Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Helvidius Priscus ist neben seinem Schwiegervater Thrasea Paetus der wichtigste Vertreter der senatorischen Opposition gegen den Principat im 1. Jahrhundert n. Chr.[1]. Jeder Versuch, seine Gestalt historisch zu erfassen, wird nicht nur durch das Fehlen primärer Zeugnisse erschwert, sondern auch durch den Verlust des größten Teils von Tacitus' Historien und damit des Berichts über Helvidius' Verhalten gegenüber Vespasian in den frühen siebziger Jahren. Über diesen vermutlich wichtigsten Abschnitt von Helvidius' politischem Wirken, der mit Vespasians Rückkehr nach Rom im September des Jahres 70 begann, sind nur wenige Notizen bei anderen Autoren überliefert, die von der Absicht geprägt sind, Helvidius' Opposition gegen Vespasian doktrinäre oder gar skurrile Züge zu verleihen und den Princeps von jeder Schuld an seinem Tod zu entlasten[2]. Dagegen steht die "Heiligsprechung" durch Epiktet und seine Freunde; wenn Helvidius für solche Männer ein ömischer Sokrates war[3], so ist ihre Ansicht für die moderne Urteilsbildung mehr, als es gewöhnlich geschieht, zu berücksichtigen[4].
Jede Rekonstruktion von Helvidius' Wirken ist zu einem erheblichen Teil auch
eine Tacitus-Interpretation, die der Frage gilt, welche Position der Historiker
innerhalb der widersprüchlichen Tradition eingenommen hat. Tacitus standen
bei seiner Aufgabe, über Helvidius zu berichten, Quellen ganz
unterschiedlicher Provenienz zur Verfügung. Sein Rückblick auf den
Werdegang des jungen Helvidius im IV. Buch der Historien erlaubt die Annahme,
daß er die Biographie des Herennius Senecio oder eine vergleichbare
Schrift über die "Märtyrer" der Senatsopposition benutzt hat[5]. Eine
Kontrollmöglichkeit bei der Übernahme dieser Tradition war es, den
Bericht dieser Autoren über Helvidius' Anteil an den Senatsverhandlungen
mit dem zu vergleichen, was in den Senatsakten zu lesen war[6]. Daß Tacitus die offiziösen
Berichte über den Principat Vespasians mit einiger Skepsis benutzt hat,
läßt sich z. B. an der Art seiner Behandlung der ersten Senatssitzung
nach dem Sieg der Flavianer zeigen[7].
Es ist zudem möglich, daß Tacitus Thraseas Frau Arria und der Witwe
des Helvidius, Fannia, noch begegnet ist und auf diese Weise einen ganz
persönlichen Eindruck vom Stil der Senatsopposition unter Nero und
Vespasian gewonnen hat[8].
Helvidius' gleichnamigen Sohn aus erster Ehe kannte er, doch dürfte dieser
sich bei Auskünften über seinen Vater eher zurückgehalten
haben[9].
Helvidius kam mit seinem Auftreten offenbar einer Vorstellung entgegen, wie sie
sich die Verächter der Philosophie von politisch interessierten Stoikern
machten, deren höchstes Bestreben es angeblich war, sich überall
ungefragt einzumischen[10]. Daß er tatsächlich ein ganz
bewußter Anhänger der stoischen Philosophie war, beweist die
merkwürdige Sonderstellung, die er in den Diatriben Epiktets einnimmt[11]. Es ist allerdings eine
andere Frage, ob Helvidius' Verhalten als Senator in erster Linie wirklich
durch seine philosophischen Studien zu erklären ist. Die flavische
Tradition hat natürlich betont, daß Helvidius ein eifernder
philosophischer Prediger und Umstürzler war[12]. Tacitus hat sich jedoch nicht auf die
Seite derer gestellt, die Helvidius zu einem Doktrinär abstempelten. Das
nachdrückliche Philosophie-Studium, das er in der biographischen Notiz
über Helvidius erwähnt[13], hat in der übrigen erhaltenen
Darstellung seines Wirkens keine weiteren Spuren hinterlassen;
"intempestiva sapientia" zählte für Tacitus offenbar nicht zu
Helvidius' Fehlern[14].
