Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

7.2.1.2 Fachlexika:

Die mit Abstand wichtigste Anlaufstelle für die Erstinformation, aber auch zur Klärung später auftretender Sachfragen sind sicherlich die Fachlexika.
  1. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE), erschienen 1893-1980.
    Zweifellos die Königin der althistorisch einschlägigen Fachlexika. Der universale Anspruch dieses Unternehmens dokumentiert die Führungsrolle der deutschen Altertumswissenschaft bis in die Mitte des 20. Jh. In der 68 Halb- und 15 Supplementbände umfassenden RE finden Sie prinzipiell fast alles und jeden, die Benutzung ist jedoch gewöhnungsbedürftig. Insbesondere sind die folgenden Punkte zu beachten:
    • Die RE ist ihrer ursprünglichen Konzeption nach eine Realenzyklopädie, d. h. sie gibt nur Artikel zu Realien, nicht aber zu Abstrakta wie z. B. „Alter“.
    • Die Schwerpunktsetzung der RE spiegelt die Forschungsinteressen ihrer Entstehungszeit, erwarten Sie also keinen Artikel etwa über „Gabentausch“.
    • Auch im Hinblick auf die geforderten Sprachkenntnisse spiegelt die RE den Stand ihrer Zeit, fließende Kenntnisse der griechischen und lateinischen Sprachen werden vorausgesetzt, bisweilen auch Sanskrit.
    • Vor allem die Artikel in den ersten Bänden der RE sind aufgrund ihrer Entstehung am Ende des 19. Jh. oft veraltet. Ebenso oft stellen sie freilich bis heute das letzte Wort zu einem bestimmten Detailproblem dar.
    • I und J sowie U, V und W gelten – wie sich das im römischen Alphabet gehört – jeweils als ein Buchstabe.
    • Römische Namen sind wie folgt geordnet: Träger (1) des bloßen nomen, (2) des nomen mit praenomen, (3) des dreiteiligen Namens in der Suchhierarchie (a) nomen gentile (also Cicero unter Tullius, Caesar unter Iulius), (b) cognomen (also Cornelius Scipio vor Cornelius Sulla), ggf. mit weiteren Beinamen, (c) praenomen, (d) Chronologie (also Iulius 129 = Caesars Großvater, Iulius 130 = Caesars Vater, Iulius 131 = C. Iulius Caesar), (4) Frauen (also Iulia nach Iulius).
    • Besonders erschwerend für die Benutzung der RE ist die Praxis, (1) am Ende der Einzelbände Nachträge einzufügen, und (2) in den einzelnen Supplementbänden jeweils Artikel von A-Z zu publizieren. Um einen bestimmten Eintrag in der RE zu finden, müssten Sie also ggf. den Hauptband, seinen Nachtrag und alle 15 Supplementbände durchsuchen. Um Ihnen diese Arbeit zu erleichtern, sind mittlerweile verschiedene Registerbände erschienen. Am besten benutzen Sie die vom Metzlerverlag herausgegebenen „offiziellen“ Register. Während der alphabetische Teil in gedruckter Form und auf CD-ROM erschienen ist, konnte der systematische Teil nur noch in elektronischer Form publiziert werden. Konsultieren Sie in jedem Fall das alphabetische Register! Nur so werden Sie sicher auf eventuell vorhandene Nachträge zu älteren Artikeln in den Supplementbänden hingewiesen.
    • Die Verfasser stehen in der RE jeweils am Ende des ganzen von ihnen verfassten Textabschnittes (oft mehrere Artikel, manchmal nur ein Artikelteil) in eckigen Klammern. In den älteren Bänden ist dabei oft nur der Nachname angegeben, doch finden Sie im Registerband ein Verzeichnis der über 1000 Mitarbeiter der RE, das auch die Vornamen enthält.
    Die Benutzung der RE ist trotz all dieser Widrigkeiten unerlässlich, da sie zumeist den schnellsten Zugang zu den Quellen bietet, die fast vollständig angeführt werden. Spätestens, wenn Sie für Ihre Seminararbeit einen Beleg für ein bestimmtes Ereignis suchen, werden Sie die RE zu schätzen lernen. Die Quellenkenntnis der Autoren war meist überragend und ist bis heute oft unerreicht. Eine sukzessive Digitalisierung ist in Arbeit; die Ergebnisse können unter http://de.wikisource.org/wiki/Paulys_Realencyclopädie_der_classischen_Altertumswissenschaft benutzt werden.
