Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

5.2 Von „harten“ und „weichen“ Wissenschaften

Folgt nun aus dem eben Gesagten nicht, dass die Geschichtswissenschaft eigentlich gar nicht „wissenschaftlich“ ist? Das hängt zunächst davon ab, wie man den angewandten Begriff der „Wissenschaft“ definiert. Unser heutiger Wissenschaftsbegriff ist stark durch einen naturwissenschaftlichen Objektivitätsbegriff geprägt, und in diesem Sinne erscheinen dann die Kulturwissenschaften in der Tat als „weiche“ Wissenschaften. Die Ursachen dafür liegen freilich nicht in irgendwelchen methodischen Unzulänglichkeiten, sondern in ihrem im Vergleich zu den Naturwissenschaften ungleich weiteren Fragehorizont. Auch die heutigen „harten“ Wissenschaften waren über den längsten Zeitraum ihrer Geschichte durchaus „weich“: Erst durch das Ausblenden all dessen, was seit Aristoteles als Metaphysik bezeichnet wird, d. h. durch eine Beschränkung der Fragestellung auf das objektiv Messbare, wurde die Physik zu einer „Wissenschaft“ im modernen Sinne. Dieser Weg stünde prinzipiell natürlich auch dem Historiker offen. Er müsste sich eben nur auf die Feststellung dessen beschränken, was unzweifelhaft gewesen ist. Nur Kausalzusammenhänge zwischen den Ereignissen herstellen, nach Motiven und Ursachen fragen – das dürfte er dann nicht, denn im Moment der Interpretation verlässt er notwendig den Bereich des objektiv Feststellbaren. Eine solche „harte“ Geschichtswissenschaft müsste sich also auf das Kompilieren chronologischer Listen beschränken. Würde der Physiker umgekehrt nicht nur feststellen, dass sich zwei Massen gegenseitig anziehen, sondern im Letzten erklären wollen, warum sie das tun, müsste er ebenso den Boden der Objektivität verlassen. Kurz gesagt: Die Kulturwissenschaften sind deshalb so „weich“, weil sie etwas leisten, was die Naturwissenschaften vor etwa 200 Jahren aufgegeben haben – nämlich Sinn zu stiften. Solchen aber kann der Mensch, sofern er ihm nicht aus dem Bereich der Transzendenz offenbart wird, stets nur als subjektive Konstruktion generieren. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass der Historiker Wertorientierung im Sinne eines Religionsersatzes anbieten kann. Sehr wohl aber wird man ihm die Entwicklung einer kohärenten, eben sinn-vollen Narration abverlangen, die über das Referieren isolierter Fakten hinausgeht. Dass Geschichte darüber hinaus in gewissem Sinne Orientierungswissen bereitstellt, hat mit dem Vergangenheitsbezug als einer anthropologischen Konstante zu tun. Die Geschichte stellt uns Daseins- und Entwicklungsmöglichkeiten vor, die für die Gegenwart bestätigend oder delegitimierend wirken können. Der Historiker muss diese Folgerungen nicht explizit ziehen, seine Leser werden seine Geschichte aber aus sich selbst heraus so als Orientierungsangebot annehmen. Vor allem aber bedeutet die Auseinandersetzung mit Geschichte immer auch eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Grundproblemen, z. B. Formen politischer Herrschaft, Systemen zwischenstaatlicher Ordnung, kulturellen Transfer- und Wandlungsprozessen, dem Verhältnis von Politik und Religion usw. In der Auffassung der der vormodernen Geschichtsschreibung war Geschichte daher die „Lehrmeisterin des Lebens (historia magistra vitae). Die disziplinäre Auffächerung im Laufe des 20. Jh. führte zu einer Trennung von Politologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft, nicht zuletzt weil die letztere sich selbst nicht mehr länger als „Lehrmeisterin“ verstehen wollte, sondern sich darauf beschränken wollte, „zu zeigen, wie es eigentlich gewesen“ – um das berühmte Rankezitat anzuführen. Beides ist aber bedenklich: eine Geschichtswissenschaft ohne Blick für allgemeine Zusammenhänge ebenso wie eine Politik- und Gesellschaftswissenschaft ohne historische Perspektive.
Gute (und verständliche) Einführungen in die theoretischen Probleme der aktuellen Geschichtswissenschaft bieten
Lorenz, Chris: Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie (= Beiträge zur Geschichtskultur. 13), Köln 1997.

Hölscher, Lucian: Neue Annalistik. Umrisse einer Theorie der Geschichte (= Göttinger Gespräche zur Geschichtswissenschaft. 17), Göttingen 2003.
Speziell zur Alten Geschichte bzw. von dieser ausgehend:
  1. Finley, Moses I.: Quellen und Modelle in der Alten Geschichte, Frankfurt a. M. 1987.
    Ursprünglich englisch unter dem Titel „Ancient history“.
  2. Veyne, Paul: Geschichtsschreibung – und was sie nicht ist, Frankfurt a. M. 1990.
    Ursprünglich französisch unter dem Titel „Comment on écrit l’histoire“.
  3. Morley, Neville: Theories, models and concepts in ancient history (= Approaching the ancient world), London/New York 2004.
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Als historiographiegeschichtliche Standardwerke sind für die deutschsprachige Forschung zu erwähnen:
  1. Christ, Karl: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1989 (3. erw. Aufl.).
  2. Christ, Karl: Hellas. Griechische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1999.
  3. Christ, Karl: Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982.
  4. Christ, Karl: Klios Wandlungen. Die deutsche Althistorie vom Neuhumanismus bis zur Gegenwart, München 2006.
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Allgemein auch:
  1. Raphael, Lutz (Hg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft 1. Von Edward Gibbon bis Marc Bloch, München 2006.
  2. Raphael, Lutz (Hg.): Klassiker der Geschichtswissenschaft 2. Von Fernand Braudel bis Natalie Z. Davis, München 2006.
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Als Einführungen in die Historischen Anthropologie können dienen:
  1. Winterling, Aloys: Historische Anthropologie (= Basistexte), Stuttgart 2006.
  2. Van Dülmen, Richard: Historische Anthropologie. Entwicklung – Probleme – Aufgaben, Köln/Weimar/Wien 2001 (2. durchg. Aufl.).