Von Nero nach dem Prozeß gegen Thrasea Paetus im Jahre 66 aus Italien verbannt, gehörte Helvidius zu denen, die Galba sofort begnadigt hat. Sein Verhalten unter Galba wird bei Tacitius nur deutlich durch die später erwähnte Erinnerung an eine Anklage gegen Eprius Marcellus, die er dann doch zurückzog[15]. Seine Position gegenüber Otho ist überhaupt nicht erkennbar. Mit Sicherheit gehörte er aber nicht zu jenen Senatoren, die sich Otho willig zur Verfügung stellten[16]. Wenn Helvidius seine Prätur für das Jahr 70 nicht bereits Galba zu verdanken haben sollte, dann muß es Vitellius gewesen sein, der seine Designation gefördert oder wenigstens geduldet hat[17].
In den Historien wird Helvidius jedenfalls das erste Mal im II. Buch genannt,
bei Gelegenheit einer Senatssitzung im Sommer des Jahres 69, unter dem Vorsitz
des Vitellius[18]. Nicht
von Tacitus, sondern nur von Dio wird überliefert, daß Helvidius es
damals gewagt hat, im Senat über die Rolle der Legionen oder der
Prätorianer zu sprechen, sehr zum Mißvergnügen des Princeps[19]. Helvidius hatte ein
Thema berührt, das schon lange nicht mehr zu den Aufgaben des Senats
gehörte. schon hier wird die Absicht erkennbar, dem Senat
größere Unabhängigkeit zu erkämpfen[20].
In den Monaten zwischen Vitellius' Tod und Vespasians Rückkehr aus dem
Osten hat Helvidius dann zielstrebig versucht, die Befugnisse des Senats durch
eine Reihe folgenreicher Beschlüsse zu erweitern. die Gelegenheit
dafür war günstig.
Wenn die Generäle auch bedrohlich auftraten, war doch der künftige
Princeps selbst noch fern von Rom. Gerade die Abwesenheit des Siegers lud dazu
ein, die Phrasen von der "Gewaltenteilung" zwischen Princeps und Senat
einmal wörtlich zu nehmen.[21]. Mancher mag auch gehofft haben, daß
Vespasian, der auf keine illustren Ahnen verweisen konnte, mehr
Verständnis für die Wünsche des Senats haben werde.
Helvidius' Absichten werden gleich auf der ersten Senatssitzung nach Vitellius'
Tod am 21. Dezember 69 erkennbar. Für die flavische Tradition war dies vor
allem der Tag, an dem die Senatoren den Principat Vespasians bestätigten[22]. Tacitus'
ausführlicher Bericht gilt ganz anderen Fragen, und Helvidius Priscus ist
einer der Protagonisten. "Optimus est post malum principem dies primus"[23].
Erster Punkt der Tagesordnung war allerdings der Beschluß über
Vespasians Principat gewesen. Das Verhältnis der inschriftlich
überlieferten "lex de imperio Vespasiani" zum entsprechenden
Senatsbeschluß ist nicht völlig klar. Tacitus' Darstellung macht es
aber wahrscheinlich, daß alle in der "lex" festgehaltenen Vollmachten zu
dem gehörten, was die Senatoren als "cuncta principibus solita" empfinden
konnten. Daß Vespasian später nicht daran dachte, seinen "dies
imperii" mit dem Senatsbeschluß dieses Tages zu datieren, steht auf einem
anderen Blatt[24].
Inmitten der allgemeinen Willfährigkeit gegenüber Mucianus, der sich
als Stellvertreter des Princeps gebärdete, unterschied sich Helvidius'
Zustimmung bei einer bestimmten Gelegenheit von den "sententiae" der
übrigen Befragten: "er äußerte sich in einer Weise, die
ehrenvoll für den neuen Princeps war, der aber auch jede Heuchelei
abging"[25]. Dies
dürfte sich auf die Stellungnahme zu den Ehrenanträgen für
Vespasians Feldherren beziehen. Vespasian selbst wurde von Helvidius mit der
Höflichkeit genannt, die dem vom Senat gerade bestätigten Princeps
gebührte - ein wichtiges Zeugnis für seine damalige Position[26]. Tacitus deutet an,
daß Helvidius' Zurückhaltung bei den Ehrenanträgen von Mucianus
nicht vergessen worden ist: "isque praecipuus illi dies magnae offensae initium
et magnae gloriae fuit"[27].
