Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Am 8. September 1997 ist Walter Schmitthenner, emeritierter Ordinarius für Alte Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau und langjähriger Mitherausgeber dieser Zeitschrift, gestorben.
Geboren am 11. Juli 1916 in Mannheim als Sohn eines Gymnasialprofessors und
früheren Pfarrers, gehörte er einer von den Erfahrungen der
nationalsozialistischen Herrschaft und des Krieges geprägten Generation
an. Das sowohl protestantisch als auch - mütterlicherseits - katholisch
geprägte Elternhaus, an das er sich stets mit großer Liebe erinnerte,
bewahrte ihn davor, gegenüber dem politischen Alltag seiner Schulzeit die
kritische Distanz zu verlieren. Die Schulzeit - bis zur Obersekunda in
Mannheim am Karl-Friedrich-Gymnasium, dann in Heidelberg am Kurfürst
Friedrich-Gymnasium - weckte frühzeitig das Interesse an der Antike;
dankbar gedachte er später seinen auch als Wissenschaftler
hervorgetretenen Lehrern Hans Haas, Gustav Klingenstein und Hermann Ostern,
deren Bilder sein Freiburger Arbeitszimmer schmückten. Die Wahl der
Studienfächer war in der Oberstufe entschieden: Geschichte, Griechisch und
Latein. Der Abiturient mit dem glänzenden Abschlußzeugnis durfte im
März 1936 die Abschiedsrede halten: »Der Agon bei den Griechen«.
Einer kurzen Immatrikulation an der vorgeschriebenen Hochschule für
Lehrerbildung in Karlsruhe folgten zweieinhalb Jahre Arbeits- und Wehrdienst.
Dem Wehrdienst schloß sich die Einberufung zur Wehrmacht an, in der er
zuletzt als Oberleutnant der Reserve diente.
An der Ostfront wurde er mehrfach verwundet. Während der Genesung erhielt
er Gelegenheit zu zwei Semestern in Berlin (W.S. 1941/1942) und Heidelberg
(W.S. 1942/1943). Schmitthenner überstand alle militärischen und auch
politischen Gefahren[1]; er
hatte das Glück, am Ende des Krieges ohne Gefangenschaft in seine
Heimatstadt entlassen zu werden.
So konnte er gleich im Jahre 1946 sein Studium der Geschichte und der
Klassischen Philologie in Heidelberg wieder aufnehmen; er schloß sich
besonders Hans Schaefer an, mit dem ihn seitdem ein ganz besonderes
Vertrauensverhältnis verband[2]. Glückliche Umstände erlaubten es
ihm, als einer der ersten deutschen Studenten nach dem Kriege im Sommer 1947
ein Semester in Basel zu verbringen[3].
Als schon älterer Student und Familienvater - im Jahre 1943 heiratete er
die Ärztin Eva Schmitthenner, geb. Wolf, mit der er fünf Kinder hatte
- gehörte er zu denen, die mit Elan an einem Neuanfang des politischen
Lebens im allgemeinen und der deutschen Universität im besonderen
mitwirken wollten[4].
Im Jahre 1946 wurde er Mitbegründer einer im bewußten Gegensatz zum
Stil der früheren Korporationen gebildeten Studentenvereinigung, des
"Friesenberg", die bis 1986 bestand[5]. Hier trafen sich Studentinnen und
Studenten, die durch das Jahr 1945 geprägt waren.[6] Zu den ersten Förderern gehörten
Marianne Weber (der Zugehörigkeit zum Kreis um Marianne Weber in
Heidelberg hatte Schmitthenner schon seit 1938 viele Anregungen zu verdanken[7]), Gustav Radbruch[8] und Alexander
Rüstow[9]. Ein
besonderer, nachträglich gesehen höchst moderner Aspekt des Bundes
war die Gemeinsamkeit von Studenten und Studentinnen - so war es kein Zufall,
daß die Sozialpolitikern Marie Baum zu den Leitbildern der ersten Stunde
gehört hat[10].
