Quellen zur Vorlesung »Geschichte des Hellenismus«


Quellentexte zu:
4.3 Ptolemäer

55. Beschreibung der ptolemäischen Hauptstadt Alexandreias (Strab. 17,1,6-10 mit Auslassungen): »(6) Da Alexandreia und ihre Nachbarschaft der umfangreichste und wichtigste Teil dieser Thematik darstellt, muß man damit beginnen. Die Küste von Pelusion her, wenn man gen Westen segelt, bis zur kanopischen Nilmündung ist 1.300 Stadien (ca. 227,5 km) lang - was wir die Basis des Deltas genannt haben. Von dort bis zur Insel Pharos sind es weitere 150 Stadien (ca. 26,25 km). Pharos ist eine langgestreckte Insel, sehr nahe am Festland, und formt mit diesem einen Hafen mit zwei Eingängen. ... Und gleichermaßen am (östlichen) Ende der Insel ist ein Felsen, rundgewaschen vom Meer, der einen Turm trägt, wunderbar konstruiert aus weißem Marmor, zahlreiche Stockwerke hoch, mit demselben Namen wie die Insel. Diesen stiftete Sostratos von Knidos, ein Freund der Könige, um der Sicherheit der Vorbeisegelnden willen, wie die Inschrift sagt. ... Der Hafen, der seine Einfahrt auf der Seite des genannten Turmes von Pharos hat, ist der Große Hafen, während die anderen im inneren Winkel gelegen sind, getrennt durch einen Deich, Heptastadion genannt. Der Deich bildet eine Brücke, sich erstreckend vom Festland zum westlichen Teil der Insel, und läßt nur zwei überbrückte Durchlässe offen zum Eunostos-Hafen. Dieses Werk fungiert aber nicht nur als Brücke zur Insel, sondern auch als Aquädukt, solange die Insel bewohnt war. ... (7) Vielseitig ist die Gunst seiner Lage: Von zwei Meeren wird der Platz umspült, von Norden her durch das sogenannte Ägyptische Meer, von Süden durch den Mareia oder auch Mareotis genannten See. Ihn speist der Nil mit vielen Kanälen ..., auf denen weit mehr eingeführt wird als vom Meer her; ... dafür ist im Meereshafen die Ausfuhr aus Alexandreia höher als die Einfuhr. ... Neben dem Reichtum der in beide Häfen einströmenden Güter verdient die milde Luft Erwähnung, auch sie eine Folge der Lage zwischen zwei Meeren und der Gunst der Nilschwelle. ... (8) Die Grundfläche der Stadt erinnert in ihrer Form an eine Chlamys, dessen Längsseiten vom Meer vom Meer umspült werden und etwa 30 Stadien (5,25 km) lang sind; die Breitseiten, je 7 oder 8 Stadien lang (1,22/1,4 km), sind die Landengen, die auf der einen Seite vom Meer, auf der anderen von dem See eingeschnürt werden. Die ganze Stadt wird von Straßen durchschnitten, die Platz für Reiter und Wagen bieten; zwei sind besonders breit, mit der Breite von mehr als einem Plethron (ca. 30m), sie schneiden sich im rechten Winkel. Die Stadt besitzt sehr schöne öffentliche Bezirke und den Bezirke der Königspaläste (basíleia), die ein Viertel oder gar ein Drittel des Stadtumfangs ausmachen; denn wie jeder Könige aus Prunkliebe den öffentlichen Weihgeschenken irgendein Schmuckstück hinzufügte, so baute er auch an die schon vorhandenen Paläste einen neuen für sich persönlich an. ... Alle sind miteinander und dem Hafen verbunden, auch die, die außerhalb des Hafens liegen. Zum Palastviertel gehört auch das Museion, mit einer Wandelhalle (peripatos), einer mit Sitzen versehenen Halle (exedra) und einem großen Gebäude, in dem sich auch der gemeinsame Speiseraum der zum Museion gehörenden Gelehrten (philologoi) befindet. Ihre Vereinigung hat gemeinsame Einkünfte und als Vorsteher einen Priester, der einst von den Königen, jetzt vom Kaiser bestellt wird. Zum Palastviertel gehört auch das sogenannte Grab (sema), ein abgeschlossener Bezirk, in dem sich neben den Grüften der Könige auch die Gruft Alexanders befindet. ... (9) Am Großen Hafen, zur Rechten der Einfahrt, liegt die Insel Pharos mit ihrem Turm, auf der anderen Seite Klippe und die Landspitze Lochias, die eine königliche Burg (basíleion) trägt. Zur Linken des Einfahrenden liegen die inneren königlichen Gebäude, die sich an die auf Lochias anschließen, sie umfassen viele Säle und Haine aller Art; zu ihre Füßen liegt der künstliche und versteckte Hafen der Könige und Antirrhodos, eine kleine Insel vor dem künstliche Hafen, die auch einen Königspalast und einen kleinen Palast besitzt; man nannte sie so gleichsam als Konkurrentin von Rhodos. Hinter ihr erhebt sich das Theater, es folgt das Poseideion, eine vom sogenannten Emporion aus sich vorstreckende Landspitze mit einem Heiligtum des Poseidon. ... Dann das Kaisarion, das Emporion und die Lagerhalle, darauf Schiffsarsenale bis zum Heptastadion. Das alles liegt am Großen Hafen. (10) Auf der anderen Seite des Heptastadion schließt sich der Eunostos-Hafen an, über diesem ein künstlicher, der sogenannte Kibotoshafen, auch er mit Schiffsarsenalen; in ihn mündet ein schiffbarer Kanal, der bis zum Mareotis-See führt; jenseits des Kanals liegt noch ein kleiner Stadtteil, dann die Totenstadt (nekropolis), eine Vorstadt mit vielen Gärten, Gräbern und Bleiben zum Einbalsamieren der Toten. Diesseits des Kanals liegt das Serapeion und andere alte Tempelbezirke, die heute zugunsten der in Nikopolis erbauten Tempel nahezu verlassen sind. ... Kurz, die Stadt ist voll von Weihgeschenken und Heiligtümern; das schönste aber ist das Gymnasion, mit Säulenhallen, länger als ein Stadion. In der Mitte aber liegen das Gerichtsgebäude und die Parks. Hier findet sich auch das Paneion, eine künstlich geschaffene, kreiselförmige, einem felsige Hügel gleichende Anhöhe, zu der man auf Serpentinenwegen aufsteigen kann; von ihrem Gipfel aus kann man die ganze zu Füßen liegende Stadt überschauen. Von der Nekropolis aus erstreckt sich die Längsstraße am Gymnasion vorbei bis zum Kanopischen Tor; dann kommt man zum sogenannten Hippodrom und den anderen (Straßen?), die parallel liegen bis zum kanopischen Kanal.«

