Nachruf Walter Schmitthenner

Erschienen in: Gnomon 71, 1999, S. 174-180.

Prof. Dr. Jürgen Malitz
Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Am 8. September 1997 ist Walter Schmitthenner, emeritierter Ordinarius für Alte Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau und langjähriger Mitherausgeber dieser Zeitschrift, gestorben.

Geboren am 11. Juli 1916 in Mannheim als Sohn eines Gymnasialprofessors und früheren Pfarrers, gehörte er einer von den Erfahrungen der nationalsozialistischen Herrschaft und des Krieges geprägten Generation an. Das sowohl protestantisch als auch - mütterlicherseits - katholisch geprägte Elternhaus, an das er sich stets mit großer Liebe erinnerte, bewahrte ihn davor, gegenüber dem politischen Alltag seiner Schulzeit die kritische Distanz zu verlieren. Die Schulzeit - bis zur Obersekunda in Mannheim am Karl-Friedrich-Gymnasium, dann in Heidelberg am Kurfürst Friedrich-Gymnasium - weckte frühzeitig das Interesse an der Antike; dankbar gedachte er später seinen auch als Wissenschaftler hervorgetretenen Lehrern Hans Haas, Gustav Klingenstein und Hermann Ostern, deren Bilder sein Freiburger Arbeitszimmer schmückten. Die Wahl der Studienfächer war in der Oberstufe entschieden: Geschichte, Griechisch und Latein. Der Abiturient mit dem glänzenden Abschlußzeugnis durfte im März 1936 die Abschiedsrede halten: »Der Agon bei den Griechen«.

Einer kurzen Immatrikulation an der vorgeschriebenen Hochschule für Lehrerbildung in Karlsruhe folgten zweieinhalb Jahre Arbeits- und Wehrdienst. Dem Wehrdienst schloß sich die Einberufung zur Wehrmacht an, in der er zuletzt als Oberleutnant der Reserve diente.

An der Ostfront wurde er mehrfach verwundet. Während der Genesung erhielt er Gelegenheit zu zwei Semestern in Berlin (W.S. 1941/1942) und Heidelberg (W.S. 1942/1943). Schmitthenner überstand alle militärischen und auch politischen Gefahren[1]; er hatte das Glück, am Ende des Krieges ohne Gefangenschaft in seine Heimatstadt entlassen zu werden.

So konnte er gleich im Jahre 1946 sein Studium der Geschichte und der Klassischen Philologie in Heidelberg wieder aufnehmen; er schloß sich besonders Hans Schaefer an, mit dem ihn seitdem ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis verband[2]. Glückliche Umstände erlaubten es ihm, als einer der ersten deutschen Studenten nach dem Kriege im Sommer 1947 ein Semester in Basel zu verbringen[3].

Als schon älterer Student und Familienvater - im Jahre 1943 heiratete er die Ärztin Eva Schmitthenner, geb. Wolf, mit der er fünf Kinder hatte - gehörte er zu denen, die mit Elan an einem Neuanfang des politischen Lebens im allgemeinen und der deutschen Universität im besonderen mitwirken wollten[4].

Im Jahre 1946 wurde er Mitbegründer einer im bewußten Gegensatz zum Stil der früheren Korporationen gebildeten Studentenvereinigung, des "Friesenberg", die bis 1986 bestand[5]. Hier trafen sich Studentinnen und Studenten, die durch das Jahr 1945 geprägt waren.[6] Zu den ersten Förderern gehörten Marianne Weber (der Zugehörigkeit zum Kreis um Marianne Weber in Heidelberg hatte Schmitthenner schon seit 1938 viele Anregungen zu verdanken[7]), Gustav Radbruch[8] und Alexander Rüstow[9]. Ein besonderer, nachträglich gesehen höchst moderner Aspekt des Bundes war die Gemeinsamkeit von Studenten und Studentinnen - so war es kein Zufall, daß die Sozialpolitikern Marie Baum zu den Leitbildern der ersten Stunde gehört hat[10].