Helvidius exponierte sich dann gleich noch einmal, bei der Debatte über
die Senatsgesandtschaft an Vespasian. Valerius Asiaticus hatte beantragt, die
Ehrengesandtschaft wie bisher durch das Los zu bestimmen. Helvidius widersprach
und verlangte eine Neuerung, die namentliche Auswahl der Gesandten "a
magistratibus iuratis". Eprius Marcellus plädierte für die
Beibehaltung der Auslosung[28].
Tacitus hielt den dadurch entfachten Streit für so wichtig, daß er
die "altercatio" der beiden Widersacher in zwei indirekten Reden
zusammengefaßt hat[29]. An Helvidius' Rede ist besonders
bemerkenswert die grundsätzliche Anerkennung des neuen Princeps; Kernpunkt
der Rede ist freilich die Angewiesenheit selbst eines vorbildlichen Princeps
auf gute Freunde[30].
Helvidius wollte mit seiner Intervention nicht mehr und nicht weniger erreichen
als Vespasian die Zusammensetzung seines "consilium" geradezu vorzuschreiben.
Es ging ihm darum, die Stellung des Senats in einem wichtigen Bereich nicht nur
zu festigen, sondern sogar zu steigern. Marcellus' Widerspruch betraf deshalb
viel mehr als nur die Furcht, bei einer persönlichen Auswahl der Gesandten
übergangen zu werden[31].
Bei der Abstimmung erlitt Helvidius eine empfindliche Niederlage. Es waren die
vielen Senatoren einer mittleren, noch unentschiedenen politischen Haltung, die
für die übliche Auslosung der Senatoren stimmten[32].
Ein weiterer Punkt der Tagesordnung am 21. Dezember betraf die
öffentlichen Finanzen. Die damals das "aerarium" verwaltenden
Prätoren hatten auf die Fehlbestände in der Staatskasse hingewiesen[33]. Valerius Asiaticus
beantragte mit gewohnter Ergebenheit, alle Vollmachten für die Sanierung
dem Princeps zu übertragen. Helvidius dagegen wollte dem Senat die letzte
Entscheidung in diesen Fragen überlassen, vielleicht auch mit dem Hinweis
auf die damals zuständigen Prätoren[34]. Die Umfrage im Senat kann nicht
ungünstig für ihn ausgefallen sein, denn nur so läßt sich
die Interzession des Tribunen Vulcacius Tertullus im Interesse des Princeps
erklären. An diesem Tage war das ein denkwürdiges Veto, die letzte
tribunizische Interzession in der erhaltenen Überlieferung[35].
Wenigstens einen Rest seines Antrages versucht Helvidius durch den Vorschlag zu
retten, den schon beschlossenen Neubau des Kapitols aus der Kasse des Senats zu
bestreiten und Vespasian dabei nur helfen zu lassen; angesichts der Bedeutung
des Neubaus war das eine Aufteilung der Verantwortlichkeiten, die Helvidius'
Vorstellungen von den Kompetenzen des Senats unterstrich. Darüber wird
nicht einmal abgestimmt[36].
Gleich zu Beginn des neuen Jahres kommt es wieder zum Streit zwischen
Helvidius, der nun als Prätor amtiert, und Eprius Marcellus. Tacitus hat
es allerdings so dargestellt, als habe sich Helvidius erst unter dem Eindruck
der gegen die Delatoren sehr gereizten Stimmung des Senats zu einem erneuten
Angriff entschlossen. Das juristische Problem, das er sich durch die
erwähnte, unter Galba gegen Marcellus erhobene, dann aber aufgegebene
Anklage geschaffen hatte, wird Helvidius genau bekannt gewesen sein[37].
Der Ernst der für Marcellus, den berühmten Redner, durch die neue
Anklage geschaffenen Lage wird dadurch deutlich, daß er sich diesmal nicht
auf seine Kunst verlassen hat[38]. Er machte Anstalten, zusammen mit dem
ebenfalls von einer Verurteilung bedrohten Vibius Crispus den Senat zu
verlassen und damit sozusagen den Wünschen seines Gegners zuvorzukommen.
