Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

5.5 Voraussetzungen und Anforderungen

Die Tatsache, dass die moderne europäisch-westliche Kultur aus einem ständigen Rückbezug auf die Antike hervorgegangen ist, hat eine bedeutsame Konsequenz für das Studium der Alten Geschichte: Im Gegensatz zu Mittelalterlicher und Neuerer Geschichte ist die Alte Geschichte nicht nationalisierbar, sondern in ihrer Gesamtheit gemeinsames Erbe aller westlich orientierten Gesellschaften. Während daher in den anderen Epochendisziplinen Forschung und Lehre in der Praxis vielfach auf die Geschichte des eigenen geographischen Raumes beschränkt sind, trifft das auf die Alte Geschichte keineswegs zu. Natürlich gibt es auch im Bereich der mittelalterlichen und neueren Geschichte Überschneidungsbereiche, in denen Geschichte wirklich international erforscht wird (z. B. Papst- und Kirchengeschichte, Geschichte der Kreuzzüge, Weltkriege usw.), die Regel ist es aber nicht: Ein englischer Mediävist wird sich eher den Rosenkriegen als dem „deutschen“ Investiturstreit zuwenden, einem französischen Historiker wird die innere Entwicklung Frankreichs im 19. Jh. wichtiger sein als die gleichzeitige Ausbildung eines deutschen Nationalstaats. In verschärfter Form gilt dies natürlich für die Regional- und Landesgeschichte. Die Vorlesungsverzeichnisse der Universitäten ebenso wie die Aufgabenstellungen in den Staatsprüfungen und die Lehrpläne der weiterführenden Schulen spiegeln diese Situation. Anders in der Alten Geschichte: Hier besteht prinzipiell kein unterschiedliches Erkenntnisinteresse zwischen einem Historiker in Australien und in Russland. Die Erforschung der Alten Welt ist eben gemeinsames Erbe, Gegenstand, Quellen und Methoden für alle gleich.
Das alles hört sich vielversprechend an und ist es auch, hat aber für den Studenten zwei unangenehme Konsequenzen: Zum einen erfordert die Alte Geschichte Kenntnisse eines großen und teilweise weit entfernten geographischen Raumes. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass bei vielen Studenten die Vorstellung von den Gebieten Osteuropas und vor allem des Nahen und Mittleren Ostens eine sehr vage ist. Ein wirkliches Gespür für die topographischen, ökologischen und klimatischen Bedingungen, unter denen sich die griechisch-römische Kulturwelt entwickelte kann man eigentlich ohnehin nur durch Reisen erwerben.
In der Studienpraxis noch problematischer sind aber die hohen Anforderungen an Sprachkenntnisse, welche die Alte Geschichte stellt. Die meisten Studenten denken hier zunächst an Latein und Griechisch, und das zu Recht, weil dies die Sprachen unserer wichtigsten Quellen sind. An alten Sprachen wären aber auch Hebräisch, Aramäisch, Ägyptisch und Punisch zu nennen – Sprachqualifikationen, die freilich auch bei kaum einem professionellen Althistoriker zu finden sind. Was aber oft übersehen wird, ist die aus der Internationalität des Faches folgende Notwendigkeit, Sekundärliteratur in vielen modernen Sprachen lesen zu müssen. Englisch sollte für einen Althistoriker nicht als Fremdsprache gelten, denn der quantitativ bedeutsamste Teil der Neupublikationen erscheint auch in seinem Fach in dieser Sprache. Ebenso unverzichtbar ist jedoch an sich auch ein Leseverständnis des Französischen und Italienischen; hinzu kommen in deutlich geringerem Maße Spanisch, Niederländisch, Russisch usw. Leider genügen selbst da, wo in der Schule Französisch gelernt wurde, die praktischen Fertigkeiten oft nicht zur Lektüre anspruchsvoller Sachtexte. Aus der Sicht der akademischen Forschung und Lehre rächt sich hier die Ausrichtung des Fremdsprachenunterrichts auf vermeintliche Praxistauglichkeit, d. h. der Vorrang aktiver Sprachkompetenz auf eher niedrigem Textniveau. Wer die genannten Sprachen aber nicht rezipieren kann, dem bleiben wichtige Teilbereiche der Alten Geschichte verschlossen. Ferner ist ihm die Nutzung hervorragender Hilfsmittel und Standarddarstellungen verwehrt.