Im Jahre 1949 wurde Schmitthenner mit der Arbeit »Oktavian und das Testament Caesars« promoviert[11]. Da eine Assistentenstelle nicht sofort zur Verfügung stand, war es nicht möglich, nach der Promotion sogleich mit der Arbeit an der von Hans Schaefer schon länger in Aussicht gestellten Habilitation zu beginnen. Dem Staatsexamen folgte deshalb bis Anfang 1951 das gerne und sehr erfolgreich absolvierte Referendariat. Hans Schaefer war es dann auch zu verdanken, daß Schmitthenner ein Stipendium des British Council erhielt, mit dem er nach der Referendarzeit seine Studien von 1951 bis 1952 in Oxford fortsetzen konnte. Er war damit einer der ersten deutsche Nachkriegsstipendiaten in Oxford. Michael Holroyd, Hugh Last und Ronald Syme wurden dort seine althistorischen Mentoren[12]; auch von Eduard Fraenkel und Felix Jacoby wurde er in diesen Jahren freundschaftlich gefördert. Ronald Syme ermöglichte es ihm, nach weiteren kürzeren Studienaufenthalten, im Jahre 1958 den Oxforder Doktorgrad mit einer Arbeit über "The Armies of the Triumviral Period" zu erwerben.

Seit 1952 Assistent am Heidelberger Seminar, habilitierte sich Schmitthenner im Jahre 1959 mit einer Untersuchung über »Augustus' frühe auswärtige Unternehmungen«. 1961 erhielt er einen Ruf nach Saarbrücken; 1967 wurde er an die Seite seines Kollegen und Freundes Hermann Strasburger nach Freiburg berufen, wo er 1970 bis 1971 erster Dekan der neugeschaffenen Philosophischen Fakultät IV war. Im Jahre 1984 wurde er emeritiert., hielt aber noch bis 1991 Proseminare ab. Seit 1979 althistorischer Mitherausgeber des »Gnomon« als Nachfolger Hermann Strasburgers, widmete er sich dieser Aufgabe mit großer Sorgfalt bis 1995, als ihn wachsende gesundheitliche Schwierigkeiten zwangen, seine Arbeit für den »Gnomon« zu beenden[13].

Schmitthenners althistorisches Oeuvre umfaßt vielbeachtete Studien zur späteren Republik und zum Principat sowie zum Hellenismus und zur Universalgeschichte des Altertums.

Die Dissertation über »Oktavian und das Testament Caesars«, die sofort große Anerkennung fand, behandelte ein Thema, das nicht nur für die Beurteilung Caesars, sondern auch als Ausgangspunkt der Laufbahn des späteren Augustus von Bedeutung ist. Das Thema erwuchs aus der erst nach 1945 möglichen Rezeption der »Roman Revolution« in Heidelberg[14], aber auch aus der Kritik am Augustus-Bild des "Dritten Reiches". Der Nachweis, daß Caesar dem Großneffen die politische Nachfolge keineswegs in manifester Form erleichtern wollte, überzeugt auch heute noch. Alles hing davon ab, welchen Gebrauch Octavian von den Möglichkeiten der mit mehreren Vorbehalten versehenen testamentarischen Adoption machen würde. Der spätere Augustus erschien in dieser Arbeit in gänzlich neuem Licht: Als ein schon in sehr jungen Jahren äußerst geschickter und zielstrebiger Poltiker. Schmitthenners Ergebnisse von 1949 konnten auch von der neueren Forschung nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden; 1973 erschien die zweite, um einen Nachtrag erweiterte Auflage. Ein methodischer Grundzug dieser Arbeit ist stilbildend für alle seine weiteren Arbeiten geblieben: Immer legte er Wert darauf, als Althistoriker über die eher philologische Quellenkritik hinauszugelangen zur Mitte der historischen Zusammenhänge. Daß er zugleich, als Regenbogen-Schüler, ein glänzender klassischer Philologe und Stilist war, wird durch diese bewußte Konzentration auf das "Politische" in seinen Arbeiten leicht vergessen. Kostproben seiner Kunst als Übersetzer sind als bibliophile Drucke erschienen[15].

