Bereichs hat Mommsen immer wieder Stellung gegen die
Judenhetze bezogen[20].
Ihm ging es vor allem um die Verteidigung des Rechtsstaates und die Bewahrung
der Formen bürgerlichen Umgangs; es wäre übertrieben, Mommsen zu
einem ausgesprochenen Freund jüdischer Religion und jüdischer Sitte
zu machen; Mommsen war gegen die Benachteiligung der Juden, forderte aber
gleichzeitig als Bedingung für die nationale Integration den Verzicht auf
die religiöse Bindung - wenigstens aus der Rückschau ist das eine
keineswegs "liberale" Position, die sich aber erklärt durch Mommsens
Distanz zu allen religiösen Fragen[21]. Es sei angemerkt, daß so gut wie
alle in dem 1891 gegründeten und leider nicht sehr erfolgreichen "Verein
zur Abwehr des Antisemitismus" ähnlich dachten; Mommsen war eines der
Gründungsmitglieder[22].
Die zeitgenössische
Antisemitismus-Debatte mit ihren unvermeidlichen Klassiker-Zitaten führte
dazu, daß Mommsen in seiner Eigenschaft als Altertumswissenschaftler
für die tagespolitischen Querelen in Anspruch genommen wurde. Er hat sich
oft wehren müssen gegen die Vereinnahmung durch seine Gegner - und gerade
wegen seiner unangefochtenen historischen Autorität. Keine andere
Formulierung Mommsens in der Römischen Geschichte ist so sehr
verdreht worden und wurde so gerne von den Antisemiten zitiert wie seine
Bemerkung über die Rolle der Juden bei der Verschmelzung einzelner
Nationalitäten. Unter dem, wie er das jedenfalls in der Römischen
Geschichte interpretierte, auf die Einheit der Oikumene drängenden Regime
Caesars, wo auch eine einheitliche Nationalität erwünscht war, waren
die Juden ein "Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition"[23]. Jene "Dekomposition",
als "Zersetzung" eingedeutscht, war für die Antisemiten - bis in die Zeit
des III. Reiches - stets ein willkommenes Klassiker-Zitat[24].
Auf einer Sitzung des
Preußischen Landtages (18. Februar 1893) mußte sich der für
seine antisemitischen Parolen bekannte evangelische Pfarrer Stoecker
(1835-1909)[25]
gegenüber seinen Kritikern rechtfertigen für die Behauptung, schon
Tacitus habe die Juden für den Abschaum des Menschengeschlechts
erklärt - "odium generis humani": für die Gebildeten unter den
Antisemiten ein scheinbar passendes Zitat[26].
In der Presse entspann sich
ein Briefwechsel mit denen, die es besser zu wissen meinten - Tacitus habe
nicht die Juden, sondern die Christen gemeint. Andere wiesen darauf hin,
daß Christen und Juden für die römischen Zeitgenossen ja nicht
sehr verschieden gewesen seien[27]. Für die Entscheidung einer solchen
Frage gab es im Jahre 1893 nur eine wirkliche Instanz: Theodor Mommsen. Und
Pfarrer Stoecker meinte, sich für sein Verständnis der Tacitus-Stelle
gerade auf Mommsen berufen können[28]:
"Ich will nun Herrn Rickert[29] einen für ihn gewiß ganz klassischen Zeugen vorführen, den Geschichtsschreiber Mommsen. Er stellt die Stellung des Tacitus den Juden gegenüber folgendermaßen dar[30]:
'Von dem geringschätzigen Spott des Horaz gegen den aufdringlichen Juden aus dem römischen Ghetto ist ein weiter Schritt zu dem feierlichen Groll, welchen Tacitus hegt gegen diesen Abschaum des Menschengeschlechts, dem alles Reine unrein und alles Unreine rein ist'[31].
... Tacitus hat die Juden nach dem Urteil eines politischen Gesinnungsgenossen des Herrn Rickert für den Abschaum des Menschengeschlechts erklärt".
Mommsen setzte sich gegen diesen Mißbrauch seiner Römischen Geschichte in einem Leserbrief an die Berliner "Nationalzeitung" empört zur Wehr, mit allen notwendigen Zitaten, und mit dem Schlußsatz[32].
"Die Gabe, jedes mögliche Pastorenmißverständnis vorherzusehen, besitze ich nicht, dagegen aber möchte ich mich allerdings verwahren, daß ich nicht zu denen gehöre, welche in schülerhafter Mißdeutung die Worte des Tacitus von dem 'odium generis humani' auf die Juden bezogen haben".
Im Jahre 1894 hat der österreichische Journalist und Literat Hermann Bahr (1863-1934) bekannte Gegner des Antisemitismus befragt und um Rat gebeten; seine Gespräche hat er zusammengefaßt und veröffentlicht[33].
Dieses Interview-Buch
erklärt sich durch die damals verschärfte antisemitische Propaganda
und den überraschenden Erfolg der politisch organisierten Antisemiten. Bei
den Reichstagswahlen von 1893 erhielten sie 16 Sitze[34].
Die meisten von Bahrs
Interviewpartnern sind heute kaum noch geläufige Namen; von August Bebel
(1840-1913) abgesehen findet sich kein prominenter politischer Name unter den
hier versammelten Kritikern des Antisemitismus. Mommsen von Bahr wiedergegebene
Antwort läßt sich nicht auf weitläufige sozialpolitische
Analysen ein[35].
"Sie täuschen sich, wenn sie glauben, daß ich da was richten kann. Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, logische und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit"[36].
Mommsens Worte sind bezeichnend für zwei Merkmale seiner Teilnahme am öffentlichen Leben in diesen letzten Jahren seines Lebens: starkes Engagement für die von ihm für richtig erkannte Position, aber gepaart mit manchmal schwächerer, manchmal stärkerer Resignation, überhaupt noch etwas zum Besseren bewirken zu können. Sein tagespolitisches Engagement steht neben einer tiefen Hoffnungslosigkeit für die Zukunft, für die die Testamentsklausel nur ein Zeugnis von vielen ist - angesichts der künftigen Entwicklung, die die deutsche Politik nehmen sollte, wäre es ein Fehler, Mommsens Urteil mit psychologischen Stimmungslagen zu verharmlosen.
In einem Brief aus dem Jahre
1895, bei Gelegenheit seiner Ablehnung, eine Würdigung des 1848ers Eduard
von Simson (1810-1899) zu dessen 85. Geburtstag zu geben, schreibt er[37]:
"Dem Wunsch, durch den Sie mich ehren, eine Biographie des trefflichen Simson zum 10. November für Ihr Blatt von mir zu erhalten, bedauere ich, nicht entsprechen zu können. Von Simsons praktischer Thätigkeit ist mir zu wenig bekannt, als daß ich darüber öffentlich sprechen dürfte, und diese bildet doch den Hauptinhalt seines Lebens. Seiner politischen würde ich eher gerecht werden können; aber ich wage es nicht bei meiner Auffassung der tiefen Fäulnis unserer öffentlichen Zustände, über einen der Wenigen, die aus einer reineren Epoche übrig geblieben sind, das Wort zu nehmen. Wenn ich schriebe, wie ich denke, würden Sie es wohl nicht drucken dürfen; und anders schreiben kann und will ich nicht".
Friedrich Naumann (1860-1919) hat in einem Brief aus dem Dezember 1900 auch eine Begegnung mit Mommsen erwähnt: vor kurzem habe er ein Gespräch mit ihm geführt, in dem Mommsen alle Weltverbesserungsgedanken grausam ironisiert habe. Sein Schlußwort sei gewesen: "Predigen Sie uns weiter Fortschritt, es wird doch nichts helfen"[38]. Wenigstens im Falle des Antisemitismus hat er klarer gesehen als viele seiner Zeitgenossen.
Es ist überraschenderweise in der Zeit der Abfassung der Testamentsklausel und kurz danach, daß Theodor Mommsen die größte Wirkung in der Öffentlichkeit hat, zunächst als der Ehrenvorsitzende des Goethe-Bundes zur Wahrung der künstlerischen Freiheit in Deutschland (1899-1900), und dann zur Zeit der Affäre Spahn im Jahre 1901, dem Streit um die Besetzung einer Straßburger Professur mit einem Katholiken.
