Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
E-Mail:
100270.3107@compuserve.com
In der Biographie seines Schwiegervaters spricht Tacitus auch von der intensiven Beschäftigung Agricolas mit der Philosophie[1]:
"Ich halte im Gedächtnis fest, daß er zu erzählen pflegte, er hätte in seiner ersten Jugend das Studium der Philosophie leidenschaftlicher, als es einem Römer und Senator verstattet ist, in sich eingesogen, wenn nicht die Klugheit der Mutter den entflammten und glühenden Sinn gezähmt hätte. Natürlich suchte ein aufs Erhabene gerichteter und stolzer Geist die Schönheit und das Bild großen und hohen Ruhmes mehr stürmisch als vorsichtig zu erlangen. Bald wirkten Vernunft und Alter mildernd, und er behielt, was am schwierigsten ist, aus der Philosophie den Sinn für Proportionen zurück[2]".
Agricolas Reminiszenz macht die Faszination deutlich, die in den fünfziger Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. von der Philosophie, und besonders von der stoischen Philosophie, ausgehen konnte[3] - das Problem war die Verbindung von Theorie und Praxis, mit nachteiligen Konsequenzen für die Karriere[4]. Der Rat von Agricolas Mutter ist nur insofern originell, als er eben von der Mutter stammt. Traditionell kam ein solcher Hinweis aus dem Munde des Vaters, wie etwa bei Seneca[5]. Allerdings war Agricolas Vater, der auch als Schriftsteller bekannt gewesen ist, zur Zeit des Studiums in Massilia schon tot. Julius Graecinus hatte für seine oppositionelle oder wenigstens selbständige Haltung unter Caligula mit dem Leben bezahlen müssen[6].
Was Agricolas Mutter, vielleicht in Erinnerung an den Tod ihres Mannes, mit
solcher Sorge erfüllte, die Vorbereitung auf die politische Praxis auch
durch das Studium der Philosophie, ist allerdings nicht sehr lange von Nachteil
gewesen. Die relativ kurze Phase der römischen Geschichte, die von Nero
bis zu den Flaviern reicht, als das Bekenntnis zur Stoa von den Mächtigen
als Bedrohung ihrer Sicherheit betrachtet wurde, soll im folgenden eingeordnet
werden in die Geschichte des 1. Jahrhunderts n. Chr., mit einem Blick
zurück in die Späte Republik, und mit einem Ausblick in die Zeit, als
Mark Aurel Princeps wurde, dessen philosophische Reflexionen für uns heute
wichtiger sind als seine Feldzüge.
Im letzten Jahrhundert der Republik wurden philosophische Kenntnisse ein Teil jeder anspruchsvollen Erziehung. Interessierte Römer mußten aber nicht unbedingt eine Bildungsreise unternehmen, um von Philosophen Unterweisung zu erhalten[7]; alle Schulen waren im Rom des 1. Jahrhunderts v. Chr. durch griechische Vertreter repräsentiert[8].
Die Verbreitung der Stoa in der römischen Oberschicht wurde dadurch
erleichtert, daß ihre Lehren - spätestens in der durch Panaitios
vermittelten Formen den römischen Konventionen sehr entgegenkamen[9]. Die Stoa erwartete in der
Regel auch von ernsthaft Philosophierenden eine Beteiligung an den Geschicken
des Gemeinwesen[10], sie
billigte die staatlichen Einrichtungen der Republik und gab ihnen sogar das
Gütesiegel einer gut gemischten Verfassung[11], sie erkannte die Beibehaltung der
Staatsreligion an und ließ sich sogar auf die Mantik ein[12].
Vieles der herkömmlichen epikureischen Lehre widersprach den Vorstellungen
der römischen Oberschicht so, wie die Stoa ihren Grundsätzen
entgegenkam[13]. Die
Götter waren fern[14], und die Frage nach der Teilnahme am
öffentlichen Leben eher unwichtig; bedeutungsvoll war nur das Streben nach
innerer Unabhängigkeit[15]. Die philosophischen Positionen der
Epikureer waren also schwer in Einklang zu bringen mit dem überlieferten
Lebensstil eines römischen Senators. Die professionellen Vertreter der
Schule gaben sich dennoch alle Mühe, in Rom Fuß zu fassen; Cicero
z.B. hat in den achtziger Jahren bei Philodem Vorlesungen gehört[16]. Der Panaitios der
Epikureer wurde Philodem von Gadara; er hat die epikureischen Lehren den
Erfordernissen des römischen Lebens offenbar besser angepaßt. Es ist
kein Zufall, daß sich ausgerechnet von ihm Fragmente einer Schrift mit dem
Titel "Über den Guten König nach Homer" erhalten haben. Hier gab
ein epikureischer Philosoph römischen Senatoren Hinweise für ihr
Verhalten im politischen Leben[17]. In der Zeit Ciceros gibt es einige
durchaus aktive Senatoren, die in der Philosophie Epikurs angeschlossen
hatten[18].
Der Epikureismus war damals aber nicht nur in Rom, sondern auch in Italien
vertreten[19]. Cicero
kennt die epikureischen Freundeskreise in Kampanien; er kennt Philodem, und
auch Siro, den Lehrer des Vergil[20]. Auf dem Höhepunkt der Wirksamkeit
epikureischer Lehren erfolgt die Veröffentlichung von Lukrez' Lehrgedicht,
das, nimmt man es wörtlich, eigentlich die Fundamente des römischen
Gemeinwesens hätte erschüttern können[21].
Wichtig waren die stoischen oder epikureischen Lehren damals vor allem für
die persönliche Lebensbewältigung der vornehmen Herren, gerade in
dieser Zeit, als die Bindung an die alte römische Religion schwächer
geworden war und östliche Kulte eher den unteren Schichten Orientierung
gaben[22]. Diese Funktion
der Philosophie wird erkennbar etwa in der Bedeutung der Konsolationsliteratur.
Für Cicero bieten die Argumente der Philosophie vor allem Hilfe in seinem
Schmerz über den frühen Tod der Tochter Tullia[23], und nur gelegentlich bei seinem Ringen um
die richtige politische Haltung in der Zeit des Bürgerkrieges[24]. Die Berufung auf die
Lehren griechischer Philosophen im politischen Alltag galt stets als suspekt.