  2. Der Kleine Pauly (KlP), erschienen 1964-1975, und Lexikon der Alten Welt (LAW), erschienen 1965.
    Hier handelt es sich nicht um Enzyklopädien, sondern um Handlexika, die auch für den Studenten in preiswerten Taschenbuchausgaben erschwinglich sind. Beide Werke sind im Kern ein verknappender Auszug aus dem „Großen Pauly“, d. h. der RE. Allerdings wurden Artikel und Literaturangaben auf den neuesten Stand gebracht (der freilich heute auch schon wieder veraltet ist) sowie Überblicksdarstellungen zu Abstrakta hinzugefügt. Beide Lexika bestechen noch heute durch das gleichmäßig hohe inhaltliche und sprachliche Niveau der Artikel, ein Verdienst der Herausgeber. Aufgrund der höheren Dichte an Quellenbelegen gebührt dem KlP vielleicht die Präferenz vor dem LAW.
  3. Der Neue Pauly (DNP), erschienen 1996-2003.
    Kein Ersatz für die RE – auch wenn mancher das hoffen mag. DNP steht vom Umfang her zwischen RE und KlP und basiert im Grundsatz auf der Lemmaliste des letzteren. Die Qualität der Artikel schwankt erheblich, die Literatur- und Quellenangaben sind teilweise viel zu knapp. Davon abgesehen bietet DNP einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Besonders hilfreich sind die hervorragenden Illustrationen und Karten, sowie die Bände zur Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte, die das Fortleben der Antike in der europäischen Geistesgeschichte beleuchten. Trotz mancher Defizite stellt DNP daher eine unverzichtbare Ergänzung zur RE dar. Die Rechte am Volltext liegen mittlerweile bei Brill und eine deutsch-englische elektronische Version ist unter http://www.brillonline.nl verfügbar. Eine Benutzung ist aus dem Universitätsnetz möglich.
    Die Lexikonbände werden ergänzt durch eine Reihe von Supplementbänden, die bestimmten Themenbereichen gewidmet sind und weiterführende Materialien enthalten:
    • Herrscherchronologien der antiken Welt, 2004.
    • Geschichte der antiken Texte, 2007.
      Hier kommen Sie zur H-Soz-u-Kult-Rezension.
    • Historischer Atlas der antiken Welt, 2007.
      Hier kommen Sie zur sehepunkte-Rezension und zur BMCR-Rezension.
    • Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte, 2005.
    • Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2008.
      Hier kommen Sie zur BMCR-Rezension.
    • Gelehrte und Wissenschaftler der Klassischen Altertumswissenschaften, geplant für 2010.
    • Komparatistik der Antike, geplant für 2009.
  4. The Oxford Classical Dictionary (OCD3), erschienen 1996 in 3. Aufl.
    Ein echtes, weil einbändiges, Handlexikon. Die Artikel sind von renommierten Autoren durchgängig auf hohem Niveau, aber mit der gebotenen Knappheit verfasst. Die Literaturangaben bieten Hinweise auf Editionen, Übersetzungen und zentrale Werke der Sekundärliteratur. Die 3. Auflage spiegelt den aktuellen Forschungsstand wider. Gute Englischkenntnisse einmal vorausgesetzt bietet das OCD3 für den Anfänger oft den besten Einstieg, da Aktualität, Qualität und Handlichkeit gegeben sind. Glücklich sind die Besitzer der mittlerweile vergriffenen CD-ROM-Edition. Zugriff auf eine Online-Version ist im Rahmen der Oxford Reference Online (Premium Collection, Zusatzpaket Western civilization) unter http://www.oxfordreference.com kostenpflichtig möglich. Im Jahre 2004 ist unter dem Titel „The Oxford companion to classical civilization“ eine auf ein breiteres Publikum berechnete Auswahl der wichtigsten Lemmata erschienen, die um Illustrationen ergänzt wurde. Dieses Lexikon hat es also bis zum Lesebuch gebracht!
  5. The Cambridge Dictionary of Classical Civilization (CDCC), erschienen 2007.
    Hier kommen Sie zur BMCR-Rezension.
  6. Reallexikon für Antike und Christentum (RAC), erschienen 1941/1950-.
    Entgegen dem Titel ist das RAC kein reines Reallexikon (s. RE). Die Artikel des RAC, das sich als Sachlexikon zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt (im weitesten Sinne) versteht, decken auch die Bereiche der Assyriologie/Orientalistik, Judaistik und der Patrologie ab. Gerade zu Abstraktbegriffen wie „Amt“, „Alter“ oder „Barbar“ ist das RAC oft eine Fundgrube. Unter http://www.antike-und-christentum.de/index.php?scr=rac_ben&pg=sw_liste steht mittlerweile ein durchsuchbares Stichwortregister frei zur Verfügung, das insbesondere deshalb hilfreich ist, weil jeder Eintrag mit einer Liste bedeutungsverwandter „Synonyme“ verbunden ist, so dass sich relevante Artikel leichter auffinden lassen.