Die Gründung des
Goethe-Bundes ist eine Antwort auf die "lex Heinze", die ihren Namen von
einem Berliner Zuhälter herleitet, dessen Prozeß im Jahre 1891
gewisse Einblicke in die Geheimnisse des Berliner Großstadtlebens erlaubt
hatte[39]. Der Kaiser hat
damals einen Erlaß herausgegeben, der u. a. das Programm für eine
Gesetzgebung enthielt, die eben solche Zustände verhindern sollte[40]. Im Februar 1899 kam es
zu einer erneuten Vorlage der seit 1892 mehrfach vertagten "Lex Heinze"[41]. Diesmal war alles noch
komplizierter, weil das Zentrum die Gelegenheit nutzen wollte, die
öffentliche Moral in seinem Sinne zu verbessern. Dazu gehörte nach
Ansicht der Zentrumspolitiker vor allem der Kampf gegen Darstellungen, die
"ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen".
Eine so allgemeine Formulierung erschien vielen als eine Bedrohung freier
künstlerischer Äußerungen, und es kam zu einer sehr regen
Abwehrbewegung, die schließlich im Juni 1899 - in Berlin und München
- zur Gründung des Goethe-Bundes führte: mit Mommsen als einem der
Ehrenvorsitzenden[42].
Im Reichstag wehrte sich eine
aus Liberalen und Sozialdemokraten gebildete Minderheit mit allen erdenkbaren
Mitteln gegen die Pläne des Zentrums, bis hin zur parlamentarischen
Obstruktion. Die Mehrheit der Konservativen und des Zentrums sah
schließlich ein, daß man trotz aller Bemühungen nicht zum Erfolg
kommen würde, und so ging man im Mai des Jahres 1900 einen recht harmlosen
Kompromiß ein[43].
Am Ende dieses
parlamentarischen Kampfes veröffentlichte Mommsen in der "Deutschen
Revue" einen Aufsatz mit dem Titel Der Goethe-Bund und seine Zukunft[44]. Mommsen und seine
Freunde spielten offenbar mit dem Gedanken, den Goethe-Bund zu einer Art
Intellektuellen-Partei zu machen, in der die Ziele der vergangenen Kampagne
weiter verfochten werden sollten[45]. Aus diesem Aufsatz, der auch sehr harte
Worte gegen die Katholiken enthält, sei nur ein Abschnitt zitiert, der
eine gewisse Nähe zur Testamentsklausel aufweist und zeigt, welchen
unmittelbaren Hintergrund Mommsens Stimmung im September des Jahres 1899 gehabt
hat[46]:
"An der Gleichgültigkeit gegen das politische Leben mehr noch als an der Feindseligkeit gegen die gesunde staatliche Entwicklung krankt unsere Nation. Gewiss ist nicht bloß das politische Lied ein garstiges; auch die politische Tätigkeit ist wohl bei den Berufenen als Lebensarbeit das Größte und Höchste, was der Mensch zu leisten vermag; aber wo sie nur beiläufig an den Menschen herantritt, immer undankbar und unbequem. Aber sie ist Männerpflicht; und es ist recht übel, daß unsere Litteraten und Künstler in dieser Hinsicht vielfach sich verhalten wie die Frauen"[47].
Es bedarf noch weiterer Arbeit in den Archiven, um die Bewegung des Goethe-Bundes, über die es bisher keine zusammenfassende Darstellung gibt, klarer zu sehen[48]. Mommsen ist jedenfalls damals, ganz anders als das "Selbstporträt" der Testamentsklausel vermuten ließe, ein Idol für sehr viele Künster, Intellektuelle und "Freisinnige" im weitesten Sinne des Wortes gewesen[49].
Der "Fall Spahn" ist der
heftigste aller Hochschulkonflikte in Wilhelminischer Zeit[50]. Anlaß war die Errichtung einer
konfessionsgebundenen - katholischen - Professur für Neuere Geschichte an
der Universität Straßburg und die Besetzung dieses Lehrstuhls gegen
den Wunsch der Fakultät mit dem erst 26jährigen Martin Spahn
(1875-1945). Der leitende Mann in Berlin, der sogar mit Kaiser Wilhelm selbst
in dieser Affäre Kontakt hielt, war Ministerialdirektor Althoff
(1839-1908). Er betrachtete die Straßburger Professur als politische
Vorleistung für ein Ziel, bei dem früher selbst Bismarck gescheitert
war: die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät in
Straßburg unter deutscher Regie; sie sollte dann die Ausbildung des
französischen Klerus für das Elsaß
übernehmen.
Neben diesem Motiv der
"Großen Politik" spielte es natürlich auch eine Rolle, daß
Althoff und andere mit ihm der Meinung waren, daß in einem Land wie dem
Elsaß mit 80prozentiger katholischer Bevölkerung viel zu wenige
katholische Professoren vertreten waren - in der philosophischen Fakultät
bisher kein einziger. Martin Spahn, von langer Hand gefördert, war sicher
eine gute Wahl. Er war nicht nur der Sohn des wichtigen Zentrums-Politikers
Peter Spahn (1846-1925)[51], sondern trotz seiner jungen Jahre ein
schon profilierter Wissenschaftler[52], dazu ein Katholik damals eher liberaler
Prägung, und ausgesprochen "patriotisch"
gesonnen.
Nach langen Verhandlungen
erhielt die Straßburger philosophische Fakultät im Februar 1901 die
Weisung, Martin Spahn willkommen zu heißen. In diesem Moment sah sich der
Münchener Nationalökonom Lujo Brentano (1844-1931)[53], einer der
Mitbegründer des reformerischen "Vereins für Socialpolitik", zum
Protest aufgerufen; er war ein Bruder des Philosophen Franz Brentano
(1838-1917), der nach der Verkündigung des päpstlichen
Unfehlbarkeitsdogmas sein Priesteramt aufgegeben hatte. Sein Eifer gegen die
Katholiken war also nicht nur ideologisch gefestigt, sondern wohl auch
persönlich motiviert. Lujo Brentano ist es gewesen, der Mommsen
aufgefordert hat, einen Protest gegen die Berufung des Katholiken Spahn zu
formulieren[54]. Mommsens
immer energische Ablehnung des Katholizismus, besonders in seiner politischen
Ausprägung, mußte ihn zum berufenen Sprachrohr für einen solchen
Protest machen. Nach anfänglichen Bedenken Mommsens, der wußte,
daß gegen Althoff schwer anzukommen war, ließ er am 15. November 1901
nicht in einer Berliner Zeitung, sondern ganz bewußt in einer
süddeutschen Zeitung, den "Münchener Neuesten Nachrichten", einen
Protest veröffentlichen[55] im Namen, wie es hieß, der
"voraussetzungslosen Forschung"[56]. Daß man auch bisher bei der
Besetzung von Professuren keineswegs völlige Freiheit hatte, wurde von
Mommsen, und von vielen seiner Mitstreiter, nicht erwähnt, und vielleicht
auch gar nicht richtig wahrgenommen[57]. Mommsen schreibt[58]:
"Es geht durch die deutschen Universitätskreise das Gefühl der Degradierung. Unser Lebensnerv ist die voraussetzungslose Forschung, die nicht das findet, was sich nach Zweckerwägungen und Rücksichtnahmen finden soll und finden soll, was anderen außerhalb der Wissenschaft liegenden praktischen Zielen dient ... Ein solcher Axtschlag (- auf die Freiheit der Forschung -) ist jede Anstellung eines Universitätslehrers, dessen Forschungsfreiheit Schranken gezogen werden. Abgesehen von den theologischen Fakultäten ist der Konfessionalismus der Todfeind des Universitätswesens".