Wer sein öffentliches Auftreten an den praecepta der Griechen orientierte,
tat gut daran, nicht offen darauf hinzuweisen, oder er lief Gefahr Anstoß
zu erregen[25]. Cicero hat
sich an diese Regeln gehalten, und er hat die Vorurteile gegenüber Cato
gern ausgespielt, wenn er sich davon etwas versprach[26]. Die Ausnahmeerscheinung des jüngeren
Cato bestätigt nur die römische Regel. Seine unverhohlene
Lektüre stoischer Spezialliteratur war in dieser demonstrativen Form nur
ihm als Angehörigem einer der "Großen Familien" erlaubt[27]. Dem üblichen
Voruteil entsprach Catos begeisterter Anhänger Favonius, noch in
späterer Zeit das gern zitierte Beispiel für einen lästigen
Philosophaster[28]. Das
begeisterte Bekenntnis zu einer ganz bestimmten Lehre war ohnehin wohl die
Ausnahme. Als Cicero sich zur Zeit seiner philosophischen Schriftstellerei
ausdrücklich zur skeptischen Akademie bekannte, dürfte das für
viele seiner Freunde eine Überraschung gewesen sein[29].
Wenn für die spätere Republik bis auf die Zeit von Caesars
Alleinherrschaft kaum Zeugnisse für eine bewußt philosophisch
begründete politische Haltung zu finden sind, so erklärt sich
natürlich auch daraus, daß die damals wichtigsten Schulen, Epikureer
und Stoiker, politisch nicht so festgelegt waren, daß sie speziell
für das System der Republik, der libera res publica, bestimmte
Vehaltensmaßregeln liefern konnten. Dennoch dürften griechische
Philosophen bzw. Hauslehrer hin und wieder Gelegenheit gehabt haben, einem
römischen Senator philosphisch begründeten Rat zu geben. Es
gehörte zum guten Ton, einen Philosophen als Hausgenossen zu haben. Scipio
legte Wert darauf, daß der römischen Öffentlichkeit sein
Verhältnis zu Panaitios bekannt war[30]. Blossius von Cumae war Gastfreund des
Tiberius Gracchus, Cato hatte seinen Athenodoros, Caesars Schwiegervater Piso
beherbergte den Epikureer Philodem, und bei Cicero wohnte der Stoiker
Diodotos[31]. Dem Ehrgeiz
der einzelnen Herren entsprach gelegentlich der Rang des philosophischen
Hausfreundes - Pompeius meinte es sich schuldig zu sein, Poseidonios zu seinen
Freunden zählen zu lassen[32]. Bemerkenswert ist ein bei Plutarch
überliefertes Gespräch zwischen Pompeius und Kratippos nach der
Niederlage von Pharsalos; Pompeius scheint auf solche "therapeutischen"
Gespräche recht großen Wert gelegt zu haben[33].
Eine wirkliche Beeinflussung politischer Entscheidungen durch philosophische
Bildung im allgemeinen und solche Gespräche im besonderen ist allenfalls
für die Politik gegenüber den Untertanen wahrscheinlich. Es gab
Senatoren,deren korrektes Auftreten in den Provinzen ohne Zweifel
beeinflußt gewesen ist durch ihr Bekenntnis zur stoischen Philosophie -
ein Bekenntnis, das sich allerdings gut vereinbaren ließ mit der strikten
Beachtung der durch den mos maiorum überlieferten Regeln für
das Verhalten gegenüber Untertanen[34]. Sehr nützlich waren die Lehren der
Stoa natürlich auch dann, wenn sie die Beherrschung des Schwächeren
durch den Stärkeren gedanklich begründen halfen. In diesem Sinne war
die stoische Philosphie zur Zeit der Republik alles andere als eine Bedrohung
der bestehenden Machtverhältnisse[35]. Es versteht sich von selbst, daß
niemand soweit gehen wollte, die stoische Lehre von der prinzipiellen
Gleichheit aller Menschen so wörtlich zu nehmen, daß die rigorosen
Standesunterschiede oder gar die Institution der Sklaverei in Gefahr gerieten[36].
Niemals ist das philosophische Engagement Einzelner oder einer Gruppe in dieser
Zeit für den Senat zum innenpolitischen Problem geworden und niemand
wäre auf den Gedanken gekommen, wie später bei den Stoikern der
Prinzipatszeit in der Verbreitung stoischen Gedankenguts eine Gefahr zu sehen.
Auch die Rückzugsgedanken der Epikureer waren ungefährlich. Im
letzten Jahrhundert der Republik bedurfte es keiner philosophischen
Begründung der Teilnahme am Gemeinwesen - mehr als genug Bewerber stritten
um die Ehrenämter, so daß gelegentlich gesetzlich gegen
Wahlbetrügereien eingeschritten werden mußte[37]; im Zeitalter des Prinzipats sollte sich
das ändern[38].
Zum politischen Problem wird philosophisches Engagement von Senatoren erst in
der letzten Phase der Republik, in der Zeit des Bürgerkriegs und der
Alleinherrschaft Caesars. Catos stoische Energie gewinnt ihre Kraft erst aus
dem Gegensatz zu Caesar, der die alte Verfassung, wie jedenfalls Cato meinte,
zu zerstören drohte. Ausdrücklich philosophische Argumente im
politischen Kampf hat aber auch Cato nicht gebraucht; keiner seiner Gegner hat
ihm damals den gewiß populären Vorwurf machen können, daß
er die Republik der Optimaten auch mit Lehrsätzen aus der stoischen
Fachliteratur verteidigte[39]. Stoisch bei Cato war vor allem die
Gewinnung von Standfestigkeit bei der Verteidigung seiner einmal für
richtig erkannten eigenen politischen Position[40]. Hier mußte, stoisch ganz korrekt,
nicht einmal gewährleistet sein, daß diese Position auch für
andere zu übernehmen war[41].
Caesar selbst hatte ein distanziertes Verhältnis zur Philosophie. Im
Unterschied zu vielen seiner Standesgenossen scheint er niemals einen
Hausphilosophen gehabt zu haben[42]. Furcht vor Philosophen hatte er
natürich auch nicht; von ihm wird die Absicht überliefert, im Rahmen
seiner Bildungspolitik liberalium artium doctores, also auch
Philosophen, durch Vergünstigungen nach Rom zu holen[43]. Bemerkenswert ist sein Angebot, C.
Sextius, später der einzige mehr oder weniger originelle römische
Philosoph, in den Senat aufzunehmen[44]. Sextius hat damals abgelehnt, wohl mehr
aus Gründen seiner philosophischen Berufung denn aus Opposition[45].
Im Lager der Freunde Caesars gab es viele philosophisch engagierte
Männer[46]. Die
Philosophie als solche konnte keine klare Anweisung geben; wer Caesar nicht
für einen Tyrannnen hielt, konnte als Epikureer und als Stoiker seinen
Frieden mit ihm machen. Gerade auch Brutus, der so viel Wert legte auf seine
philosophischen Publikationen, war die längste Zeit in der Lage, die
Alleinherrschaft zu ertragen und Vorteile daraus zu ziehen[47]; nur Caesars Hinweis auf Brutus'
Willensstärke ist eine überraschende Vorwegnahme der philosophisch
begründeten constantia oppositioneller Senatoren der
Prinzipatszeit[48].
