Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Dem Versuch, eine bessere Vorstellung von den antiken Lesern historischer Literatur zu gewinnen, sind durch die Dürftigkeit des für diese Fragestellung erhaltenen Materials sehr enge Grenzen gesetzt. Die wenigen konkreten Lektürezeugnisse können in ihrer Aussagekraft allerdings ergänzt werden durch eine Betrachtung der Lese-Voraussetzungen und der Lese-Motivationen[1]. "Leser" der Antike sind ohnehin kaum vergleichbar mit dem Leser-Publikum der Neuzeit. Nur der geringste Teil der prinzipiell Schreib- und Lesefähigen wird in der Lage gewesen sein, ein anspruchsvolleres Werk mit Verständnis zu rezipieren; die heute bewunderten Werke der Antike dürften als Lese-Stoff nur einem verschwindend kleinen Kreis von "Kollegen" der Autoren und einer sozialen Elite mit der entsprechenden Muße zugänglich gewesen sein. Und wenn gelesen wurde, dann natürlich anders als heutzutage - schon das Festhalten der Papyrusrolle war viel unbequemer als unser heutiges Lesen mit dem Buch in der Hand oder auf einem Tisch[2]. Der "stille" Leser der Neuzeit ist in der Antike die Ausnahme von der Regel; literarische Werke wurden wohl meistens für einen Kreis von Hörern vorgelesen, und selbst wenn man alleine war, las man den Text laut[3].
Mein Interesse gilt im
folgenden vor allem dem Publikum jener Gattung antiker Historiographie, die
sich, mehr oder weniger ausdrücklich, an den "Klassikern" Herodot und
Thukydides orientiert hat, also der - im weitesten Sinne - "politischen"
Geschichtsschreibung[4].
Für die Antike umfaßt der Begriff der "Historia" ja noch ganz andere
Themen, die mit der neuzeitlichen Vorstellung von "Geschichtsschreibung" wenig
zu tun haben. In welchem Maße "politische" Geschichtsschreibung in der
Antike nur eine von vielen Möglichkeiten sogenannter "historischer"
Literatur darstellte, ist etwa bei Polybios nachzulesen, der sich - mehr als
jeder andere Historiker der Antike - stets große Sorgen darüber
gemacht hat, ob er auch wirklich die richtigen Leser finden werde. Er setzt
seine von ihm so genannte "pragmatische" Geschichtsschreibung[5] ab von anderen Zweigen
"historischer" Literatur, die zu seiner Zeit, im II. Jahrhundert v.Chr.,
offenbar viel beliebter gewesen sind als so ernsthafte Werke wie sein eigenes:
an erster Stelle nennt Polybios die Genealogien, jene Werke also, die die
"Geschichte" der Götter und der Heroen in allen erdenklichen Einzelheiten
zu behandeln wußten[6]. An zweiter Stelle werden von Polybios
phantastische Landes- und Ortsgeschichten genannt, die die lokale Tradition
jeweils hinaufführten bis zu den Helden Homers[7]. Mit solchen Werken konnte man
berühmt werden und sogar Geld verdienen[8]. Und für sehr viele Leser gab es
ohnehin keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Geschichtswerken und
solchen Produktionen, die wir heute zur Roman-Literatur zählen
würden[9].
Wie wenig
selbstverständlich das Interesse an der in der Neuzeit so geschätzten
"politischen" Geschichtsschreibung gewesen ist, mag Kaiser Tiberius'
Vorliebe für die "historia fabularis" zeigen - den Prinzeps bewegten
insbesondere Fragen wie die, wer die Mutter Hekubas gewesen sei, welchen Namen
Achill unter den Mädchen gehabt habe, und welche Lieder die Sirenen
gesungen hätten[10]. Zu solchen Themen gab es eine
ausgebreitete Fachliteratur[11]. In der Antike ist die Neigung zu
historischer Lektüre mit vorwiegend stofflichen - im Unterschied zum
bloß literarischen - Interesse ohnehin nicht so selbstverständlich zu
erwarten wie in der Neuzeit. In der Neuzeit ist die "Geschichtswissenschaft"
ein fester Teil des akademischen Fächerkanos, und "Geschichte" ist auch
ein Teil des - höheren - Schulunterrichts. Auf diese Weise ist das Fach
"Geschichte" eine derjenigen Disziplinen geworden, mit denen heute fast jeder
schon in der Schule in Berührung kommt. Die Verbreitung historischer
Kenntnisse gehört dadurch zu den anerkannten Bildungszielen: durch solche
Vorbedingungen wird dann ein potentielles Publikum für historische
Literatur aller Art geschaffen. Umgekehrt fördert die Existenz eines
solchen Publikums natürlich auch die kontinuierliche Produktion
historischer
Literatur.
Für die Antike gelten
diese für die Verbreitung historischer Lektüre günstigen
Faktoren nicht. Noch am intensivsten kamen die antiken Schüler mit
"Geschichte" im sogenannten Grammatik-Unterricht in Berührung.
Historiker-Texte wurden hier zuweilen zur Erläuterung literarischer Werke
herangezogen; durch solchen Unterricht könnte gelegentlich ein Anreiz
geschaffen worden sein für historische Lektüre, einmal abgesehen
davon, daß die Beschäftigung mit Homer das Interesse an der
Vergangenheit ganz allgemein geweckt haben dürfte[12]. Im Rhetorik-Unterricht waren
Geschichtswerke ein Steinbruch, dem man Beispiele für die Debatten in der
Schule entnahm[13].
Andere Werke, wie z. B. Thukydides, wurden gelesen um des nachahmenswerten
Stiles willen[14]. Ein
regelrechtes Fachstudium war in der Antike unbekannt, und es gab auch niemals
einen "Geschichtsprofessor". Im Grunde ist es überraschend, daß die
Gattung der Historiographie trotz dieser gleichbleibend ungünstigen
Voraussetzungen in der Antike überhaupt einen solchen Umfang erreicht
hat.
Gelegentliches Interesse an
speziell historischer Lektüre einmal vorausgesetzt, war es nicht einmal
sichergestellt, daß der Historiker, den man gerade lesen wollte,
überhaupt zur Verfügung stand. Die Erreichbarkeit von Büchern
muß immer ein großes Problem gewesen sein[15]. Die Werke der meisten bei Felix Jacoby
verzeichneten Historiker wird es allenfalls in den größten
Bibliotheken gegeben haben, und manches heute "klassische" Werk mag in
irgendeiner antiken Bibliothek über Jahrhunderte unbenutzt gelegen haben,
bis dann ein literarischer Geschmackswandel zur Neuentdeckung des vielleicht
nur noch in einem einzigen Exemplar existierenden Buches geführt hat[16].
