Tutorium Quercopolitanum - Andreas Hartmann

15.3.2.1 Gliederung und Aufbau

Entwickeln Sie unbedingt vor dem ersten Tastaturschlag eine Gliederung. Diese kann immer noch verändert werden, aber die grobe Richtung muss festgelegt sein, wenn Ihre Argumente nicht ziellos in die Irre gehen sollen.
Anders verhält es sich mit der Einleitung. Schon Cicero mahnte dazu, diese erst am Ende der Ausarbeitung eines Textes zu verfassen, da sonst meist nur Banalitäten und Gemeinplätze geäußert würden. In der Tat: Sie werden sehen, dass die wirkliche Durchdringung eines Themas oft erst im Moment des Schreibens geschieht, weil die Verschriftlichung einen viel höheren Grad an Festlegung und Präzision erfordert als ein mündlicher Vortrag. Von daher kann es tatsächlich sinnvoll sein, die Einleitung einer Hausarbeit am Schluss zu verfassen. Andererseits freilich schadet es auch nicht, eine provisorische Einleitung, die Forschungsstand und Ziel der eigenen Arbeit skizziert, vorab niederzulegen. Die endgültige Version der Einleitung sollte dann aber in jedem Fall folgende Elemente enthalten:
  1. Einführung in das Thema (nicht mehr als 2-3 Sätze!).
  2. Forschungsüberblick (gesichertes Wissen vs. Kontroversen und offene Fragen), Angabe der verwendeten Grundlagenliteratur und Begründung ihrer Auswahl.
  3. Fragestellung der eigenen Arbeit.
  4. These der eigenen Arbeit.
  5. Methodisches Vorgehen der eigenen Arbeit.
Grundsätzlich sollten Sie bedenken, dass eine Einführung dazu dienen soll, den Leser zum Weiterlesen zu ermutigen. Die Einleitung ist die Visitenkarte Ihrer Arbeit, und meist lässt sich die Qualität einer Seminararbeit für den Korrektor schon nach den ersten zwei Seiten ziemlich gut abschätzen. Vermeiden Sie nach Möglichkeit Banalitäten wie „Schon immer habe ich mich für das Schicksal der Sklaven interessiert…“, „Letztes Jahr war ich auf Urlaub in Italien, da fand ich plötzlich einen Stein…“ oder „Als ich vor zwei Semestern die Übung bei Herrn Prof. XYZ besuchte…“. Eine gute Option ist es hingegen immer, mit einem devisenhaften oder provozierenden Zitat (aus Quellen oder Sekundärliteratur) zu beginnen. Insgesamt sollte die Einleitung in einer Proseminararbeit einen Umfang von 1-2 Seiten nicht überschreiten.
Auf die Einleitung folgt die eigentliche Untersuchung, wobei Sie – um in der Terminologie der antiken Rhetorik zu sprechen – neben der argumentatio, der positiven Beweisführung, auch die refutatio, die Widerlegung möglicher Gegenargumente, nicht vernachlässigen sollten. Überlegen Sie von Anfang an, welche Argumente gegen Ihre Thesen vorgebracht werden können. Dies dient der Schärfung und Präzisierung Ihrer eigenen Argumentation – ist also ein fundamentaler Mechanismus der Selbstkritik –, nimmt aber auch Ihren Lesern und v. a. dem Korrektor Einwände aus der Hand. Anders als bei einer mündlichen Diskussion haben Sie bei einem Aufsatz nur eine einzige Chance, Ihre Meinung darzulegen, und was Sie nicht schreiben, kann nicht gewertet werden. Durchdringen Sie daher Ihr Thema in möglichst vielfältigen argumentativen Facetten. Entweder in der Einleitung oder im Hauptteil sollten Sie auch einen Abschnitt über die Quellenlage einbauen.
Schließlich sollte jede Arbeit mit einem vernünftigen Schluss zu Ende kommen. Hier sollten Sie einerseits die Erträge der Argumentation zusammenfassen – im Idealfall ist nun aus der in der Einleitung geäußerten These ein gesichertes Ergebnis geworden –, andererseits kann auch ein Ausblick gegeben werden auf größere Zusammenhänge. Sie könnten etwa die Relevanz Ihrer Ergebnisse für benachbarte Forschungsfelder thesenhaft andeuten.