Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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»Nachkriegszeit« - das Wort soll Assoziationen an "die" Nachkriegszeit wecken: an den Umgang mit einer katastrophalen Niederlage, die wirtschaftlichen und sozialen Nöte, und natürlich auch den Umgang mit den Verbrechen einer jüngsten Vergangenheit in einer Nachkriegszeit.
Der Prozeß des Sokrates
findet etwa fünf Jahre nach der Niederlage Athens im Peloponnesischen
Krieg statt, und die Frage drängt sich auf, warum er gerade zu diesem
Zeitpunkt angeklagt worden ist und nicht zu einer anderen Zeit: warum nicht
403, unmittelbar nach der Kapitulation und der Wiederherstellung der
Demokratie, oder warum nicht erst im Jahre 395? Auf unser eigenes
Zeitgefühl übertragen, müssen wir uns vorstellen, daß die
Anklage gegen Sokrates, der schon immer von seinen Gegnern und Verächtern
mit dem aristokratischen Ancien Régime[1] vor Kriegsende in Verbindung gebracht wurde,
erst 1950 stattfindet - nicht 1946, nicht 1955.
Es wird im Folgenden eine
"politische", ganz "unphilosophische" Antwort geben, die Sokrates in die
Innenpolitik der Zeit stellt; für den Sokrates der Philosophiegeschichte
wird diese Einordnung von geringer Bedeutung sein. Es sollte aber doch in
Erinnerung gerufen werden, in welchem bewegten innenpolitischen Klima er in den
letzten Jahren seines Lebens seine Gespräche geführt
hat.
Es ist bekannt, wie wenig es
an unzweifelhafter biographischer Überlieferung für Sokrates gibt:
Die sogenannten "Fakten" lassen sich an den Fingern einer Hand
abzählen.[2] Geboren
ist Sokrates etwa 470, in der hohen Zeit des attischen Seebundes.[3] Als Hoplit hat er der Polis
in drei Feldzügen des Peloponnesischen Kriegs gedient[4] Aristophanes hat ihn in den 423
aufgeführten Wolken als stadtbekannten Sophisten auf die Bühne
bringen können.[5]
Vielleicht 408 ist er dem vornehmen Platon in Athen begegnet.[6]
Über die letzten Jahre
des Sokrates, unmittelbar vor dem Prozeß, ist vergleichsweise viel weniger
bekannt. Wir wissen, daß er sich während der Tyrannis der
Dreißig nicht hat kompromittieren lassen durch die Mitwirkung bei
politischen Übergriffen,[7] und daß es einen persönlichen
Streit mit Kritias, dem Anführer der "Junta", gab.[8] Und dann wissen wir ausdrücklich nichts
mehr über Sokrates - bis zur Anklage im Jahre
399.
Diese Lücke nach
Möglichkeit zu füllen ist das Ziel der folgenden Ausführungen.
Am Ende dieses Beitrages wird vielleicht etwas besser zu verstehen sein, was
die Ankläger motiviert haben könnte bei ihrem Versuch, Sokrates aus
der Stadt zu
treiben.
Zur Vorgeschichte des
Prozesses gehören die Niederlage des demokratischen Athen gegen Sparta und
seine Verbündeten im "Peloponnesischen Krieg", die kurzlebige
Schreckensherrschaft athenischer Oligarchen unter den Fittichen Spartas, die
politische Neuordnung nach dem Scheitern der sog. "Dreißig", die Spaltung
des athenischen Staates zwischen Athen und Eleusis bis zum Jahre 401, und, last
but not least: der schwierige Umgang mit der offiziellen, von Sparta
garantierten Amnestie aller (man könnte sagen:) Kriegsverbrechen der
Dreißig und ihrer Anhänger in den etwa acht Monaten ihrer Herrschaft
von November 404 bis Mai
403.
