Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

11.2 Corpora

Schon Theodor Mommsen erkannte, dass die systematische Erforschung der epigraphischen Hinterlassenschaft der Antike zunächst eine Sammlung möglichst aller oder doch wenigstens eines repräsentativen Anteils aller Inschriften erfordert. Auf die Initiative Mommsens hin wurde mit der Edition des Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) begonnen, einer vom Anspruch her vollständigen Sammlung aller lateinischen Inschriften. Es liegt in der Natur derartiger Projekte, dass der Anspruch schon bei der Veröffentlichung nicht mehr eingelöst werden kann, da ständig neue epigraphische Zeugnisse zutage treten. Um diesem Problem abzuhelfen, werden in zwei jährlich erscheinenden Publikationen, dem Supplementum Epigraphicum Graecum (SEG) und der Année epigraphique (AE), alle Neufunde aus dem Gebiet der griechischen bzw. lateinischen Epigraphik publiziert. Zunehmend treten neben die und an die Stelle der gedruckten Corpora elektronische Datenbanken auf CD-ROM und im Internet. Auch der LAG an der KU ist seit Jahren auf diesem Feld aktiv.
So nützlich und notwendig die Corpora für die Arbeit des Epigraphikers sind, sie leisten zuweilen einem fundamentalen Missverständnis Vorschub, nämlich dass man den Text einer Inschrift für sich betrachten könne. Dies ist jedoch nicht der Fall, eine Inschrift ist immer als Monument zu betrachten, d. h. ihre Aussage ist wesentlich bestimmt durch ihre physische Erscheinung. Es macht etwa einen großen Unterschied, ob ein und derselbe Inschriftentext auf dem Stein mit einer Buchstabenhöhe von 4 oder von 14 cm ausgeführt ist! In modernen Editionen gehören daher ausführliche Beschreibungen des äußeren Erscheinungsbildes und Photos zum Standard. Gerade weil letzteres in Buchform kaum zu finanzieren ist, wird elektronischen Publikationsformen wohl die Zukunft gehören. Folgende Corpora (und ihre gebräuchlichen Abkürzungen) sollten Ihnen in jedem Fall bekannt sein, da sie als Standardreferenz für den Nachweis von epigraphischen Quellen dienen:
  1. Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL)
    Man beachte auch den vorbildlichen Internetauftritt des Projektes: http://cil.bbaw.de. Neben historischen Hintergrundinformationen, Informationsbroschüren im PDF-Format und einer Übersicht über die einzelnen CIL-Bände findet man hier zusätzliche Indizes und Konkordanzen mit älteren Corpora in elektronischer Form. Im Rahmen eines Archivum Corporis Electronicum soll es künftig möglich sein, nach Fotos von Originalen, Abklatschen, bibliographischen Hinweisen sowie Konkordanzen von Inschriften-Corpora zu recherchieren. Einen Ausblick auf das Kommende gibt unter http://pom.bbaw.de/cil bereits eine Anthologie lateinischer Versinschriften aus Nordafrika.
  2. Inscriptiones Graecae (IG)
    Auch hier informiert der Internetauftritt über Geschichte und Umfang des Projektes: http://ig.bbaw.de. Auf einer Unterseite werden deutsche Übersetzungen zu neuen Faszikeln der IG geboten. Eine zweisprachige Präsentation findet sich unter http://pom.bbaw.de/ig.
  3. Corpus Inscriptionum Graecarum (CIG)
    Im Jahre 1877 fertiggestelltes Vorgängerwerk der IG, daher prinzipiell veraltet. Da jedoch die IG infolge der Neuverteilung von Publikationsrechten nach dem 1. Weltkrieg kein dem CIL vergleichbares Komplettcorpus darstellen und auch niemals darstellen werden und da viele der im CIG edierten Inschriften mittlerweile verloren sind, muss man in manchen Fällen immer noch auf diese betagte Publikation zurückgreifen.
  4. Inscriptiones Latinae Selectae (ILS)
    Auswahlsammlung lateinischer Inschriften mit (lateinischer!) Kommentierung.
  5. Sylloge Inscriptionum Graecarum (Syll.3/SIG3)
    Auswahlsammlung griechischer Inschriften mit (lateinischer!) Kommentierung.
  6. Orientis Graecae Inscriptiones Selectae (OGIS)
    Sowohl SIG3 als auch OGIS sind einigermaßen betagte Sammlungen. Naturgemäß gibt es zu etlichen Inschriften mittlerweile Neulesungen. Diese erschließt Gawantka, W.: Aktualisierende Konkordanzen zu Dittenbergers Orientis Graecae Inscriptiones Selectae (OGIS) und zur dritten Auflage der von ihm begründeten Sylloge Inscriptionum Graecarum (Syll.3) (= Subsidia epigraphica. 8), Hildesheim/New York 1977.
  7. Inscriptiones Latinae Christianae Veteres (ILCV)
  8. Inscriptiones Christianae Vrbis Romae (ICVR)
  9. Die Staatsverträge des Altertums (StV)
  10. Royal correspondence in the Hellenistic period (RC)
  11. Schenkungen hellenistischer Herrscher an griechische Städte und Heiligtümer (SHH)
  12. Année Epigraphique (AE)
    Die neueren Bände der AE bieten neben dem eigentlichen Text der angezeigten Neufunde bzw. Neulesungen auch eine Zusammenfassung der jeweiligen Thesen des Editors und ggf. kurze Kommentare der Herausgeber der AE (in eckigen Klammern).
  13. Supplementum Epigraphicum Graecum (SEG)
    Es gilt dasselbe wie für die AE.
  14. Roman Military Diplomas (RMD)
  15. Tituli Asiae Minoris (TAM)
  16. Roman Inscriptions of Britain (RIB)
  17. Inscriptiones Graecae Urbis Romae (IGUR)
  18. Inscriptions grecques et latines de la Syrie (IGLS)
  19. Inschriften griechischer Städte aus Kleinasien (IK)
Weitere Informationen finden Sie unter http://bcs.fltr.ucl.ac.be/EpiD.html.
Bitte zitieren Sie Inschriften nach Möglichkeit stets nach den großen Corpora bzw. Neufunde unter Angabe der SEG- bzw. AE-Veröffentlichung. Nur so ermöglichen Sie Ihren Lesern das unproblematische Nachprüfen der angegebenen Quellenreferenz. Sie ermitteln die entsprechenden Angaben für lateinische Inschriften am einfachsten, indem Sie den Text in den großen elektronischen Datenbanken nachweisen, die auch bibliographische Hinweise enthalten. Für griechische Inschriften und Publikationen bis zum Jahr 2006 können Sie die Konkordanz CLAROS konsultieren (http://www.dge.filol.csic.es/claros/cnc/2cnc.htm). Hilft das alles nichts, bleibt der Griff zu den Indices von AE und SEG – viel Glück beim Blättern.