Bei der Suche nach den vor
allem an politisch-historischer Lektüre interessierten Leser ist zeitlich
zu differenzieren. Herodot und Thukydides arbeiteten unter ganz anderen
Bedingungen als schon ihre unmittelbaren Nachfolger. Die Fortsetzer der beiden
"Klassiker" konnten die Gattung der Geschichtsschreibung bereits im Sinne
einer "historia perpetuae"[17] mehr oder weniger fertig
übernehmen. In einem weiteren Abschnitt sollen die verstreuten Hinweise
auf das Publikum der Historiker und die verschiedenen Geschmacksrichtungen mit
dem Bestand der in Ägypten gefundenen Papyri verglichen werden. Hier kann
an einem konkreten Beispiel "Leserforschung" getrieben weren. Ich schließe
mit Bemerkungen über die unterschiedliche Lesehaltung der antiken und der
neuzeitlichen Leser der Historiker des
Altertums.
Erst mit Herodot beginnt "Geschichtsschreibung" zu einer eigenen literarischen Form zu werden. Soweit es bis dahin "historiographische" Darstellungen gab, galten sie einem Bereich der Vergangenheit, den Herodot bewußt ausgespart hatte - dem der mythischen Geschichte, dem Stoff der offenkundig sehr beliebten Genealogien. Herodot schreibt freilich in einer Tradition von Genealogen und Georgraphen, deren Werke wenigstens grundsätzlich das Publikum für ein Oeuvre in der Art seiner Historien hatten[18].
Für ihn scheint die
Frage, ob sein Werk genügend Anerkennung finden werde, überhaupt
nicht existiert zu haben. In seinen neun Büchern gibt es, wenn ich nichts
übersehen habe, keine einzige Erwähnung des tatsächlichen oder
des von Herodot wenigsten gewünschten Publikums, etwa im Sinne von
Polybios' zahlreichen Bemerkungen zur Leserfrage. Hin und wieder finden sich
allenfals Bemerkungen, die sich als Reaktion auf das Publikum seiner
Vorträge verstehen lassen oder als Hinweise an seine Hörer[19]. Herodot hat freilich
keinerlei Wert darauf gelegt, solche Hinweise besonders kenntlich zu
machen.
Er ist offenbar von der
Voraussetzung ausgegangen, daß sein Werk schon auf die ihm zustehende
Resonanz stoßen werde; die allerdings unsicher bezeugten Vorlesungen in
Griechenland und in Thurioi könnten ihn in der Erwartung bestärkt
haben, ein nach Zahl und Niveau angemessenes Publikum zu finden[20]. Es mag der
Zurückhaltung Herodots in allen persönlichen Fragen entsprechen, wenn
er darüaber niemals direkt gesprochen
hat.
Senie stillschweigende
Erwartung hat ihn nicht getrogen, doch verrät diese Erwartung doch auch
ein ungewöhnliches Maß an Selbstsicherheit und ein Bewußtsein
von der eigenen Leistung. Herodots Selbstvertrauen in die Wirkung seiner Arbeit
ist dabei alles andere als selbstverständlich. Allein der schiere Umfang
seines Lebenswerkes mußte dessen Erhaltung und Verbreitung am Ende des V.
Jahrhunderts in Frage stellen. Herodots Werk ist in seiner Zeit nicht nur eines
der ersten Prosawerke überhaupt, sondern zugleich das mit erheblichem
Abstand umfangreichste[21]. Ilias und Oyssee sind natürlich
noch umfangreichere Werke, doch gehören sie eben der Poesie an. Der Umfang
von Herodots Historien ist im zeitgenössischen Rahmen einfach
unerhört und stellte an die Geduld und die Konzentration der Leser, oder
besser: der Hörer erhebliche Anforderungen. Wenn Sokrates sich in
Xenophons Memorabilien darüber wundert, daß der Bücherfreund
Euthydemos einen vollständigen Homer besitzt[22], so läßt das vielleicht
ermessen, daß die Zahl der vollständigen Herodot-Exemplare in der
ersten Phase der Wirkungsgeschichte Herodots nicht niedrig genug angesetzt
werden sollte[23]. Und
wer mag in der Lage gewesen sein, sich ein solches Werk zum persönlichen
Besitz zu kaufen ? Der Preis der neunn Bücher Herodots in einer Zeit des
sich gerade erst entfaltenden Buchhandels wird nicht gerade gering gewesen
sein.
Unter dem Publikum, das die
Muße hatte, einer Vorlesung aus dem Werk Herodots beizuwohnen, wird es
Hörer ganz unterschiedlichen Niveaus gegeben haben. Wie sehr Herodot sich
des durchschnittlichen Leser-Interesses seiner Zeitgenossen bewußt gewesen
ist, zeigt die Einleitung des ersten Buches, in der er sozusagen gleich auf der
ersten Seite diejenigen unter seinen Hörern anspricht, oder doch
anzusprechen vorgibt, die sich so sehr für alle Einzelheiten der
Göttergeschichte interessierten[24]. Die dauernde Popularität Hesiods,
ablesbar z. B. auch an den Papyri ist ohne diese weit verbreitete Vorliebe ja
gar nicht denkbar. Auch Hekataios' selbstbewußtes Vorwort zu seiner
Genealogie läßt erkennen, daß man gerade auf diesem Gebiet
literarischen und sozusagen wissenschaftlichen Ruhm erwerben konnte[25]. Die
Rahmenerzählungen der platonischen Dialoge vermitteln eine Vorstellung von
einem großen Teil der aristokratischen Hörerschaft von Herodots
Vorträgen. Wer Zeit und Interesse aufbrachte für die antiquarischen
Themen der Genealogen, für den konnten auch Herodots Erzählungen
einen Reiz haben, selbst wenn er sich über die eigentliche intellektuelle
Leistung des Mannes aus Halikarnass keine Rechenschaft gab. Das
Durchschnittserlebnis des vornehmen Publikums in Herodots Zeit wird mit einiger
Wahrscheinlichkeit faßbar in einer Bemerkung über die Spartaner, die
Platon dem Sophisten Hippias in den Mund gelegt hat[26]:
"Wenn ich ihnen erzähle von den Geschlechtern der Heroern und der Menschen, und von den Siedlungen, wie in alter Zeit die Städte angelegt worden sind, und überhaupt alles, was zu den Altertümern gehört, das hören die Spartaner am liebsten"[27].
