Quellen zur Vorlesung »Geschichte des Hellenismus«


Quellentexte zu:
4.6 Attaliden

66. Ein Auszug aus der Attalidengeschichte (Strab. 13,4,1-2): »Pergamon hat vor allen diesen Orten (im westl. Kleinasien bis zum Tauros) einen gewissen Vorrang. Es ist eine berühmte Stadt, die lange unter den attalidischen Königen prosperierte. Und so muß ich bei ihr den Anfang des nächsten Abschnittes machen und zunächst kurz aufzeigen, woraus ihre Könige hervorgingen und womit sie endeten. Pergamon war nämlich die Schatzkammer des Lysimachos, des Sohnes von Agathokles, eines der Nachfolger Alexanders. Die Spitze des Berges ist dicht bewohnt, während der Berg selbst konisch ist und in einer scharfen Spitze endet. Mit der Bewachung dieser Festung und des Schatzes - das waren 9.000 Talente - war Philetairos betraut, ein Mann aus Tieion, der von Kindheit an ein Eunuch war. ... Er zeigte sich, trefflich erzogen, jenes Vertrauens würdig. Eine Zeitlang nun blieb er dem Lysimachos wohlgesonnen, als er aber mit Arsinoe, der Gattin des Lysimachos, die ihn verleumdete, in Streit geriet, brachte er den Ort zum Abfall und benutzte schlau die Zeitumstände, die er als günstig für einen Regierungswechsel erkannte. Denn Lysimachos sah sich nicht nur, in häusliches Unglück geraten, genötigt, seinen Sohn Agathokles hinrichten zu lassen, sondern wurde auch von Seleukos Nikator angegriffen, welcher ihn besiegte, seinerseits den kürzeren zog, als Ptolemaios Keraunos ihn meuchlings ermordete. Während dieser Verwirrungen blieb der Eunuch ständig in der Festung und wußte durch Versprechungen und andere Dienstleistungen immer den Mächtigen und in seiner Nähe Weilenden für sich zu gewinnen. Und so blieb er zwanzig Jahre lang beständig Herr über den Ort und das Geld. (2) Er hatte aber zwei Brüder: Der ältere hieß Eumenes, der jüngere Attalos. Eumenes zeugte einen dem Vater gleichnamigen Sohn, der nicht nur Pergamon von ihm erbte, sondern auch schon Herrscher (dynastes) über die gesamte Umgebung war, und so besiegte er in einer Schlacht nahe Sardeis Antiochos (I.), den Sohn des Seleukos (I.). Als er 22 Jahre lang geherrscht hatte, starb er. Nun folgte Attalos, der Sohn des Attalos und der Antiochis, der Tochter des Achaios, in der Regierung und wurde, als er die Galater in einer großen Schlacht besiegte hatte, als erster (Attalide) zum König ausgerufen. Dieser trat auch als Freund der Römer auf und kämpfte als ihr Bundesgenosse zusammen mit der rhodischen Seemacht gegen Philipp (V.). Er starb als Greis nach einer Herrschaft von 43 Jahren und hinterließ von Apollonis aus Kyzikos vier Söhne: Eumenes, Attalos, Philetairos und Athenaios. Die beiden jüngeren blieben stets Privatleute, während Eumenes, der älteste der anderen, König wurde. Er focht auf Seiten der Römer gegen Antiochos (III.) den Großen und gegen Perseus und erhielt von den Römern all das Territorium diesseits des Tauros, das unter der Herrschaft des Antiochos war. Vorher nämlich schloß das Territorium um Pergamon nur wenige Orte bis zum Golf von Elaia und Adramyttion ein. Dieser Herrscher vergrößerte die Stadt, bepflanzte das Nikephorion mit einem Hain, und er war es, der die Stadt verschönerte mit Weihgeschenken und Bibliotheken, und erhob die Siedlung von Pergamon zu ihrer jetzigen Größe. Er herrschte 49 Jahre und hinterließ seine Herrschaft seinem Sohn Attalos (III.), dessen Mutter Stratonike war, die Tochter von Ariarathes, des Königs von Kappadokien. Zum Vormund dieses noch sehr jungen Sohnes und des Reiches bestellte er seinen Bruder Attalos (II.). Dieser regierte 21 Jahre und starb, nachdem er vieles glücklich ausgeführt hatte, in hohem Alter. Denn er half Alexander (Balas), dem Sohn von Antiochos (IV.), im Kampf gegen Demetrios (I.), Sohn von Seleukos (IV.), und kämpfte auf Seiten der Römer gegen Pseudo-Philipp, dann zog er nach Thrakien und unterwarf Diegylis, den König der Kainer; auch stürzte er Prusias (II. von Bithynien), indem er dessen Sohn Nikomedes gegen ihn aufwiegelte, und hinterließ das Reich seinem Mündel Attalos. Dieser, mit dem Beinamen Philometor, starb nach fünfjähriger Regierung an einer Krankheit und hinterließ die Römer als seine Erben. Diese wandelten das Land in eine Provinz um und gaben ihr denselben Namen, den der Kontinent trug: Asia.«