56. Ägypten als Paradies, ca. 270/60 (Herodas v. Kos, Mimiambos 1,26-33): »Dort aber ist der Göttin Haus, denn alles, was irgend auf der Erde ist und wird, ist in Ägypten: Reichtum, Ringschulen, Macht, Frieden, Ruhm, Schaustellungen, Philosophen, Goldgeschmeide, junge Männer, (30) der Geschwistergötter Tempel, der brave König (= Ptolemaios II.), das Museion, Wein - kurz, alles Gute, was man nur wünschen mag, und Frauen erst, so viel, daß selbst der Himmel - bei der Hadesbraut! - so vieler Sterne sich nicht rühmen kann, und hold von Ansehen, wie die Göttinnen, die einst im Wettstreit um den Schönheitspreis (35) zu Paris zogen.«

57. Auflistung von Personen in der thebanischen Toparchie, die von der Zwangsarbeit an Kanälen und Deichen ausgenommen sind, 242/41? (P. Paris 66 = UPZ II 157, col. II,21-35): »Die älteren, die Dämme und Aufschüttungen bewachen: 53; ältere, arbeitsunfähige und junge: 61; Bewohner von Somphis, welche die Katzen bestatten: 21; Empfänger der Staatszuwendungen: 5; Personen, die ihre Verpflichtung im Pathyrites abgeleistet haben: 15; zur Flotte gehörige: 2; Griechen: 1; Flüchtige: 37; Mumienbewahrer: 21; Verstorbene: 7 ...«

58. Ein ptolemäischer Gouverneur auf Zypern, 180-165 (Polyb. 27,13): »Ptolemaios, der Gouverneur auf Zypern, war in keiner Weise ein typischer Ägypter, sondern klug und tatkräftig. Nachdem er die Insel zu einer Zeit übernommen hatte, als der König noch unmündig war, bemühte er sich eifrig, Geld zusammenzubringen, und gab schlechterdings niemandem etwas, sooft er auch von den königlichen Finanzbeamten angegangen wurde und so bitter man ihn verlästerte, weil er nichts herausrückte. Als aber der König volljährig geworden war, legte er eine bedeutende Summe zusammen und schickte sie in die Residenz, so daß auch Ptolemaios und der ganze Hof seine frühere Knauserei und die Ablehnung aller Anträge und Forderungen anerkennen mußte.«