Wie ernst Platon selbst das genommen hat, sei dahingestellt, doch sind Hippias' Worte ein Testimonium für das Interesse, auf das Herodot in Athen und anderswo rechnen konnte. Dem vornehmen oder weniger vornehemn Durchschnittspublikum der Vorlesungen Herodots dürfte dann noch ein kleiner Kreis von Kennern hinzuzufügen sein, der mehr von diesem Werk erfassen konnte als bloß die Abfolge fesselnd erzählter Geschichten aus aller Herrn Länder. Solche Kenner hat es gegeben, wenn es natürlich auch müßig ist, über ihre Zahl zu spekulieren. Thukydides läßt Kleon einmal vor der Volksversammlung erklären, daß der einzelnen Redner zu beurteilen und darüber leider zu oft den politischen Gehalt vergäßen[28].
Im Rahmen der
zeitgenössischen Vorstellungen waren die Historien kein antiquarisches,
sondern ein poetisches Werk, und es war eine verbreitete Ansicht, daß gute
Dichtung nicht nur zu erfreuen, sondern auch zu belehren habe[29]. Die Zielsetzung des
Erfreuens und des Belehrens ist auch auf die Geschichtsschreibung
übertragen worden[30]. Über das Verhältnis von
Vergnügen und Nützlichkeit beim Anhören seines Werkes hat sich
Herodot an keiner Stelle seines Werkes ausdrücklich geäußert,
auch dies wohl im Kontrast zu den Produktionen seiner Nachfolger. Dem
"Vater der Geschichte" geht es, soweit seine Worte im Prooemium ein Urteil
erlauben, vor allem um die Erinnerung an vergangene Taten. Herodot hat aber
viel mehr bieten wollen als nur ein Prunkstück zum einmaligen
Zuhören. Er wollte nicht nur die Kunde der Vergangenheit aufbewahren,
sondern gleichzeitig - wenn auch sehr verhalten - eine politische Lehre
vermitteln; den aufmerksameren unter seinen Hörern hat er es
überlassen, ihre Schlüsse zu ziehen[31]. Sein frühestes Publikum, in Athen
und anderswo, setzte sich in der Mehrzahl aus Hörern zusammen, deren
Unterrichtung über den Perserkrieg und über das damalige Verhalten
der Griechen vielleicht nützliche Folgen haben konnte für das
Verhalten während der gegenwärtigen Krise des Peloponesischen
Krieges. Daß geographische und politisch-historische Kenntnisse für
die eigene Gegenwart durchaus nützlich sein könnten, hat Herodot z.
B. mit der Erwähnung von Hekataios' Ratschlägen während des
Ionischen Aufstandes gezeigt - die allerdings nicht befolgt worden sind[32]. Herodot hat die
Aufmerksamkeit seines Publikums möglicherweise überschätzt, doch
dürfen wir das besser faßbare Durchschnittspublikum der
hellenistischen Epoche nicht ohne weiteres gleichsetzen mit dem Polis-Publikums
des V. Jahrhunderts. Die Einzigartigketi Herodots findet eine Erklärung
vielleicht auch in der Einzigartigkeit eines für uns konkret kaum mehr
faßbaren, aber existenten und an Feinfühligkeit unübertroffenen
älteren griechischen
Publikums.
Die leiseren Hinweise eines
Herodot sind damals möglicherweise besser verstanden worden, als sich
heute Interpreten das vorstellen können; dieses ältere Publikum war
noch nicht angewiesen auf die starken Farben und die lauten Töne, die seit
dem IV. Jahrhundert den Erfolg eines Autors beim Publikum anszumachen begannen.
Ausnahmsweise veranschaulichen läßt sich dieses hier postulierbare
"Lesererlebnis" an der Auseinandersetzung des Thukydides mit seinem
Vorgänger Herodot[33]. In diesem Zusammenhang kann wohl auch
der unbekannte junge Verfasser der dem Xenophon zugeschrieben Athenaion
Politeia genannt werden; dieser Unbekannte dürfte sowohl Herodot als auch
Thukydides mit scharfem politischem Verständnis gelesen haben[34]. Eine weitere Wirkung
des herodoteischen Werkes ist auf einer etwas trivialeren Ebene nachzuweisen -
die frühe griechische Lokalgeschichte erklärt sich mindestens zum
Teil durch den Wunsch verschiedener Patrioten, Herodots Schilderung des Anteils
ihrer jeweiligen Heimat am Sieg über den Perserkönig zu korrigieren[35]. Thukydides gibt zu
Beginn seines Werkes einen Methodenexkurs, ein Zeugnis seiner
Auseinandersetzung mit Herodot. An dieser Stelle finden sich sehr
abfällige Worte über das in Thukydides' Wertung, durchschnittliche
Publikum von Werken dieser Art. Er spricht von den "Logographen", die angeblich
alles bieten, was die Hörlust anlockt, nur keine Wahrheit, und er
erklärt sein eigenes Werk zum dauernden Besitz, dessen sorgfältige,
wiederholte Lektüre von Nutzen sein soll bei der Beurteilung
gegenwärtiger und künftiger politischer Konflikte[36]. In dieser Polemik wird jenes
Durchschnittspublikum "historischer" Literatur faßbar, das Freude am Werk
eines Herodot haben konnte, ohne gleich, wie etwa der junge Thukydides selbst,
die wirkliche Leistung des Werkes beurteilen zu können. Hier wird indirekt
auch der große Kreis von Autoren der Zeit faßbar, deren Renommee
verständlich macht, daß Herodot einigermaßen sicher sein konnte,
für sein Werk genügend Hörer zu finden[37].
Thukydides weist in diesem
Zusammenhang darauf hin, daß die von ihm bemängelten Werke nicht
gelesen, sondern vorgelesen wurden. Das geschriebene Wort war damals ziemlich
unwichtig; wie die Werke der Poesie wurden auch die Werke der Prosa-Literatur
in der Regel vorgelesen. Das antike Publikum hatte ein geschärftes Ohr
für den Wohlklang der Sprache und für die kunstvolle Anwendung
rhetorischer Stilmittel[38]. Thukydides' Werk ist allem Anschein
nach damals als erstes aller Prosawerke bewußt an die Schriftlichkeit der
Vermittlung gebunden gewesen, Sein Werk ist - jedenfalls in der heute
erhaltenen Form - mehr an aufmerksame Leser gerichtet als an die sich
mühsam konzentrierenden Hörer einer Vorlesung[39].