Sogar die augenblickliche Stellung des Helvidius als Vormann des Senats erkennt
Marcellus ironisch an: "imus, Prisce, et relinquimus tibi senatum tuum:
regna praesente Caesare"[39]. Seine Rettung an diesem Tage verdankt er
der Gegenwart von Domitian und Mucianus.
Die folgende Senatssitzung. wohl die vom 15. Januar 70, bringt dann die
Entscheidung gegen die von Helvidius und seinen Freunden vertretene
"libertas" des Senats[40]. Domitian, als Stadtprätor wieder
Vorsitzender, hält eine Art Verteidigungsrede für die Delatoren, und
Mucianus versagt sich nicht den Hinweis auf die fehlende juristische Grundlage
von Helvidius' erneuter Anklage gegen Marcellus. "Patres coeptatam libertatem,
postquam obviam itum, omisere"[41].
Das letzte Mal im erhaltenen Teil der Historien wird Helvidius bei der Weihe
des Bauplatzes für das neue Kapitol genannt[42]. Da Vespasian immer noch nicht in Rom
eingetroffen war, hatte er dem Ritter L. Iulius Vestinus die Vollmacht für
die Überwachung des Baus gegeben[43]. Am 21. Juni 70 fand die "lustratio"
des Bauplatzes statt, geleitet von Ti. Plautius Silvanus als Pontifex Maximus,
einem erprobten Anhänger des neuen Princeps. Der Pontifex Maximus bedurfte
zur korrekten Erfüllung seiner Aufgabe der Mitwirkung eines Konsul oder
Prätors[44]. Wenn
von allen verfügbaren Prätoren ausgerechnet Helvidius die ehrenvolle
Aufgabe erhielt, die Gebete zur Restitution des Kapitols zu sprechen, so ist
dies nach den vorausgegangenen Konflikten mit Vespasians Platzhaltern nicht
selbstverständlich. Für wie wichtig Vespasian den Wiederaufbau des
Kapitols gehalten hat, zeigt seine spätere demonstrative Beteiligung an
den Arbeiten[45].
Etwa Ende September 70 traf Vespasian in Rom ein[46]. Sueton schreibt, daß Helvidius den Princeps nach der Rückkehr aus Syrien nur mit seinem Namen "Vespasian" angeredet und seine Edikte ohne ehrerbietige - oder schmeichlerische - Einleitung veröffentlicht habe[47]. Schon in den ersten Senatssitzungen nach Vespasians Sieg hatte Helvidius bei aller korrekten Behandlung des Princeps offenbar immer nur von "Vespasian" gesprochen[48]; die Absicht, Vespasian auch nach seiner Rückkehr nicht als "Caesar" anzusprechen, verstieß vermutlich gegen keine ausdrücklich festgelegte Bestimmung, doch war dieses Beharren auf Vespasians "bürgerlichem" Namen ohne Zweifel sehr outriert. Der Schwiegervater Thrasea Paetus hätte sich vermutlich anders verhalten[49]. Helvidius' Ausnutzung der durch die Prätur gegebenen Möglichkeit, sich mit Edikten an die Öffentlichkeit zu wenden, war ähnlich extravagant[50].
Wohl gleichfalls in das Jahr der Prätur führt Suetons Erwähnung
von "altercationes insolentissimae" zwischen Helvidius und Vespasian, bei
denen er den Princeps beinahe wie einen einfachen Mit-Senator behandelt haben
soll[51]. In einem
Exzerpt aus Cassius Dio ist die zusätzliche Nachricht erhalten, daß
die Volkstribunen Helvidius bei einer dieser Gelegenheiten verhafteten; der
Wortlaut des Exzerpts zwingt allerdings nicht zu dem Schluß, daß dies
auf Befehl Vespasians geschah[52].
Bei diesen von Sueton nicht näher erläuterten Streitigkeiten ging es
gewiß nicht um die Person des Princeps, der sich so gründlich von
Nero unterschied; es muß sich um eine gewichtige politische Frage
gehandelt haben: um die von Vespasian sofort nach seiner Rückkehr nach Rom
angestrebte Regelung der Nachfolge[53]. Wenn dies auch nirgends direkt bezeugt
ist, so spricht doch viel dafür, daß sich Helvidius gegen Titus als
Nachfolger wandte - von Titus erwarteten die meisten Zeitgenossen wenig Gutes[54]. Ob Helvidius damals
noch von "seinem" Senat ebenso wie früher unterstützt wurde, ist
eine andere Frage.