59. Revolte des Dionysios Petosarapis (frühe 160er Jahre) und die Unruhen in Oberägypten (Diod. 31,15a,1-4 u. 17b): »(15a1) Dionysios, genannt Petosarapis, einer der Freunde von Ptolemaios, trachtete danach, für sich selbst die Herrschaft zu gewinnen. Damit brachte er das Königreich in große Gefahr. Er war nämlich am Hof äußerst einflußreich und überragte alle Ägypter auf dem Schlachtfeld; er verachtete beide Könige (Ptolemaios VI. u. VIII.) wegen ihrer Jugend und ihrer Unerfahrenheit. Er gab vor, vom älteren zum Mord an seinem Bruder gerufen worden zu sein, und verbreitete eine Begebenheit bei den Massen, indem er behauptete, der jüngere Ptolemaios sei Ziel eines von seinem Bruder initiierten Anschlages. (2) Als das Volk im Stadion zusammenlief und alle bis zu einem solchen Maß gereizt waren, daß sie bereit waren, den älteren zu töten und die Königsherrschaft dem jüngeren auszuhändigen, wurde der Aufruhr in den Palast gemeldet: Der König sandte zu seinem Bruder und verteidigte sich unter Tränen, nicht dem zu glauben, der nach der Königsherrschaft trachte und für beider Jugend Verachtung zeige. Wenn er noch an seiner Gesinnung zweifle und in Furcht sei, bat er ihn, das Diadem und die Herrschaft umzulegen. (3) Rasch befreite der jüngere den Bruder von diesem Verdacht; beide traten im königlichen Ornat vor die Menge und machten allen klar, daß Eintracht herrsche. Dionysios, in seinem Anschlag gescheitert, machte sich aus dem Staub. Und zuerst sandte er Botschaften an die Soldaten, die zum Abfall bereit waren, und brachte sie dazu, seine Hoffnungen zu teilen; dann zog er sich nach Eleusis zurück und hieß alle willkommen, die bereit zum Aufstand waren. Und als 4.000 aufständische Soldaten versammelt waren ... (4) Der König marschierte gegen sie und siegte, und einige tötete, andere verfolgte er, Dionysios zwang er, nackt durch die Fluten zu schwimmen und sich unter die Ägypter zurückzuziehen, von wo aus er die Ägypter zum Abfall aufwiegelte. Da er tatkräftig war und bei den Ägyptern bereitwillige Aufnahme fand, hatte er rasch viele willige Anhänger. ... (17b) Ein anderer Aufstand entstand wiederum in der Thebais, als eine revolutionäre Bewegung die Massen befiel. König Ptolemaios ging gegen sie mit großer Heeresmacht vor und gewann leicht die Kontrolle über weite Teile der Thebais. Aber die Panopolis genannte Stadt war auf einem alten Hügel gelegen und wegen des schwierigen Zugangs wurde sie als stark angesehen. So kamen dort die agilsten der Aufständischen zusammen. Ptolemaios, nachdem er die Verzweiflung auf Seiten der Ägypter und die Stärke des Ortes gesehen hatte (?), verfügte eine Belagerung, und nachdem er alle Arten von Bedrängnis erduldet hatte, nahm er die Stadt, bestrafte die Schuldigen und kehrte nach Alexandreia zurück.«

60. Amnestie-Dekret von 264 Zeilen, erlassen von Ptolemaios VIII. mit den Koregentinnen Kleopatra II. und III., 118 (P. Tebt. 5 = Sel. Pap. II 210 = C. Ord. Ptol. 53): »König Ptolemaios und Königin Kleopatra, die Schwester, und Königin Kleopatra, die Frau, proklamieren eine Amnestie für alle Untertanen in ihrem Königreich: für unabsichtliche und vorsätzliche Vergehen, Anklagen, Verurteilungen und Prozesse aller Art bis zum 9. Pharmouthi im 52. Jahr, (5) mit Ausnahme von Personen, die des vorsätzlichen Mordes und Sakrilegs für schuldig befunden wurden. Sie haben auch proklamiert, daß Personen, die geflüchtet waren, weil sie der Räuberei und anderer Vergehen für schuldig befunden worden waren, in ihre Häuser zurückkehren, ihren früheren Beschäftigungen nachgehen und wiedererlangen sollen von ihrem Eigentum, was einbehalten wurde aus diesen Gründen, was aber noch nicht verkauft worden war. ... (50) Und sie haben proklamiert, daß das heilige Land und die anderen heilige Einkünfte, die den Tempeln gehören, deren rechtmäßiges Eigentum bleiben soll und daß sie erhalten sollen die Abgabenquote (apomoira), die sie üblicherweise aus Weinbergen, Gärten und anderem Land erhalten. Und in gleicher Weise die vereinbarten Summe oder was sie sonst aus der königlichen Schatzkammer erhalten haben als Subsidien für die Tempel und die anderen ihnen zugestandenen Summen (55) bis zum 51. Jahr, dies soll regulär bezahlt werden wie in anderen Fällen, und keinem soll es erlaubt sein, etwas davon wegzunehmen. ... (93) Und sie haben proklamiert, daß die Bauern, die Wein- oder Gartenland kultivieren im Landesinnern, wenn sie pflanzen in einen Boden, der überflutet oder trocken ist zwischen dem 53. und dem 57. Jahr, von der Besteuerung ausgenommen sein sollen für eine Periode von 5 Jahre von der Pflanzzeit angefangen, und daß sie vom 6. Jahr an für weitere 3 Jahre einen ermäßigten Steuersatz entrichten sollen, und daß vom 9. Jahr an sie den Satz wie die anderen Eigner von produktivem Land entrichten sollen ...«


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PD Dr. Gregor Weber, 15. Februar 1999