Thukydides hat aber nicht nur
die durchschnittlichen Hörer seiner Zeit abgelehnt, sondern eigentlich
alle zeitgenössischen Hörer oder Leser. Er bildet auch darin eine
nicht leicht zu erklärende Ausnahme in der gesamten Geschichte der antiken
Historiographie, daß er wohl überhaupt nicht für ein Publikum zu
Lebzeiten geschrieben hat, sondern sein Werk von Anfang an für Leser
konzipierte, die erst nach dem vom Autor ja nicht berechenbaren Ende des
großen Krieges die Möglichkeit der Lektüre erhalten sollten[40]. Wie Herodot, so hatte
aber auch Thukydides als potentielles Publikum die Führungsschicht der
griechischen Poleis des V. Jahrhunderts vor Augen - Hörer und Leser also,
die im Prinzip die Möglichkeit hatten, in ihren Gemeinwesen als aktive
Bürger einen wie immer gearteten "praktischen" Nutzen aus der
historischen Lektüre zu
ziehen.
Im Verlauf des IV.
Jahrhunderts hat sich diese politisch-soziologische Grundlage mehr und mehr
verändert, und diese Veränderungen führen auch zu einer
Änderung des literarischen Geschmacks[41]. Die Unwiederholbarkeit des
thukydideischen Werkes und die geringe Erfassung seiner Bedeutung finden
wenigstens zu einem Teil ihre Erklärung - ebenso übrigens wie die
Einzigartigkeit Herodots - in dem so nicht mehr wiederkehrenden Publikum des V.
Jahrhunderts, das sie bei ihrer Arbeit vor Augen haben konnte. Das bloße
Vergnügen an der Lektüre war dabei von Herodot sicher nicht
ausgeschlossen worden, und selbst Thukydides kam dieser allgemeinen Erwartung
durch die künstlerische Durcharbeitung seines Stoffes entgegen. Vorrang
vor dem Dienst am Durchschnittspublikum hatte für Thukydides aber doch der
Dienst an dem, was er als historische Wahrheit empfand, sowie die Ausarbeitung
der von Herodot und Thukydides in unterschiedlicher Deutlichkeit vorgetragenen
politischen
Lehre.
Herodots Wirkung im IV.
Jahrhundert läßt sich in den Grundzügen nachzeichnen; als
Geschichtserzähler und als Darsteller der Perserkriege ist er bald zu
einem literarischen Klassiker geworden[42]. Thukydides' Werk war weniger leicht
zugänglich; die Verbreitung der aus dem Nachlaß herausgegebenen
Bücher ist im einzelnen nur schwer zu beurteilen[43]. Schon bei Xenophon, dem bewundernden
Fortsetzer, läßt sich allerdings erkennen, daß er Thukydides'
Kriegsmonographie wohl gründlich mißverstanden hat, wenn er sie
für das Vorbild einer "Griechischen Geschichte" hielt. Das
früheste Leserzeugnis für Thukydides' Werk stammt von Theophrast, der
Herodot und Thukydides als die Begründer einer neuen, weil stilistisch
anspruchsvollen Geschichtsschreibung genannt hat - hier geht es alleim um den
Stil, und nicht etwa um die geschichtswissenschaftliche Konzeption der Werke[44].
Nach Thukydides' Zweckbestimmung der Geschichtsschreibung im Methodenexkurs ist die Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem bloßen Vergnügen an historischer Lektüre und ihrer politischen oder gar moralischen Nützlichkeit im IV. Jahrhundert bald vulgarisiert worden zur bloßen Nützlichkeit im politischen oder sogar privaten Leben. Seit Ephoros sprechen die Historiker umso heftiger vom Nutzen ihrer Werke, je unrealistischer die Möglichkeit aktiver Mitarbeit des Einzelnen im Zeitalter der Monarchie geworden ist[45]. Was sich jedenfalls für das vornehme Publikum des V. Jahrhunderts von selbst verstanden haben dürfte, musste jetzt in den Prooemien breitgetreten werden. Für die Historiographie des IV. Jahrhunderts sind dann noch die einzelnen Lebensbereiche zu unterscheiden, für die nützliche Lehren angeboten werden: der Nutzen aus der Lektüre bezieht sich nicht mehr nur auf die "Große Politik", sondern auch auf das Leben im Kleinen: "Historia Magistra Vitae"[46].
Soweit man von den
Geschichtswerken des IV. Jahrhunderts und späterer Zeit auf das
angestrebte Publikum schließen kann, so stellte die Mehrzahl der Leser
offenbar zunehmend die Forderung, angenehm unterhalten zu werden, notfalls auf
Kosten einer genauen Berichterstattung. Leser auch der gehobenen
"politischen" Geschichtsschreibung erwarteten literarische Techniken, die
heute nur für einen Roman erlaubt wären. Aktenmäßige
Genauigkeit, auf die Thukydides so viel Wert gelegt hatte, ist vielleicht schon
zu seiner eigenen Zeit eine Überforderung gewesen; im IV. Jahrhundert -
und später - war mit solcher Sorgfalt noch viel weniger Aufmerksamkeit zu
gewinnen. Jeder Historiker, der - anders als Thukydides - Leser zu Lebzeiten
ansprechen wollte, mußte sich Gedanken darüber machen, wie dem Wunsch
des Publikums nach Abwechslung, nach exotischem Detail, nach aufwühlenden
Szenen Rechnung getragen werden konnte[47].
Der Aufschwung der
dramatischen Historiographie seit dem IV. Jahrhundert ist natürlich keine
bloße Geschmacksfrage, sondern nur durch die Veränderung der
politischen Verhältnisse zu erklären. Eine vergleichbare Entwicklung
stellt die Entpolitisierung der Komödiendichtung seit dem Untergang der
attischen Herrschaft dar. Im IV. Jahrhundert bringt Menander nur noch private
Probleme auf die Bühne[48].
Den Veränderungen in den
Ausgangsbedingungen der Historiographie vom V. zum IV. Jahrhundert entspricht
es wohl auch, daß die Historiker in ihren Vorreden weniger über die
methodischen Prinzipien schreiben als über die formalen Bedingungen ihrer
Arbeit. Die Rhetorisierung der Geschichtsschreibung macht die Arbeit sozusagen
leichter. Beim Publikum des IV. Jahrhunderts wird die historische Lektüre
bestimmt vor allem durch Ephoros und Theopomp, die durch die Breite ihres
Berichtszeitraums die Lektüre älterer und weniger bequem zu lesender
Werke erübrigt haben. Als sich Theopomp z. B. der Historiographie
zuwandte, fertigt er zuerst einmal einen Auszug aus Herodot an; die gesamte
Weltgeschichte sollte in einem einheitlichen Stil zu lesen sein[49].