Wenn auch viele ihren philosophischen Glauben mit dem Dienst unter Caesar
vereinbaren konnten, so ist andererseits nicht zu übersehen, daß die
Philosophie auch beim Kampf gegen Caesar eine gewisse Rolle gespielt hat.
Ciceros philosophische Schriften in lateinischer Sprache - durch die
Verbreitung philosophischer Bildung in Italien eine ganz neue Dimension
erreicht[49] - sind
keinesfalls in einem Caesar freundlich gesonnenen Ton verfaßt; sie machen
immer wieder deutlich, wenn auch eher nebenbei, daß tyrannische
Alleinherrschaft rechtlich nicht zu begründen war. Wer wollte, konnte sich
von Cicero in diesem Sinne über Caesars ungesetzliche Stellung im Staate
belehren lassen[50]. Vor
den Iden des März gab es natürlich Diskussionen über die
Rechtfertigung eines Tyrannenmordes - ausgerechnet Favonius hielt damals eine
Tyrannenherrschaft für weniger schlimm als einen neuen Bürgerkrieg[51]. Und der Führer der
Verschwörung gegen Caesar wurde nicht der stoisch-akademische Brutus,
sondern ein bekehrter Epikureer: Cassius, der erst im Jahre 45 zu seinem neuen
Glauben konvertiert war[52]; er könnte die Ansicht vertreten
haben, daß seine epikureische Seelenruhe besser durch freiheitliche
Zustände als durch die Herrschaft Caesars gewährleistet werde[53].
Scipio Aemilianus und Pompeius haben mit griechischen Philosophen Gespräche geführt und sich vielleicht sogar davon beeinflussen lassen. Caesars persönliche Distanz zu philosphischen Hausgenossen nimmt dann die geringere Bedeutung der Hofphilosophen im Prinzipat vorweg. Diese Entwicklung ist keineswegs selbstverständlich, wenn man berücksichtigt, daß sich Philosophen der hellenistischen Zeit ihren Herrschern als Ratgeber zur Verfügung gestellt haben[54].
Natürlich hat es auch bei Augustus und seinen Nachfolgern Hausphilosophen
gegeben, doch besaßen sie eben nicht die Bedeutung eines Panaitios oder
Poseidonios. Eine Mittelstellung nimmt noch Augustus selbst ein, der der
stoischen Philosophie nicht ganz fern gestanden zu haben scheint, wenn er sich
auch nicht ausdrücklich zu ihr bekannt hat[55]. Sueton erwähnt sein verlorenes
Frühwerk Hortationes ad Philosophiam[56], eine protreptische Schrift, die sicher
nicht ohne den guten Rat seines philosophischen Lehrers und Vertrauten Areios
entstanden ist: dieser Mann wurde von Augustus im Jahre 30. v.Chr. auch sehr
geschickt zur Gewinnung von Alexandria eingesetzt[57]. Nach dem Sieg sah Augustus in seinen
Philosophen wohl mehr Werkzeuge für seine Ostpolitik, als daß er Wert
gelegt hätte auf ihre politischen Ratschläge. Der alte Ratgeber
Athenodoros mußte für ihn in Tarsos nach dem Rechten sehen[58]. Es entspricht der neuen
Zeit, daß Livia philosophischer Hilfe offenbar mehr bedurfte als der
Herrscher selbst; Areios hatte Livia nach allen Regeln der konsolatorischen
Kunst über den Tod ihres Sohnes Drusus zu trösten[59].
Areios und Athenodoros erinnern immerhin an die berühmten Hausphilosophen
der republikanischen Zeit; Augustus' Nachfolger legen noch weniger Wert auf
solche Begleiter. Tiberius hat zwar dem Stoiker Nestor zugehört, doch zog
er am Ende die Gesellschaft von Astrologen vor[60]. Und Seneca wurde von Agrippa nicht in
seiner Eigenschaft als philosophischer Schriftsteller, sondern als Rhetor von
praetorischen Rang als Erzieher für Nero ausgesucht[61].
Was die Philosophen damals an Nähe zu den führenden Männern
eingebüßt haben, gewannen sie an allgemeiner Popularität in der
römischen Gesellschaft. Es gibt viele Zeugnisse, die die Faszination
philosophischer Lehre und philosophischer Lebensführung gerade für
die Jugend der Oberschicht belegten. Die Hinwendung zur Philosophie muß
gelegentlich den Charakter einer mehr oder weniger religiösen Bekehrung
gehabt haben - Agricolas Begeisterung in Massilia dürfte typisch gewesen
sein[62]. Nach solchen
Erfahrungen schmückt man später seine Villa mit den Portraits der
gerade verehrten philosophischen Meister oder einem schönen
Philosophenmosaik[63]; wer
es sich leisten konnte, erwarb eine Bibliothek mit philosophischer
Fachliteratur[64]. Die
wichtigsten Schulen sind auch im 1. Jahrhundert n.Chr. die Epikureer und die
Stoiker. Die Kyniker spielen - wenigstens innerhalb der Führungsschicht -
eine ganz untergeordnete Rolle[65]. Epikur hat im 1. Jahrhundert nicht
weniger Anhänger als in der ausgehenden Republik; wenn Bekenntnisse zur
Lehre des Meisters von der Intensität eines Lukrez für diese Zeit
nicht überliefert sind, so wird dies auch damit zu erkären sein,
daß diese Philsophie nicht gerade der offiziellen Staatsauffassung
entsprach[66].
Natürlich gab es nicht nur Epikureer, die dem Klischee vom trägen
Egoismus entsprachen. Wie in der Republik sind auch Epikureer bekannt, die ihr
philosphisches Bekenntnis mit tatkräftiger Teilnahme am Gemeinwesen
vereinbaren konnten. Der bei Josephus erwähnte epikureische Senator von
Einfluß aus der Zeit des Caligula ist vielleicht identisch mit dem von
Tacitus als Dichter und Intellektuellen gewürdigten Pomponius Secundus[67]. Epikureer war auch der
Historiker Aufidus Bassus[68]. Tacitus selbst sollte übrigens in
diesem Zusammenhang nicht vergessen werden; es gibt Indizien für die
Annahme, daß er der Schule Epikurs näher als jeder anderen gestanden
hat[69].