Wie extrem sein senatorisches Selbstbewußtsein damals war, ist durch eine
von Epiktet - zur Ehre des Helvidius - erwähnte Episode überliefert[55]. Epiktet spricht von
Helvidius' festem Willen, die von ihm für wichtig erkannten senatorischen
Pflichten zu erfüllen[56].
Als Vespasian ihm die Aufforderung zuschickte, nicht in den Senat zu kommen, antwortete er: "In deiner Macht steht es, mich nicht Senator sein zu lassen; solange ich aber Senator bin, muß ich in den Senat kommen"[57]. "Nun gut, aber wenn du kommst, dann schweige." "Frage mich nicht, und ich werde schweigen." "Aber ich muß dich fragen." "Und ich muß sagen, was ich für richtig halte."[58] "Aber wenn du sprichst, werde ich dich töten." "Habe ich dir jemals gesagt, daß ich unsterblich bin ? Du wirst das tun, was in deiner Macht steht, und ich werde das Meine tun. Du kannst mich töten, ich aber kann sterben, ohne zu zittern. Du kannst mich verbannen, ich aber kann gehen, ohne zu trauern"[59].
Epiktet zeigt weder im Zusammenhang dieses Zitats noch an anderer Stelle Interesse an Helvidius' politischem Standpunkt. Ihm geht es allein um die Frage, wie jemand der einmal für wesensgemäß erkannten "persona" treubleibt - eine Aufgabe, der wenige gerecht werden und der sich vielleicht auch nicht jeder stellen sollte[60]. Für Epiktet gehörte Helvidius allerdings zu jenen seltenen Individuen, die die richtige Wahl für ihre Lebensaufgabe getroffen und dann auch die Kraft hatten, sie auszufüllen[61]. Wie ungeheuer hoch Helvidius' Auftreten gerade in den letzten Jahren seines Lebens von Epiktet eingeschätzt worden ist, macht der erste Abschnitt des IV. Buches der Diatriben deutlich: er wird hier geradezu auf eine Stufe mit Sokrates gestellt[62].
Da Epiktet den politischen Zusammenhang von Helvidius' Auftreten als Senator
nicht erwähnt, geht der eigentliche Anlaß des Zerwürfnisses
zwischen ihm und Vespasian aus dem vorgelegten Text nicht hervor. Nero hatte
sich in den sechziger Jahren durch Thraseas Fernbleiben von den Senatssitzungen
betroffen gefühlt[63]; Vespasian wäre froh gewesen, wenn
Helvidius sich ähnlich verhalten hätte. Die "Bitte" des Princeps
könnte sich durch die Debatten über die Nachfolge-Regelung
erklären. Ihm mußte ja viel daran liegen, den Schwiegersohn Thraseas
nicht zum "Märtyrer" werden zu lassen. Es versteht sich von selbst,
daß Helvidius - in Epiktets Version jedenfalls - keine "republikanischen"
Äußerungen androht, oder gar solche, die den Tatbestand einer
plumpen, "kynischen" Majestätsbeleidigung erfüllen würden[64]. Der Akzent Epiktets
liegt vielmehr darauf, daß Helvidius als vorbildlicher Senator
Äußerungen verantworten zu können glaubt, für die Vespasian
die Hinrichtung androht. Der Princeps wird hier in die Nähe des
tyrannischen Domitian gerückt. Diese aus der "Märtyrer"-Literatur
übernommene extreme Posiiton Epiktets hat Tacitus bei der Darstellung
dieser Vorgänge gewiß nicht geteilt; doch wird er auch nicht Suetons
kritische Worte gebraucht haben, legt man die im IV. Buch der Historien
gegebene Chrakteristik zugrunde[65].
Der zeitliche Ablauf der Ereignisse, die erst zu Helvidius' Relegation und dann
zu seinem Tod führten, ist unklar überliefert. Dagegen läßt
sich immerhin der Stil, in dem die flavische Geschichtsschreibung Helvidius'
Untergang geschildert hat, den Exzerpten aus Cassius Dio entnehmen. Seine gegen
Helvidius gerichtete Tendenz ist allerdings nicht nur durch die Vorlagen,
sondern auch noch durch seine eigene Ablehnung aller "Philosophen" und
"Oppositionellen" bedingt[66].