Innerhalb von drei Wochen erhielt Mommsen Zustimmungsadressen von sehr vielen anderen Universitäten. Besondere Ausnahmen sind Berlin, Tübingen, Rostock und Halle. Das Schweigen der eigenen Universität ist bezeichnend für Mommsens Position in Berlin. Manche waren ganz einfach beleidigt, daß Mommsen sie vorher nicht um ihre Mitwirkung bei dem Protest gefragt hatte[59] - auch ein Beispiel für die "Caesar-Natur" Mommsens, die Wilamowitz später hinter den von ihm mißbilligten demokratischen Äußerungen des Schwiegervaters sah[60]. Heftige Proteste blieben nicht aus, und Mommsen, der ja von Anfang an nicht völlig überzeugt von seiner Rolle war, trat angesichts seiner unhaltbaren Position einen geordneten Rückzug an. Er mußte in einem zweiten Schreiben seinen allzu eng gefaßten Begriff von der "Voraussetzungslosigkeit der Forschung" relativieren und gestand jezt auch "wahrhaften Katholiken" zu, ernsthaft Wissenschaft betreiben zu können[61]. Für die mit Mommsens Position sympathisierende liberale und antiklerikale Öffentlichkeit war diese zweite Erklärung vom 24. November 1901 ziemlich unerwünscht; sie ist denn auch kaum abgedruckt worden: die großen liberalen Blätter konnten mit diesem Nachtrag wenig anfangen.
Alle Proteste gegen Spahns
Berufung waren erfolglos, nicht zuletzt deshalb, weil der Kaiser selbst sich
hier engagiert hatte und tatsächlich auch noch ganz anderes als
Hochschulpolitik auf dem Spiel stand. Im Januar 1902 wurde von Berliner
Professoren ein versöhnendes Festessen für Ministerialdirektor
Althoff ausgerichtet, dem Mommsen sich nur mit Mühe entziehen konnte[62].
Er hatte recht, wenn er
seine, wie er sie damals nannte, "Los von Rom-Campagne" als gescheitert
ansah. Anfang Januar 1902 schreibt er an Lujo Brentano, mit dem er dauernd in
dieser Frage in Verbindung stand[63]:
"Ich sehe darin nur ein weiteres Zeichen des Verzichtes unserer Nation auf ein freiheitliches Regiment, auch auf dem geistigen Gebiet; eine Bestätigung dessen, was die Wahlen zum Reichstag und zu den wichtigeren Landtagen lehren, und komme mir selbst vor wie ein Anachronismus".
Mommsen hat damals im konservativen und im katholischen Lager leidenschaftlichen Widerspruch erregt. Die Spahn-Affäre wurde der Anlaß für den wohl schärfsten persönlichen Angriff auf Mommsen, der jemals gedruckt wurde.
In der "Fackel" durfte
Houston Stuart Chamberlain (1855-1927), der Engländer aus Bayreuth, den
Artikel Der voraussetzungslose Mommsen veröffentlichen[64]; Karl Kraus (1874-1936)
lehnte Mommsen spätestens seit seinem noch zu erwähnenden Brief an
die Deutschen in Österreich[65] herzlich ab, und Mommsens gute Kontakte
zu Wiener jüdischen liberalen Kreisen, z. B. zur "Neuen Freien Presse",
taten ein Übriges, um seinen Zorn zu erregen[66].
In Chamberlains Aufsatz wird
Mommsen als eitler Greis karikiert, der nicht in der Lage ist, auf irgendeine
öffentliche Äußerung zu verzichten - eine Vorstellung, die sich
gar nicht so sehr unterscheidet vom Bild Mommsens in Wilamowitz' späterer
lateinischer Autobiographie[67]. Des heidnischen Chamberlain Eintreten
für katholische Interessen kam auch für die Katholiken selbst
überraschend - sein Eifer gegen Mommsen erklärt sich weniger durch
die Sorge um die Kirche, als vielmehr durch Mommsens Stellungnahme gegen eine
weitere Privilegierung Bayreuths bei den Aufführungsrechten des Parzival.
Mommsen und der freisinnige Strafrechtler Franz von Liszt (1851-1919) hatten im
Namen des Goethe-Bundes gegen die Wünsche von Cosima Wager (1837-1930)
Stellung bezogen[68].
Mommsens Zorn richtet sich in
all diesen Jahren mehr gegen die Parteien als gegen die Monarchie. Im Jahr 1893
schreibt er zu Bambergers 70. Geburtstag in der "Nation"[69]:
"Es ist wahr, daß es übel um unser Vaterland bestellt ist, übler vielleicht als seit Menschengedenken. Die viel erstrebte neue Parteibildung ist erreicht. Politische Parteien von ausschlaggebender Bedeutung gibt es nicht mehr. Die gewesenen Konservativen nennen sich jetzt mit anerkennenswerter Offenheit Landwirte und die Liberalen sind mehr eine Reminiszenz als ein politischer Faktor. Die jetzt bestehenden Parteien stehen unter der Signatur des Hasses und des Neides[70].
Die Skepsis gegenüber den damaligen Parteien erklärt, daß er die Dynastie der Hohenzollern für unverzichtbar hielt, wenn ihm und seinen Freunden auch die Form der englischen konstitutionellen Monarchie als Ideal vor Augen stand. Daß es ohne die preußischen Hohenzollern nicht zur Einehit Deutschlands gekommen wäre, schreibt er ganz offen in dem gerade zitierten Geburtstagsartikel für Bamberger[71]. Kaiser Wilhelm I. hat er persönlich durchaus geschätzt, wenn er sich auch nicht einreden ließ, daß die Bismarcksche Form der Hohenzollernmonarchie das Werk einer gnädigen Vorsehung sei. Dem Historiker Erich Marcks (1861-1938) schrieb er nach der Lektüre von dessen gerade erschienener Wilhelm-Biographie[72] im Jahre 1897[73]:
"Ein Ehrenmann, ein Gentleman, ein Fachmann trotz des seelenverderbenden Fürstengewerbes - so hat er unter dem Eingreifen wunderbarer Geschicke und mächtiger Individuen die absolute Monarchie, die - eine Zeitlang ihm selbst - im Aussterben schien, wieder aufgerichtet und den sogenannten Konstitutionalismus beseitigt. Ist das nun ein Glück?"
Mommsens - und anderer Liberaler - große Hoffnung war der Kronprinz gewesen, Kaiser Friedrich III., der wegen seiner Krebserkrankung nur wenige Monate lang regieren konnte[74]. Das Urteil über Wilhelm II. läßt gleich zu Beginn seiner Regierung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. An Gustav Freytag schreibt er im November 1888[75]:
"Unser Fritz, mit all seinen zweifellosen Schwächen, wäre darum nicht weniger für unser Land ein Segen gewesen; jetzt regiert neben der erprobten Nichtswürdigkeit eine unruhige Taktlosigkeit, die nicht gut endigen kann":
Seiner Frau schreibt er im Mai 1896 aus Florenz[76]:
"Wahrscheinlich gehen wir sehr schweren Zeiten entgegen; es scheint, daß der wahnwitzige und verbrecherische Eigenwille des Mannes, der leider Deutschland regiert, nun zur Krisis führt und daß alle bösesten Leidenschaften und Begierden in diesem Abgrund ihre Rechnung finden werden. Wir armen Deutschen!"
Verhängnisvoller als die Reden des Kaisers[77] waren für Mommsen aber die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den Parteien, wobei die verschiedenen Richtungen des Liberalismus keine Ausnahme machten. Die Abneigung gegen die Agrarier und das Zentrum ließ Mommsen am Ende seines Lebens nach neuen politischen Bündnissen auf der Linken suchen. Eduard Schwartz schreibt in seiner Einführung zum Briefwechsel zwischen Mommsen und Wilamowitz[78]:
"... er lieh seine Kunst zu sprechen und zu schreiben nicht selten einer politischen Aufwallung, die es nicht verdiente".
Ganz gewiß hat er eine der fulminantesten und nicht nur für die akademischen Zeitgenossen beunruhigende öffentliche Äußerung Mommsens diesen "Aufwallungen" zugerechnet - den Artikel in der "Nation" vom 13. Dezember 1902, in dem er sich für ein politisches Bündnis zwischen Linksliberalen und Sozialdemokraten eingesetzt hat. Näheres Hinsehen lehrt jedoch, daß es sich bei diesem Artikel eben nicht um eine "politische Aufwallung" im Sinne von Eduard Schwartz gehandelt hat, sondern um den öffentlichen Ausdruck eines seit Jahren angelegten Wandels im politischen Denken Mommsens. Wenn man Mommsen auch manche eigenwillige politische Position zutraute, mußte dieser Artikel für die breite Öffentlichkeit aber doch überraschend sein.