Im Jahre 1949 wurde Schmitthenner mit der Arbeit »Oktavian und das
Testament Caesars« promoviert[11]. Da eine Assistentenstelle nicht sofort
zur Verfügung stand, war es nicht möglich, nach der Promotion
sogleich mit der Arbeit an der von Hans Schaefer schon länger in Aussicht
gestellten Habilitation zu beginnen. Dem Staatsexamen folgte deshalb bis Anfang
1951 das gerne und sehr erfolgreich absolvierte Referendariat. Hans Schaefer
war es dann auch zu verdanken, daß Schmitthenner ein Stipendium des
British Council erhielt, mit dem er nach der Referendarzeit seine Studien von
1951 bis 1952 in Oxford fortsetzen konnte. Er war damit einer der ersten
deutsche Nachkriegsstipendiaten in Oxford. Michael Holroyd, Hugh Last und
Ronald Syme wurden dort seine althistorischen Mentoren[12]; auch von Eduard Fraenkel und Felix
Jacoby wurde er in diesen Jahren freundschaftlich gefördert. Ronald Syme
ermöglichte es ihm, nach weiteren kürzeren Studienaufenthalten, im
Jahre 1958 den Oxforder Doktorgrad mit einer Arbeit über "The Armies
of the Triumviral Period" zu erwerben.
Seit 1952 Assistent am Heidelberger Seminar, habilitierte sich Schmitthenner im
Jahre 1959 mit einer Untersuchung über »Augustus' frühe
auswärtige Unternehmungen«. 1961 erhielt er einen Ruf nach
Saarbrücken; 1967 wurde er an die Seite seines Kollegen und Freundes
Hermann Strasburger nach Freiburg berufen, wo er 1970 bis 1971 erster Dekan der
neugeschaffenen Philosophischen Fakultät IV war. Im Jahre 1984 wurde er
emeritiert., hielt aber noch bis 1991 Proseminare ab. Seit 1979 althistorischer
Mitherausgeber des »Gnomon« als Nachfolger Hermann Strasburgers,
widmete er sich dieser Aufgabe mit großer Sorgfalt bis 1995, als ihn
wachsende gesundheitliche Schwierigkeiten zwangen, seine Arbeit für den
»Gnomon« zu beenden[13].
Schmitthenners althistorisches Oeuvre umfaßt vielbeachtete Studien zur
späteren Republik und zum Principat sowie zum Hellenismus und zur
Universalgeschichte des Altertums.
Die Dissertation über »Oktavian und das Testament Caesars«, die
sofort große Anerkennung fand, behandelte ein Thema, das nicht nur
für die Beurteilung Caesars, sondern auch als Ausgangspunkt der Laufbahn
des späteren Augustus von Bedeutung ist. Das Thema erwuchs aus der erst
nach 1945 möglichen Rezeption der »Roman Revolution« in
Heidelberg[14], aber auch
aus der Kritik am Augustus-Bild des "Dritten Reiches". Der Nachweis,
daß Caesar dem Großneffen die politische Nachfolge keineswegs in
manifester Form erleichtern wollte, überzeugt auch heute noch. Alles hing
davon ab, welchen Gebrauch Octavian von den Möglichkeiten der mit mehreren
Vorbehalten versehenen testamentarischen Adoption machen würde. Der
spätere Augustus erschien in dieser Arbeit in gänzlich neuem Licht:
Als ein schon in sehr jungen Jahren äußerst geschickter und
zielstrebiger Poltiker. Schmitthenners Ergebnisse von 1949 konnten auch von der
neueren Forschung nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden; 1973
erschien die zweite, um einen Nachtrag erweiterte Auflage. Ein methodischer
Grundzug dieser Arbeit ist stilbildend für alle seine weiteren Arbeiten
geblieben: Immer legte er Wert darauf, als Althistoriker über die eher
philologische Quellenkritik hinauszugelangen zur Mitte der historischen
Zusammenhänge. Daß er zugleich, als Regenbogen-Schüler, ein
glänzender klassischer Philologe und Stilist war, wird durch diese
bewußte Konzentration auf das "Politische" in seinen Arbeiten leicht
vergessen. Kostproben seiner Kunst als Übersetzer sind als bibliophile
Drucke erschienen[15].
Der Geschichte der späteren Republik und der augusteischen Zeit galten
auch die folgenden Arbeitsjahre. Krönender Abschluß des Oxforder
Stipendiums war die im Jahre 1958 eingereichte D.Phil.-Thesis über die
Armeen der Triumviralzeit, eine sozial- und militärgeschichtliche Studie,
die die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Soldaten und ihren
jeweiligen Anführern offenlegte. Diese Arbeit ist durch die Art der
traditionellen "Archivierung" in der Bodleian Library schwer
zugänglich, doch hat sie trotzdem viele Leser gefunden; sie wurde eine der
Grundlagen für weitere militärgeschichtliche Forschungen zur
späteren Republik[16]. Ein wichtiger Beitrag Schmitthenners aus
diesem Bereich seiner damaligen Forschungen wurde auch die Heidelberger
Antrittsvorlesung[17].
