Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

9.2 Problematik der Überlieferung

Die Interpretation literarischer Quellen ist gerade in der Alten Geschichte ein mühsames und anspruchsvolles Geschäft:
  1. Die Quellentexte liegen im günstigsten Falle in griechischer oder lateinischer Sprache vor. Es sei an dieser Stelle vor dem bisweilen bei Studenten anzutreffenden, aber fatalen Irrglauben gewarnt, man könne römische Geschichte ohne Griechisch betreiben. Das Römische Reich war stets ein zweisprachiges Staatswesen und auch für die Eliten aus dem Westen des Reiches waren profunde Griechischkenntnisse selbstverständlich. Unter den literarisch Gebildeten ist seit dem 2. Jh. sogar ein gewisses Abrücken vom Lateinischen festzustellen. Da Lese- und Übersetzungsfähigkeiten in den Alten Sprachen heute in rapidem Verfall begriffen sind, muss vermehrt auf Übersetzungen zurückgegriffen werden. Das ist ein legitimes Vorgehen, aber es muss immer bedacht sein, dass jede Übersetzung auch schon eine interpretierende Entscheidung bedeutet.
  2. Antike Bücher wurden auf Papyrusrollen geschrieben, die nur über eine beschränkte Zeit aufrollbar und damit benutzbar bleiben. Überliefert ist uns daher nur derjenige Teil der antiken Literatur, der das gesamte Altertum hindurch immer wieder abgeschrieben und dann im Frühmittelalter der Übertragung in einen haltbaren Pergamentcodex für wert befunden wurde. Die Überlieferung fast des gesamten literarischen Erbes der Antike ist daher ein Verdienst des „finsteren“ Mittelalters und v. a. der Kirche. Es ist evident, dass hier ganz persönliche Vorlieben und auch der Zufall eine große Rolle spielten, und dass nicht immer die aus der Perspektive des modernen Historikers wertvollsten Schriften gerettet wurden. Autographen sind uns grundsätzlich nicht erhalten. Vor diesem Hintergrund ist das argumentum e silentio mit größter Vorsicht zu benutzen: Dass uns ein bestimmter Sachverhalt nicht überliefert ist, muss in der Regel der lückenhaften Tradition zugerechnet werden und kann daher nicht als hinreichender Beweis für seine Inexistenz gelten. Einzelfunde von Papyri in Gebieten mit extremer Trockenheit und ihre Lesbarmachung mit modernsten technischen Methoden ändern an dieser Tatsache nichts. Nur für einzelne Regionen Ägyptens liegt die Sache grundlegend anders. Für den Althistoriker folgt daraus die Notwendigkeit, nicht nur nach den vorhandenen Quellen zu forschen, sondern sich auch Rechenschaft darüber abzulegen, welche Quellen möglicherweise verloren sind.
  3. Der geschilderte Überlieferungsprozess bot zudem viele Ansätze für das Eindringen von Korruptelen in den Text. Es ist die Aufgabe der Klassischen Philologie, aus den Lesarten der heute meist allein überlieferten mittelalterlichen Codices einen lesbaren „Urtext“ zu (re-)konstruieren. Dieser Vorgang der Textkonstitution ist jedoch vielfach schon eng mit interpretatorischen Fragen verwoben (macht eine überlieferte Textvariante Sinn?), so dass der Althistoriker zumindest inhaltlich relevante Varianten zur Kenntnis nehmen muss. Diese Textvarianten, die sogenannten „Lesarten“, finden sich im Apparat der kritischen Ausgaben. Wichtige Reihen, in denen solche Editionen publiziert werden, sind z. B. die Bibliotheca Teubneriana oder die Oxford Classical Texts.
  4. Literarische Texte sind in der Antike noch mehr als in der Neuzeit fest stehenden Gattungskonventionen unterworfen. Wenn also etwa Plinius d. J. im Jahre 100 n. Chr. eine Dankrede für die Erlangung des Konsulates vor und auf Kaiser Trajan hält, so durften seine Zuhörer erwarten, dass bestimmte Punkte abgehandelt wurden – egal, ob sich in Leben und Person des Kaisers vernünftige Anhaltspunkte dafür finden ließen. Die antike Rhetorik sprach hier von sogenannten tópoi bzw. loci communes, d. h. Allgemeinplätzen, die dem Redner (aber auch dem Historiker) schematisierte Versatzstücke für seine Darstellung an die Hand gaben. Wenn daher in Lobreden und Kaiserbiographien immer wieder erwähnt wird, dass der jeweilige Herrscher durch sein persönliches Vorbild die Disziplin im Heer wiederhergestellt habe, so handelt es sich zunächst um ein generisches Element in der Darstellung des „guten Herrschers“, nicht unbedingt um eine Aussage mit Realitätsbezug. Auf der anderen Seite ist auffällig, dass viele als tyrannisch verschrieene Herrscher den Tod ihrer schwangeren Frauen oder Geliebten verschuldet haben sollen, so etwa Periander von Korinth, der Perser Kambyses, Nero und Domitian. Einen ähnlichen Topos stellt das Kindermordmotiv dar, das wir v. a. aus der Bibel kennen, doch auch der nachmalige Kaiser Augustus wäre angeblich fast einer solchen Gräueltat zum Opfer gefallen. Wenn solche Wandermotive in den Quellen auftauchen, ist Vorsicht geboten, da ihr Eindringen in die Tradition auch ohne jeden realen Anhaltspunkt in der Vergangenheit erklärt werden kann. Umgekehrt ist freilich auch zu bedenken, dass in den Quellen geschilderte topische Sachverhalte nicht zwangsläufig unhistorisch zu sein brauchen: Die Topoi sind ja nicht nur literarische Kunstmittel, sondern tief in der antiken Kultur verankert. Ein Kaiser, der als guter Herrscher wahrgenommen werden möchte, wird also danach streben, die aus der Literatur bekannten Gemeinplätze mit Leben zu erfüllen. Anders verhält es sich natürlich mit den Topoi der Polemik, da niemand anstreben wird, sich selbst in seinen Handlungen als „Tyrann“, „Wüstling“ oder dergleichen mehr zu stilisieren.