  7. Wiki Classical Dictionary: http://www.ancientlibrary.com/wcd.
    Wikipedia für die Altertumswissenschaften. Abweichend von der reinen Lehre des Wiki-Prinzips kontrolliert hier jedoch ein Herausgebergremium die Qualität der einzelnen Artikel.
Eine Reihe von betagten, aber gerade für faktographische Recherchen immer noch nützlichen Nachschlagewerken steht mittlerweile im Internet frei zur Verfügung
  1. Daremberg, Charles/Saglio, Edmondo: Le dictionnaire des antiquités grecques et romaines (DAGR), erschienen 1877-1919.
    Französisches Pendant der RE. Die exzellente Internetpräsentation der Universität Toulouse sieht auch die Möglichkeit zur aktualisierenden Kommentierung durch die Nutzer vor.
    http://dagr.univ-tlse2.fr/sdx/dagr/index.xsp
  2. Smith, William: Dictionary of Greek and Roman biography and mythology, erschienen 1867.
    http://www.ancientlibrary.com/smith-bio
    http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3atext%3a1999.04.0104
  3. Smith, William: Dictionary of Greek and Roman geography, erschienen 1854.
    http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3atext%3a1999.04.0064
  4. Seyffert, Oskar: Dictionary of classical antiquities, erschienen 1894.
    http://www.ancientlibrary.com/seyffert
Zu einzelnen Epochen bzw. Kulturkreisen der Alten Welt:
  1. Lexikon des Hellenismus, erschienen 2005.
    Bester Einstieg in die Welt des Hellenismus. Die Vorgängerversion „Kleines Lexikon des Hellenismus“ (zu benutzen in der 2. erw. Aufl. von 1993) ist mittlerweile in einer preisgünstigen Studienausgabe zu haben. Hier kommen Sie zur sehepunkte-Rezension und zur H-Soz-u-Kult-Rezension.
  2. Oxford Dictionary of Byzantium (ODB), erschienen 1991.
  3. Lexikon der Ägyptologie (LÄ), erschienen 1975-1992.
  4. Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie (RlA), erschienen 1932-.
  5. Encyclopaedia Judaica (EJ), erschienen 1971, auch auf CD-ROM.
  6. Reallexikon der germanischen Altertumskunde (RGA), erschienen 1973
  7. Encyclopaedia Iranica (EIr), erschienen 1973-.
    Perser, Parther und Sassaniden interagierten auf vielfältige Weise mit der griechisch-römischen Kultur des Mittelmeerraumes. Insofern ist die EIr auch für den Althistoriker durchaus von Interesse. Die bereits erschienenen Artikel können im Volltext unter http://www.iranica.com eingesehen werden.
Zu religionsgeschichtlichen Fragen:
  1. Thesaurus cultus et rituum antiquorum (ThesCRA), erschienen 2004-2006.
    Mischung aus Lexikon und Handbuch. Behandelt systematisch die Kulte der griechischen, und römischen Welt. Wie viele neuere Lexikonprojekte ist das Werk nicht einsprachig angelegt, sondern stellt die verbreiteten modernen Wissenschaftssprachen nebeneinander.
  2. Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe (HrwG), erschienen 1988-2001.
    Hervorragende Überblicksartikel zu grundlegenden Begriffen und Konzepten der Religionswissenschaft. Für jeden, der kulturgeschichtlich arbeitet, von höchstem Interesse!
  3. Metzler-Lexikon Religion (MLR), erschienen 1999-2002.
  4. Theologische Realenzyklopädie (TRE), erschienen 1976-2004.
    Bietet umfassende Information, aber aus evangelischer Warte. Deshalb für den Historiker natürlich nicht weniger nützlich, aber: Caveat theologus! Nur das Erscheinen des Gesamtregisters steht noch aus.
  5. Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG4), erschienen 1998-2006.
    Selbiges, wenngleich Konfessionspolemik heute kein großes Thema mehr ist. Eine CD-ROM-Version der 3. Auflage aus den Jahren 1957-1962 ist über das DBIS Eichstätt zu benutzen. Besser ist aber der Griff zur aktuellen Auflage.
  6. Lexikon für Theologie und Kirche (LThK3), erschienen 1993-2002.
    Besonders in der 3. Auflage ist im Hinblick auf die Kirchen- und Theologiegeschichte ein deutlicher Substanzverlust festzustellen. Eine Benutzung der älteren Ausgaben bzw. des ehrwürdigen Vorgängerwerkes Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hülfswissenschaften kann für den Historiker, dem es auf theologische Modernität ja nicht ankommt, durchaus noch lohnen.
  7. Handbuch der Kirchengeschichte, erschienen 1962-1979.
    Standardwerk zur Kirchengeschichte aus katholischer Sicht. Eine CD-ROM-Version ist über das DBIS Eichstätt zu benutzen.