Der Wunsch des Publikums nach
bequemer und zugleich spannender Lektüre läßt sich am Schicksal
der Alexanderhistoriker exemplifizieren. Die meistgelesene Darstellung
Alexanders durch Kleitarch hat allem Anschein nach wenig Ähnlichkeit mit
einem Werk thukydideischer oder polybianischer Prägung gehabt. Kleitarchs
Darstellung war wohl eher mit einem Roman zu vergleichen. Er traf damit den
Geschmack des breiten Publikums, das sich durch thukydideisch genaue Analysen
gelangweilt und überfordert fühlte, sehr genau[50]. Geschmackswandel des Publikums und Stil
der Autoren bedingen sich
gegenseitig.
Es gibt seit dem IV.
Jahrhundert offenbar nur sehr wenige Historiker, die entgegen den Tendenzen der
Zeit überwiegend sachlich und stofflich orientiert waren. Als die
bedeutende Ausnahme von der Regel ist Hieronymos von Kardia zu nennen, der -
für uns - maßgebliche Historiker des Zeitalters der Diadochen: zu
seiner Zeit ist er so gut wie unbeachtet geblieben[51]. Der vom Publikum bevorzugte Autor
über die Diadochenzeit wurde dagegen Duris von Samos, ein
Sensationshistoriker, der keinen grellen Effekt ausgelassen hat. Es ist nicht
überraschend, daß er sich in seinem Prooemium mit Fragen der
Darstellung beschäftigt hat[52].
Von exemplarischen Interesse für das antike Historiker-Publikum und speziel natürlich für die Leser des II. Jahrhunderts, sind die gelegentlich sehr aufgeregten Äusserungen des Polybios zu diesem Thema. Polybios' Gegenstand ist die "politische Geschichte" seiner Zeit, mit seinen Worten: "die Taten und Schicksale von Völkern, Städten und Herrschern"[53]. Er richtet sich ausdrücklich an einen Leserkreis, der nicht nur zum Zeitvertreib zu seinem Werk greift, sondern sachliche Belehrung wünscht. Es handelt sich um eben jene "politischen" Leser, die wohl schon immer schwer zu haben waren[54].
Polybios' Sorge um die
Verbreitung seines Lebenswerks war vollkommen berechtigt: seine Heftigkeit ist
auch ein Zeichen der Resignation: die Historien sind tatsächlich nur wegen
ihres stofflichen Gehaltes gelesen worden, und damit selten. Gelobt wird
Polybios nur von den Römern, wegen seiner Zuverlässigkeit[55]. Die Griechen,
für die er doch wohl in erster Linie geschrieben hat, hüllen sich in
Schweigen oder sagen - wie Dionysios von Halikarnass -, daß man das Werk
wegen der unleidlichen Sprache nicht bis zum Schluß lesen könne[56].
Polybios wußte nur zu
genau, daß er starke Konkurrenz im Kampf um die Gunst der Leser zu
fürchen hatte. Seine nüchterne Art dar Darstellung, die er selbst
gelegentlich als schwer lesbar bezeichnet hat[57], war offensichttlich geeignet, auch die
prinzipiell am Stoff seines Werkes interessierten Leser zu Werken anderer
Stilrichtung greifen zu lassen. Sein Werben um Aufmerksamkeit und die dauernde
Polemik gegen die "Sensationshistoriker"[58] lassen erkennen, einen wie schweren
Stand die "pragmatischen" Historiker damals gehabt haben. Beliebter als eine
militärisch exakte Belagerungsschilderung, wie Polybios sie zu bieten
hatte, waren Schilderugnen der Art, wie er sie aus Phylarch, dem meistgelesenen
Autor über die Geschichtte des III. Jahrhunderts, zitiert[59]. Die offensichtliche
Faszination der Leser durch Autoren wie Phylarch erklärt sich
natürlich nicht allein durch die von Polybios einfach vorausgesetzte
"Oberflächlichkeit", sondern auch durch die grundsätzlich viel
höhere Bereitschaft des antiken Publikums, sich durch Werke der Literatur
in Emotionen versetzen zu lassen[60]; Leser der Neuzeit pflegen still vor
sich hin zu lesen und solche Empfindungen ganz nach innen zu wenden[61].
Es gab also nur wenige Leser,
die den Intentionen eines Thukydides, eiens Hieronymos, eines Polybios wirklich
entsprochen haben. Diesen wenigen, wie wenigstens Polybios sie einschätzen
würde: Kennern stand ein Durchschnittspublikum historisch interessierter
Leser gegenüber, das in der Regel - um hier nur diese Beispiele zu nennen
- Kleitarch dem Ptolemaios und Duris dem Hieronymos vorzog. Dies ist ein
Problem der Lesergeschichte natürlich nicht nur der Antike[62]:
"Lassen Sie mich noch eine Bemerkung hinzufügen, welche einen alten Autor wohl ziemen mag. Es gibt dreierlei Arten Leser: eine, die ohne Urteil genießt, eien dritte, die ohne zu genießen urteilt, die mittlere, die genießend urteilt und urteilend genießt; diese reproduziert eigentlich ein Kunstwerk aufs neue. Die Mitglieder dieser Klasse (...) sind nicht zahlreich, deshalb sie uns auch werter und würdiger erscheinen".
Zu erwähnen bleibt noch der schwer zu fassende Leserkreis unterhalb der sozialen und intelektuellen Oberschicht, sozusagen das "Massenpublikum" der Antike für historische Literatur[63]. Eine gewisse Verbreiterung des Publikums im Laufe der Zeit ergibt sich schon durch die Ausbreitung der Schulbildung und der Lesefähigkeit[64]. Wachsendes stoffliches Interesse an historischer Unterrichtung wird z. B. bewiesen durch die mehrfach bezeugten Auszüge aus umfangreicheren Werken[65]. Erhellend ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung Ciceros, die eben wegen ihrer Beiläufigkeit von besonderem Gewicht ist. In De Finibus setzt er voraus, daß auch die "Kleinen Leute", die keinerlei Aussichten besäßen, einmal in der Welt eine besondere Rolle zu spielen, sich an historischer Lektüre erfreuten[66]. Dionysios von Halikarnass erwähnt eine Diskussion unter den Literaturkritikern darüber, ob Thukydides auch für die "Kleinen Leute" auf dem Markt geschrieben habe - solche Leser wurden also bei den Debatten vorausgesetzt[67]. Solche Hinweise auf das "Massenpublikum" finden sich selten, doch lassen sie keinerlei Zweifel an der Existenz einer breiteren Schicht von Lesern (oder Hörern) aufkommen[68]. Die Verbreitung der allgemeinen Lesefähigkeit wird begleitet worden sein von einer stetigen Ausweitung des Buchhandels, den man freilich nicht mit modernen Augen betrachten darf. Wichtiger als die kommerziele Verbreitung durch "Buchhändler" war die Vervielfältigung literarischer Werke durch private Abschriften[69].