Der Geschichte der späteren Republik und der augusteischen Zeit galten auch die folgenden Arbeitsjahre. Krönender Abschluß des Oxforder Stipendiums war die im Jahre 1958 eingereichte D.Phil.-Thesis über die Armeen der Triumviralzeit, eine sozial- und militärgeschichtliche Studie, die die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Soldaten und ihren jeweiligen Anführern offenlegte. Diese Arbeit ist durch die Art der traditionellen "Archivierung" in der Bodleian Library schwer zugänglich, doch hat sie trotzdem viele Leser gefunden; sie wurde eine der Grundlagen für weitere militärgeschichtliche Forschungen zur späteren Republik[16]. Ein wichtiger Beitrag Schmitthenners aus diesem Bereich seiner damaligen Forschungen wurde auch die Heidelberger Antrittsvorlesung[17].

Die Habilitationsschrift vom Jahre 1959 »Augustus' frühe auswärtige Unternehmungen. Studien zur Begründung des Principats«, später in Form mehrerer Aufsätze publiziert, wurde der zweite einflußreiche Beitrag zur Revision des herkömmlichen Bildes von Augustus. Der Principat des Augustus wurde nicht mehr dargestellt als das Ergebnis einer alleinigen Gestaltung von Staat und Gesellschaft nach der Konzeption des allmächtigen Herrschers: Jetzt wurde er aufgefaßt als jeweilige Antwort auf konkrete Konstellationen und Aufgaben im Bereich der Innenpolitik.[18]

Die Saarbrücker Lehrtätigkeit seit 1961, eröffnet mit der Antrittsvorlesung über die Iden des März[19], bot die Gelegenheit zur Ausweitung des wissenschaftlichen Arbeitsfeldes auf die Geschichte des Hellenismus. Stark rezipiert wurde der im Jahre 1968 veröffentlichte Aufsatz "Über eine Formveränderung der Monarchie seit Alexander dem Großen", in der Schmitthenner auf die durch Alexander ausgelöste Intensivierung des monarchischen Herrschaftsprinzips aufmerksam machte. Er zeigte, wie seit Alexanders Sieg über das Perserreich die kriegerische Eroberung als Rechtsgrundlage für die Begründung von Herrschaft und Eigentum in auffälliger Weise betont wurde; das gewonnene Territorium wurde zum Besitz, ja zum Eigentum des Königs, der in seinem Testament völlig frei darüber verfügen konnte[20].

Universalgeschichtliche Studien galten der Berührung der griechisch-römischen Antike mit anderen Hochkulturen; die ehrenvolle Einladung zur »Taylor-Memorial-Lecture« im Jahre 1978 nahm er zum Anlaß, einen Teil seiner Forschungen zur antiken Universalgeschichte am Beispiel der römisch-indischen Beziehungen vorzustellen. In dieser Vorlesung ging er den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Rom und Indien im 1. Jhdt. n. Chr. nach[21].

Wenn Schmitthenner auch darauf achtete, in seinen Lehrveranstaltungen römische und griechische Themen im Wechsel anzubieten, blieb die Zeit des Augustus doch die Epoche, die ihn als "politischen" Historiker immer am meisten bewegt hat. In seiner Freiburger Abschiedsvorlesung vom 12. Dezember 1984 sprach er über »Caesar Augustus. Erfolg in der Geschichte«[22]. Auch für die Hörer dieser Vorlesung, die Schmitthenner nicht näher kannten, wurde noch einmal spürbar, daß er keineswegs ausschließlich dem Altertum zugewandt war, sondern nicht weniger der eigenen Zeit.

Sein wissenschaftliches Oeuvre berührt nicht nur wesentliche Abschnitte der Alten Geschichte, sondern weist ihn auch als Kenner der Neuesten Geschichte aus - ein Forschungsgebiet, das sich erklärt durch seine Erlebnisse als Soldat und die Probleme des Neubeginns im Jahre 1945. Der - jenseits aller tagespolitischen Aktualitäten - sehr politische Impetus Schmitthenners ist sonst wohl nur bei wenigen Althistorikern seiner Generation so spürbar[23].

