Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

11.1 Gegenstand und Einführungen

Die Bezeichnung „Epigraphik“ leitet sich ab von griechisch ἐπιγραφή (epigraphé, „Aufschrift“). In erster Linie wird man hier an in Stein gemeißelte Inschriften denken, doch der Gegenstand der Epigraphik reicht weiter: Das beginnt bereits damit, dass wir uns die meisten antiken Inschriften farbig bemalt vorstellen müssen – schon aus Gründen der Lesbarkeit. Die Ausmalung der eingemeißelten Schriftzeichen wurde teilweise zu Korrekturen und Zufügungen benutzt, manchmal wurden Texte auch überhaupt nur auf den Stein oder die Wand aufgemalt. Epigraphik also nur auf gemeißelte Inschriften zu beschränken, griffe zu kurz. Wenn aber auch andere Schreibmethoden Gegenstand der Epigraphik sind, ist auch eine Festlegung hinsichtlich des Beschreibstoffes wenig sinnvoll. Zu denken ist hier neben Stein an:
Die Abgrenzung zu Papyrologie (z. B. Holztafeln) und Numismatik (tesserae) ist teilweise problematisch. Die Epigraphik ist noch mehr als Numismatik und Papyrologie auch personell mit der althistorischen Forschung verknüpft.
Für den Bereich der lateinischen Epigraphik liegt jetzt ein prägnantes Einführungswerk auf der Höhe der Zeit vor mit
Schmidt, Manfred G.: Einführung in die lateinische Epigraphik (= Einführung in die Altertumswissenschaften), Darmstadt 2004.
Weitere gute Einführungen bieten:
  1. Robert, Louis: Die Epigraphik der klassischen Welt, Bonn 1970.
    Einführung in das Fach vom Übervater der griechischen Epigraphik. Die französische Originalfassung war ursprünglich in einer Einführung in die allgemeine Geschichtswissenschaft enthalten, daher dezidiert als einführender Überblick für den Nichtfachmann konzipiert. Für die deutsche Fassung wurde der Text um Anmerkungen erweitert.
  2. Millar, Fergus: Epigraphy, in: Crawford, Michael (Hg.): Sources for ancient history (= The sources of history. Studies in the uses of historical evidence), Cambridge 1983, S. 80-136.
    Erörtert den Wert von Inschriften als Quelle für den Althistoriker.
  3. Bodel, John (Hg.): Epigraphic evidence. Ancient history from inscriptions (= Approaching the ancient world), London 2001.
    Weniger eine Einführung im technischen Sinne als vielmehr ein Überblick über den spezifischen Wert und die Problematik von Inschriften als Quellen für die Alte Geschichte. Der Bereich der lateinischen Epigraphik steht stark im Vordergrund. Hier kommen Sie zur BMCR-Rezension.
  4. Petzl, Georg: Epigraphik, in: Nesselrath, Heinz-Günther (Hg.): Einleitung in die griechische Philologie (= Einleitung in die Altertumswissenschaft), Stuttgart 1997, S. 72-83.
    Sehr knappe Einführung mit weiterführenden Literaturhinweisen.
  5. Eck, Werner: Lateinische Epigraphik, in: Graf, Fritz (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie (= Einleitung in die Altertumswissenschaft), Stuttgart 1997, S. 92-111; online unter http://phil-fak.uni-koeln.de/fileadmin/IfA/Alte_Geschichte/Reader_Einfuehrungsseminare/C2Epigraphik.pdf.
    Äußerst wertvolle Zusammenfassung der Grundlagen der Disziplin, aber auch neuerer Denkansätze der epigraphischen Forschung von Werner Eck, der das Studium lateinischer Inschriften selbst entscheidend geprägt hat. Eine absolute Pflichtlektüre!
  6. Pfohl, Gerhard (Hg.): Das Studium der griechischen Epigraphik. Eine Einführung (= Die Altertumswissenschaft), Darmstadt 1977.