Vespasians Entschluß, gegen Helvidius vorzugehen, wird gewöhnlich in
das Jahr 71 datiert, in das Jahr der "Philosophenvertreibung"[67]. Wenn diese zeitliche
Verknüpfung richtig ist, hat Helvidius' zu vermutende Intensität bei
der Auseinandersetzung mit Vespasian den Princeps vielleicht auf eine harte
Geduldsprobe gestellt, die das Jahr 71 dann nicht überdauert hätte.
Der Princeps zog Philosophen vor, die die neue Dynastie hofierten[68].
Ein zweites für Helvidius' Tod in Frage kommendes Datum ist das Jahr 74.
Die pointierte Erwähnung der Rededuelle zwischen Helvidius und Marcellus
im "Dialogus", zusammen mit der von Tacitus angedeuteten bedrohlichen
Atmosphäre zur Zeit des dramatischen Datums, können zur
Begründung herangezogen werden. In diesem Falle müßte Vespasian
aber Helvidius' Opposition drei Jahre lang ertragen haben, was nicht sehr
wahrscheinlich ist, oder zwischen Relegation und Hinrichtung wäre einige
Zeit verstrichen[69].
Unklar wie die Datierung von Helvidius' Tod sind die näheren Umstände
der Relegation, die von Sueton als erstes Strafmaß erwähnt wird[70]. Dio schreibt von
wilden Beschimpfungen nicht nur des Princeps, sondern auch von dessen
"Freunden"[71]. Es
wäre vollkommen verständlich, wenn Helvidius über die
Männer, die mehr und mehr Einfluß bei Hofe gewannen, erbost gewesen
ist und starke Worte gebrauchte. Gerade Eprius Marcellus wurde ein
mächtiger Mann, dessen Bedeutung nach einem dreijährigen Prokonsulat
der Provinz Asia durch die Verleihung eines zweiten Konsulats im Jahre 74
demonstrativ anerkannt worden ist[72]. Wenn Dio von Helvidius' heftigen Reden
gegen "Basileia" und für "Demokratia" schreibt, so darf dies keinesfalls
als zuverlässiges Zeugnis für Helvidius' Wunsch verstanden werden,
die Formen der alten Republik wiederherzustellen[73]. Das Exzerpt aus Dios Abschnitt über
die Gründe, die Vespasian bewogen haben, Helvidius zum Schweigen zu
bringen, ist für die Beurteilung seines wirklichen Auftretens so viel und
so wenig wert wie etwa die Rede des Cossutianus Capito für die wirklche
Politik Thraseas[74]. Die
Beschuldigungen aus den Invektiven der Gegner sollten an Epiktets Bemerkungen
über Helvidius' Selbstverständnis als vorbildlicher Senator gemessen
werden; auch die von Tacitus hervorgehobene "aequabilitas" bei der
Erfüllung aller seiner Pflichten macht es ganz unwahrscheinlich, daß
Helvidius sich jemals von seiner Beteiligung am Senatsbeschluß über
die "cuncta principibus solita" losgesagt hat[75]. Vermutlich sprach er ganz einfach von
den Vorzügen der "libertas" und den Nachteilen eines Systems, das auf die
Hilfe von Männern wie Marcellus und Vibius Crispus nicht verzichten
konnte[76].
Helvidius traf zunächst die mildeste Form der Verbannung, die
"relegatio"[77].
Dies ist ein Indiz für Vespasians Mäßigung, deutet aber wohl
auch darauf hin, daß sich Helvidius bis zum Ende weitgehend "korrekt"
verhalten und es seinen Gegnern nicht dadurch leichtgemacht hat, daß er so
sprach, wie es jetzt in den Exzerpten aus Cassius Dio nachzulesen ist. Suetons
Wortwahl läßt vermuten, daß die "altercationes insolentissimae"
als Begründung für die "relegatio" genannt worden sind[78].
