Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

5.4 Wozu denn Alte Geschichte? – eine kleine Apologie

Jede Wissenschaft muss sich die Frage nach ihrer Relevanz gefallen lassen. Für die Natur- oder Wirtschaftswissenschaften ist sie einfach zu beantworten, denn mit ihren Ergebnissen lässt sich Geld verdienen, was man von der Alten Geschichte und den Geisteswissenschaften insgesamt zugegebenermaßen nicht behaupten kann. Dieses „Geld verdienen“ setzt heute in einer hochdifferenzierten arbeitsteiligen Wirtschaft freilich eine funktionierende gesellschaftliche und politische Ordnung voraus. Derartige Ordnungen aber sind nicht selbstverständlich. Ein Verständnis des Menschen als Individuum und der Formen seiner Vergemeinschaftung tut daher not. Diesem Gegenstand aber widmen sich in besonderem Maße die Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften.
Der Vergangenheitsbezug ist ohnehin eine anthropologische Konstante: Jede Gemeinschaft – Familien, Vereine, Religionen, Stämme, Staaten – gewinnt ihre Identität und ihre Distinktion von anderen Gruppen durch gemeinsame Vorstellungen von der eigenen Vergangenheit, die man als soziales (Aby Warburg), kollektives (Maurice Halbwachs) oder kulturelles (Jan und Aleida Assmann) Gedächtnis zu bezeichnen pflegt. Eine geschichtslose Gesellschaft kann es also nicht geben – bestenfalls eine, die ohne Geschichtswissenschaft auskommt. Das kollektive Gedächtnis einer Gruppe ist grundsätzlich gegenwartsbezogen, erinnert also Vergangenes nicht um seiner selbst willen. Man spricht hier vom Funktionsgedächtnis. Dem Historiker kommt in diesem Zusammenhang eine zweifache Funktion zu: (1) Er sorgt als Vermittler für die kontinuierliche Tradierung dieses identitätsrelevanten Wissensbestandes, z. B. im Schulunterricht, in Ausstellungen, in den Medien usw. Aufgrund seiner Sach- und Methodenkompetenz wirkt er als normatives Korrektiv gegenüber Abweichungen im kollektiven Gedächtnis. Dem Historiker kommt also eine stabilisierende Funktion zu. (2) Andererseits hält er aber als eine Art ausgelagerter Speicher des kollektiven Gedächtnisses auch ein Wissen vor, dass zwar aktuell „bedeutungslos“ ist, unter veränderten Bedingungen aber für die Konstruktion einer neuen Identität erforderlich sein kann. Zudem stellt er immer wieder scheinbare Gewissheiten des kollektiven Gedächtnisses in Frage und fordert so zur verstärkten Selbstreflexion auf. So gesehen wirkt der Historiker nicht als bewahrende, sondern im Gegenteil als eine von der Tradition befreiende Kraft. Damit sind die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, „aus der Geschichte zu lernen“ angesprochen: Geschichte kann begründen („weil es schon immer so gewesen ist“, „warum es so geworden ist“) oder delegitimieren („aber früher war es anders“). Letztgenannter Wirkungsmechanismus tritt einem besonders eindrücklich in der Abfolge europäischer Renaissancen entgegen, die stets die Veränderung als Rückkehr (eben Re-form) zu einem als normativ postulierten, vermeintlich besseren Vorzustand begründeten. Der ständige Bezug auf die Antike wirkte also paradoxerweise in der europäischen Geschichte keineswegs konservierend, sondern beförderte im Gegenteil gerade den Wandel.