Zu den Fragen, die ihn zeit seines Lebens umgetrieben haben und es ihm nicht erlaubten, sich ausschließlich althistorischen Fragen zu widmen, gehörten die Verbrechen des Nationalsozialismus - die Schreckensherrschaft dieser Jahre im allgemeinen, und die, wie er es einmal formuliert hat, "Ausmordung der europäischen Judenschaft" im besonderen, deren mittelbarer Zeuge er an der Ostfront geworden war: "Die Frage, wie es zu einer derartigen Loslösung von Sittengebot und Rechtsnorm kommen konnte, ist das eigentliche Problem"[24].

Ein sehr persönliches Werk der Erinnerung ist die 1970 erschienene kommentierte Sammlung von Briefen Maria Krehbiel-Darmstädters, die vom Judentum zum evangelischen Christentum übergetreten war und der von Rudolf Steiner geprägten »Christengemeinschaft« angehörte[25]. Ihr stand Schmitthenner als enger Freundin seiner Mutter nahe. Im Januar 1943 hatte er das Büro des gefürchteten S.D. in Paris aufgesucht, um die Gefangene, die damals schon im Lager von Drancy gefangengehalten wurde, freizubekommen oder wenigstens in ein Krankenhaus verlegen zu lassen, um sie damit vor dem Transport nach Osten zu retten. Nur eine letzte, bewegende Unterredung war möglich[26]. Solche direkten Begegnungen mit dem Terror ließen ihn wohl mehr gewahr werden als andere, die später "nichts gewußt hatten", und sie sind prägend gewesen für Schmitthenners späteren Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Über die Konflikte seiner Generation in dieser Zeit schrieb er: "Manche Gleichaltrige, denen Geschick oder Charakter ein ähnliches Zeugnis-Ablegen versagte, mögen in den Geschwistern Scholl und ihren Freunden sich stellvertretend entsühnt gefunden haben"[27].

Schmitthenners erste Arbeiten zur Zeitgeschichte galten der Geschichte des Widerstands gegen Hitler; das Gedenken an die Toten des deutschen Widerstands war ja ein gemeinsames geistiges Band für die Gründer des Heidelberger "Friesenberg", zu denen auch Kinder von Männern des 20. Juli und andere Verfolgte des Regimes gehörten.[28]

Daß es der Althistoriker Walter Schmitthenner war, und nicht etwa ein Neuhistoriker "vom Fach", der im Jahre 1952 in der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" über den deutschen Widerstand schrieb, ist durchaus von wissenschaftsgeschichtlichem Interessen.[29] Er hatte frühzeitig erkannt, daß der angemessene Umgang mit der Tradition des Widerstand geradezu eine Frage der nationalen Identität war: "Wer die Geschichte dieser Jahre mit der Kategorie der Gewissensbindung betrachtet, ohne zu übersehen, daß die meisten zugleich in für sie unaufhebbaren anderen Bindungen existierten, der schafft eine doppelte Möglichkeit. Er zeigt die deutsche Widerstandsbewegung als etwas, auf das die Nation stolz sein darf, und gibt allen denen, die nach bestem Wissen und Wollen gehandelt haben, ihren Rang und ihr Recht"[30].

In den folgenden Jahren übernahm er für die GWU die Forschungsberichte zur Geschichte des Widerstands[31]; zusammen mit Hans Buchheim - auch er Schaefer-Schüler - gab er im Jahre 1966 einen Band zur Geschichte des Widerstands heraus[32].

Schmitthenners dauernder Umgang mit der jüngeren deutschen Vergangenheit blieb nicht losgelöst von seinen althistorischen Forschungen; die Reflexion über Gewaltherrscher des 20. Jahrhunderts, neben Hitler für ihn vor allem Stalin, half ihm beim Studium der Krisenzeiten der spätesten Republik und der Herrschaft des Augustus, den er im Jahre 1954, zum Entsetzen Eduard Fraenkels, gesprächsweise mit Stalin zu vergleichen gewagt hatte[33].