Suetons Notiz zeigt, daß Helvidius' Hinrichtung einer der großen
Justizskandale der Zeit war. Nimmt man Sueton wörtlich, so wurde der
Befehl zur Hinrichtung ohne Wissen des Princeps erteilt. Später hieß
es dann, Vespasian habe nichts unversucht gelassen, die Ausführung zu
verhindern[79]. Auf die
naheliegende Frage, wer es sich denn damals erlauben konnte, ohne Absprache
mit dem Princeps einen relegierten Senator töten zu lassen, ist Sueton
leider nicht eingegangen. Tacitus' Hinweis auf die "magna offensa" vom 21.
Dezember 69 läßt an Eprius Marcellus und an Mucianus als Anstifter
denken[80]. Und Titus,
dessen Designation zum Nachfolger des Princeps Helvidius vermutlich zu
verhindern gesucht hat, war bekannt für seinen Eifer als
Prätorianerpräfekt und für seine wirkungsvolle Ausübung der
"befreiten Criminaljurisdiction des Princeps"[81].
Vielleicht war Helvidius' Einwirkung auf die interessierte Öffentlichkeit
durch die bloße Entfernung aus Rom nicht unterbunden. Der Mann, der
"commentarii" hinterließ[82], könnte Mittel und Wege gefunden
haben, Kontakt mit der Hauptstadt zu halten. Musonius erhielt ja selbst auf der
"Teufelsinsel" Gyaros Besuch von seinen Bewunderern[83]. Die Vorgänge um Helvidius' letzte
Tage werden ein ergiebiges Thema für die "Märtyrer"-Literatur gewesen
sein. Hier war allerdings kein tapferer Freitod zu schildern, sondern ein
Mord[84]. Epiktet hat
Helvidius' Schicksal mit dem Tod des Sokrates verglichen[85].
Mucianus' und Marcellus' Ansichten über Helvidius sind bekannt. Wie ist er aber von denen beurteilt worden, die nicht seine geschworenen Feinde waren, ohne gleich, wie etwa Senecio, zu seinen begeisterten Gefolgsleuten zu gehören ? Tacitus hat betont, daß Helvidius für seine ersten Initiativen nach Vitellius' Tod durchaus Unterstützung fand, wenn die gewohnte Furcht erst einmal gebrochen war. Marcellus' ironisches "senatus tuus" gegenüber Helvidius entbehrte nicht jeder Grundlage[86]. War der Senat auch noch nach Vespasians Rückkehr bereit, Helvidius' Anträge mit beifälligem Gemurmel zu begleiten, wie im Dezember 69 ? Tacitus' Andeutungen läßt sich zwar entnehmen, daß die Furcht der Senatoren größer wurde, doch heißt dies wohl nicht, daß Helvidius' Beharren auf seinem im Dezember 69 bezogenen Standpunkt ausdrücklich mißbilligt worden wäre, mit Worten der Art, wie sie Tacitus Marcellus in den Mund gelegt hat[87].
Der Verlust der Historien hat dazu geführt, daß die jetzt erhaltene
Überlieferung ein geschöntes Bild von den Beziehungen zwischen
Vespasian und dem Senat vermittelt. Schon dies erleichtert die Auffassung,
Helvidius' Opposition sei allzu starr gewesen. Daß aber nicht allein
Helvidius Reserven gegenüber dem neuen Herrn hatte, wird selbst bei Sueton
deutlich. Vespasian hat nicht geringe Schwierigkeiten gehabt, dem Senat seinen
Sohn Titus als Nachfolger aufzuzwingen[88]. Wenn der Maternus des "Dialogus"
sich mit der Abfassung eines "Thyestes" abmüht, könnte das einen dem
Princeps durchaus unangenehmen Hintersinn haben[89]. Und was mag Eprius Marcellus, der im
Dezember 69 als Lobredner des "obsequium" auftrat, Ende der siebziger Jahre
dazu bewogen haben, sich gegen den Princeps zu verschwören[90] ?
Mancher nachdenkliche Zeitgenosse wird allerdings bei der Abwägung aller
politischen Möglichkeiten geneigt gewesen sein, Helvidius'
"senatorische" Haltung gegenüber dem allmächtigen Princeps
für nicht sehr realistisch zu halten, zumal angesichts eines Vespasian,
dessen Verdienste um das Reich im Laufe der Jahre deutlicher wurden. Von denen,
die zunächst auf der Seite des Helvidius offen aufgetreten sind,
hören wir nichts mehr. Paconius Agrippinus, der im Jahre 66 zusammen mit
Helvidius und Curtius Montanus angeklagt worden war und der von Epiktet
ebenfalls zu den stoischen "Heiligen" gezählt wird, war später sogar
zur Zusammenarbeit mit dem Princeps bereit[91]. Arulenus Rusticus, einer der feurigen
jungen Idealisten aus dem Kreis Thraseas, dürfte ebenfalls weniger rigoros
geworden sein[92].