Eine Beschränkung des Studiums der Alten Geschichte ausschließlich auf die deutsche Sekundärliteratur ist heute nicht mehr möglich. Sie sollten mindestens in der Lage sein, englische Texte flüssig zu lesen. Wenn Sie an der Schule Französisch gelernt haben, sollten Sie ebenfalls unbedingt versuchen, Ihre Lesefähigkeit zu trainieren. Das ist zunächst ein mühsames Unterfangen, das umso leichter fällt, je besser die lateinischen Wortschatzkenntnisse sind. Davon abgesehen gilt es, sich durchzubeißen. Wenn auch das erste Buch noch schwer fällt, so wird die Lektüre des zweiten schon wesentlich leichter sein.
Wer seine altsprachlichen Kenntnisse aufpolieren möchte, sollte sich die folgenden Angebote etwas näher ansehen:
  1. Ancient Greek Tutorials: http://socrates.berkeley.edu/~ancgreek/ancient_greek_start.html.
    Enthält Vokabel- und Grammatikübungen; ursprünglich auf Donald Mastronardes exzellente Introduction into Attic Greek abgestimmt.
  2. TEXTKIT: http://www.textkit.com.
    Lehrbücher, Grammatiken und Schulausgaben älteren Datums zum Download.
Einige ältere, aber immer noch hilfreiche Lexika sind mittlerweile im Rahmen von Zeno.org frei verfügbar:
  1. Georges, Karl Ernst: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, Hannover 1913/1918 - http://www.zeno.org/Georges-1913
  2. Pape, Wilhelm: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Griechisch-deutsches Handwörterbuch, Braunschweig 1880 (3. überarb. Aufl.) - http://www.zeno.org/Pape-1880
Für eingehendere philologische Untersuchungen sind die folgenden Standardlexika zu benutzen:
  1. Liddel, Henry G./Scott, Robert/Jones, Henry S.: A Greek-English lexicon, Oxford 1940 (9. erg. Aufl.). [LSJ]
    Im Rahmen des Perseus Project (http://www.perseus.tufts.edu) benutzbar. Ergänzend zum Hauptband ist ein Supplementband zu konsultieren (aktuellste Auflage von 1996).
  2. Lampe, Geoffrey W. H.: A Patristic Greek lexicon, Oxford 1961.
    Ergänzt LSJ, da dort das patristische Griechisch keine Berücksichtigung fand.
  3. Adrados, Francisco R.: Diccionario Griego-Español, Madrid 1980-. [DGE]
    Erschienen sind bisher die Bände I-VI (derzeit letztes Lemma ἐκπελεκάω), der erste Band bereits in einer zweiten, überarbeiteten und erweiterten, Auflage. Wird zukünftig LSJ als philologisches Standardlexikon ablösen, zumal auch das mykenische und patristische Griechisch Berücksichtigung finden.
  4. Lewis, Charlton T./Short, Charles: A Latin dictionary, Oxford 1879. [L&S]
    Im Rahmen des Perseus Project (http://www.perseus.tufts.edu) benutzbar.
  5. Glare, Peter G. W.: Oxford Latin dictionary, Oxford 1996 (korr. Aufl.). [OLD]
    Ersetzt für vorklassische und klassische Autoren, nicht aber für die nachklassische Literatur L&S, denn nach 200 n. Chr. entstandene Werke werden im OLD nur in Ausnahmefällen berücksichtigt.
Vollständiger erschließt das philologische Instrumentarium das vorzügliche Hilfsbuch für Studierende der griechischen und lateinischen Philologie unter http://www.hilfsbuch.de.