Seine Zurückhaltung
gegenüber den Sozialdemokraten in früheren Jahren ist vielfach
bezeugt, z. B. in Äußerungen aus den achtziger Jahren, als es um die
Verlängerung des Sozialistengesetzes ging[79]. Seine generelle Ablehnung, ganz in
altliberalem Stil, von demokratischen Massenbewegungen ist ja auch in der
Römischen Geschichte deutlich[80]. Für Mommsen, um hier nur von ihm zu
sprechen, ist die Sozialdemokratie die längste Zeit eine von vielen das
Gemeinwesen bedrohenden Interessengruppen gewesen, nicht viel anders als die
Partei der Agrarier und die Partei der, wie er zu sagen liebte,
"Kaplanokratie", nämlich das Zentrum[81].
Sein schwieriges
Verhältnis zur - vor den 90er Jahren ja grundsätzlich
"revolutionären" - SPD ist dabei nicht nur ein individuelles Problem,
sondern eine grundsätzliche Schwierigkeit der Liberalen des 19.
Jahrhunderts. Sie hatten Verständnis für die sozialpolitischen
Forderungen der Sozialdemokraten und verurteilten die Notlage der arbeitenden
Klassen, doch erschraken sie vor dem revolutionären Programm, das
schließlich auch einige liberale, bürgerliche Privilegien in
Mitleidenschaft ziehen würde[82]. Das änderte sich im Laufe der
neunziger Jahre. Damals kam es durch die revisionistische Richtung innerhalb
der SPD und Gemeinsamkeiten in der Wirtschaftspolitik zu einer gegenseitigen
Annäherung[83].
Für die
Öffentlichkeit mußte Mommsens Einsatz für ein Bündnis des
Freisinns mit den Sozialdemokraten umso überraschender kommen, als er
gerade noch, wenn auch unfreiwillig, durch den ominösen Tschechenbrief[84] und durch seinen
Einsatz für die burischen Vettern[85] das Wohlwollen nationaler Kreise
wiedererworben hatte. Die Veränderung der Einschätzung der SPD bei
Mommsen und anderen seiner linksliberalen Freunde ist natürlich nicht ohne
die neue reformistische oder revisionistische Tendenz bei den Sozialdemokraten
der 90er Jahre denkbar. Schon zu Beginn der 90er Jahre gab es in linksliberalen
Kreisen die verstärkte Bereitschaft zu einer besseren Zusammenarbeit mit
der Arbeiterpartei. Ein Wortführer dieser Richtung war Theodor Barth. Im
November 1899 bejahte ein Parteitag der "Freisinnigen Vereinigung" in
Berlin grundsätzlich die Frage, "ob ein neuer politischer modus vivendi
zwischen dem liberalen Bürgertum und der in der Sozialdemokratie
organisierten Arbeiterschaft anzustreben sei"[86]. Mindestens so wichtig wie Mommsens
Übereinstimmung mit einer seit mehreren Jarhen gewachsenen freisinnigen
Bereitschaft zur Kooperation mit der SPD ist aber ein Zeugnis über den
alten Bamberger. Kurz vor seinem Tod, wohl im Jahre 1898, hat dieser die
Ansicht geäußert, es werde dem Liberalismus nicht anderes übrig
bleiben, als sich mit den Sozialdemokraten zu verbünden[87]. Wenn Mommsen sich Ende
1902 erstmals in diesem Sinne geäußert haben sollte, ist dies
vielleicht ein Indiz dafür, daß er lange gebraucht hat, um sich den
Meinungen von Bamberger und Barth
anzuschließen.
Unmittelbarer Anlaß zu
Mommsens Artikel ist der damals erbittert geführte Streit um die
Wirtschaftspolitik des Reiches. Es ging um die Erhöhung der Zolltarife,
für die sich die konservativen Agrarier einsetzten. Sie erwarteten von
einem neuen Tarif eine beträchtliche Steigerung der Agrarzölle; die
Linksliberalen wünschten eine Fortführung der bestehenden
Zollpolitik[88].
Diese Auseinandersetzungen
haben die Öffentlichkeit wie kein anderes Thema der Innenpolitik der
letzten Jahre erregt - einmal wegen der wirtschaftspolitischen Bedeutung der
künftigen Entscheidung, aber auch wegen der Form, in der dieser Streit
zwischen den Parteien ausgetragen wurde. Mommsens heftiges Engagement in dieser
Frage ist also gar nicht so unverhältnismäßig - es ging nicht um
einen beliebigen innenpolitischen Dissens. In der 2. Lesung des geplanten
Zolltarifs haben sich die Parteien der Minderheit, die SPD und die
"Freisinnige Vereinigung" zur parlamentarischen Obstruktion durch
Dauerreden und Ausnutzen der Geschäftsordnung entschlossen. Man hoffte,
die Debatten so in die Länge ziehen zu können, daß das Ende der
Legislaturperiode ohne Gesetzentwurf erreicht werden würde. Im neuen
Wahlkamp erwartete man dann eine entschiedene Stärkung der
freihändlerischen
Position.
Diese Hoffnungen der
Linksparteien wurden durch das bisher unentschlossene Zentrum vereitelt. Die
parlamentarische Mehrheit setzte mit einer Änderung der
Geschäftsordnung die pauschale Annahme des gesamten neuen Zolltarifs durch
und verhinderte auch das Dauerreden[89]. Das war ein parlamentarischer Kniff, der
die Freisinnigen und die Sozialdemokraten ungeheuer aufbrachte. Viele, unter
ihnen Theodor Mommsen, betrachteten diese Knebelung der parlamentarischen
Minderheit als einen Auftakt zum Staatsstreich gegen die parlamentarische
Opposition[90]. Mommsens
Entschluß, sich in dieser Frage öffentlich zu äußern, war
vorbereitet durch Teilnahme an den politischen Versammlungen der Freisinnigen
in den Wochen zuvor. Barth schreibt in seinem Nachruf auf Mommsen[91]:
"Er ist stets einer der unsrigen geblieben. Er erschien gelegentlich auf unseren Parteitagen, zum letztenmal im Dezember 1902, nachdem der Rechtsbruch des Antrags Kardorff eben erfolgt war. Als die ehrwürdige Erscheinung unsern Sitzungssaal betrat, erhob sich die Versammlung und applaudierte. 'Klatschen Sie nicht, meine Herren, es ist jetzt keine Zeit zum Beifallklatschen', rief er in den Saal, und alle verstummten. An jenen Parteitagen nahm er dann auch rednerisch Anteil und lieh seiner tiefen sittlichen Entrüstung über das im Reichstag durch die Mehrheitsparteien Geschehene Worte von hinreißender Wirkung. Es war keine rasch vorübergehende Empfindung, die ihn zu dieser demonstrativen Beteiligung an unseren Protesten veranlaßt hatte".
Den berühmten Artikel hat Mommsen dann, wie Barth später eigens betont hat, der "Nation" ganz unaufgefordert zugesandt[92]; dies könnte bedeuten, daß Barth nicht erwartet hat, Mommsen würde sich so dezidiert öffentlich äußern. Am 7. Dezember 1902 schreibt Mommsen an Barth[93].
"Wurden Sie es zweckmäßig finden einen Artikel in die Nation zu nehmen, der die schlimmen Eigenschaften der Socialdemokratie, daneben aber ihre Tüchtigkeit, ihre Opferwilligkeit, ihre Disciplin den Ostelbiern und den Kaplänen gegenüber auseinandersetzt ? Ich bin zweifelhaft darüber, ob es opportun ist unsere Sache mit der socialdemokratischen zu identifizieren; vielleicht schadet das mehr als es nützt. Sonst bin ich bereit einen solchen Artikel zu schreiben und zu zeichnen. Meiner Meinung nach geht es um alles; in den nächsten sechs Monaten kann ein gutes Stück ganze Arbeit gemacht werden".