Für einen Stoiker war es sehr leicht, sich mit dem Prinzipat in seiner
augusteischen Form abzufinden. Wenn auch Panaitios die Verfassung der Republik
für besonders vorzüglich gehalten haben mag, so war nach stoischer
Lehrmeinung die Herrschaft eines vortrefflichen Monarchen, als welcher Augustus
wenigstens nach dem Tode seiner Gegner zu gelten hatte, nicht abzulehnen[70]. Es gab keinen stoischen
Lehrsatz, der sich ausdrücklich gegen die neuen Staatsform hätte
anführen lassen. Abgesehen von der gemischten Verfassungsform der
römischen Republik zu Panaitios' Zeit galt das Königtum von den
ungemischten Staatsformen auf jeden Fall als die beste[71]. Die prinzipielle Billigung der Monarchie
durch die Stoa wird dokumentiert durch die Beratertätigkeit von Stoikern
an hellenistischen Fürstenhöfen und durch Schriften "peri
basileias"[72].
Viel wichtiger als die einzelne Staatsform war für einen Stoiker die
Frage, ob der jeweilige Machthaber seine Aufgabe einigermaßen
zufriedenstellend versah. Augustus, wie er sich in den Res gestae
stilisiert hat, war philosophisch ganz bestimmt erträglich. Die
philosphische Billigung des novus status war allerdings nicht gleichbedeutend
mit einem aktiven Interesse an der Politik. Zwar galt die Stoa, im Kontrast zur
Schule Epikurs, als Vertreterin einer philosophisch begründeten Teilnahme
am öffentlichen Leben, doch war diese Lehre trotz des verbreiteten
Vorurteils nicht notwendig mit politischem Aktivismus verbunden[73]. Ein gutes Beispiel ist
die Bildungsgeschichte des Dichters Persius. Er war ein wohlhabender junger
Mann ritterlicher Herkunft und stand durch seine Verwandten und Bekannten den
Kreisen der stoischen Opposition zur Zeit Neros nahe[74]. Seit seinem 16. Lebensjahr studierte er
stoische Philosophie, besonders beeinflußt durch den Lehrer Annaeus
Cornutus[75]. Als er mit
27 Jahren starb, hinterließ Persius eine wohlgefüllte Bibliothek
stoischer Spezialliteratur[76]. Persius hätte aufgrund seiner
Beziehungen jede Möglichkeit zum Einstieg in die senatorische Laufbahn
gehabt[77]. Er hat sich
aber nicht dafür, sondern für seine Dichtung entschieden. Es gibt
keinen Grund für die Annahme, daß es sich dabei um einen Verzicht in
demonstrativer Absicht gehandelt hat, zumal seine stoischen Freunde, darunter
Thrasea Paetus, geradezu Wert legten auf politische Betätigung. Persius'
stoischer Standpunkt war genauso begründbar wie die Position des
politischen Aktivismus: er wollte sich philosophisch vervollkommnen[78].
Es ist bezeichnend für die vorwiegend an Haupt- und Staatsaktionen
interessierte Überlieferung, daß Stoiker wie Perius viel seltener
Konturen bekommen als die stoisch orientierten Politiker. Agricolas Studium der
stoischen Philosophie mit der Absicht, sich später dem Staatsdienst
zuzuwenden, hat sich vermutlich viel seltener zugetragen als eine Bekehrung im
Stil des Persius, mit folgender Konzentration auf die Studien. Anders ist das
zeitgenössische Vorurteil nicht verständlich, daß man von
Stoikern ebenso wie von Epikureern vermutete, ihren Hang zur Bequemlichkeit mit
philosophischen Phrasen verbrämen zu wollen[79].
Die Hinwendung zur Philosophie im 1. Jahrhundert n.Chr. ist nicht nur ein
Phänomen der Kulturgeschichte, sondern hat auch eine politische Seite. Die
Intensität, mit der sich der Nachwuchs der alten Führungsschicht
gelegentlich der Philosophie ergeben hat, kann nur richtig eingeschätzt
werden, wenn die stetig wachsende Übermacht des Princeps und seines Hofes
berücksichtigt wird. Die alte politische Elite wurde ihrer Machtfülle
mehr und mehr beraubt, wenn Augustus auch auf ihre Prestigebedürfnisse
Rücksicht nahm. Für senatorische Selbständigkeit,
libertas, im Sinne der alten Republik war die Uhr abgelaufen[80]. Wie es um die Allmacht
in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts bestellt ist, illustrieren die
Aufzeichnungen Epiktets, der solcher Standesprobleme selbst enthoben war[81]. Augustus und seine
Nachfolger bauten ihre Machtposition stetig aus, doch waren sie andererseits
auch dringend auf die Mitarbeit der Ritter und Senatoren angewiesen; die
philosophisch begründete Abwendung vom öffentlichen Leben zugunsten
des eigenen Wohlergehens, noch erleichtert durch den Hinweis auf die vom
Princeps verbürgte Ruhe und Ordnung, hätte die Verwaltung des Reiches
und den Senat auf lange Sicht durchaus vor Nachwuchsprobleme stellen
können. Nicht für die Republik, sondern erst in augusteischer Zeit
ist die Regelung nachweisbar, daß die Nachkommen der herrschenden Schicht
zur Ämterbewegung geradezu gezwungen werden mußten[82]. Im Zeitalter Ciceros
brauchte man keine Strafbestimmung für Männer, die sich vor dem
cursus honorum drücken wollten, sondern Maßnahmen gegen ambitus
Wahlbestechung[83]. Dies
ist eine Entwicklung, die in erster Linie mit dem Wechsel von der libera res
publica zur Alleinherrschaft und der dadurch bedingten Demotivierung der
Führungsschicht zu erklären ist, doch ist diese Tendenz durch den
Hang zur philosophischen Lebensweise gestärkt und nicht geschwächt
worden. In diesem Sinne ist es verständlich, wenn die Epikureer von
Epiktet als verderblich für den Staat bezeichnet werden[84].
Seneca nennt in seinen Briefen an Lucilius unter den durchaus nicht begründeten Vorwürfen, die man gegen die - stoische - Philosophie erhebe, auch den, daß sie ihre Anhänger zu Gegnern der Obrigkeit mache.[85]. Er hat vollkommen recht - kein einziger Lehrsatz mußte einen Stoiker zum Oppositionellen machen. Das beste Beispiel für einen kooperativen Stoiker ist ja Seneca selbst. Sein Lavieren zwischen Nero und dem Senat hat dazu geführt, daß er niemals zu den philosophischen Heroen gezählt worden ist - es ist kein Zufall, daß Mark Aurel seinen Namen nicht nennt[86].