Die Alte Geschichte ist dabei von besonderem Interesse, weil sie hinsichtlich ihres Stoffes einen Balanceakt zwischen Identität und Alterität vollzieht: Einerseits befasst sich der Althistoriker mit Gesellschaftsformen und Mentalitäten, die entschieden nicht diejenigen unserer eigenen Zeit und Kultur sind. Andererseits untersucht er aber auch nicht völlig fremde Kulturen, die er – zumindest vermeintlich – als Außenstehender betrachten kann. Der Historiker sieht sich einer Vergangenheit gegenüber, die ihm zwar einerseits fremd erscheint, in der er sich aber doch gleichzeitig auch selbst erkennt, weil es eben seine eigene Vergangenheit ist, ohne die die von ihm erlebte Gegenwart anders aussähe. Denn in der Antike fallen die für die kulturellen Prägungen der sogenannten „westlichen Welt“, unser Verständnis vom Individuum und vom Staat bis heute verbindlichen Entscheidungen. Das Christentum, das ja ein Stück lebendige Antike darstellt, und eine Kette von Renaissancen haben „Europa“ und den „Westen“ aus dem Erbe Griechenlands und Roms geformt. Es ist daher kein Zufall, dass Klassische Philologie und Alte Geschichte überall dort betrieben werden, wo man sich dieser Kulturgemeinschaft zugehörig fühlt. Dass wir heute etwa überhaupt über das Konzept „Europa“ verfügen, verdanken wir einzig den geographisch-kulturphilosophischen Spekulationen der Griechen, denn eine objektive geologische Grundlage für diese Einteilung der Welt in Erdteile gibt es nicht. Erst die Kenntnis der Alten Geschichte befähigt uns also zur Erkenntnis der Spezifika unserer eigenen Kultur.
In der Erinnerung an die Fremdheit der eigenen Vergangenheit jedoch sieht sich der historisch denkende Mensch gleichzeitig zum Verstehen und zur Akzeptanz des Fremden an sich aufgerufen. Wer in die Geschichte blickt, stellt fest, dass menschliches Leben auf der Grundlage ganz anderer Werte und Normen funktionieren kann als derjenigen unserer eigenen Gesellschaft. Er lernt ein Arsenal an in der eigenen Gegenwart unverwirklichten Möglichkeiten kennen. Die große Gefahr, der die Geschichtswissenschaft nicht immer entgangen ist, liegt nun darin, chronologisch frühere Phänomene als im Rahmen einer auf „Fortschritt“ zielenden Entwicklung minderwertig abzutun. Schon Leopold v. Ranke verneinte freilich die hoffnungsfrohe Frage, ob es denn Fortschritt in der Geschichte gebe. Diesen kann nur feststellen, wer über einen außerhalb der Geschichte liegenden Maßstab verfügt. Ein solcher könnte aber nur aus der Religion bzw. philosophischen Metaphysik abgeleitet werden. Hinzu kommt die bittere Erkenntnis, dass die Menschen über die Jahrtausende nicht besser geworden sind, freilich auch nicht schlechter. Vor allem muss der Historiker einsehen, dass es in der geschichtlichen Entwicklung keine Quantensprünge geben kann, und dass demnach Lebensformen, die ihm als Kind seiner Zeit unerträglich scheinen, doch notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der eigenen Kultur waren. Es gibt also viel zu lernen aus der Geschichte. Jedoch nicht in einem primitiv-oberflächlichen Sinne, denn wie wir gesehen haben gibt es „die“ Geschichte erstens nicht, und zweitens wiederholt sich die Vergangenheit nicht. Selbst wenn die Umstände einer bestimmten Situation in der Vergangenheit sich genau wiederholen würden, bliebe doch in jedem Moment die Willensfreiheit des Menschen als eigentlich historisch Handelndem, sich unter gleichen Bedingungen doch anders zu entscheiden. „Geschichte“ kennt daher keine zwangsläufigen Muster und kann nicht vorhergesagt werden. „Lernen“ heißt hier zunächst „kennen lernen“ und „in seiner Andersartigkeit verstehen lernen“. Neben dem Bewusstsein für das Eigene fördert die verantwortliche Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit also auch die Toleranz für das Fremde. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann also den Blick für die Möglichkeiten menschlichen Daseins weiten, das Bewusstsein für die historische Bedingtheit der eigenen kulturellen Prägungen schärfen und damit vor deren unkritischer Absolutsetzung bewahren.