Die Historiker-Papyri aus Ägypten erlauben innerhalb gewisser Grenzen eine Überprüfung und Ergänzung der hier vorgelegten Zeugnisse. Die Leser Ägyptens dürften innerhalb der hellenistischen Welt keine Ausnahmegruppe gewesen sein, sieht man von der einen Besonderheit ab, daß sie vielleicht einen konservativeren Geschmack gehabt haben als die Griechen des Mutterlandes. Bildung und Erziehung - selbst im straff organisierten Ptotlemaierreich immer auf freiwilliger Basis - förderten die griechische Identität der Kolonisten inmitten einer weitgehend ungeliebten Schicht von "Eingeborenen"[70].
Die Zufälligkeit der
Papyrusfunde ist keine grundsätzliche Erschwernis. Es ist zwar immer
möglich, daß ein neuer Fund die alten Fundstatistiken verändert,
doch zeigen die bisher vorgelegten Listen, daß sich der prozentuale Anteil
der Autoren seit dem Beginn der Papyruspublikationen nur in vereinzelten
Fällen stark verändert hat. Noch immer ist Homer der am meisten
vertretene Autor, und innerhalb der Historiographie sind Herodot und Thukydides
schon immer die wichtigsten Autoren gewesen[71].
Viele bedeutende literarische
Papyri stammen aus Oxyrhynchus. Verglichen mit anderen Städten
Mittelägyptens, die immerhin auch Gymnasien und eine literarisch
interessierte Schicht ihr eigen nennen, konnten, ist Oxyrhynchus allerdings
nicht ganz repräsentativ. Das Oxyrhynchus der Papyrusfunde war so etwas
wie eine Universitätsstadt[72]; hier lebten über mehrere
Generationen hinweg renommierte Gelehrte, die zum Teil auch einen zweiten
Wohnsitz in Alexandreia hatten[73]. Hier konnte man sich aufwendigere
literarische Interessen leisten; versagte der "Buchhandel" der Stadt,
ließ man sich die Abschriften entlegener Werke aus Alexandreia besorgen[74].
Polybios hätte seine
Freude an den dortigen Lesern gehabt. Die Funde aus Ägypten im allgemeinen
und aus Oxyrhynchus im besonderen sind deshalb so aufschlußreich, weil sie
über Jahrhunderte hinweg ein nicht nur literarisches, sondern auch
durchaus stoffliches Interesse für Werke der Historiographie bezeugen[75]. Die zeitliche
Verteilung der Papyri ist allerdings sehr ungleichmäßig. Relativ
wenige Funde stammen aus der vorchristlichen Zeit - dies wird aber weniger
bedingt sein durch den wesentlich geringeren Buchbestand, als durch andere
Faktoren der Erhaltung; hier ist auch zu berücksichtigen, daß der
Attizismus zum Verlust vieler wichtiger Autoren anderer Stilrichtung
geführt haben muß. Die meisten Papyri gehören, der Schrift nach
zu urteilen, in das I. bis III. Jahrhundert n.
Chr.
Die bisher gefundenen bzw.
bisher veröffentlichten Papyri aus der historiographischen Literatur
stehen selbstverständlich ganz im Schatten der poetischen Klassiker, allen
voran Homer, dessen hohe Fragmentzahl sich freilich auch dadurch erklärt,
daß er ein Autor für die Schule gewesen ist. Es ist deshalb kein
Zufall, daß den Hunderten von Homer-Papyri (dabei mehr Fragmente aus der
Ilias als aus der Odyssee) wesentlich weniger Papyri von Herodot und von
Thukydides aus der Zeit vom I. vorchristlichen bis zum III. nachchristlichen
Jahrhundet gegenüberstehen. Überhaupt sind Dichter mehr gelesen
worden als die Historiker, und Pindar nicht viel seltener als Thukydides.
Herodot und Thukydides gehören zum klassischen Kanon der Prosa-Autoren,
wozu damals noch Xenophon, Platon, Isokrates und Demosthenes zählten[76]. Sie sind
zunächst einmal gelesen worden als Klassiker der griechischen Literatur,
der man sich in Ägypten, so weit vom Mutterland entfernt, ganz besonders
verbunden fühlen wollte. Ein neben dem literarischen auch
historisch-stoffliches Interesse an den Themen von Herodot und Thukydides ist
durch die vergleichsweise hohe Zahl der Papyri aber noch nicht bewiesen.
Allenfalls das II. Buch Herodots über die Geschichte und die Sitten
Ägyptens konnte von vornherein ein auch stoffliches Leser-Interesse
begründen[77].
Wieviele - vollständige - Exemplare der beiden Autoren es z. B. in
Oxyrhynchus gegeben hat, ist schwer zu sagen; es ist keineswegs sicher,
daß jedes einzelne Fragment die Existenz je eines vollständigen
Exemplars beweist. Gelegentlich dürften auch Einzelbücher der
großen Autoren gekauft worden sein; dies dürfte besonders für
Thukydides gelten, dessen erste Bücher öfter bezeugt sind als die
späteren - dies könnte dann ein Beweis für weniger stoffliches
als literarisch-stilistisches Interesse der Besitzer sein. Eine
"Sonderausgabe" der Reden des Thukydides unterstreicht dieses literarische
Interesse ägyptischer Leser an seinem Werk[78].
Herodot ist von den
alexandrinischen Gelehrten sprachlich und inhaltlich kommentiert worden - ein
Zeichen für die gelehrte Arbeit in Alexandreia, aber auch für den
Bedarf der Leser Ägyptens an solchen Erläuterungen[79]. Für die
Lektüre des thukydideischen Werkes gilt das gleiche; Thukydides' Werk ist
wohl schon zu Zeiten der Ptolemaier nicht mehr für jeden ohne weiteres
verständlich gewesen. Spätestens wohl seit dem II. Jahrhundert v.
Chr. bedurfte das Werk der Kommentierung. Das umfangreiche Fragment eines
solchen Kommentars ist in Oxyrhynchus gefunden worden, mit zahlreichen
sprachlichen Erläuterungen und Hinweisen auf homerische Parallelen[80].