Helvidius' Prinzipienstrenge, philosophisch begründet mit der einmal
gewählten "persona", war nicht für jedermann annehmbar. Mancher hat
sein Auftreten gegenüber Vespasian wohl mit dem Streben nach "gloria"
erklärt; diese Kritik schloß dann aber auch ein, daß sein
Verhalten tatsächlich "gloria" nach sich ziehen würde,
grundsätzlich also ein Kampf für eine gute Sache sei[93].
Diese Überlegungen erlauben den Schluß, daß Helvidius nicht
für alle Senatoren der unerträgliche Besserwisser war, zu dem ihn
seine Feinde abstempeln wollten[94]. Er machte etwas bewußt, was auch
andere Senatoren, die bloß weniger Mut hatten, ebenfalls schmerzlich
empfanden - den Verlust selbst noch derjenigen senatorischen Freiheiten, die
innerhalb der unvermeidlichen Principatsverfassung möglich waren. Sogar
der angepaßte Plinius ist in der Lage, darüber zu schreiben, und
viele seiner Freund müssen ähnlich gedacht haben[95].
Tacitus' Stellungnahme in den Historien ist hier einzuordnen. Auch ohne viele
Mutmaßungen über die verlorenen Partien des Werkes ist deutlich,
daß sein Bericht über Helvidius' Kampf näher an die
panegyrische, durch Senecio repräsentierte Überlieferung
herangerückt werden muß als an die flavische Geschichtsschreibung,
deren Spuren bei Sueton und bei Cassius Dio zu finden sind. In seinem
biographsichen Abriß über Helvidius hat Tacitus soviele Einzelheiten
aus der "Märtyrer"-Tradition übernommen, daß die Annahme,
er habe im verlorenen Teil der Historien eine radikale Wandlung dieses Mannes
zum skurrilen Eiferer im Sinne der flavischen Tradition beschrieben, nicht sehr
plausibel ist[96].
Die Grenzen von Tacitus' Anlehnung an die "Märtyrer"-Tradition sind
dabei nicht zu übersehen: "sanctus" wird er Helvidius vermutlich nicht
genau genannt haben[97].
Er selbst zog einen Mittelweg vor, ohne freilich die Würde von Helvidius'
Kampf zu bestreiten - für Tacitus ein nachgeborener Cato, kein zweiter
Favonius[98]. Und: konnte
in Tacitus' Augen die Herrschaft Domitians Helvidius' Bestrebungen nicht
wenigstens nachträglich einen Sinn geben ?
Für Helvidius' Fortleben ist es bedeutsam, daß er immer wieder
zusammen mit Thrasea Paetus genannt wird. Sein Ansehen war keineswegs geringer
als das seines Schwiegervaters, obwohl dessen zurückhaltendes Auftreten
ihn z. B. für Plinius sympathischer machen mußte; es ist ja kein
Zufall, daß aus Plinius' Briefen mehr über Thrasea als über
Helvidius zu erfahren ist[99]. Andererseits blieben
Äußerungen wie die Epiktets keineswegs auf den Hörsaal
beschränkt. Claudius Severus hat seinem Schüler Mark Aurel eben
dieses Bild von Helvidius vermittelt; und der künftige Princeps hat sich
die Verehrung für Helvidius ganz zu eigen gemacht. Offenbar war es auch in
genauer Kenntnis seines Streites mit Vespasian möglich, Princeps zu sein
und gleichzeitig Helvidius für ein Vorbild wie Thrasea zu halten[100]. Mark Aurels
Bewunderung für Thrasea und Helvidius ist eine Stütze für die
Auffassung, daß Tacitus' biographische Würdigung des Helvidius im IV.
Buch der Historien gültig ist auch für die letzten Jahre seines
Lebens: "cunctis vitae officiis aequabilis"[101].