Seine Bereitschaft, einen solchen Artikel nicht nur zu schreiben, sondern auch mit seinem Namen zu einer aufsehenerregenden Nachricht zu machen, erklärt sich durch die Überzeugung, daß es sich bei den Winkelzügen der politischen Gegner um den Anfang einer Änderung des gesamten politischen Systems handelte - eine Meinung, die aus der Rückschau vielleicht doch zu pessimistisch war und die Macht der Agrarier und der Zentrumspartei einfach überschätzte. Der Aufsatz nimmt mit seiner Überschrift Was uns noch retten kann den Titel einer Kampfschrift Carl Twestens aus der Zeit des preußischen Verfassungskonfliktes auf[94]. Mommsen beginnt mit den Worten[95];
"Der Umsturz der Reichsverfassung entwickelt sich rasch ... Nun ist auch das Rederecht im deutschen Reichstag von dem Belieben eines jeden augenblicklich Vorsitzenden abhängig gemacht worden, hat also aufgehört, ein Recht zu sein. Was folgen wird, wird sich zeigen. Wir stehen nicht am Schluß, sondern am Beginn eines Staatsstreiches, durch den der deutsche Kaiser und die deutsche Volksvertretung dem Absolutismus eines Interessenbundes des Junkerthums und der Kaplanokratie unterworfen werden sollen".
Neben ganz aktuellen Bemerkungen, die hier unberücksichtigt bleiben können, gibt es auch Sentenzen von allgemeinerem Interesse, die Mommsens veränderte Beurteilung der Sozialdemokratie belegen.
"Dem ebenso falschen wie perfiden Köhlerglauben muß ein Ende gemacht werden, daß die Nation sich theile in Ordnungsparteien und in eine Umsturzpartei und daß es erste politische Pflicht der zu jenen sich zählenden Staatsbürger sei, die Millionen der Arbeiterschaft als pestverdächtig zu meiden und als staatsfeindlich zu bekämpfen".
An anderer Stelle nennt Mommsen die SPD "die einzige große Partei, die Anspruch hat auf politische Achtung". Weiter heißt es:
"Von dem Talent ist es nicht nötig zu reden. Jedermann in Deutschland weiß, daß mit dem Kopf eines Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, daß sie unter ihresgleichen glänzen würden. Die Hingebung, die Opferbereitschaft der sozialdemokratischen Massen imponiert auch dem, der ihre Zwecke nichts weniger als theilt".
Die Anstrengungen Mommsens und seiner Freunde waren vergeblich; die Reichstagswahlen vom 16. Juni 1903 führten zu empfindlichen Verlusten der Freisinnigen, allerdings auch zu einer Stärkung der Sozialdemokraten, die keine große Rücksicht auf die Freisinnigen genommen hatten[96]. Der Herausgeber der Zeitschrift "Deutsche Wirtschaftspolitik" bat Mommsen daraufhin um einen Kommentar zum Wahlausgang. Mommsen, der übrigens auch enttäuscht darüber war, daß die Sozialdemokraten nicht rundum begeistert auf die Angebote der Freisinnigen reagiert hatten, schreibt[97]:
"Geehrter Herr! Mir scheint die Schlacht definitiv verloren. Da unsere Nation auf den Rechtsbruch, durch den der Tarif zustande gekommen ist, mit Wahlen geantwortet hat, die in allem wesentlichen den Parteistand nicht ändern, so müssen die Dinge ihren Lauf haben, den diese Verhältnisse bestimmen. Könnte aus der Socialdemokratie eine gesunde, für die Liberalen bündnisfähige Arbeiterpartei sich entwickeln, so ließen an deren Stärkung sich Hoffnungen knüpfen. Aber diese ewig Blinden werden auf dem Weg, den sie gehen, nie ein praktischer Faktor in der Politik werden und höchstens eine Einschränkung des Wahlrechts bewirken, die den Ultramontanen und den Ostelbiern die Herrschaft verstärkt. Der absoluten Hoffnungslosigkeit in der Presse Ausdruck zu geben helfen, bin ich zu alt und zu müde. Auf Beiträge von mir dürfen Sie also nicht rechnen".
Mommsens publizistische Äußerungen zu Fragen der auswärtigen Beziehungen des Deutschen Reiches waren in der Regel nicht weniger kontrovers als seine Beiträge zur Innenpolitik: ein Unterschied besteht allerdings darin, daß er hier zuweilen auch Beifall von Leuten bekam, die er sonst zu seinen Gegnern gezählt hätte. Mommsens aus der liberalen Tradition von 1848 herrührender Nationalstolz[98] ist nicht zu verwechseln mit dem Eifer der Alldeutschen, von denen er sich stets distanziert hat[99]. Grundsätzlich trat er, anders als manche seiner Kollegen, für die, in seinen Worten, "heilige Allianz der Völker"[100] ein, eine Haltung, die durch die Arbeit an der Berliner Akademie sicher gefördert worden ist.
Die Ausnahme von der
liberalen Regel ist Mommsens Verhältnis zu Osteuropa. Seine Kenntnis
Osteuropas war wesentlich geringer als die des Westens. Dies hat etwas mit
Sympathie zu tun, vielleicht aber auch damit, daß seine wissenschaftliche
Arbeit ihn weniger mit slawischen Ländern in Berührung kommen
ließ. Aufschlußreiche Bemerkungen über Mommsens Verhältnis
zu den Slawen enthält ein 1904 erschienener Beitrag des kroatischen
Slawisten und Wiener Professors Jagic; er hat Mommsen in den Jahren 1874-1880
in Berlin näher kennengelernt. Jagic bezeugt eine relativ geringe Kenntnis
Mommsens der slawischen Welt, verbunden mit dem vagen Gefühl, daß
alle Slawen im Dienst der russischen oder irgendeiner anderen Reaktion
stünden[101]. Das
zaristische Rußland war Mommsen wegen der antisemitischen Ausschreitungen
natürlich besonders suspekt[102].
Dieser Hintergrund ist
für das Verständnis des berühmt-berüchtigten Briefs
an die Deutschen in Österreich zu berücksichtigen - ein Beitrag, mit
dem Mommsen geradezu europäisches Aufsehen erregt hat. Der
österreichische Ministerpräsident Badeni hatte im Jahre 1897 seine
Absicht wahrgemacht, den Tschechen im Bildungswesen sprachliche
Gleichberechtigung zuzugestehen, im Austausch gegen innenpolitische
Konzessionen der national gesinnten tschechischen Politiker gegenüber der
Zentralregierung in Wien. Dieses Entgegenkommen rief die nationalistischen
Deutsch-Österreicher auf den Plan, und es entzündete sich unmittelbar
nach den Sprachenverordnungen eine heftige Kampagne zugunsten der weiteren
Bevorzugung der Deutschen in Böhmen[103].
Im Zusammenhang mit dieser
Kampagne kam es auch zu einer Solidaritätsaktion an allen
Universitäten des Deutschen Reiches mit den Prager Kollegen. Als es in
Prag und in Wien also hoch herging, wurde am 30. Oktober 1897 im Leibblatt der
Wiener Liberalen, der "Neuen Freien Presse", ein Brief Mommsens zum Thema
abgedruckt[104].
Mommsens Formulierungen waren so stark, daß die Redakteure der "Neuen
Freien Presse" eingie Stellen gekürzt haben. Das Original mußten die
Österreicher dann in der reichsdeutschen Presse nachlesen. Der Kernsatz
Mommsens, gerichtet ausgerechnet gegen den gutwilligen Badeni mit seinem
Bemühen um einen dauerhaften Ausgleich zwischen den Nationalitäten,
lautete:
"Und nun sind die Apostel der Barbarisierung am Werke, die deutsche Kultur eines halben Jahrtausends in dem Abgrunde ihrer Unkultur zu begraben.
Weiter heißt es:
"Wie kann es geschehen, daß die österreichische Reichshauptstadt so lendenlahm, so volkslos, so ehrlos in diesen Kämpfen nicht auftritt?[105] ... Seid hart ! Vernunft nimmt der Schädel der Tschechen nicht an, aber für Schläge ist auch er zugänglich".