Der relativ hohe Bestand an
Herodot- und Thukydides-Papyri in den Bibliotheken von Oxyrhynchus kann, wie
schon erwähnt, nur zum Teil durch sozusagen "modernes" stoffliches
Interesse erklärt werden. Anders sieht es bei den zahlreichen übrigen
"historischen" Papyri aus, deren Vorhandensein in Oxyrhynchus oder in anderen
mittelägyptischen Bibliotheken nicht nur durch den literarischen Rang des
jeweiligen Autors erklärt werden kann. Die bis jetzt identifizierte
historische Literatur ist von einer ganz erstaunlichen Breite. Neben den
namentlich bekannten Autoren gibt es zahlreiche bis jetzt namenlose
Bruchstücke, die ganz bestimmt nicht aufgrund ihrer literarischen
Bedeutung gelesen wurden, sondern vorwiegend wegen des stofflichen Interesses
der betreffenden Werke, und sei es auch nur, um die Poesie der jeweiligen Zeit
besser verstehen zu können[81].
Hält man sich also an
den Fundbestand, so scheinen die Lese-Interessen der Griechen Ägyptens
ziemlich ernsthafter Natur gewesen zu sein. Fragmente der z. B. nach Polybios'
Zeugnis so geschätzten "Sensationshistoriker" sind in Oxyrhynchus und
auch anderswo in Ägypten nur selten gefunden worden. In Oxyrhynchus ist
bisher nur ein einziges Fragment der beliebten Persergeschichte des Ktesias[82] aufgetaucht, und kein
einziges Bruchstück des Kleitarch, dem nach anderen Zeugnissen wohl
meistgelesenen Autor über Alexander den Großen. Im Unterschied zu den
Forderugnen des Polybios haben sich die Interessen der Leser Ägyptens
allerdings nicht auf die Neuere und Neueste Geschichte, sondern auf die "Alte
Geschichte" konzentriert; dem konservativen Geschmack der ägyptischen
Griechen entsprach es offenbar, zeitgeschichtliche Werke links liegen zu
lassen.
Es ist nicht
auszuschließen, daß diese Tendenz in den ptolemäischen
Jahrhunderten weniger ausgeprägt gewesen ist als in römischer Zeit.
Aus den ersten drei vorchristlichen Jahrhunderten ist kein einziger
Thukydides-Papyrus erhalten. Das könnte sich vielleicht durch die Ungunst
der Umstände erklären, vielleicht aber auch dadurch, daß man
sich damals mehr für die eigene Zeit interessierte als für die
Geschichte des alten Griechenlands. Aus ptolemäischer Zeit - allerdings
nicht aus Oxyrhynchus - stammen jedenfalls Fragmente zur Alexander- und zur
Diadochengeschichte: die unmittelbare Herkunft war für die Griechen
Ägyptens damals wohl wichtiger als die ferne Vergangenheit[83]. Ein gutes Beispiel
für dieses Leser-Interesse ist auch der kürzlich publizierte
Kölner Papyrus mit der Erwähnung von Antigonos Monophtalmos' Griff
nach dem Königstitel[84]. Was im Fundbestand
merkwürdigerweise fehlt, sind Werke, die den griechischen Siedlern der
Diadochenzeit die neue Heimat erklären halfen. Die Leser Ägyptens
scheinen mit dem zufrieden gewesen zu sein, was sie bei Herodot im II. Buch
nachlesen konnten. Wenn etwa Hekataios von Abdera und später auch Plutarch
die Faszination bezeugen, die von den fremdartigen Sitten und Gebräuchen
des Landes ausgehen konnten, so hat sich von dieser Faszination in den Papyri
keine Spur erhalten. Ein vereinzelter Manetho-Papyrus stammt aus dem VI.
nachchristlichen Jahrhundert[85].
Sachliches, stoffliches
Interesse an der jüngeren Vergangenheit - im Unterschied etwa zur Herodot-
und zur Thukydides-Lektüre - bezieht sich auffällig stark auf die
vergangene griechische Herkunft, und viel weniger auf die Gegenwart. Zur
Besonderheit des ptolemäischen Ägypten gehört es denn auch,
daß es keinen eigenen Historiker oder, modern gesprochen, Zeitgeschichtler
von Bedeutung hervorgebracht hat[86]. In Oxyrhynchus finden sich bloß
Reste aus eiem chronographischen Sammelwerk zur Ptolemaier-Geschichte[87] - dafür gibt es
allerdings Fragmente über das alte Athen[88] und Bruchstücke zur archaischen
Geschichte Spartas[89],
aber nicht ein einziges Stück zur Geschichte Ägyptens oder
überhaupt zur Geschichte des Orients. Offenbar hat Herodot auch diesen
Teil des Leser-Interesses zufriedenstellen können. Die einzige Ausnahme
von der Regel ist ein Fragment über fremde Sitten und Gebräuche, das
aber eben nicht von einem ptolemaischen Autor stammt, sondern vermutlich von
einem Forscher aus der Schule des Aristoteles[90].
Ein bemerkenswertes Zeugnis
für politisch-historisches Interesse der mehr polybianischen Art ist ein
Bruchstück ptolemäischer Zeit aus dem Werk des Sosylos, eines
derjenigen griechischen Historiker, die den zweiten römisch-karthagischen
Krieg im Sinne Hannibals beschrieben haben. Dies könnte ein Indiz für
das Interesse der ptolemäischen Griechen an der neuen Weltmacht Rom sein[91]: Merkwürdig ist
übrigens, wie wenige Polybios-Papyri bisher identifiziert worden sind[92]. Im Oxyrhynchus der
römischen Provinz mehren sich dann später die Fragmente aus
lateinischen Historikern. Livius' umfangreiches und deshalb auch sehr
kostspieliges Werk wurde auch in einem preiswerteren Auszug gelesen[93].
Die Besitzer aller dieser Bücher bleiben in der Regel namenlos[94]. Der Personenkreis, der Freude hatte an historischer Lektüre, läßt sich deshalb nur ausnahmsweise konkretisieren, z. B. an einem umfangreichen Bruchstück zur griechischen Geschichte des IV. Jahrhunderts, den wegen ihres Fundortes sogenannten Hellenica Oxyrhynchia. Die Abschrift dieses Werkes, ein Papyrus des II. nachchristlichen Jahrhunderts, findet sich auf der Rückseite von offenbar nicht mehr benötigten Verwaltungsakten - ein Beispiel für die ökonomische Verwendung des teuren Papyrus durch die Bücherfreunde von Oxyrhynchos[95].