    Kompakte Einführung. Für einen Einblick in das mühevolle epigraphische Handwerk sehr instruktiv der von Werner Peek beigesteuerte Abschnitt über „Die epigraphische Praxis“. Hier wird deutlich, dass gute Editionen nicht vom Himmel fallen.
  7. Meyer, Ernst: Einführung in die lateinische Epigraphik (= Die Altertumswissenschaft), Darmstadt 1973.
    Knappe Darstellung mit vorzüglichen bibliographischen Angaben. Leider ohne Illustrationen, daher nur eingeschränkt zu empfehlen.
  8. Walser, Gerold: Römische Inschrift-Kunst. Römische Inschriften für den akademischen Unterricht und als Einführung in die lateinische Epigraphik, Wiesbaden 1988.
    Eine Sammlung von Inschriften v. a. aus Gallien und Germanien, die jeweils mit Photographie, Transkription, Übersetzung und Kommentar vorgestellt werden. Der Wert liegt in erster Linie in den exzellenten Abbildungen, die ein „Einlesen“ in lateinische Inschriften ermöglichen.
  9. Gordon, Arthur E.: Illustrated introduction to Latin epigraphy, Berkeley 1983.
    Kurzer Überblick über das Handwerk, gefolgt von einer Sammlung von Beispielinschriften mit ausführlichem Kommentar und hervorragenden Bildtafeln.
  10. Keppie, Lawrence: Understanding Roman inscriptions, London 1991.
    Reich illustrierter Überblick über die römische Inschriftenkultur. Nach einem summarischen Überblick über Herstellung, Lesung und Datierung von lateinischen Inschriften konzentriert sich Keppie auf die verschiedenen Kontexte, in denen Inschriften Verwendung fanden. Führt schnell in das Hintergrundwissen ein, das notwendig ist, um Inschriftentexte nicht nur lesen, sondern auch verstehen zu können.
  11. Corbier, Paul: L’épigraphie latine (= Campus Histoire), Paris 1999 (2. Aufl.).
    Gerade in der lateinischen Epigraphik liegt eine besondere Schwierigkeit darin, dass einer äußersten Verknappung des Ausdrucks einerseits eine große Menge vorausgesetzten Wissens gegenübersteht. Ohne Kenntnisse der Verwaltungsgeschichte der Römischen Reiches und der Struktur bzw. Rangordnung seiner Armee kann man etwa mit einem inschriftlich überlieferten cursus honorum nicht viel anfangen. Im Grunde wäre also eine Einführung in die lateinische Epigraphik stets mit einer Einführung in die römische Verwaltungs-, Heeres- und Sozialgeschichte zu verbinden. Die Einführung Corbiers verfolgt ein solches Konzept, muss aber angesichts des äußerst beschränkten Raumes manch komplexen Sachverhalt etwas simplifizieren. Dennoch ist die Lektüre aufgrund des überzeugenden Grundkonzeptes und der sehr instruktiv kommentierten Beispielinschriften am Ende des Bandes für den Anfänger durchaus empfehlenswert.
  12. Rémy, Bernard/Kayser, François: Initiation à l’épigraphie grecque et latine, Paris 1999.
  13. Cébeillac-Gervasoni, Mireille/Caldelli, Maria Letizia/Zevi, Fausto: Épigraphie latine, Paris 2006.
  14. Donati, Angela: Epigrafia romana. La comunicazione nell’antichità (= Itinerari Storia), Bologna 2002.
    Interessant besonders wegen der Einbeziehung des oft marginalisierten Phänomens mehrsprachiger Inschriften.
Das Internet bietet eine Reihe empfehlenswerter einführender Angebote. Der Vorteil liegt hier darin, dass vielfach qualitätvolle Abbildungen beigegeben werden können, die in gedruckten Werken nur sehr kostspielig zu realisieren wären:
  1. Römische Inschriften in Germanien, Online-Präsentation eines Forschungsprojektes der Universität Osnabrück: http://www.geschichte.uni-osnabrueck.de/ausstell/ausstell.html.
