Quellen zur Vorlesung »Geschichte des Hellenismus«


Quellentexte zu:
5.1 Gesellschaft

77. Rechtliche und soziale Mißstände, um 190 u. 150 (Polyb. 20,6,1-3.5-6): »Die politischen Verhältnisse bei den Boiotern waren in einen derart schlimmen Zustand geraten, daß für nahezu 25 Jahre bei ihnen weder in zivilen Handelsgeschäften noch bei öffentlichen Klagen Recht gesprochen wurde; (2) dadurch, daß die Beamten die Bürger bald zu Wachdienst, bald zu allgemeinem Kriegsdienst aufboten, machten sie ständig die Rechtsprechung unmöglich; einige Strategen ließen sogar aus der Staatskasse an die Bedürftigen Sold zahlen. (3) So gewöhnte sich das Volk daran, solchen Männern anzuhängen und denen die Ämter zukommen zu lassen, mit deren Hilfe es hoffen konnte, für Unrecht und Schulden nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, vielmehr durch ihre Gunst immer noch etwas aus der Staatskasse herauszubekommen. ... (5) Dazu kam noch eine andere, recht unselige Sucht: Die Kinderlosen vermachten bei ihrem Tod ihren Besitz nicht ihren nächsten Verwandten, wie es früher bei ihnen Sitte war, sondern setzten ihn aus für Schmausereien und Zechgelage und ließen ihn ihren guten Freunden zukommen; (6) selbst Leute, die Familie hatten, verteilten den größten Teil ihres Vermögens unter ihren Klubkameraden, so daß manche Boioter in einem Monat mehr Festessen hatten, als es Tage im Monat gab. ...«

78. Bilingualismus im 3. Jh. (WChr. 50 = P. Goodsp. 3): »Ptolemaios an Achilles, Grüße. Nachdem ich über ... geschrieben hatte, schien es mir jetzt angebracht, dich über den Traum genau zu informieren, (5) damit du weißt, auf welche Weise die Götter dich kennen. Ich habe unten in Ägyptisch geschrieben, damit du (alles) genau verstehst ...« (Danach folgt die demotische Wiedergabe des Traumes)

79. Ptolemaios im Serapeion von Memphis, 161 (UPZ 1,8): »An Dionysios, einen der Freunde und Strategen, von Ptolemaios, Sohn des Glaukias, Makedone, einer von den in Tempelhaft (katoche) befindlichen im Großen Serapeion zu Memphis im 12. Jahr. Unrecht erlitt ich in abscheulicher Weise und kam oft in Lebensgefahr durch die unten aufgelisteten Reinigungskräfte des Heiligtums - jetzt suche ich Schutz bei dir in der Meinung, auf diese Weise besonders Gerechtigkeit zu erlangen. Denn im 21. Jahr, am 8. Phaophi, kamen sie zum Astartieion im Heiligtum, in dem ich in katoche bin seit der zuvor genannten Zeit, einige mit Steinen, andere mit Stöcken, und versuchten, sich gewaltsam Einlaß zu verschaffen, so daß sie bei dieser Gelegenheit den Tempel plündern und mich töten könnten, weil ich Grieche bin, und zwar in konzertierter Aktion. ... Ich bitte dich deshalb, wenn es dir gut scheint, sie vor dir zur Ordnung zu rufen, so daß sie die gerechte Strafe erhalten für all diese Dinge. Lebe wohl. Mys, der Kleiderverkäufer; Psosnaus, der Jochträger; Imouthes, der Bäcker; Harembasnis, der Getreideverkäufer; Stotoetis, der Pförtner; Harchebis, der Arzt; Po...os, der Teppichweber, und andere mit ihnen, deren Namen ich nicht kenne.«

80. Heiratsvertrag, 311 (P. Eleph. 1): »Im 7. Königsjahr Alexanders, des Sohnes des Alexanders, im 14. Satrapenjahr des Ptolemaios, im Monat Dios. Heiratsvertrag des Herakleides und der Demetria. Herakleides nimmt Demetria aus Kos zur rechtmäßige Gattin von ihrem Vater Leptines aus Kos und ihrer Mutter Philotis, als freier Mann eine freie Frau, die Kleidung und Schmuck mitbringt im Wert von 1.000 Drachmen. Herakleides aber soll Demetria alles bieten, (5) was einer freien Frau zukommt. Wir sollen dort zusammen wohlen, wo es Leptines und Herakleides in gemeinsamer Beratung am besten dünkt. Wenn aber Demetria bei irgendeiner böswilligen Handlung zur Schmach ihres Mannes Herakleides betroffen wird, dann soll sie alles, was sie mitgebracht hat, verlieren. Herakleides soll die Vorwürfe gegen Demetria vor drei Männer, die beide billigen, beweise. Herakleides darf keine andere Frau der Demetria zur Schmach ins Haus führen und mit keiner anderen Frau Kinder erzeugen; auch soll Herakleides unter keinerlei Ausflucht irgendeine böswillige Handlung gegen Demetria unternehmen. (10) Wird Herakleides bei solchem Tun betroffen und führt Demetria vor drei Männern, die beide billigen, den Beweis, so soll Herakleides Demetria die Mitgift, die sie mitbrachte, zurückgeben im Wert von 1.000 Drachmen und dazu noch als Buße 1.000 Drachmen Alexandergeld bezahlen. Die Vollstreckung soll wie aufgrund eines rechtskräftigen Urteils für Demetria und ihre Rechtsbeistände an Herakleides selbst und allem, was Herakleides zu Wasser und zu Lande besitzt, erfolgen. Dieser Vertrag soll überall in jeder Hinsicht gültig sein, als ob der Vertrag dort geschlossen wäre, wo ihn Herakleides gegen (15) Demetria oder Demetria und ihre Rechtsbeistände gegen Herakleides geltend machen. Herakleides und Demetria sollen das Recht haben, selbständig ihre eigenen Verträge aufzubewahren und sie gegeneinander geltend zu machen. Zeugen: Kleon aus Gela, Antikrates aus Temnos, Lysis aus Temnos, Dionysios aus Temnos, Aristomachos aus Kyrene, Aristodikos aus Kos.«

81. Beschwerde wegen Mißhandlung, 221 (P. Enteux. 82): »Den König Ptolemaios grüßt Philista, die Tochter des Lysias, die zu den Bewohnern von Trikomia gehört. Mißhandelt bin ich von Petechon. Als ich nämlich im Badhaus des genannte Dorfes im ersten Jahr am 7. Tybi badete, versah er im Frauenabteil das Amt des Zugießers, trug, als ich herausgestiegen war, um mich zu salben, warmes Wasser herein, goß die Kannen über mich aus und verbrannte mir den Leib und den linken Schenkel bis zum Knie, so daß ich sogar in Lebensgefahr schwebte. Als ich solche Behandlung erfahren hatte, brachte ich Beschwerde ein bei Nechthosiris, dem Polizeikommandanten des Dorfes, in Gegenwart des Ortsvorstehers Simon. Ich bitte dich also, König, wenn es dir gut dünkt, da ich als Schutzflehende mich an dich gewandt habe, es nicht zuzulassen, daß man mich, eine Frau, die von ihrer Hände Arbeit leben muß, so mißhandelt hat, sondern dem Strategen Diophanes zu befehlen, er solle an den Ortsvorsteher Simon und den Polizeikommandanten Nechthosiris schreibe, den Petechon ihm vorzuführen, damit Diophanes eine Untersuchung darüber anstellt ...«


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PD Dr. Gregor Weber, 15. Februar 1999