In seinen Betrachtungen etwa über "die Zeit Vergils" wird erkennbar, wie die eigene Reflexion über die neueste Geschichte fruchtbar gemacht wird für das Studium der Triumviralzeit: "Vielleicht darf ganz allgemein die Überlegung angestellt werden, wie Menschen - nicht nur Dichter - sich verhalten in Zeiten wie den hier betrachteten ... Seiner Natur nach ist der Genosse jeder Zeit ursprünglich zum Mit-Wirken, zur Affirmation veranlagt, und das sind die meisten. Einer geringeren Zahl gelingt es, wenn nicht physisch, so psychisch abseits zu stehen. Die wenigstens - und ohne daß abstrakter Moralismus es ihnen abverlangen könnte - üben Widerstand, wo keine Hoffnung gegeben scheint[34]. Solche Fragen von Verantwortung, von Zeitgenossenschaft haben ihn wohl mehr und mehr aufgewühlt. Dietrich Bonhoeffers Essay aus dem Jahre 1943 "Nach zehn Jahren", war für ihn deshalb einer der "großen Texte dieses Jahrhunderts"[35].

Als akademischer Lehrer repräsentierte Schmitthenner alles Vorbildliche an der »alten« Universität; in manchem war ihm wohl Hans Schaefer ein Leitbild, dessen Wirken in Heidelberg er immer wieder rühmte[36]. Die Studenten, die seine Lehrveranstaltungen besuchten, nahmen wohl zuerst seinen äußerlich sehr konservativen Habitus wahr und verbanden ihn mit manchen Erwartungen von professoraler Strenge. Seine ersten Semester in Freiburg waren von dem studentischen Gerücht begleitet, er sei Oberst der Reserve bei der Bundeswehr - was damals nicht unbedingt ein Willkommensgruß sein sollte ! In Wirklichkeit war er, bei allem persönlichen, gelegentlich auch scherzhaft und selbstironisch pointierten Konservatismus, ein liberaler und väterlicher Lehrer.

Die Oxforder Zeit hatte ihn offensichtlich nicht weniger geprägt als die Heidelberger Jahre. Nicht nur die tägliche, bis ins hohe Alter beibehaltene Fahrt mit dem Fahrrad zur Universität gehörte für ihn zu den gerne übernommenen Oxforder Gebräuchen. Dem in der Regel streng hierarchisch geprägten Umgang zwischen Hochschullehrern und Studenten, wie er ihn in Heidelberg kennengelernt hatte, und über den er manche Anekdote zu erzählen wußte, zog er die akademische Gesprächskultur Oxfords bei weitem vor. Für Studenten aller Semester, vom Proseminaristen bis zum Examenskandidaten, hatte er immer Zeit, ohne Rücksicht auf die eigenen Termine. Er nahm die Jugend in ihren Fragen und Belangen sehr ernst, und seine Studenten brauchten nicht lange, um dies zu erkennen. Zu seinen Grundsätzen gehörte es, die Teilnehmer des Hauptseminars am Ende des Semesters zu sich nach Hause einzuladen, wo dann bis in die frühen Morgenstunden nicht nur über den Stoff der vergangenen Seminar-Sitzungen gesprochen wurde.

Er war Lektor in seiner Freiburger Friedensgemeinde, und im Jahre 1977 ging ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung, in der Gemeinde als Prädikant zu wirken[37]. Schmitthenners christliche Überzeugugen und Maßstäbe waren in der persönlichen Begegnung spürbar, sind aber im Oeuvre nur in ganz seltenen Momenten erkennbar, wie etwa am Ende seines letzten Forschungsberichtes in der GWU über die "Bücher des Lebens und des Todes", der Dokumention über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg[38] Nur ein einziges Mal hat er öffentlich sein Votum zu einer Frage abgegeben, die die christlichen Tradition in einer durchaus spürbaren Weise veränderte, ohne daß sich die Kirchen seiner Meinung nach genügend deutlich geäußert hatten, der offiziellen Verschiebung des Wochenbeginns vom Sonntag auf den Montag im Jahre 1976[39]