Die Habilitationsschrift vom Jahre 1959 »Augustus' frühe
auswärtige Unternehmungen. Studien zur Begründung des
Principats«, später in Form mehrerer Aufsätze publiziert, wurde
der zweite einflußreiche Beitrag zur Revision des herkömmlichen
Bildes von Augustus. Der Principat des Augustus wurde nicht mehr dargestellt
als das Ergebnis einer alleinigen Gestaltung von Staat und Gesellschaft nach
der Konzeption des allmächtigen Herrschers: Jetzt wurde er aufgefaßt
als jeweilige Antwort auf konkrete Konstellationen und Aufgaben im Bereich der
Innenpolitik.[18]
Die Saarbrücker Lehrtätigkeit seit 1961, eröffnet mit der
Antrittsvorlesung über die Iden des März[19], bot die Gelegenheit zur Ausweitung des
wissenschaftlichen Arbeitsfeldes auf die Geschichte des Hellenismus. Stark
rezipiert wurde der im Jahre 1968 veröffentlichte Aufsatz "Über
eine Formveränderung der Monarchie seit Alexander dem Großen", in der
Schmitthenner auf die durch Alexander ausgelöste Intensivierung des
monarchischen Herrschaftsprinzips aufmerksam machte. Er zeigte, wie seit
Alexanders Sieg über das Perserreich die kriegerische Eroberung als
Rechtsgrundlage für die Begründung von Herrschaft und Eigentum in
auffälliger Weise betont wurde; das gewonnene Territorium wurde zum
Besitz, ja zum Eigentum des Königs, der in seinem Testament völlig
frei darüber verfügen konnte[20].
Universalgeschichtliche Studien galten der Berührung der
griechisch-römischen Antike mit anderen Hochkulturen; die ehrenvolle
Einladung zur »Taylor-Memorial-Lecture« im Jahre 1978 nahm er zum
Anlaß, einen Teil seiner Forschungen zur antiken Universalgeschichte am
Beispiel der römisch-indischen Beziehungen vorzustellen. In dieser
Vorlesung ging er den politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Rom
und Indien im 1. Jhdt. n. Chr. nach[21].
Wenn Schmitthenner auch darauf achtete, in seinen Lehrveranstaltungen
römische und griechische Themen im Wechsel anzubieten, blieb die Zeit des
Augustus doch die Epoche, die ihn als "politischen" Historiker immer am
meisten bewegt hat. In seiner Freiburger Abschiedsvorlesung vom 12. Dezember
1984 sprach er über »Caesar Augustus. Erfolg in der
Geschichte«[22].
Auch für die Hörer dieser Vorlesung, die Schmitthenner nicht
näher kannten, wurde noch einmal spürbar, daß er keineswegs
ausschließlich dem Altertum zugewandt war, sondern nicht weniger der
eigenen Zeit.
Sein wissenschaftliches Oeuvre berührt nicht nur wesentliche Abschnitte
der Alten Geschichte, sondern weist ihn auch als Kenner der Neuesten Geschichte
aus - ein Forschungsgebiet, das sich erklärt durch seine Erlebnisse als
Soldat und die Probleme des Neubeginns im Jahre 1945. Der - jenseits aller
tagespolitischen Aktualitäten - sehr politische Impetus Schmitthenners ist
sonst wohl nur bei wenigen Althistorikern seiner Generation so spürbar[23].
Zu den Fragen, die ihn zeit seines Lebens umgetrieben haben und es ihm nicht
erlaubten, sich ausschließlich althistorischen Fragen zu widmen,
gehörten die Verbrechen des Nationalsozialismus - die Schreckensherrschaft
dieser Jahre im allgemeinen, und die, wie er es einmal formuliert hat,
"Ausmordung der europäischen Judenschaft" im besonderen, deren
mittelbarer Zeuge er an der Ostfront geworden war: "Die Frage, wie es zu einer
derartigen Loslösung von Sittengebot und Rechtsnorm kommen konnte, ist das
eigentliche Problem"[24].