Nicht nur viele pflichtbewußte Mitarbeiter des Hofes werden sich - wie
Seneca - als Stoiker betrachtet haben; auch manche Angehörige der Dynastie
dürften Stoiker gewesen sein. Augustus' philosophische Schriftstellerei
ist schon erwähnt worden[87]. Germanicus, der Vater des Claudius, hat
das Lehrgedicht des Stoikers Aratos übersetzt und stand dieser Philosophie
sicher nicht ferne[88].
Claudius kennt die Feinheiten stoischer Unterscheidungen von ira und
iracundia[89]. Nero
bekam von ihm den Stoiker Chairemon zum Erzieher[90]. Wer wollte, konnte also die stoische
Philosophie zur "offiziellen" Staatsphilosophie erklären, ohne
unglaubwürdig zu sein.
Die Opposition gegen Augustus und Tiberius hat zunächst kein
philosophisches Gepräge gehabt, sondern berief sich auf die Tradition der
Republik und des Senats, auf die Rede- und Gedanken-Freiheit. Philosophische
Färbung bekommt der senatorische Widerstand frühestens in der Zeit
Caligulas[91]. Seneca
erwähnt einen gewissen Julius Canus, der von Caligula zum Tode verurteilt
worden ist und vor seiner Hinrichtung ein Gespräch über die
Unsterblichkeit führt[92]. Für den Prinzipat des Claudius ist
nichts in dieser Hinsicht überliefert; es fällt allerdings auf,
daß diejenigen, die später zur philosophischen Opposition gegen Nero
zählen, einer Gruppe angehören, die bereits mit Claudius
Schwierigkeiten hatte[93].
Der erste Princeps, der sich nachweislich von der stoischen Philosophie bedroht
fühlt, und bedroht fühlen muß, ist Nero - wegen des politischen
Einflusses derer, die ihre Kritik am Princeps in stoischem Geist formulieren.
Immer wieder wird es Herren gegeben haben, die ihre Kritik an den
Zeitläuften mit philosophischer Miene vorgetragen haben; solange sie aber
fern von der wirklichen Macht waren, wirkte dies auf das römische Publikum
- und den Princeps - nur lächerlich. Tacitus' Bericht über eine
Intervention des Musonius Rufus im Bürgerkrieg des Jahres 69
läßt das gut erkennen[94]:
"Angeschlossen hatte sich den Gesandten Musonius Rufus, ein Mann aus dem Ritterstand[95], der die Beschäftigung mit der Philosophie und die stoischen Lehrsätze zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte[96]. Der drängte sich unter die Manipel und begann, den Bewaffneten gute Lehren zu erteilen, indem er die Vorteile des Friedens und die Gefahren des Krieges darlegte[97]. Daraüber spotteten viele, die Mehrzahl aber empfand es als lästig; es gab sogar einige, die ihn mit Fäusten traten; doch auf den Rat der Besonnenen und nach Drohungen anderer ließ er von seiner unzeitigen Weisheitslehre ab[98]".
Hier tritt Musonius in eigener Person auf und wird nur als skurril empfunden - vielleicht nicht von den heutigen Lesern der Historien, aber doch von seinen zeitgenössischen Publikum.
In einem Bericht zum Jahre 62 begegnet Musonius bei Tacitus in einer anderen
Rolle, als Begleiter des Rubellius Plautus. Im Zusammenhang mit der Verbannung
und Ermordung dieses Mannes weist Tacitus in den Annalen zum ersten Mal darauf
hin, daß die Stoiker von Nero und seinen Beratern als Bedrohung empfunden
wurden.
Rubellius Plautus war freilich nicht irgendein Senator, sondern aufgrund seiner
Rivalen Neros, sollte es jemals zu dem Versuch kommen, ihn abzulösen[99]. Sein blaues Blut machte
ihn nicht für den Senat akzeptabel, sondern, wichtiger noch, auch für
die Armee. Die - wenn auch entfernte Zugehörigkeit zur Dynastie machte ihn
gefährlich, und zusätzlich tat es durch seinen ostentativ
bescheidenen Lebenswandel kund, was er vom gegenwärtigen Stil des Princeps
hielt[100]. Im Jahre 60
hatte er Nero den Gefallen tun müssen, sich auf seine Güter in
Kleinasien zurückzuziehen[101]. Bei Tacitus ist es dann Neros
böser Geist Tigellinus, der den Princeps im Jahre 62 auf den
philosophischen - stoischen - Charakter von Rubellius' Lebensstil hinweist und
ihn damit vernichten will[102]. Tigellinus hat vollkommen recht, wenn
er Rubellius Plautus zu einem Stoiker macht; er hat selbst im Exil
philosophische Begleiter im Stil der Republik bei sich, den Griechen Coeranus -
und den gerade erwähnten Musonius Rufus[103]. Solche Lehrer haben zwar nicht zum
Aufruhr angestiftet, doch haben sie Rubellius bestärkt in der halb
stoischen, halb traditionellen Wiederbelebung alter römischer Sitte. Ein
Dichter wie Persius stellt als Stoiker keine Bedrohung dar; gefährlich war
dagegen Rubellius Plautus, und umso mehr, wenn das von Tacitus nicht
verschwiegene Gerücht zutreffend gewesen sein sollte, daß er kurz vor
seiner Hinrichtung mit Neros unzufriedenem Heerführer Domitius Corbulo
Verbindung aufgenommen hat[104]. Stoische Philosophie und Politik gehen
- aus der Sicht des Princeps - in dem Moment eine brisante Verbindung ein, wenn
sich potentielle Rivalen von den praecepta der Philosophie leiten lassen
und andere erlauben, daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Domitian hatte ja so
unrecht nicht, wenn er sagte, daß man den Herrschern eine entdeckte
Verschwörung nicht glaube, bis sie umgebracht seien[105].
Wie bei Rubellius Plautus, so war die Stoa auch für Thrasea Paetus'
Verhalten nicht von doktrinärer Bedeutung[106]. Der Princeps hat diesen Mann im Jahre
66 hinrichten lassen. In der Biographie, die einer seiner jüngeren
Gefolgsleute, Arulenus Rusticus, unter Domitian geschrieben hat, wurde zum
stoischen Märtyrer stilisiert[107]. Tacitus hat dagegen mit klugem
historischem Urteil genau unterschieden zwischen Thraseas Auftreten als Senator
und seinen persönlichen philosophischen Überzeugungen. Er hat
erkannt, daß die philosophische Opposition nicht nur wegen ihrer
vorbildlichen Grundsätze gefährlich war, sondern auch wegen des
politischen Gewichts ihrer jeweiligen Vertreter, das völlig
unabhängig war von philosophischen Überzeugungen. Neben dem geistigen
Band gemeinsamer Überzeugungen gab es Verbindendes, das noch stärker
war: Verwandtschaft, Freundschaft, Standesinteressen[108]. Bei Tacitus erfahren wir erst durch die
Sterbeszene Thraseas, daß er sich für philosophische Fragen
interessiert hat - er unterhält sich, halb Sokrates, halb Cato Uticensis,
mit einem Kyniker über die Unsterblichkeit der Seele[109]. Nur durch andere Zeugnisse ist
zweifelsfrei belegt, daß Thrasea tatsächlich Stoiker war,
übrigens einer von der milden Richtung, nicht von der strengen Observanz,
die lebensfrohe Zeitgenossen so unsicher machte[110].