    Eine hervorragende Einführung in die lateinische Epigraphik, die am konkreten Beispiel einen Eindruck von der Praxis epigraphischer Forschung vermittelt.
  2. Introduction to Greek and Latin epigraphy: an absolute beginners’ guide (Onno van Nijf): http://odur.let.rug.nl/~vannijf/epigraphy1.htm.
    Auch für den Fortgeschrittenen sehr empfehlenswert. Der Schwerpunkt liegt auf der Kommentierung der verschiedenen Corpora.
  3. LacusCurtius Latin Inscriptions: http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Inscriptions/home.html.
    Sammlung von Photographien, die in einem dreistufigen Kurs organisiert sind. Der Neuling kann sich so von „einfachen“ zu „schwierigen“ Inschriften voran lesen.
  4. Le iscrizioni latine come fonte per la ricostruzione storica (Alessandro Cristofori): http://www.telemaco.unibo.it/rombo/iscriz/index.htm.
    Schöne italienischsprachige Einführung mit kommentierten Beispieltexten.
  5. Tipologie di iscrizioni (Lucia Criscuolo): http://www.telemaco.unibo.it/epigr/parte1.htm.
    Einführung in die Inschriftengattungen, jeweils mit Beispielen illustriert.
  6. Da Kleombrotos a Memmia: alcune epigrafi greche tra il VI secolo a. C. e l’età imperiale (Alice Bencivenni): http://www.telemaco.unibo.it/alice/alice01.htm.
    Auswahl griechischer Inschriften mit Abbildung, Transkription, italienischer Übersetzung und Bibliographie.
Wer sich ernsthaft und eigenständig mit Epigraphik beschäftigen will, ist mit den oben genannten Einführungen nicht ausreichend bedient, er benötigt eine systematische Darlegung des epigraphischen Handwerks. Dafür muss man immer noch vielfach zu eher betagten Werken greifen:
(1) Griechische Epigraphik:
  1. Reinach, Salomon: Traité d’épigraphie grecque, Paris 1885.
  2. Larfeld, Wilhelm: Handbuch der griechischen Epigraphik. [3 Bde.], Leipzig 1902-1907.
  3. Larfeld, Wilhelm: Griechische Epigraphik (= HdAW I.5), München 1914 (3. Aufl.).
    Kurzfassung des Vorgenannten in einem Band.
  4. Guarducci, Margherita: Epigraphia greca. [4 Bde.], Rom 1967-1978.
    Umfassendes Referenzhandbuch mit einer Fülle von Abbildungen.
  5. Guarducci, Margherita: L’epigrafia greca dalle origini al tardo impero, Rom 1987.
    Kurzfassung des Vorgenannten in einem Band für Eilige.
  6. Klaffenbach, Günther: Griechische Epigraphik (= Studienhefte zur Altertumswissenschaft. 6), Göttingen 1966 (2. verb. Aufl.).
    Prägnante Einführung in Texttypen und Editionstätigkeit. Die Angaben zum Klammersystem (vgl. dazu Kap. 10.3) sind freilich überholt.
  7. Woodhead, Arthur G.: The study of Greek inscriptions, Oxford 1981 (2. durchg. Aufl.).
    Knappe Einführung mit Schwerpunkt auf der Editionstätigkeit.
  8. McLean, Bradley H.: An introduction to Greek epigraphy of the Hellenistic and Roman periods from Alexander the Great down to the reign of Constantine (323 B. C.-A. D. 337), Ann Arbor 2002.
    Umfassende Einführung in die griechische Epigraphik der nachklassischen Zeit. Eine Fülle von Tabellen stellt notwendiges Wissen zu Chronologie, Onomastik, Abkürzungen usw. übersichtlich zusammen. Fußnoten und zusätzliche bibliographische Anhänge fungieren als Wegweiser zur neueren Forschungsliteratur. Im Anhang findet sich eine nützliche Liste mit gebräuchlichen Abkürzungen für epigraphische Editionen. Hier kommen Sie zur H-Soz-u-Kult-Rezension.