Ein sehr persönliches Werk der Erinnerung ist die 1970 erschienene
kommentierte Sammlung von Briefen Maria Krehbiel-Darmstädters, die vom
Judentum zum evangelischen Christentum übergetreten war und der von Rudolf
Steiner geprägten »Christengemeinschaft« angehörte[25]. Ihr stand
Schmitthenner als enger Freundin seiner Mutter nahe. Im Januar 1943 hatte er
das Büro des gefürchteten S.D. in Paris aufgesucht, um die Gefangene,
die damals schon im Lager von Drancy gefangengehalten wurde, freizubekommen
oder wenigstens in ein Krankenhaus verlegen zu lassen, um sie damit vor dem
Transport nach Osten zu retten. Nur eine letzte, bewegende Unterredung war
möglich[26]. Solche
direkten Begegnungen mit dem Terror ließen ihn wohl mehr gewahr werden als
andere, die später "nichts gewußt hatten", und sie sind
prägend gewesen für Schmitthenners späteren Umgang mit der
deutschen Vergangenheit. Über die Konflikte seiner Generation in dieser
Zeit schrieb er: "Manche Gleichaltrige, denen Geschick oder Charakter ein
ähnliches Zeugnis-Ablegen versagte, mögen in den Geschwistern Scholl
und ihren Freunden sich stellvertretend entsühnt gefunden haben"[27].
Schmitthenners erste Arbeiten zur Zeitgeschichte galten der Geschichte des
Widerstands gegen Hitler; das Gedenken an die Toten des deutschen Widerstands
war ja ein gemeinsames geistiges Band für die Gründer des
Heidelberger "Friesenberg", zu denen auch Kinder von Männern des 20.
Juli und andere Verfolgte des Regimes gehörten.[28]
Daß es der Althistoriker Walter Schmitthenner war, und nicht etwa ein
Neuhistoriker "vom Fach", der im Jahre 1952 in der Zeitschrift "Geschichte
in Wissenschaft und Unterricht" über den deutschen Widerstand schrieb, ist
durchaus von wissenschaftsgeschichtlichem Interessen.[29] Er hatte frühzeitig erkannt,
daß der angemessene Umgang mit der Tradition des Widerstand geradezu eine
Frage der nationalen Identität war: "Wer die Geschichte dieser Jahre mit
der Kategorie der Gewissensbindung betrachtet, ohne zu übersehen, daß
die meisten zugleich in für sie unaufhebbaren anderen Bindungen
existierten, der schafft eine doppelte Möglichkeit. Er zeigt die deutsche
Widerstandsbewegung als etwas, auf das die Nation stolz sein darf, und gibt
allen denen, die nach bestem Wissen und Wollen gehandelt haben, ihren Rang und
ihr Recht"[30].
In den folgenden Jahren übernahm er für die GWU die
Forschungsberichte zur Geschichte des Widerstands[31]; zusammen mit Hans Buchheim - auch er
Schaefer-Schüler - gab er im Jahre 1966 einen Band zur Geschichte des
Widerstands heraus[32].
Schmitthenners dauernder Umgang mit der jüngeren deutschen Vergangenheit
blieb nicht losgelöst von seinen althistorischen Forschungen; die
Reflexion über Gewaltherrscher des 20. Jahrhunderts, neben Hitler für
ihn vor allem Stalin, half ihm beim Studium der Krisenzeiten der spätesten
Republik und der Herrschaft des Augustus, den er im Jahre 1954, zum Entsetzen
Eduard Fraenkels, gesprächsweise mit Stalin zu vergleichen gewagt hatte[33].
In seinen Betrachtungen etwa über "die Zeit Vergils" wird erkennbar,
wie die eigene Reflexion über die neueste Geschichte fruchtbar gemacht
wird für das Studium der Triumviralzeit: "Vielleicht darf ganz allgemein
die Überlegung angestellt werden, wie Menschen - nicht nur Dichter - sich
verhalten in Zeiten wie den hier betrachteten ... Seiner Natur nach ist der
Genosse jeder Zeit ursprünglich zum Mit-Wirken, zur Affirmation veranlagt,
und das sind die meisten. Einer geringeren Zahl gelingt es, wenn nicht
physisch, so psychisch abseits zu stehen. Die wenigstens - und ohne daß
abstrakter Moralismus es ihnen abverlangen könnte - üben Widerstand,
wo keine Hoffnung gegeben scheint[34]. Solche Fragen von Verantwortung, von
Zeitgenossenschaft haben ihn wohl mehr und mehr aufgewühlt. Dietrich
Bonhoeffers Essay aus dem Jahre 1943 "Nach zehn Jahren", war für ihn
deshalb einer der "großen Texte dieses Jahrhunderts"[35].
