Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

5.1 Was ist Geschichte?

Als Gegenwart empfindet der Mensch nach Ausweis wahrnehmungspsychologischer Studien eine kurze Zeitspanne von etwa drei Sekunden. Dann gehört die Gegenwart bereits der Vergangenheit an. Die Vergangenheit ist – wie der Name schon sagt – vergangen, und dies unwiderruflich. Zurück lässt sie nur vereinzelte Überreste, die den einstigen, im Zustand der Gegenwart gegebenen, lebendigen Zusammenhang aber nur noch fragmenthaft abbilden. Vor allem – aber nicht ausschließlich! – diese Relikte vergangener Gegenwart nennt der Historiker „Quellen“ und versucht, aus ihnen nach Möglichkeit ein Gesamtbild der Vergangenheit zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion bezeichnen wir als „Geschichte“, und sie ist keineswegs mit der Vergangenheit identisch. „Geschichte“ ist immer eine Konstruktion des sich erinnernden Menschen, der sie denkt, erzählt oder schreibt. Als solche bleibt sie notwendig unvollkommen, erstens wegen der angesprochenen Fragmenthaftigkeit der zugrunde liegenden Überreste und zweitens wegen der subjektiven Wahrnehmung des Menschen an sich. Schon dieselbe Gegenwart werden zwei Menschen niemals gleich erleben. Umso mehr unterliegt die spätere Erinnerung an sie formenden äußeren Faktoren. Gegenwart und Vergangenheit konditionieren sich fortlaufend gegenseitig im Medium der Erinnerung. Es kommt hinzu, dass „Geschichte“ als erinnerte Vergangenheit stets in der Sprache der Gegenwart erzählt werden muss, um für diese Bedeutung zu haben. Der Historiker muss also Fragen und Terminologie seiner Gegenwart in einer Art von „kontrolliertem Anachronismus“ an die Quellen herantragen. Die Tätigkeit des Historikers ist daher eine durchaus kreative an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Deshalb ist die Geschichtswissenschaft auch keineswegs eine nur museal-bewahrende Disziplin, sondern eine erklärende und aktualisierende. Der Historiker schreibt (eine) Geschichte. Was die Geschichtsschreibung ihrem Anspruch nach seit der Antike von anderen Formen der Vergegenwärtigung von Vergangenem – etwa in Romanen, Epen, Filmen – unterscheidet, ist der Anspruch, dass sich das von ihr entworfene Geschichtsbild stets an den Quellen messen lassen muss. Obwohl er also völlige Objektivität nie erreichen kann, muss sich der Historiker doch um eine möglichst weitgehende Loslösung von den eigenen Relevanzperspektiven und Identitätshorizonten bemühen. Diese Form des Umgangs mit Geschichte ist freilich – im Gegensatz zu Vergangenheitsbezug und Geschichtsbewusstsein als anthropologischen Konstanten – eine artifizielle, mühsam zu erlernende Fähigkeit. Wenngleich es also eine abschließende und dauerhaft gültige Geschichte aus den oben skizzierten Gründen niemals geben kann, kommt doch den Ergebnissen der historischen Forschung zumindest eine starke Wahrheitsähnlichkeit zu. Diese Art des Umgangs mit der Vergangenheit ist weitgehend ein auf antikem Erbe aufbauendes Spezifikum der westlichen Welt.