(2) Lateinische Epigraphik:
  1. Cagnat, René: Cours d’épigraphie latine, Rom 1964 (ND 4. durchg. u. erw. Aufl. 1914).
    Lange Zeit unersetztes Standardwerk der lateinischen Epigraphik. Enthält auch eine Liste gebräuchlicher Abkürzungen.
  2. Lassère, Jean-Marie: Manuel d’épigraphie romaine. Bd. 1: L’individu – la cité; Bd. 2: L’état - index (= Antiquité synthèses. 8), Paris 2005.
    Umfängliche Synthese des gegenwärtigen Standes der lateinischen Epigraphik. Ersetzt in seinem umfassenden Zugriff nun Cagnats Klassiker. Hier kommen Sie zur H-Soz-u-Kult-Rezension.
  3. Almar, Knud Paasch: Inscriptiones Latinae. Eine illustrierte Einführung in die lateinische Epigraphik (= Odense University classical studies. 14), Odense 1990.
    Umfassende Einführung mit hervorragenden Illustrationen, reichhaltigen bibliographischen Angaben, Karten und Listen der römischen Kaiser sowie gebräuchlicher Abkürzungen.Die Darstellung erfolgt jeweils am Beispiel von Musterinschriften.
  4. Calabi Limentani, Ida: Epigrafia Latina (= Biblioteca storica universitaria, trattati. 3), Mailand 1992 (4. überarb. Aufl.).
    Systematische Einführung in die Grundlagen der lateinischen Epigraphik. Besonders wertvoll durch den ursprünglich von Attilio Degrassi, den Altmeister unter den italienischen Epigraphikern, kompilierten bibliographischen Anhang und die Listen mit gebräuchlichen Abkürzungen.
  5. López Barja de Quiroga, Pedro: Epigrafía latina. Las inscripciones romanas desde los orígenes al siglo III d. C. Prólogo de Julio Mangas, Santiago 1993.
    Umfassende und systematische Einführung, die auch das notwendige Hintergrundwissen zur Verwaltungsgeschichte, zur Onomastik usw. mit einbezieht. Nützliche Anhänge mit wichtigen Abkürzungen, Kaisertitulaturen und bibliographischen Hinweisen.
  6. Di Stefano Manzella, Ivan: Mestiere di epigrafista. Guida alla schedatura del materiale epigrafico lapideo (= Vetera. 1), Rom 1987.
    Ausführliche Anleitung für das epigraphische Handwerk, d. h. die Arbeit am Stein und die Erstellung einer brauchbaren Edition. Das Werk richtet sich an den Fortgeschrittenen, der eigenständig epigraphische Forschung betreiben will. Als Einführung für den Anfänger ist es nicht geeignet!
  7. Sandys, John E./Campbell, S. G.: Latin epigraphy. An introduction to the study of Latin inscriptions, Cambridge 1927 (2. durchg. Aufl.).
    Systematische Einführung in die Grundlagen der lateinischen Epigraphik. Immer noch nützlich, obwohl Sandys selbst kein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Epigraphik war.
  8. Batlle Huguet, Pedro: Epigrafia latina (= Collección de manuales „Emerita“. 5), Barcelona 1963 (2. Aufl.).
    Äußerst kompakte, exzerpthafte Einführung, die nach Art eines Arbeitsbuches das Wesentliche zusammenstellt. Besonders gelungen die schön illustrierte Sektion über Schriftformen und Ligaturen. Als Handbuch nützlich auch durch die Anhänge: Kaiserliste, Konsularfasten, Abkürzungen.
  9. Susini, Giancarlo: Il lapicida romano. Introduzione all’epigrafia latina, Bologna 1966.
    Ein guter Einstieg für jeden, der Inschriften nicht nur lesen, sondern auch ihre Herstellung verstehen will.
  10. Kaufmann, Carl M.: Handbuch der altchristlichen Epigraphik, Freiburg 1917.