Quellen zur Vorlesung »Geschichte des Hellenismus«


Quellentexte zu:
3.10 Vom ersten Makedonischen Krieg zum Flamininus-Frieden (205-194)

30. Thronbesteigung von Ptolemaios V., 204 (Polyb. 15,25,1.3-6.20): »Sosibios, der sich die Vormundschaft des Ptolemaios angemaßt hatte, war, wie man sieht, eine so schlaue Kreatur, daß er sich lange in seiner Machtstellung zu behaupten wußte, ein Mann, der in seiner Regentschaft eine Schandtat an die andere reihte. ... (3) Nach drei oder vier Tagen errichteten sie auf dem größten Säulenhof des Palastes ein Podium und riefen die Leibgarde und die Palastwache, dazu die Offiziere der Infanterie und Kavallerie zusammen. (4) Dann traten Agathokles und Sosibios auf das Podium, gaben zuerst den Tod des Königs und der Königin zu und ordneten für das ganze Reich die übliche Landestrauer an. (5) Darauf setzten sie dem Kind das Diadem auf, riefen es zum König aus und verlasen ein fingiertes Testament, in dem geschrieben stand, daß der König Agathokles und Sosibios zu Vormündern des Knaben bestimmt habe. (6) Sie forderten die Offiziere auf, dem Kind die Herrschaft zu sichern und die Treue zu halten. ... (20) Nachdem Agathokles also die angesehensten Männer entfernt und den größten Zorn des Heeres durch die Auszahlung des Soldes beschwichtigt hatte, kehrte er alsbald zu seinem früheren Verfahren und seinen alten Gewohnheiten zurück.«

31. Angeblicher Pakt zwischen Antiochos III. und Philipp V., 203/202 (Polyb. 15,20,1-2.4): »Wer sollte sich nicht darüber wundern, daß die beiden Könige [Philipp V. und Antiochos III.], solange Ptolemaios [IV.] selbst noch am Leben war und ihrer Hilfe nicht bedurfte, (2) bereit waren, ihm Beistand zu leisten, als er aber starb [204] und einen unmündigen Sohn hinterließ, dem sein Reich erhalten zu helfen ihre selbstverständliche Pflicht gewesen wäre, jetzt sich gegenseitig dazu aufriefen, das schwache Kind aus dem Weg zu räumen und das Reich unter sich zu teilen? ... (4) Wer könnte auf diesen Vertrag schauen, ohne daß er in ihm wie in einem Spiegel mit eigenen Augen die Ehrfurchtslosigkeit gegen die Götter, die Rücksichtslosigkeit gegen die Menschen, die unersättliche Habsucht und Machtgier dieser Könige zu sehen meinte?«

32. Athen nimmt Ehren zurück, die zuvor Philipp V. zuerkannt worden waren, 199 (Liv. 31,44,2.4-6): »Daraufhin aber ließen die Bürger von Athen ihrem ganzen Haß gegen Philipp, den sie schon lange aus Furcht unterdrückt hatten, in der Hoffnung auf wirksame Hilfe freien Lauf. ... (4) Sie brachten sogleich einen Antrag ein, und das Volk entschied dafür, daß alle Standbilder und Bildnisse Philipps und die Namen darauf, ebenso die von all seinen Verwandten männlichen und weiblichen Geschlechts beseitigt und vernichtet werden sollten, und daß die Feste, Kulte und Priesterämter, was man ihm und seinen Vorfahren zu Ehren eingerichtet hatte, daß das alles abgeschafft werden sollte. (5) Auch die Stellen, an denen ihm zu Ehren etwas aufgestellt oder eine Inschrift angebracht gewesen war, sollten verabscheut sein, und an ihnen sollte später nichts aufgestellt und geweiht werden, was man nur an einem unbefleckten Platz aufstellen und weihen dürfe. (6) Jedesmal wenn die Priester des Staates für das athenische Volk und seine Bundesgenossen, ihre Heere und Flotten beteten, sollten sie Philipp, seine Kinder und sein Königtum, seine Land- und Seestreitkräfte und das ganze Volk und den Namen der Makedonen verwünschen und verfluchen.«

33. Brief des Flamininus an Chyretiai in Thessalien, 197-94 (Sherk, RDGE 33 = Syll.3 593): »Titus Quinctius, Konsul der Römer, grüßt die Tagoi und die Stadt der Chyretier. ... (9) Denn alles, was ihr an Land- und Hausbesitz verloren habt, soweit es jetzt öffentliches Eigentum der Römer ist, das alles geben wir eurer Stadt, damit ihr auch darin unsere hohe Gesinnung erfahrt und daß wir in keinem Falle habgierig sein wollen, sondern Wohlwollen und Ruhmesliebe obenanstellen. ... (16) Solange ihr euer Vorgehen nach meinen schriftlichen Entscheidungen richtet, entscheide ich, daß (ihr Eigentum) mit Recht wiederhergestellt werden soll. Lebt wohl.«

34. Trilinguer Stein von Rosette, anläßlich der Synode der ägyptischen Priester in Memphis bzgl. der Krönung von Ptolemaios V., 27. März 196 (OGIS 90): »Unter der Herrschaft des jungen Königs, der dem Vater auf dem Thron gefolgt ist, dem ruhmreichen Herrn der Kronen, der Ägypten gefestigt hat, den Göttern (2) Wohltaten erweist, die Feinde besiegt und das Leben der Menschen wiederaufrichtete [es folgt die umfangreiche Titulatur] ... (6) Der Hohenpriester, die Propheten ... (7) ... und die Priester, die aus den Tempeln des Landes vor den König nach Memphis gekommen sind zu der Feier, da er die Krone des (8) Ptolemaios, des ewig Lebenden, des von Ptah Geliebten, des erscheinenden Gottes, des Herrn der Güte, von seinem Vater empfangen hat, all diese Priester versammelten sich an eben diesem Tage in dem Tempel von Memphis und erklärten: (9) Da der König Ptolemaios, der ewig Lebende ... viel Gutes zu tun pflegte für die Tempel und (10) ihr Personal und für alle, die sich unter seiner Königsherrschaft befanden, da er ein Gott war als Sohn eines Gottes und einer Göttin wie Horus, der Sohn der Isis und des Osiris, der seinen Vater Osiris rächte, und gegen die Götter (11) freigebig, und da er den Tempeln viel Geld und viel Lebensmittel spendete und große Ausgaben machte, um in Ägypten wieder Ruhe zu schaffen und die Tempel herzurichten. ... (36) ... Infolgedessen beschlossen die Priester aller Tempel des Landes: ... (38) ... In jedem Tempel soll man an sichtbarer Stelle eine Statue des Königs Ptolemaios aufstellen, (39) sie soll den Namen des Ptolemaios tragen, des Beschützers Ägyptens, und sie soll in dem Tempel dort stehen, wo man die Bildsäule des höchsten Gottes aufstellt, und soll in den Händen die Siegeswaffen halten, wie es in Ägypten (40) Brauch ist. ... (53) ... Und man soll diesen Beschluß auf Säulen (54) von hartem Stein schreiben mit heiligen Lettern, in heimischer und hellenischer Sprache, und man soll sie aufstellen in den ersten und zweiten und dritten Tempeln neben der Statue des ewig lebenden Königs.«


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PD Dr. Gregor Weber, 15. Februar 1999