Die wenigsten, gerade auch in Böhmen, haben Mommsens Brief wohl ganz gelesen, sondern sich nur auf die hier zitierten Worte gestürzt. Der Name Mommsens gab dem Brief die Aura einer offiziellen deutschen Äußerung, und die Empörung der Tschechen ist vollkommen verständlich. Die Reichsregierung, Bündnispartner der k.u.k. Regierung, hielt sich ganz zurück, um sich nicht in interne Belange einzumischen. Der Unmut über Mommsens Schärfe in diesem Brief spielte noch später beim Zögern des Kaisers eine Rolle, Mommsen zum "Wirklichen Geheimen Rat" und damit zur "Exzellenz" zu machen[106]. Groß war die Begeisterung bei denen, die Mommsen später einmal "unsere nationalen Narren" genannt hat, bei den Alldeutschen[107]. Mommsen hat schnell bemerkt, daß sein Brief nicht gerade geschickt war. Als es darum ging, eine Antwort auf das Schreiben eines ihm bekannten slawischen Gelehrten zu verfassen, schickte er vorher einen Entwurf an seinen Freund Bamberger[108]:
"Sie sind ein mehr politischer Mensch als ich und darum komme ich mit der Bitte und Frage, ob Sie mit der beiliegenden Publication einverstanden sind, daß heißt sie ihnen den Eindruck macht, daß dadurch den österreichischen Deutschen der Kampf nicht erschwert wird".
Sein Engagement für das Deutschtum in Österreich blieb trotz des Echos von slawischer Seite ungebrochen. Als er im Jahre 1901 auf eine Ergebenheitsadresse der Innsbrucker Universität im Zusammenhang mit der Affäre Spahn antwortete, flossen ihm folgende Worte in die Feder[109]:
"Wo die deutsche Nationalität Verteidiger findet, da stehen diese zusammen. Ob wir hier uns aufbäumen gegen die Unterjochung durch das Zentrum, und ob die Tirolerdeutschen sich der Feinde erwehren werden, das steht nicht bei uns. Wohl aber steht es bei uns, daß wir uns wehren, und das wird geschehen".
Der Bericht von Jagic aus dem Jahre 1904 legt die Vermutung nahe, daß Mommsen einfach von der Furcht beseelt war, das weitere Wachsen der slawischen Mächte würde zu einer Einverleibung auch der ursprünglich deutschen Teile der Monarchie führen. Die Zukunft der Donaumonarchie scheint sich Mommsen aber trotz aller sehr nationalen Töne nicht ohne eine gewisse Gleichberechtigung der anderen Völker vorgestellt zu haben. Jedenfalls hat er Ende 1897 auch geschrieben, allerdings an den schon erwähnten Jagic, daß er sich "die Zukunft Österreichs, wenn es eine hat, stets als eines polyglotten Staates gedacht" habe[110].
Mommsens Eingreifen in die
öffentlichen Debatten zwischen Engländern und Deutschen über
Fragen des Burenkrieges[111] war weniger brisant als der Brief
an die Deutschen in Österreich, weil er hier eine Meinung vertrat, die
nicht nur im "nationalen", sondern auch im linksliberalen Lager durchaus
heimisch war: Sympathie für die Sache der als irdendwie verwandt
empfundenen Buren gegen die Übergriffe der englischen Imperialisten; die
Sache der Buren gewann in der europäischen Öffentlichkeit auch durch
die rigorose Kriegführung der Engländer in Südafrika, die
Mommsen einmal "die Pacifikation durch Vernichtung der Zivilisation" genannt
hat[112].
Wieder war es ein
Zeitschriften-Beitrag Mommsens, der alles in Bewegung setzte: Mommsen
antwortete auf eine Anfrage des englischen Gelehrten und Politikers Sidney
Whitman (1848-1925), die in der "North American Review" Ende 1899
veröffentlicht wurde[113]. Mommsens Brief, mit harten Worten der
Kritik an der offiziellen englischen Haltung im Burenkrieg, erregte erhebliches
Aufsehen[114]. Die
englischen Freunde Mommsen traf diese Kritik sehr überraschend;
großen Beifall bekam er dafür von den Deutschnationalen, jenen, die,
wie er gelegentlich geschrieben hat, "einen eigenen, alle Herrlichkeit des
Menschengeistes in sich schließenden germanischen Adam dem allgemeinen
substituieren"[115].
Ausgehend von seinem und seiner Generation idealen England-Bild[116] spricht Mommsen in
seinem Brief von der Zerstörung dieses Ideals durch die jüngste
englische Politik. Der Burenkreig diene der Unterwerfung anderer Völker
zur höheren Ehre der nationalen Geschäfte. Mommsen erinnert sogar an
zweideutige diplomatische Operationen Englands in der Zeit des
deutsch-französischen Krieges. Der jetzige Kreig gehe ganz allein auf das
Konto Englands und enthülle den politischen Verfall des
Landes.
Das waren starke Worte, und
Mommsen erhielt bald Zuschriften aus England, die ihn denn doch um eine
Präzisierung seiner pauschalen Anklagen baten. In einem Leserbrief an die
"Times" hat er dann wenigstens zwischen der gegenwärtigen Regierung
Englands und dem Land im allgemeinen unterschieden[117]. Ausführlicher als in der "Times"
hat Mommsen dann noch einmal aufgrund einer Intervention des
deutsch-englischen Gelehrten Max Mueller (1823-1900) in der "Deutschen Revue"
Stellung
genommen.
Als Ergebnis der brieflichen
Debatte mit Max Mueller ist festzuhalten, daß Mommsen dem englischen
Standpunkt nun doch, und dies in der Öffentlichkeit, durchaus
Verständnis entgegenbrachte. Freilich weist Mommsen auch darauf hin,
daß bei einem künftigen Konflikt zwischen England und Deutschland die
Abwägung von Rechtspositionen nicht entscheidend sein werde[118].
Mommsen hat neben diesem
deutsch-englischen Dialog auch noch Stellung genommen zu den Wünschen
mancher Fanatiker, selbst nach der Entscheidung des Krieges gegen die
siegreichen Engländer und zugunsten der Buren militärisch zu
intervenieren[119].
Über den tagespolitischen Anlaß hinaus weist die folgende Bemerkung[120]:
"Die Politik überhaupt und insbesondere die Weltpolitik lehrt, daß vor allem der Groß-Staat in einer oft schmerzlich empfundenen Weise gebunden ist durch die Notwendigkeit der Verhältnisse, durch das Bewußtsein, daß bei jedem großen Krieg die Existenz des eigenen Staates der Einsatz ist, daß die Beseitigung des Weltunrechts von allen Träumen der leerste ist".
Kurz vor seinem Tode hat sich Mommsen noch einmal, aufgrund einer Aufforderung des englischen Liberalen James Bryce (1838-1922)[121], zum Problem der deutsch-englischen Beziehungen geäußert, die ja nicht nur durch den Burenkrieg, sondern mehr noch durch die Flottenrüstung des Kaiserreiches gespannt gewesen sind. Wer denkt nicht an den Juli 1914, wenn er die folgenden Worte liest[122]:
"Wir stehen vor einer ernsten Gefahr, wenn es so weiter geht mit dem gegenseitigen Mißtrauen, dem Aufbauschen geringfügiger Meinungsverschiedenheiten und Kollisionen zu Staatshändeln, den unverantwortlichen Verhetzungen der englischen wie der deutschen Presse. Fall es nicht den besonnenen und ernsten Männern beider Nationen gelingt, hierin Wandel zu schaffen, so gleiten wir hinein in einen Krieg zwischen denselben, wenn auch nur in einen derjenigen, in denen die Kanonen nicht mitreden".
Zum Schluß schreibt er:
"Ich blicke zurück auf ein langes Leben: von dem, was ich für meine Nation und über ihre Grenzen hinaus hoffe, hat sich nur weniges erfüllt. Aber die heilige Allianz der Völker ist das Ziel meiner Jugend gewesen und ist noch der Stern des alten Mannes, und auch dabei bleibt es, daß den Deutschen und den Engländern bestimmt ist, ihre Wege zu gehen Hand in Hand."