Ein Leben lang ist er christlichen und humanistischen Werten treugeblieben. In seinem ersten Kriegssemester (W.S. 1941/1942) war Schmitthenner auf Anraten von Hans Haas und Hermann Ostern nach Berlin zu deren Studienfreund Wilhelm Weber gegangen. Hier hatte er bald die Aufmerksamkeit Webers auf sich gezogen, der ihn als Schüler gewinnen wollte. Walter Schmitthenner mißfiel der zeitgebundene Ton Webers, und er entzog sich dessen Werben um Schülerschaft; ein zufällig erhaltener Brief Webers aus dem Juni 1942 an den jungen Leutnant ist ein bewegendes - indirektes - Zeugnis für die geistige Unabhängigkeit und Noblesse schon des 25jährigen: "Sie aber lassen sich beeindrucken von einem "Humanismus", der abgetan ist, und sehen die großen Lehr- und Wachstumsprozesse der Geschichte nicht, weil Sie sich normativ binden lassen ..."[40].

Für Schmitthenner stand immer schon fest, daß "das Fach" keine abstrakte Institution sei, sondern von den einzelnen Wissenschaftlern geformt und repräsentiert wird. Er gehört zu den vorbildlichen Gelehrten seiner Generation.


Anmerkungen

  1. Nur dem Anstand eines militärischen Vorgesetzten, der auf eine Meldung verzichtete, war es im Jahre 1944 zu verdanken, daß die Verlesung von Flugblättern der "Weißen Rose" im Kameradenkreis nicht schwerste Konsequenzen hatte (Mitteilung von Frau Eva Schmitthenner).
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  2. Vgl. den Nachruf in: Historisches Jahrbuch 81, 1962, S. 510-512. Zusammen mit Ursula (Vogel-)Weidemann gab er Schaefers Schriften heraus: Probleme der Alten Geschichte. Gesammelte Abhandlungen und Vorträge, Göttingen 1963.
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  3. Aus der Schweiz brachte er das erste Exemplar von Symes »Roman Revolution« nach Heidelberg; vgl. I. Stahlmann, in: AKG 72, 1990, S. 4.
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  4. Später schrieb er als Miterlebender einen eindrucksvollen Bericht über die »Stunde Null«: Studentenschaft und Studentenvereinigungen nach 1945, in: Semper Apertus. Sechshundert Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1386-1986. Band III. Das Zwanzigste Jahrhundert. 1918-1985. Berlin/Heidelberg/New York/Tokyo, 1985, S. 569-616.
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  5. Vgl. "Semper Apertus" (wie Anm. 4), S. 590-598 sowie Vereinigung Heidelberger Studenten e. V. Friesenberg. 1946 - 1956, Heidelberg 1956.
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  6. "Durch Klärung des geschichtlichen Wissens Urteil und Abstand zur jüngsten Geschichte zu gewinnen, war ein dringendes Anliegen der aus Lazaretten und Gefangenenlagern Zurückgekehrten. (...) Dabei erwies sich das Thema des Widerstands als besonders geeignet für die Bildung politischer und moralischer Maßstäbe" (Heidelberger Jahrbücher 8, 1956, S. 210 - zum zehnjährigen Jubiläum des Friesenberg).
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  7. "Während der nationalsozialistischen Zeit fast so etwas wie eine Gegenuniversität" (Semper Apertus, wie Anm. 4, S. 576).
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  8. Vgl. Semper Apertus (wie Anm. 4), S. 595.
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  9. Vgl. die Würdigung Alexander Rüstows in: Ruperto-Carola 38, 1985, S. 125-127.
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  10. Der "Friesenberg" wurde in ihrer Wohnung gegründet; vgl. Marie Baum, Rückblick auf mein Leben, Heidelberg 1950, S. 344.
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  11. Zur Atmosphäre des Schaefer-Seminars vgl. auch Schmitthenners Beitrag: Ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte des Heidelberger Seminars für Alte Geschichte. Erinnerung an Hans Schaefer, Jacques Moreau und die anderen Toten des Unglücks von 1961, in: Vom frühen Griechentum bis zur römischen Kaiserzeit. Gedenk- und Jubiläumsvorträge am Heidelberger Seminar für Alte Geschichte, Stuttgart 1989, S. 7-22.
