Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

7.1 Wozu Sekundärliteratur?

Auch wenn zumal deutsche Qualifikationsschriften manchmal einen anderen Eindruck vermitteln: Wissenschaftliches Arbeiten besteht nicht primär im selbstzweckhaften Sammeln und Wiederverwerten möglichst großer Massen an Sekundärliteratur. Ein nicht unbekannter Zunftgenosse hat in diesem Zusammenhang einmal bemerkt: „Lesen Sie nicht so viel Sekundärliteratur – die anderen haben auch keine anderen Quellen!“ Was wissenschaftliche Arbeit etwa von populärwissenschaftlicher Aufbereitung unterscheidet, ist in der Tat vor allem der direkte Bezug auf die Quelle. Die Werke der Sekundärliteratur bauen auf den Quellen auf, führen zu den Quellen hin und geben Vorschläge zu ihrer Deutung. Der Maßstab, an dem die wissenschaftliche Sekundärliteratur zu messen ist, sind daher immer wieder die Quellen. Da sich geisteswissenschaftliche Erkenntnisse oftmals nicht im Sinne eines zwingenden Beweises verifizieren lassen, ist als entscheidendes Qualitätskriterium immerhin einzufordern, dass sie nicht anhand der Quellen falsifizierbar, d. h. also nachweislich falsch sind. Ohne Kenntnis der Quellen können Sie die Sekundärliteratur wohl lesen, sind aber nicht in der Lage, sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden. Erst die Auseinandersetzung mit den Quellen führt vom aus der Sekundärliteratur gezogenen Vor-Urteil zum eigenen Urteil. Das ist aber der Kern wissenschaftlicher Arbeit.