Mommsens Sympathie für die angelsächsische Welt schloß die USA mit ein. Die Vereinigten Staaten von Ameria waren für ihn das Land, in dem Carl Schurz (1829-1906) Karriere machen konnte. Sein Amerika-Bild dürfte mitgeprägt sein von Theodor Barth, der einer der besseren Kenner dieses damals sehr fernen Landes war, und der auch die Weltmachtstellung der USA in seinen Beiträgen in der "Nation" voraussah[123]. Mommsens Einschätzung der USA als einer künftigen Weltmacht - ganz im Sinne Barths - geht aus einem Zeitschriften-Beitrag hervor, in dem er sich im September 1900 über einen Artikel äußert, der für die "Vereinigten Staaten von Europa" plädiert hatte[124]:
"Seltsam ist, daß der Standpunkt (- des Artikels -) ausschließlich europäisch ist - will man einmal über die politische Zukunft denken und träumen, wie kann da Amerika fehlen ?"
Bei aller grundsätzlichen Sympathie mit diesem Lande war er aber niemals bereit, seine Grundsätze aufzugeben, selbst wenn dies Freunde vor den Kopf stoßen mußte. Als zwischen Spanien und den USA im Jahre 1898 Krieg geführt wurde[125], hielten die europäischen Mächte und auch die Reichsregierung mit ihren Protesten weise zurück - in der nüchternen Annahme, daß die USA diesen Krieg ohnehin gewinnen wrüden; man wollte sich den sicheren Gewinner nicht vergrätzen. Ähnlich haben auch die linksliberalen Amerika-Freunde gedacht, zumal das Königreich Spanien für sie nicht gerade ein Sympathie-Träger war. Anders Mommsen: in der Zeit des Kriegseintritts der USA im Jahre 1917 wurde ein im Jahre 1898 unterdrückter Brief Mommsens publiziert, den man als unverdächtiges Zeugnis gegen die traditionellen Machenschaften der USA vorweisen konnte[126]:
"In meinen jungen Jahre war der Glaube ziemlich allgemein verbreitet, daß die Weltordnung stetig zum besseren fortschreite und daß dieser Fortschritt durch die mehr und mehr allgemeine Einführung der Republik zum Ausdruck kommen werde. Dieser Jugendeselei hat man sich allmählich entwöhnt, nachdem man Gelegenheit gehabt hatte dergleichen Umgestaltungen tatsächlich mitzuerleben. Aber auf die arge Enttäuschung, die dieser Krieg den Republikfreunden bereitet, war man doch nicht gefaßt. Die heuchlerische Humanität, die Vergewaltigung des Schwächeren, die Kriegführung zum Zwecke der Spekulation und der gehofften Agiotage drücken diesem amerikanischen Unternehmen ein Gepräge auf, welches noch nichtswürdiger ist als das der schlimmsten Kabinettskriege, und sind wohl geeignet, den letzten Republikaner von seinen Träumen zu befreien".
Es ist bemerkenswert, daß Mommsen, im Unterschied auch zu anderen durchaus "links" stehenden Professoren, kein "Flottenprofessor" gewesen ist; er hielt des Reiches "Schimmernde Wehr" für überflüssig[127]. In der liberalen Wiener "Neuen Freien Presse" sagt er in einem Interview aus dem Jahre 1898, als gerade eine Verstärkung der Flotte propagiert wurde[128]:
"Um offen zu sein, ich meine, für uns ist die Marine nur Sport. Ich sage also: Die Marinepläne sind Sport, nicht etwa Dummheit. Wir brauchen die Marine, um für unsere überseeischen Handelsinteressen zu demonstrieren. Also einen demonstrativen Charakter soll unsere Marine haben, aber Welteroberung steht unserem Sinnen fern".
Für die Wilhelminische Weltpolitik, die os oft Konflikte mit England und Frankreich heraufbeschwor, hat Mommsen nur Spott übrig gehabt. Man lese dazu seinen skeptischen Beitrag Ninive und Sedan in der "Nation" vom 25. August 1900, anläßlich der internationalen Expedition nach Peking während des Boxeraufstands: "unter angeheiterter Gesellschaft haben nüchterne Leute einen schweren Stand"[129]. In diesem Artikel ruft er auch alle die zur Ordnung, die damals das christliche Abendland im Fernen Osten Wunderdinge vollbringen sahen[130]:
"Die erste [Lehre aus diesem Kriege] wäre etwa, daß die Civilisation weder an Europa geknüpft ist noch an das Christentum. Insoweit wenigstens ist die Weltpolitik berechtigt, daß es thöricht ist von europäischer zu reden, und die Japaner haben, soweit es sich aus der Ferne erkennen läßt, in dem schweren Konflikt vielleicht die eingreifendste und sicher die ritterlichste Rolle gespielt".
Die Verständigung mit Frankreich hat Mommsen stets am Herzen gelegen[131]. Ein prägnanter Ausdruck für seine Bemühungen ist ein Vorschlag, den er am Ende dieses Artikels macht, anläßlich der gemeinsamen Kämpfe deutscher und französischer Truppen vor den Toren Pekings:
"Ist es nicht an der Zeit, das Sedansfest fallen zu lassen ? ... Wir Deutschen, auch diejenigen, welche die Stimmungen der Franzosen nicht nach der Pariser Presse beurtheilen, wissen recht wohl, daß jenseits des Rheins der große Krieg keineswegs vergessen ist und daß kein von unserer Seite den Nachbarn erwiesenes Entgegenkommen darin irgend etwas ändern wird. Aber wenn überhaupt die Jahrestage der großen Siege im Wechsel der Geschlechter sich auf die Dauer zu Nationalfesten nicht eignen, so kommt in diesem Fall hinzu, daß jede derartige Feier alte immer noch blutende Wunden von Neuem aufreißt".
Die Sedansfeier war in den letzten Jahren mehr und mehr zur Wahlkundgebung nationaler Politiker geworden; bisher waren vor allem die Sozialdemokraten als Störer der am 2. September üblichen nationalen Reden aufgefallen[132].
Gab es Querverbindungen zwischen publizistischer Tätigkeit und wissenschaftlicher Arbeit in diesen letzten Lebensjahren Mommsens ? Trug das Studium des Altertums etwas zu seinen politischen Ansichten bei, und - umgekehrt - haben seine tagespolitischen Erfahrungen Auswirkung auf die wissenschaftliche Arbeit gehabt ?
In den letzten Jahren seines
Lebens hat Mommsen "Politik" und "Wissenschaft" zunehmend getrennt. In den
wissenschaftlichen Publikationen jener Jahre hat er es in der Regel vermeiden,
aktuelle Anspielungen zu machen. Das Wort von der "Pflicht zur politischen
Pädagogik" stammt nicht aus der Zeit der Römischen Geschichte,
sondern aus dem Jahre 1895 und bezieht sich, sehr kritisch gemeint, auf die
vielgelesenen Bände seines Gegners Heinrich von Treitschke zur
jüngeren deutschen Geschichte[133]. "Politische Pädagogik" hatte
für Mommsen in der Einzelforschung nichts zu suchen, sondern gehörte
in die Darstellungen für ein breites Publikum[134]. Der Verzicht auf Darstellungen im
Sinne der Deutschen Geschichte Treitschkes wurde erleichtert durch das
publizistische Wirken, wo Mommsen ohne jede Umschweife als "politischer
Pädagoge" zu wirken hoffte; der Breitenwirkung seiner öffentlichen
Äußerungen war er sich wohl
bewusst.