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  12. Vgl. die Danksagung in der Vorbemerkung zu seiner »Taylor Memorial Lecture« (JRS 69, 1979, S. 90).
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  13. Vgl. Gnomon 68, 1996, S. 1.
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  14. S. oben Anm. 3.
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  15. Plutarch, Weisung zur rechten Ehe. Übertragen mit Anmerkungen. Krefeld: Scherpe, 1947 sowie Cassius Dio, Trost für Cicero. Übertragen mit Vorwort und Anmerkungen (5. Greifenhorst-Druck). Krefeld: Scherpe, 1957 [Cassius Dio 38, 18-30].
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  16. Vgl. P.A. Brunt, Italian Manpower, Oxford 1971, S. 11 Anm.2.
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  17. Politik und Armee in der späten römischen Republik. Historische Zeitschrift 190, 1960, S.1-17.
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  18. Vgl. auch die Betreuung des Bandes über Augustus in der Reihe »Wege der Forschung« (Band 128), Darmstadt 1969 sowie die wegweisende Besprechung des Buches von Hans D. Meyer, Die Außenpolitik des Augustus und die augusteische Dichtung (1961), in: Gnomon 37, 1965, S. 152-162 (besonders S. 153ff. die Ausführungen zu den Termini »Kaiser« bzw. »Princeps« in ihrer Anwendung auf Augustus).
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  19. Das Attentat auf Caesar am 15. März 44 v. Chr., in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 13, 1962, S. 685-695. Diese Arbeit ist dem Andenken seines guten Freundes Martin Friedenthal sowie Jacques Moreau und Hans Schaefer gewidmet, die am 23. September 1961 in der Türkei einem Flugzeugabsturz zum Opfer gefallen waren.
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  20. Saeculum 19, 1968, S. 31-46.
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  21. Rome and India. Aspects of Universal History during the Principate. JRS 69, 1978, S. 90-106.
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  22. Saeculum 36, 1985, S. 286-298.
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  23. So erklärt sich auch sein intensives Interesse an der Geschichte seines Faches - ein Interesse, daß für viele heute selbstverständlich sein mag, es aber in den fünfziger oder sechziger Jahren gewiß nicht war. Die Alte Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts stand dabei, wie nicht anders zu erwarten, im Vordergrund. Eine seiner eindrücklichsten Arbeiten auf diesem Gebiet ist die mit großer menschlicher Anteilnahme geschriebene Darstellung des Lebenswegs Hermann Strasburgers in den dreißiger Jahren (Biographische Vorbemerkung, in: Hermann Strasburger, Studien zur Alten Geschichte. Hrsg. von Walter Schmitthenner und Renate Zoepffel. Band I. Hildesheim & New York: Georg Olms Verlag, 1982. S. XVII-XXXIV. Vgl. auch den Nachruf in: Gnomon 58, 1986, S. 187-189).
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  24. GWU 12, 1961, S. 517. Sein letzter Forschungsbericht in der GWU aus dem Jahre 1972 ist eine mit fühlbarer Intensität niedergeschriebene Besprechung von Dokumenten-Veröffentlichungen über die Ermordung der Juden Baden-Württemberg (GWU 23, 1972, S. 316-320: "Bücher des Lebens und des Todes"). Hier finden sich bedenkenswerte, immer noch aktuelle Bemerkungen zur sog. "Vergangenheitsbewältigung". (S. 320).
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  25. Maria Krehbiel-Darmstädter. Briefe aus Gurs und Limonest 1940-1943. Ausgewählt, erläutert und herausgegeben von Walter Schmitthenner. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider. 383 S.
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  26. Wie Anm. 25, S. 332-335.
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  27. GWU 5, 1954, S. 442.