Anders als Rubellius Plautus war Thrasea ein sozialer Aufsteiger, ein homo
novus aus der Transpadana[111]. Zu Beginn seiner Laufbahn stand die
Philosophie dem Ehrgeiz offenbar nicht im Wege. Die ersten Beförderungen
sind vielleicht dem Einfluß der Agrippina zu verdanken[112]. Unter Claudius
dürfte er Praetor gewesen sein und anschließend eine kaiserliche
Provinz, vermutlich Kilikien, verwaltet haben[113]. Auf die Tätigkeit in einer Provinz
wird sich auch die Nachricht beziehen, Persius habe Thrasea auf einer Reise
begleitet[114]. Eine
wichtige Episode aus diesen Jahren überliefert der jüngere Plinius.
Als Schwiegersohn stand Thrasea dam nach dem Scheitern von Camillus' Erhebung
zum Tode verurteilten Caecina Paetus und dessen Frau Arria zur Seite[115]. Aus Verehrung
für den Schwiegervater übernahm er das Cognomen Paetus, eine
Demonstration von pietas, die manche als hochpolitisch ausgelegt haben
mögen[116]. Im
Jahre 56 war Thrasea Suffektkonsul[117]; in dieser Zeit wurde er auch Mitglied
des illustren Kollegiums der Xviri sacris faciundis, ein weiterer Beweis
für das Ansehen, das er bei den Mächtigen genoß. Diese
Auszeichnungen fallen in eine Zeit, als Seneca und Burrus spürbaren
Einfluß auf Nero hatten[118].
In den Annalen wird Thrasea erstmals zum Jahre 58 erwähnt, bei Gelegenheit
einer Abstimmung über die Zahl von Gladiatoren, die Syrakus für ein
Festspiel erlaubt werden sollte - ein nach Tacitus' Ansicht unwichtiges Thema,
das allein durch eine Meinungsäußerung dieses offensichtlich sehr
einflußreichen Mannes aufgewertet wurde[119]. Nach Agrippinas Ermordung im Jahre 59
weigert sich Thrasea als einziger, die servilen Beschlüsse des Senats auch
nur zu tolerieren[120].
Seneca hat damals das offizielle Kommuniqué über den Hergang von
Agrippinas angeblicher Verschwörung verfaßt[121]. Im Jahre 62 zeigt Tacitus, wie
geschickt Thrasea Neros Versuch unterlaufen hat, das Hochverrats-Gesetz wieder
einzuführen[122].
Er spricht damals von der publica clementia und nimmt damit ein
Stichwort auf, das seit Senecas Schrift zum Thema aktuell war[123]. Bei der Abstimmung
schließt sich die große Mehrheit des Senats dem milderen Antrag an,
zum Mißvergnügen Neros[124].
Thrasea hat mit solchen Initiativen eine zielbewußte Politik verfolgt; er
hielt sich an Nero von Seneca formulierte Regierungserklärung des Jahres
54, derzufolge der Princeps die übliche Aufgabenteilung zwischen Princeps
und Senat respektieren wolle[125]. In den ersten Regierungsjahren Neros
hatte der Senat dann wirklich Gelegenheit zu verantwortlicher Mitarbeit.
Thrasea und seinen Freunden ging es um die Beibehaltung und - wenn möglich
- die Stärkung der Position des Senats gegenüber dem Princeps - nicht
weniger, aber auch nicht mehr, wie Thraseas strenge Ansichten über das
Verhältnis zwischen Rom und seinen Provinzen zeigen[126].
Libertas war immer nur die Freiheit der Senatoren. Der homo novus aus
den Transpadana übernahm die Senatorenrolle in viel stärkerem
Maße als die übriggebliebenen Aristokraten, die womöglich ihre
Reserven hatten gegenüber diesem unzeitigen Eifer[127].
Der direkte Konflikt Thraseas mit Nero kommt erst im Jahre 63 zum Ausbruch. Als
der Senat dem Princeps seine Glückwünsche zur Geburt der Tochter
Claudia überbringen will, wird Thrasea demonstrativ am Zugang zum Princeps
gehindert[128]. Diese
Zurückweisung kam einer Aufkündigung der freundschaftlichen
Beziehungen gleich[129].
Im Jahre 66 ist Thrasea dann vorgeworfen worden, die Kurie drei Jahre lang
nicht betreten zu haben[130]. Dies ist vermutlich eine
Übertreibung, doch wird so viel richtig sein, daß Thrasea seine
Aufgaben nicht mehr so aktiv wie früher versehen hat. Der Rückzug vom
politischen Leben ist schon früher als Zeichen des Protestes benutzt
worden, doch war diese Handlung nicht eigentlich strafbar[131]. Thraseas Verhalten in den letzten
Jahren seines Lebens hat über die Grenzen der Hauptstadt hinaus Aufsehen
erregt[132]. Für
den Princeps war dies eine Herausforderung. Thraseas Auftreten war dabei
keineswegs stoisch-doktrinär. Kein Wort in Tacitus' Bericht gibt
Anlaß zu der Vermutung, Thrasea halte sich an etwas anderes als an die
placita maiorum. Für einen Princeps wie Nero war Thraseas Verhalten
allerdings ein stiller Vorwurf, der ihn an das gebrochene Versprechen der
Regierungserklärung von 54 erinnern mußte; der Senat konnte mit einem
solchen Mann neues Selbstbewußtsein gewinnen und sich vielleicht auf die
Suche nach einem anderen Princeps begeben[133]. Stoisch an Thraseas Auftreten -
vielleicht nach Catos Vorbild, über den er eine Biographie geschrieben
hat[134] - ist
allenfalls das unerschütterliche Festhalten an der einmal für richtig
erkannten Politik, eine Festigkeit, für die man aber nicht unbedingt
philosophische Unterweisung brauchte[135]. Erst in der bewußt niveaulosen
Rede des Anklägers Cossutianus Capito wird der Vorwurf laut, Thrasea lasse
sich durch die Lehren jener secta leiten, die schon einen skurrilen Mann wie
Catos Nachtreter Favonius hervorgebracht habe. Tacitus überläßt
es dem unerfreulichen delator, an die herrschende Tradition über Thrasea
zu erinnern[136].