Wenn Mommsen vom
erfolgreichen Historiker allerdings erwartet hat, nicht durch publizistische
Äußerungen, sondern auch durch umfassende historische Darstellungen
auf das Publikum einzuwirken, dann hat er, im Unterschied zu Treitschke, ganz
enttäuschende Erfahrungen gemacht. Daß die Römische
Geschichte ein viel gelesenes Buch war, wird durch die Zahl der Auflagen
bewiesen; es ist eine andere Frage, ob Mommsen der Meinung war, daß dieses
Werk auch in seinem Sinne gelesen worden ist. Soweit sich das in expliziten
Leserzeugnissen niederschlägt, ist das kritische Potential des Werkes
höchst selten registriert worden. Die Testimonien machen das Werk, wie zu
erwarten, zum Hausbuch der Gebildeten, die die sozialkritischen Abschnitte
überlesen haben[135]. Die Ausnahme von der Regel ist ein dem
Zensor zum Opfer gefallenes Zitat aus der Römischen Geschichte in der
Zeitung der österreichischen Sozialdemokraten aus dem Jahre 1899[136]. Auf der anderen
Seite mußte sich Mommsen mehrfach gegen die Vereinnahmung seiner Arbeit,
und besonders der Römischen Geschichte, durch seine politischen Gegner
wehren. Aus dem Zusammenhang gerissene Zitate wurden für den politischen
Kampf instrumentalisiert, und den Konservativen war es besonders angenehm,
ausgerechnet Mommsen zitieren zu können. Bismarck hatte 1885 im Reichstag
die Römische Geschichte zitiert, um eine Erhöhung des Kornzolls
sozusagen aus althistorischer Sicht plausibel zu machen[137]. Die Antisemiten griffen, wie schon
erwähnt, Mommsens Bemerkung über das Judentum als "Element der
nationalen Dekomposition" auf[138]. In der "Nation" heißt es einmal[139]:
"Theodor Mommsen ist der Gefahr ausgesetzt, gelegentlich zum Ehrenmitgliede des Bundes der Landwirte ernannt zu werden. Damit er dieser Ehre völlig würdig sei, bemühen sich jetzt auch die Antisemiten, eine andere Stelle in Mommsens Römischer Geschichte mißzuverstehen".
Im Zusammenhang mit Bismarcks eigenwilliger Benutzung der Römischen Geschichte hat Mommsen in der "Nation" empört reagiert. Methodisch wichtig ist seine abschließende Bemerkung, die hier gekürzt zitiert wird[140]:
"Historische Analogien sind ein anmuthiges Spiel, welches aber durchaus darauf beruht, daß die Bedingungen der einen oder beider verglichener Tatsachen nicht mit völliger Deutlichkeit erkannt werden. Wenn irgendwo sind im Kreise der Bodenwirtschaft die groben äußerlichen Parallelen nur gut um die Unwissenheit zu bestricken ... Ist die Geschichte, wie es scheint, dazu da, um von Thoren mißverstanden und von Klugen mißbraucht zu werden, so hat sie in diesem Fall ihre Bestimmung erfüllt"[141].
Mommsen lehnt die historische Analogie also nicht grundsätzlich ab. Zwei Jahre vorher, 1883, hat er tatsächlich so etwas versucht, im erbitterten Streit um die Einführung des "Bimetallismus", d. h. einer sowohl auf Silber als auch auf Gold gestützten Währung - einen Plan, von dem sich die Agrarier Vorteile für den Absatz ihrer Produkte versprachen[142]. Auf diesen von Mommsen auch als Reichstagsabgeordneten bekämpften Plan bezieht sich der kleine Aufsatz Für den Studirtisch des Herrn von Kardorff aus dem Jahre 1883[143]. Mommsen vertritt hier den Standpunkt, daß man aus der Geschichte offenbar auch in konkreten Fällen lernen kann. Anhand einer Inschrift aus Nordafrika[144] erklärt er die wirtschaftliche Notlage im 4. Jahrhundert, zur Zeit Julians, als die wahre Vollendung des bimetallistischen Systems: "Man beging den Fehler, formell den Bimetallismus einzuführen, das Verhältnis des Goldstücks zu dem Silberdenar gesetzlich zu fixieren"[145]. Es ist also, meint Mommsen, ein Fehler, diesen Sachverhalt auch heutzutage zu verkennen.[146]:
"Wie viele Verkehrtheiten und Nichtswürdigkeiten, wie viele weitere Sünden gegen den heiligen Geist der Geschichte die Zukunft noch begehen wird, darüber wird kein Verständiger zur Zeit eine Mußmaßung sich gestatten".
Es bedurfte bei Mommsen höchster Empörung, um mit Hinweisen auf das Altertum die selbstgezogenen Grenzen von Fachwissenschaft und Publizistik zu überschreiten. Ein weiteres Beispiel stammt aus dem Jahre 1893, als Mommsen durch die Erfolge der Antisemiten, u. a. auch bei den Reichstagswahlen, und durch ihren Mißbrauch seiner Formulierungen über das antike Judentum beunruhigt war. Er ging diesmal sogar so weit, einem in einer Fachzeitschrift, den "Archäologisch-Epigraphiaschen Mittheilungen aus Österreich-Ungarn" publizierten Artikel eine aktualisierende Bemerkung anzufügen. Dieser Hinweis wurde dann auch für ein größeres Publikum in der "Nation" veröffentlicht[147].
In der von Mommsen edierten
Inschrift aus dem lykischen Arykanda[148] geht es um die Wiederaufnahme der
Christenverfolgung durch Maximinus nach dem Tode des Galerius. Die Lykier und
Pamphylier bitten den Kaiser um die Ausrottung der gefährlichen und
gottlosen Christen. Im Aufsatz schreibt Mommsen[149]:
"Die Antisemiten - Christus war ja auch ein Semit - hatten es also vor anderthalb Jahrtausenden weiter gebracht als ihre heutigen Gesinnungsgenossen. Unsere offenbaren Antisemiten haben es bis jetzt noch nicht erreicht, daß ihre Petitionen um Semitenhetze von Regierungswegen in jeder kleinen Landstadt öffentlich angeschlagen werden, und die hochgestellten Krypto-Antisemiten, die eigentlichen Schuldigen, stehen nicht minder weit zurück hinter der Leistung des Kaisers Maximinus. Einen Fortschritt der Kultur auf diesem Gebiet wird der Menschenfreund also gern registrieren".
In der Fassung für die "Nation" schließt Mommsen mit der Bemerkung[150]:
"So wechseln die Zeiten und ewig ist nichts als die Dummheit und die Bosheit".
Die "politische Pädagogik" des alten Mommsen ist also von besonderer Art und entspricht so gar nicht dem Zeitgeist. Mommsen muß im Laufe der Zeit an seiner ursprünglichen Auffassung von den Wirkungsmöglichkeiten der Geschichtsschreibung und der Geschichtswissenschaft, die bei der Konzeption der Römischen Geschichte eine Rolle spielen, doch ein wenig irre geworden sein[151]. Aus späterer Zeit findet sich kaum eine Äußerung Mommsens die seiner Arbeit in dieser Hinsicht noch einen Sinn unterlegt. Dem Bruder schreibt er im Jahre 1888[152]:
"Unser Studium hat etwas vom Morphium; man spricht die Combinationen aus und vergißt darüber die Gegenwart mit ihrem Druck: Sonst werde ich diesen nicht los. Ich bin nun einmal ein animal politicum ... so völlig ich mich von allem politischen Tun und Verkehr zurückgezogen habe, in meinen Gedanken lebe ich darin - was kann ich dafür ? Ich leide schwer genug darunter".
In der Testamentsklausel geht Mommsen im Grunde so weit, sein Lebenswerk als Lebenswerk - nach eigenem Maßstab - zweiter Wahl zu charakterisieren: "Was ich gewesen bin, oder hätte sein sollen, geht die Leute nichts an". Wie soll man diese Worte anders verstehen ?[153]. Ob er lieber ein Mann der Praxis gewesen wäre, etwa im Stil seines Freundes Bamberger ? Auch dieses Thema könnte zur Sprache gekommen sein, als Mommsen nach der Rektoratsfeier des Jahres 1874 eine Art Nervenzusammenbruch erlitt und Wilamowitz gegenüber Äußerungen machte, über die der Schwiegersohn in seinen Erinnerungen nur Andeutungen gemacht hat[154].
Solche Zweifel am eigenen
Lebensweg bedeuten nicht, daß er nicht in der Lage gewesen wäre,
seine epochale Bedeutung für die Erforschung des Altertums richtig
einzuschätzen. Er wußte, daß nach ihm keiner gleichen Ranges
würde folgen können. Im Jahre 1871 schreibt er an Gustav Freytag,
während der Arbeit am Staatsrecht[155]:
"Wissen Sie, daß ich mir manchmal vorkomme, wie der selige Ulpianus, der als Chef des Militärkabinetts einigermaßen gewußt haben muß, daß es mit der Wissenschaft damals zu Ende ging und daß er mit seinen Compendien zugleich das Testament der Wissenschaft schrieb ?"