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  28. Vgl. dazu "Semper Apertus", wie Anm. 4, S. 593.
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  29. Der erste Beitrag ist auch im Zusammenhang seiner kurzen Tätigkeit als Gymnasiallehrer entstanden: Die deutsche Widerstandsbewegung gegen Hitler. Überlegungen zu ihrer Behandlung im Unterricht. GWU 3, 1952, S. 462-479. Dieser Aufsatz folgt auf den Abdruck der Rede Romano Guardinis über "Verantwortung. Gedanken zur jüdischen Frage" (S. 449-461). Wenn der deutsche Widerstand gegen Hitler heute zum festen Bestandteil des Geschichtsunterrichts gehört, so war der Entschluß, darüber zu unterrichten, im Jahre 1949 natürlich sehr ungewöhnlich. Im WS 1956/57 leitete er im Rahmen des Heidelberger Studium Generale eine Arbeitsgruppe zum Thema: "Probleme und Personen des deutschen Widerstands". Vgl. seine Bemerkung aus dem Jahre 1955: "So kämpft das fortwirkende Andenken des Widerstands noch immer mit Vergeßlichkeit, Gleichgültigkeit, Verleumdung, Feindschaft" (GWU 6, 1955, S. 188).
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  30. GWU 3, 1952, S. 479.
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  31. Vgl. GWU 5, 1954, S. 58-60 & S. 440-442; GWU 6, 1955, S. 185-189; GWU 7, 1956, S. 708-711; GWU 9, 1958, S. 189-192; GWU 10, 1959, S. 317-321; GWU 12, 1961, S. 516-529.
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  32. Walter Schmitthenner und Hans Buchheim (Hrsgg.), Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Vier historisch-kritische Studien von Hermann Graml, Hans Mommsen, Hans Joachim Reichhardt und Ernst Wolf. (Information. 17.) Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch. 288 S.
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  33. Vgl. Gymnasium 90, 1983, S. 16 die Reminiszenz über ein Gespräch mit Fraenkel nach der Nachricht über den Tod Stalins - Fraenkel ist entsetzt über Schmitthenners Frage: "Herr Professor, ob es wohl den Leuten ähnlich zumute war, als Augustus gestorben ist ?".
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  34. Gymnasium 90, 1983, S. 1-16, hier S. 15.
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  35. Vgl. Saeculum 36, 1985, S. 297 zum Essay »Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943« (In: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Berlin 1951, S. 9 - 31). Zu Bonhoeffer s. auch GWU 10, 1959, S. 317f. und GWU 12, 1961, S. 522f.
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  36. S. oben Anm. 11.
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  37. Vgl. seine Beiträge zur Geschichte der Gemeinde in: Friedensgemeinde Freiburg. 1928 - 1978. Freiburg, 1978.
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  38. Er zitiert Paulus (Phil. 4, 3) über das "Buch des Lebens" (GWU 23, 1972, S. 320). Zur Frage des christlichen Bekenntnisses in der Wissenschaft s. auch seinen Nachruf auf Hans Ulrich Instinsky, Historische Zeitschrift 218, 1974, S. 781-784, hier 783f. Als Stipendiat in Basel veröffentlichte er einen Beitrag über die Lage der Kirchen im Deutschland der Nachkriegszeit: "Altar ohne Thron: Konfessionell-geistige Strukturveränderungen im heutigen Deutschland", in: Basler Nachrichten, Sonntagsblatt. 16. April 1950, S. 58-60.
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  39. Eine Neujahrsbetrachtung. Neue Deutsche Hefte 152, 1976, S. 884-889.
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  40. Ein mit kurzem persönlichen Kommentar versehener Abdruck dieses Briefes war vorgesehen als Beitrag über Wilhelm Weber für die Festschrift Ernst Vogt (Miscellanea di Studi in Onore di Ernst Vogt = Eikasmos 4, 1993), doch hat Schmitthenner dann doch auf eine Veröffentlichung verzichtet - vermutlich deshalb, weil Webers Brief so wesentliches über ihn selbst aussagt.
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Prof. Dr. Jürgen Malitz, 19. September 1999