Die Wirkung von Tacitus' Bericht über Thraseas letzte Stunden wird durch
den unvermittelten Abbruch der Annalen an dieser Stelle noch erhöht. Nur
hier läßt Tacitus erkennen, daß Thrasea tatsächlich
philosophische Interessen hatte. Es ist eigenartig, daß der Stoiker sein
letztes Gespräch mit dem Kyniker Demetrios führt[137]. Bemerkenswert ist das Fehlen jeder
Äußerung gegen den Princeps. Thraseas Worte an den Quaestor, der das
Todesurteil zu überbringen hatte, sind sein politisches Vermächtnis -
eine Mahnung zur constantia, nicht aber zum aktiven Widerstand gegen den
Tyrannen[138].
Wenn Tacitus in seinem Bericht über Thrasea den Akzent auf dessen
moderatio in politischen und in philosophischen Dingen setzt, so will er
damit deutlich machen, daß es im Bekenntnis zur Philosophie in der
tagespolitischen Debatte eine Entwicklung gab, die in neronischer Zeit begann
und erst unter Vespasian ihren Höhepunkt erreichte. Diese Entwicklung zu
einem deutlicheren Bekenntnis zu philosophischen Überzeugungen, als dies
bei Thrasea der Fall war, wird personifiziert durch Thraseas Schwiegersohn
Helvidius Priscus. Noch mehr als Thrasea gehörte er zu den sozialen
Aufsteigern; als Sohn eines Primipilus aus Samnium ist er bei seiner Geburt
vielleicht nicht einmal ritterlichen Standes gewesen[139]. Den Eintritt in den Senat dürfte
er Claudius zu verdanken haben[140]. Vielleicht bestand eine familiäre
Beziehung der Helvidii zu jenen Kreisen, die dem Princeps traditionell kritisch
gegenüberstanden[141]; so würde sich auch Thraseas
Auswahl gerade dieses nicht sehr vornehmen Mannes zum Schwiegersohn besser
erklären[142].
Helvidius Priscus wird von Tacitus im IV. Buch der Historien einer relativ
ausführlichen biographischen Notiz gewürdigt[143]. Er hat Philosophie offenbar in
ähnlicher Intensität wie Persius studiert, also über das
konventionelle Maß der Allgemeinbildung hinaus, und dies auch noch zu
einer Zeit, als seine erfolgshungrigen Altersgenossen sich der Rhetorik
zuwandten - wie z. B. der junge Tacitus, Zuhörer bei den Debatten des
Dialogus[144].
Helvidius' Studium steht für ein "Erlebnis" der Philosophie, das er
offenbar mit Agricola geteilt hat. Wenn Tacitus das philosophische Bekenntnis
des Helvidius nur umschreibt, ohne Nennung des eigentlichen Namens "stoisch",
so ist das keine geringe Anerkennung[145]. Er gibt eine Begründung für
Helvidius' Philosophie-Studium, die ursprünglich wohl ein Selbstzeugnis
ist: "um dadurch besser gewappnet gegen die Zufälle des Lebens die
politische Laufbahn einzuschlagen"[146]. Der Redner Marcellus erklärte
seine solche Haltung für unzeitgemäß: Mark Aurel dagegen hat aus
ähnlichen Gründen Philosophie studiert[147].
Helvidius' Verhalten im Jahre 70 kann deshalb nicht ohne weiteres mit Thraseas
moderatio verglichen werden, weil er eine ganz andere Situation vorfand:
das Ende der julisch-claudischen Dynastie, einen Bürgerkrieg, und dann die
kompromißlose Durchsetzung der neuen Dynastie durch Vespasian[148]. Helvidius und seine
Freunde haben den Principat als Regierungsform nicht weniger anerkannt als
früher Thrasea. Allerdings wollte Helvidius damals nicht hinnehmen,
daß Vespasian dem Senat seinen Sohn Titus als Thronfolger aufzwang. Nach
dem Präzedenzfall der Adoption Pisos durch den allerdings kinderlosen
Galba zogen den Senatoren dieser Richtung eine Nachfolgeregelung durch Adoption
vor[149]. Helvidius hat
hier nicht nachgegeben. Im Unterschied etwa zu Thrasea, der das dekadente
Treiben Neros mißbilligte, hat Helvidius Vespasian nicht in moralischer
Hinsicht kritisiert - wofür er wohl auch nicht viel Grund gehabt
hätte[150] -,
sondern er ist ihm in einer politischen Frage entgegengetreten. Die
prinzipielle Legalität und - aus der Sicht Vespasians - die enorme
Gefährlichkeit der von ihm vertretenen Position ist daran abzulesen,
daß sich der Princeps gezwungen sah, den unbequemen Mann zu verbannen[151]. Ein treuer Diener,
vielleicht Titus persönlich, hat Helvidius wenig später ermorden
lassen[152]. Damals
schreibt der Maternus des Dialogus einen "Thyestes", vielleicht ein Hinweis auf
die in der erhaltenen Überlieferung kaum noch faßbare Härte der
Flavier im Umgang mit ihren Gegnern[153]. Es kann nicht überraschen,
daß die Zeit Vespasians in Mark Aurels Selbstbetrachtungen ein Beispiel
für unerfreuliche Verhältnisse am Hof eines Princeps ist[154].
Helvidius hat die Verbindung von philosophischer Überzeugung und
politischem Handeln auf bis dahin unerhört aktive Weise zum Ausdruck
gebracht und mit seinem Leben bezahlt. Seitdem hatten die Flavier wenig Geduld
mit unruhigen Philosophen. Der anpassungsfähige Statius vermeidet die
Erwähnung von Stoikern in seinen Gedichten; er schätzt die bequemen
Epikureer, die den Princeps seine Pflicht erfüllen lassen und sich nicht
weiter einmischen[155].
Als Stoiker erträglich ist allenfalls ein Mann wie Silius Italicus, der
nicht nur als Dichter etwas leisten wollte, sondern auch in der Politik einen
zweifelhaften Ruf genoß[156].