Der Besitzer dieser heute so
geschätzten "Griechischen Geschichte" im Anschluß an Thukydides
hat vielleicht ein gutes Gespür für die Qualitäten des Werkes
gehabt. Dies legt die Frage nahe, ob die Leser der Antike, soweit sie noch von
anderen Lese-Motiven geleitet wurden als bloß vom Wunsch nach
exemplarischer Belehrung[96] und unterhaltsamer Lektüre[97], den Texten der
Historiographie mit ähnlichen Fragestellungen wie die Leser der Neuzeit
begegnet sind. In welchem Maße können wir bei den antiken Lesern ein
"geschichtswissenschaftliches Interesse" und Verständnis für die
Leistung der antiken Historiker, und besonders natürlich der großen
Historiker des V. Jahrhunderts, erwarten
?
Wenn wir heute einen antiken
Historiker lesen, gehören zu unseren Fragen sicher auch die nach der
Sorgfalt der Quellenarbeit, nach der Genauigkeit und der Vollständigkeit
der Nachforschung, und ob politische Interessen und Tendenzen das Urteil des
Berichterstatters getrübt haben. Solche und ähnliche Fragen, deren
mittelbare Herunft aus dem "Methodenkapitel" des Thukydides unverkennbar
ist, scheinen den antiken Lesern in aller Regel fremd gewesen zu sein. Die
Fragmente aus den antiken Kommentaren zu Herodot und zu Thukydides sowie die
erhaltenen Scholien lassen noch gut erkennen, was in der Antike als
kommentierungswürdig galt und machen zugleich deutlich, was als
Leser-Frage von den Gelehrten antizipiert wurde. Wir finden jede Menge
sprachlicher und stilistischer Erläuterungen und viele Hinwiese auf
homerische Parallelen, aber kaum einmal eine Bemerkung historisch-kritischen
Inhalts - eben Erläuterungen der Art, wie sie einen großen Teil
heutiger wissenschaftlicher Kommentare ausmachen[98].
Für die antiken Leser
von Werken der Historiographie war die kompetente Ermitttlung historischer
Zusammenhänge offensichtlich von viel geringerer Bedeutung als die
Qualität der sprachlichen Gestaltung: Geschichtsschreibung blieb eben
immer ein Zweig der Literatur. Thukydides' Bemerkungen zur historischen Methode
sind von seinen Nachfolgern zwar oft wiederholt worden, doch wurden sie niemals
in ihrer fundamentalen Bedeutung richtig erkannt. Es ist gewiß kein
Zufall, daß Thukydides als Bearbeiter der Zeitgeschichte keinen wirklichen
Nachfolger gefunden hat, dafür aber umso mehr stilistische Nachahmer[99].
Das durch die Papyri
Ägyptens bezeugte breitgefächerte stoffliche Interesse ist deshalb
keineswegs gleichzusetzen mit dem, was man - jedenfalls aus neuzeitlicher
Perspektive - "geschichtswissenschaftliches" Interesse nennen
könnte[100].
Dieses antike Verhältnis zu den Werken der Historiographie läßt
sich gut an Dionysios von Halikarnassos' Essay über Thukydides zeigen.
Seine Behandlung des Werkes ist ausschließlich literarisch, vergleichbar
den schon erwähnten alexandrinischen Historiker-Kommentaren. Nur ganz
selten schneidet er ein mehr historisch-politisches Problem der Werkdeutung an,
und dann ist es von einer - jedenfalls aus moderner Sicht - durchaus
beklemmenden Unempfindlichkeit für das, was Thukydides ohne Zweifel selbst
wichtig gewesen ist und was seine Bedeutung für die Neuzeit ausmacht[101].
Dieses an Dionysos und den
Kommentar-Fragmenten ablesbare antike Verständnis der Historiker
läßt sich verallgemeinern: wirkliche Aufnahmefähigkeit der
antiken Leserschaft für die methodischen Leistungen der großen
Historiker ihrer Zeit ist nicht festzustellen. Auch in der Fachschriftstellerei
über Fragen der "Geschichtswissenschaft" geht es ganz
überwiegend um den Stil, oder es bleibt doch, wie etwa in Lukians Essay
über die Geschichtsschreibung, bei der mehr oder weniger rhetorischen
Übernahme thukydideischer Prinzipien[102].
Wie läßt sich diese
Diskrepanz zwischen antiker und moderner Historiker-Lektüre erklären
? Hier muß wohl zunächst ein Unterschied zwischen dem V. Jahrhundert
und der späteren Zeit gemacht werden. Vermutlich gab es für Herodot
und Thukydides am Ende des V. Jahrhunderts doch mehr wirkliches
Verständnis für ihre wissenschaftlichen Leistungen, als wir das heute
konkret nachweisen können. Ein Beispiel ist sicher Thukydides' Gespür
für das Werk seines Vorgängers Herodot[103]. Das Verhältnis zwischen dem
Verfasser - wer auch immer es war - der Hellenica Oxyrhynchia und
Thukydides mag ähnlich zu beurteilen sein[104]. Im IV. Jahrhundert und auch
später ist das anders geworden. Die "Rhetorisierung" der
Geschichtsschreibung wurde bereits erwähnt, und als Indiz kann die
Beschäftigung mit überwiegend stilistischen Fragen in den Prooemien
herangezogen
werden.
Das geringe antike
Verständnis für geschichtswissenschaftliche Probleme im allgemeinen
und für die geschichtswissenschaftliche Bedeutung von Herodot und von
Thukydides im besonderen ist ganz sicher auch ein Phänomen der
konvenierten antiken Schulbildung. Die durch die überwiegend formale
Schulbildung vorgegebenen literarisch-rhetorischen Interessen haben den Umgang
mit den - jedenfalls aus moderner Sicht - wichtigsten Schöpfungen der
antiken Historiographie nicht gerade erleichtert. Die antike Art der
Schulbildung wird die geschichtswissenschaftliche Reflexion auch der
"zünftigen" Historiker selbst nicht gerade gefördert haben. Hier
wird einer der Gründe dafür erkennbar, daß Leser der Neuzeit den
geschichtswissenschaftlichen Vorzügen bedeutender antiker Historiker in
mancher Hinsicht gerechter werden können als selbst die renommiertesten
Literaturkritiker der Antike[105]. Dieses eigenartige Nahverhältnis
von Autoren wie Herodot und Thukydides zu einer ganz anderen Epoche ist auch
ein Hinweis auf die Einzigartigkeit ihrer intellektuellen Leistung im
zeitgenössischen Rahmen - die sie vielleicht eher Männern wie den
ionischen Naturphilosophen an die Seite stellt als späteren Historiker der
Antike, die sich so gerne als ihre Nachfolger betrachtet
haben.