Als akademischer Lehrer repräsentierte Schmitthenner alles Vorbildliche an
der »alten« Universität; in manchem war ihm wohl Hans Schaefer
ein Leitbild, dessen Wirken in Heidelberg er immer wieder rühmte[36]. Die Studenten, die
seine Lehrveranstaltungen besuchten, nahmen wohl zuerst seinen
äußerlich sehr konservativen Habitus wahr und verbanden ihn mit
manchen Erwartungen von professoraler Strenge. Seine ersten Semester in
Freiburg waren von dem studentischen Gerücht begleitet, er sei Oberst der
Reserve bei der Bundeswehr - was damals nicht unbedingt ein
Willkommensgruß sein sollte ! In Wirklichkeit war er, bei allem
persönlichen, gelegentlich auch scherzhaft und selbstironisch pointierten
Konservatismus, ein liberaler und väterlicher Lehrer.
Die Oxforder Zeit hatte ihn offensichtlich nicht weniger geprägt als die
Heidelberger Jahre. Nicht nur die tägliche, bis ins hohe Alter
beibehaltene Fahrt mit dem Fahrrad zur Universität gehörte für
ihn zu den gerne übernommenen Oxforder Gebräuchen. Dem in der Regel
streng hierarchisch geprägten Umgang zwischen Hochschullehrern und
Studenten, wie er ihn in Heidelberg kennengelernt hatte, und über den er
manche Anekdote zu erzählen wußte, zog er die akademische
Gesprächskultur Oxfords bei weitem vor. Für Studenten aller Semester,
vom Proseminaristen bis zum Examenskandidaten, hatte er immer Zeit, ohne
Rücksicht auf die eigenen Termine. Er nahm die Jugend in ihren Fragen und
Belangen sehr ernst, und seine Studenten brauchten nicht lange, um dies zu
erkennen. Zu seinen Grundsätzen gehörte es, die Teilnehmer des
Hauptseminars am Ende des Semesters zu sich nach Hause einzuladen, wo dann bis
in die frühen Morgenstunden nicht nur über den Stoff der vergangenen
Seminar-Sitzungen gesprochen wurde.
Er war Lektor in seiner Freiburger Friedensgemeinde, und im Jahre 1977 ging ein
lange gehegter Wunsch in Erfüllung, in der Gemeinde als Prädikant zu
wirken[37].
Schmitthenners christliche Überzeugugen und Maßstäbe waren in
der persönlichen Begegnung spürbar, sind aber im Oeuvre nur in ganz
seltenen Momenten erkennbar, wie etwa am Ende seines letzten
Forschungsberichtes in der GWU über die "Bücher des Lebens und
des Todes", der Dokumention über die Verfolgung der jüdischen
Bürger in Baden-Württemberg[38] Nur ein einziges Mal hat er
öffentlich sein Votum zu einer Frage abgegeben, die die christlichen
Tradition in einer durchaus spürbaren Weise veränderte, ohne daß
sich die Kirchen seiner Meinung nach genügend deutlich geäußert
hatten, der offiziellen Verschiebung des Wochenbeginns vom Sonntag auf den
Montag im Jahre 1976[39]
Ein Leben lang ist er christlichen und humanistischen Werten treugeblieben. In
seinem ersten Kriegssemester (W.S. 1941/1942) war Schmitthenner auf Anraten von
Hans Haas und Hermann Ostern nach Berlin zu deren Studienfreund Wilhelm Weber
gegangen. Hier hatte er bald die Aufmerksamkeit Webers auf sich gezogen, der
ihn als Schüler gewinnen wollte. Walter Schmitthenner mißfiel der
zeitgebundene Ton Webers, und er entzog sich dessen Werben um
Schülerschaft; ein zufällig erhaltener Brief Webers aus dem Juni 1942
an den jungen Leutnant ist ein bewegendes - indirektes - Zeugnis für die
geistige Unabhängigkeit und Noblesse schon des 25jährigen: "Sie
aber lassen sich beeindrucken von einem "Humanismus", der abgetan ist, und
sehen die großen Lehr- und Wachstumsprozesse der Geschichte nicht, weil
Sie sich normativ binden lassen ..."[40].
Für Schmitthenner stand immer schon fest, daß "das Fach" keine
abstrakte Institution sei, sondern von den einzelnen Wissenschaftlern geformt
und repräsentiert wird. Er gehört zu den vorbildlichen Gelehrten
seiner Generation.