67. Städtische Administration in Pergamon unter den Attaliden nach der sog. Astynomeninschrift, Pergamon, vor 133 (SEG 13,521 = OGIS 483): »... einer von den Astynomen, stellte das königliche Gesetz auf eigene Kosten auf. (col. I) ... sie solle eine Inspektion durchführen und einen Urteilsspruch abgeben, wie es ihnen gerecht zu sein scheint. Und wenn sie nicht gehorchen, (5) sollen die Strategen über sie die gesetzlich vorgeschriebene Strafe verhängen und dem Sammler der Strafen die weitere Durchführung übergeben. Die Astynomen sollen einen Vertrag aufsetzen für die Wiederherstellung des Ortes in seinen alten Zustand innerhalb (10) von zehn Tagen, und sie sollen von den Übeltätern das Anderthalbfache der Kosten eintreiben, und sollen das Geld den Unternehmern bezahlen, den Rest an die Schatzmeister. Wenn aber die Astynomen nicht (15) handeln, wie es das Gesetz vorschreibt ...«

68. Siegesmonument mit Dedikationen von Attalos I., Pergamon, ca. 226-223 (IvPergamon 21-28 = OGIS 273-279): »König Attalos (weiht) an Athena (diese) Dankesgaben für Schlachten im Krieg: Von der Schlacht in Phrygien am Hellespont gegen Antiochos (Hierax). (275) Von der Schlacht beim Aphrodision gegen die tolistoagischen und tektosagischen Galater und Antiochos (Hierax). Von der Schlacht nahe den Quelle des Kaikos-Flusses gegen die tolistoagischen Galater. Von der Schlacht bei ... gegen Lysias und die Strategen von Seleukos (III.). Von der Schlacht bei Koloi gegen Antiochos (Hierax). Von der Schlacht am Harpasos in Karien gegen Antiochos (Hierax).«

69. Charakterisierung von Attalos I. bei seinem Tod, 197 (Polyb. 18,41,1-3.5-10): »Wie wir es bei allen anderen zu tun pflegen, so ist es recht und billig, aus Anlaß von Attalos' Tod auch ihm den Nachruf zu halten, den er verdient. (2) Ihm stand von Haus her, um die Königsherrschaft zu erlangen, unter den äußeren Gütern kein anderes Machtmittel zur Verfügung als sein Reichtum, (3) der, mit Klugheit und Wagemut verwandt, in der Tat sei jeder Aktion von großem Nutzen ist, ohne jene Eigenschaften aber dazu angetan ist, ins Unglück, ja ins Verderben zu stürzen, eine Erfahrung, die schon viele gemacht haben. ... (5) Um so mehr muß man den hohen Sinn dieses Mannes bewundern, daß er seine großen Mittel zu nichts anderem verweden wollte als dazu, die Königsherrschaft zu gewinne: Ich wüßte kein höheres und schöneres Ziel zu nennen als dieses. (6) Die erste Stufe, um es zu erreichen, waren nicht nur Wohltaten und Gunstbeweise gegen seine Freude, sondern auch kriegerische Leistungen. (7) Es gelang ihm, in einer Schlacht die Galater zu besiegen, damals das kriegslustigste Volk in Asien, eine Geißel für alle. Das war der Anfang; nach diesem Erfolg nahm er den Königstitel an. (8) Im Besitz dieser hohen Würde, in einem Leben von 72 Jahren, davon 44 Regierungsjahren, hat er sich seiner Gattin und seinen Kindern gegenüber als ein besonnener Mann und untadeliger Charakter gezeigt, (9) hat er allen seinen Verbündeten und Freunden die Treue gehalten und starb mitten heraus aus ruhmvollsten Taten, im Kampf um die Freiheit der Griechen. (10) Die größte Leistung aber war, daß er, der vier erwachsene Söhne hinterließ, die Frage der Nachfolge in einer Weise zu regeln wußte, daß die Herrschaft, ohne daß es je zu Thronstreitigkeiten kam, auf seine Kindeskinder überging.«


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PD Dr. Gregor Weber, 15. Februar 1999