Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

8.3 Methode der Quellenkritik

Die Quellenkritik ist die grundlegende Methode historischen Arbeitens. Sie verfolgt die folgenden Ziele, wobei die einzelnen Arbeitsschritte miteinander verwoben sind:
  1. Sicherung der Quellengestalt: z. B. Herstellung eines gesicherten Textes aus zumeist mittelalterlichen Handschriften bzw. antiken Papyri oder Inschriften, Rekonstruktion eines archäologischen Denkmals.
    In der Regel wird sich der Althistoriker hier auf die Ergebnisse der jeweiligen Spezialdisziplinen verlassen müssen (Klassische Philologie, Papyrologie, Archäologie). Freilich sollte dies nicht zu kritikloser Gläubigkeit oder völliger Vernachlässigung führen. Die neuere Fachliteratur ist vielmehr unbedingt zur Kenntnis zu nehmen!
  2. Echtheitskritik: Viele Werke der antiken Literatur wurden unter falschen Autorennamen überliefert. Ein wichtiges Motiv dafür konnte die Inanspruchnahme der mit einem bestimmten Autor verbundenen Autorität sein. Für die historische Einordnung einer Quelle wie der im sallustianischen Corpus überlieferten Epistulae ad Caesarem senem ist es natürlich von großer Bedeutung, ob es sich hier tatsächlich um authentische Briefe des Caesar-Zeitgenossen Sallust oder um eine rhetorische Übung in sallustischem Stil aus dem 1. Jh. n. Chr. handelt. Bei archäologischen Artefakten liegt die Gefahr der Fälschung aus kommerziellen Gründen auf der Hand. Auch bei Inschriften ist übrigens an diese Möglichkeit zu denken, zumal viele Texte nur in notorisch unzuverlässigen Abschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance überliefert sind.
  3. Einordnung der Quelle in ihren Kontext im Hinblick auf Autor und Inhalt: Die Einholung von Informationen über den Autor (Schaffenszeit, sozialer Stand, politische Verortung usw.), die Entstehungshintergründe der vorliegenden Quelle, ihre zeitgenössische Funktion, sowie die Abklärung von sachlichen Unklarheiten (Personen, Orte, Institutionen, termini technici) mit Hilfe der einschlägigen Lexika, Handbücher und Kommentare ermöglichen oft erst ein Verständnis der Quelle. Nicht vernachlässigt werden darf auch, isoliert zitierte Quellenpassagen in den Gesamtzusammenhang des Werkes einzuordnen, dem sie entnommen wurden.
  4. Historische Kritik: Überprüfung der Glaubwürdigkeit einer Quellenaussage nach den Kriterien der
    1. Inneren Kohärenz (Gibt es Widersprüche innerhalb der Quelle?)
    2. Äußeren Kohärenz (Gibt es Widersprüche zu anderen Quellen über denselben Untersuchungsgegenstand? Fügt sich die Quelle in ein durch andere Quellen vermitteltes Gesamtbild ein?)
    3. Überlieferungskontinuität (Kann der Autor der Quelle überhaupt über gesicherte Kenntnisse der von ihm dargestellten Ereignisse besessen haben? Lagen ihm Primärquellen oder zuverlässige Sekundärquellen vor?)
    4. Intentionalität (Welche Absichten lagen der Erstellung der Quelle zugrunde? Ist eine Tendenz zu erwarten?)
      Dazu ist bei literarischen Quellen zunächst eine philologische Interpretation zu leisten, die den Gedankengang des Textes herausarbeitet. Bei der Frage nach der Intentionalität einer bestimmten Quelle sind nicht nur die Motive des Autors/Auftraggebers, sondern auch die Erwartungshaltung und der Verständnishintergrund des anvisierten Publikums zu beachten.
    5. Topik/Genregebundenheit (Sind Aussagen der Quelle durch Genrekonventionen oder Allgemeinplätze/Klischees festgelegt?)
    6. Plausibilität (Ist die Darstellung der Quelle glaubhaft?)
      VORSICHT!!! Das Plausibilitätskriterium ist stark von subjektiven und zeitgebundenen Vorannahmen des Historikers abhängig. Es ist daher mit äußerster Vorsicht zu benutzen und gerade von Anfängern besser gänzlich zu meiden. Dennoch gibt es natürlich Angaben in den Quellen, die offensichtlich als unplausibel, weil übertrieben, zurückzuweisen sind. Dies trifft z. B. oftmals auf Zahlenangaben zu. Ansonsten sind Plausibilitätserwägungen, etwa bei Vorliegen widersprüchlicher Quellenaussagen, Teil der historischen Deutungsarbeit und somit von der – wenigstens idealerweise – nach streng objektiven Kriterien verlaufenden Quellenkritik zu scheiden.
Für die praktische Quellenarbeit ergibt sich daraus der universell anwendbare

Fragenkatalog der 5 Ws.

Diese Kontextualisierung ist nicht nur bei literarischen Texten zu leisten, sondern bei allen Quellen!

WER hat den Text verfasst/das Objekt in Auftrag gegeben, erzeugt, benutzt, deponiert?

Beispiele: Gehörte der Autor eines literarischen Textes dem Ritter- oder dem Senatorenstand an? War der Auftraggeber eines pompösen Grabmonumentes Senator oder Freigelassener des Kaisers?

WANN ist der Text/das Objekt entstanden?

Beispiele: Ist die Darstellung der Dakerkriege auf der Trajanssäule in Rom noch zu Lebzeiten Trajans selbst entstanden oder erst unter seinem Nachfolger Hadrian?

WO ist der Text/das Objekt entstanden/aufgefunden worden?

Beispiele: Ein attischer Krater wird in Südgallien aufgefunden, wie kommt er da hin? Arbeitet ein Historiker im Umkreis des Kaiserhofes oder in der Provinz?

WARUM ist der Text/das Objekt entstanden?

Beispiele: Handelt es sich bei einer Inschrift um eine Bau- oder eine Dedikationsinschrift? Hat der Autor eine Briefsammlung bewusst für eine Veröffentlichung gestaltet?

WIE ist der Text/das Objekt gestaltet?

Beispiele: Wie gliedert ein Autor seinen Stoff? Welche Fragen hat er an seine Primärquellen herangetragen? Augustus feiert die signa recepta ausgerechnet durch die Aufstellung eines Dreifußes vor dem Tempel des Apollo Palatinus, warum?
Anschauliche Beispielinterpretationen literarischer und epigraphischer Quellen finden Sie bei
  1. Meister, Klaus: Die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt: Antike. Band 1: Griechenland, Paderborn 1997.
  2. Ders.: Die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt: Antike. Band 2: Rom, Paderborn 1999.