Domitian sah sich in den neunziger Jahren mit einer Gruppe von senatorischen
Kritikern konfrontiert, die sich keineswegs durch aktiven Widerstand
hervortaten. Sie gaben nur durch ihr demonstratives Fernbleiben von der Politik
und ihr Lob von Männern wie Helvidius und Thrasea zu erkennen, daß
sie den gegenwärtigen Princeps für einen Tyrannen hielten. Dazu
gehören der Sohn des Helvidius Priscus[157], Q. Iunius Arulenus Rusticus, der im
Jahre 66 Thrasea durch sein Veto als Volkstribun hatte retten wollen[158], sein Bruder Iunius
Mauricus[159] und
Herennius Senecio[160].
Im Jahre 93 holte Domitian gegen diese Gruppe zum Schlag aus, verbunden mit
einer publikumswirksamen Vertreibung auch professioneller Lehrer der
Philosophie[161]. Wie
man damals über solche Leute dachte, ist bei Quintilian nachzulesen[162].
Nach der Ermordung Domitians kommt es zu einer spürbaren atmosphärischen Veränderung im Verhalten der Herrscher gegenüber dem Senat - wohl nicht nur aus Neigung, sondern auch aus der bloßen Notwendigkeit heraus, anders sein zu müssen als Domitian, der Tyrann. Nerva wußte, worauf es ankam. Die Vereinigung von Principatus und Libertas wurde verkündet[163], und die Münzprägung sprach für kurze Zeit sogar von der Providentia Senatus[164]. Die überlebenden Oppositionellen wurden zu Nervas Gastmählern eingeladen; ein realpolitischer Zug war es allerdings, daß auch weniger gut beleumundete, dafür aber einflußreiche Senatoren dabei sein durften[165]. Nerva gehört zu den Principes, die mit dem Schwur, niemals einen Senator zum Tode verurteilen zu wollen, dem Sicherheitsbedürfnis des Senats entgegenkamen[166]. Daß der Senat dann keinerlei Einfluß hatte bei der Bestimmung von Nervas Nachfolger, dürfte eine Enttäuschung gewesens ein. Auch Traian spielte zu Beginn seiner Herrschaft mit der Parole von Principatus und Libertas, doch bewies er dabei keine große Ausdauer. Auf seinen Münzen verschwinden die Beschwörungen der Libertas recht schnell, um kräftigeren Titulaturen Platz zu machen[167]. Hinter dem Wortschwall von Plinius' Panegyricus verbirgt sich die Erkenntnis, daß Traians Angebot an den Senat zu selbständiger Mitarbeit besser nicht allzu wörtlich zu nehmen war[168]. Der Princeps war allerdings geschickt genug, dem Prestigebedürfnis des Senats durch Formalitäten entgegenzukommen; die hier sehr dürftige literarische Überlieferung läßt wenigstens erkennen, daß er Wert darauf legte, es besser zu machen als Nero oder Domitian. Civilitas ist die Devise im Verkehr mit den Senatoren[169]. Traian ließ sich von Plinius als Freund der Weisheitslerher feiern[170] und verdeckte seine Ferne von solchen Fragen durch das geduldige Anhören der Reden eines Dio Chrysostomus über das rechte Königtum[171].
Die Philosophen der traianischen Zeit haben ihren Schülern nur
Förderliches für die Karriere zu bieten. Euphrates aus Syrien machte
Plinius Mut, als er über seine viele Arbeit klagte, und erklärte die
Pflichterfüllung seines Schülers für die Vollendung der
Philosophie[172]. Es ist
bemerkenswert, wie diese Form der stoischen Philosophie im Kreis des Plinius
verbunden werden kann mit dem ehrenden Gedenken an die Märtyrer um Thrasea
und Helvidus. Ihre Mitarbeit unter Traian, dem Optimus Princeps, wird
vorausgesetzt, vielleicht sogar zu Recht. Ein Nachfolger des Helvidius
hätte im traianischen Senat wohl kaum einen Zuhörer gehabt. Es gab
keine selbstbewußten Verfechter der Senatstradition mehr, und der Princeps
nahm Rücksicht auf Eitelkeiten. Die Überlebenden des Kreises um
Thrasea und Helvidius durften Unabhängigkeit demonstrieren[173].
Am Ende der hier skizzierten Entwicklung steht ein Princeps, der nicht nur -
wie Hadrian - einen Philosophenbart trug[174], sondern auch wirklich Philosoph war.
Nach dem Zeugnis seiner nicht zur Veröffentlichung bestimmten Notizen war
Mark Aurel tatsächlich bemüht, den Maximen der stoischen Philosophie
auch als Princeps gerecht zu werden[175]. Es besteht sogar eine direkte
Verbindung zwischen Mark Aurel und den Märtyrern des 1. Jahrhunderts.
Einer seiner verehrten Lehrer heißt Iunius Rusticus, Enkel jenes Rusticus,
der Thrasea im Jahre 66 durch sein tribunizisches Veto hatte retten wollen. Ihm
verdankt Mark Aurel die Kenntnis Epiktets[176]. Durch Epiktets Lehre gewinnt er die
Festigkeit, seiner persona als Princeps gerecht zu werden[177]. Epiktets Bemerkungen
über das unfreie Leben der politisch Tätigen waren für Mark
Aurel und seinen Kreis keine Abschreckung, sondern ein Ansporn, es besser zu
machen. Epiktets Kritik orientiert sich an den Verhältnissen einer
tyrannischen Epoche, die unter den Antoninen Vergangenheit geworden ist - ein
Eindruck, der durch die vorherrschende Überlieferung bestätigt wird[178].
Tacitus' Bemerkung über Agricolas Studium ist durchaus zeitgebunden. Sie gehört, wie sich gezeigt hat, durch den Vergleich Agricolas mit den philosophischen Märtyrern in die Zeit kurz nach Domitians Tod. Nur wenig später beginnt die stoische Philosophie eine Art von Reichsreligion der Führungsschicht zu werden. Nicht erst bei Mark Aurel, sondern schon in Traians Umgebung finden sich Männer, die militärische und politische Kompetenz mit mehr als bloß durchschnittlicher philosophischer Bildung haben[179]. Quintilians Ausfälle gegen die Philosophie wären damals schwer vorstellbar gewesen[180].
Ein wichtiger Faktor für das Schwinden der alten römischen Vorurteile
gegenüber der Philosophie im 2. Jahrhundert ist sicher die verstärke
Repräsentation von Griechen in den höheren Positionen der
Reichsverwaltung und im Senat; und diese Griechen stammten, wie die Lehrer des
jüngeren Plinius, immer aus den besten Kreisen ihrer Heimat[181]. Damals hat das
Studium der Philosophie seine Gefahren verloren. Die Mütter der jungen
Studenten, die in Gellius' Athener Erzählungen auftauchen, brauchten sich
keine Sorgen mehr zu machen[182].