Sokrates hat in dieser Zeit
Athen niemals verlassen: Das wird sich durch sein fortgeschrittenes Alter
erklären, doch ist das vermutlich nicht die ganze Antwort, da es
engagierte Demokraten gab, die die Stadt selbst in vorgerücktem Alter
verlassen mußten.[9]
***
Die letzten Jahre des 431 ausgebrochenen Peloponnesischen Krieges waren eine Abfolge von militärischen und innenpolitischen Katastrophen für Athen, dessen demokratische Führer dennoch in der Lage waren, ungeachtet aller Verluste an Menschen und Material, bis zum bitteren Ende auszuhalten.[10]
Nachträglich gesehen war
die gescheiterte Sizilische Expedition (415-413) der Anfang vom Ende. Die
Ereignisse des Jahres 411 sind eine Antwort auf diese unerwartete Niederlage:
Die Oligarchen, die in den Jahren der politischen und militärischen
Erfolge kaum eine Chance, aber auch kein Interesse zeigten, die
Verhältnisse zu ändern, solange doch alle gleichermaßen
materielle Vorteile von den Früchten des attischen Reiches hatten, formten
eine Regierung der sog. "Vierhundert", später - wenigstens verbal -
erweitert auf eine besonders berechtigte Gruppe von "Fünftausend". Das
Experiment ist schnell gescheitert.[11]
Die sechs Jahre von 411 bis
zur Niederlage der athenischen Flotte bei Aigospotamoi sind - wegen der
athenischen Kornversorgung - überwiegend Seekriegsjahre, im Bereich des
Bosporus und der angrenzenden Küste und der Inseln Lesbos, Chios und
Samos. Die Besetzung des mitten in Attika gelegenen Dekeleias durch die
Spartaner führte zu empfindlichen Störungen; der größte
Teil der Bevölkerung Attikas mußte sich hinter die Langen Mauern
flüchten und litt große Not.[12]
Hauptereignisse der
Kriegsjahre seit dem Putsch von 411 sind dann 408 die Rückkehr des
Alkibiades aus dem Exil[13] - erst in dieser Zeit findet die Begegnung
zwischen dem jungen Platon und Sokrates statt[14] - , der athenische Seesieg bei den
Arginusen und die nachfolgenden illegale Hinrichtung der Admiräle; damals
wurde Sokrates - wenn er es nicht schon war ! - stadtbekannt als Bewahrer von
Recht und Ordnung, als er sich weigerte, als Prytan den Antrag auf Abstimmung
über die Todesstrafe zu genehmigen.[15]
Die Demokraten konnten in
diesen Jahren die Fortsetzung des Kampfes gegen alle Schwierigkeiten und
Nöte durchsetzen; die Vernichtung der Flotte bei Aigospotamoi im Herbst
405 traf die Athener dann völlig unerwartet.[16]
Ein Leitthema von Thukydides'
Lebenswerk ist die Verrohung der Sitten im Kriege:[17] Die letzten Kriegsjahre waren auch in
dieser Beziehung denkwürdig. Eine der ersten Amtshandlungen des
siegreichen spartanischen Kommandeurs Lysander war die Hinrichtung eines der
athenischen Kapitäne, der gefangene Schiffbesatzungen wider das
übliche Kriegsrecht hatte umbringen lassen.[18] Die Schauplätze athenischer Exzesse
waren der griechischen Öffentlichkeit gut bekannt - Lysander sorgte
dafür, daß die Überlebenden von Melos, Skione und anderen
Plätzen zurückkehren konnten.[19] Der starke athenische Widerstand gegen die
heraufziehende Niederlage erklärt sich deshalb auch durch die Furcht vor
der drohenden Abrechnung - die Griechen waren in der Regel nicht sehr taktvoll
im Umgang mit
Besiegten.
Vom Winter des Jahres 405/404
bis zum April des Jahres 404 haben sich die Athener erbittert gegen die
Einschließung durch die Spartaner und ihre Verbündeten gewehrt. Diese
Zeit äußerster Entbehrungen hat auch Sokrates durchmachen
müssen. Erste Kontakte der athenischen Führung mit den Spartanern
führten zu nichts; die Ephoren in Sparta, die eigentliche Regierung, legte
Wert auf die Niederlegung der Langen Mauern, den Stolz Athens und eine Garantie
seiner Sonderstellung. Das Schicksal von Melos stand manchem hochgemuten
Athener vor Augen;[20]
lieber hungerte man weiter, als daß man sich auf demütigende
Verhandlungen einlassen wollte. Der Hunger, die Kälte und die Dienste
eines gemäßigten Oligarchen namens Theramenes[21] führten dann schließlich, gegen
den unbelehrten Widerstand der radikalsten Demokraten, zu dem, was man in
neuzeitlicher Terminologie die "bedingungslose Kapitulation" nennen
würde.[22]
Dabei haben die Athener noch
Glück gehabt. Lysander, der Mann der Stunde, wehrte sich erfolgreich gegen
die Wünsche der Verbündeten Spartas, Athen dem Erdboden
gleichzumachen. Die langen Mauern mußten aber fallen, der Stolz Athens.
Xenophon schildert die Szene vielleicht als Augenzeuge:[23]
"Hierauf fuhr Lysander in den Peiraieus ein, die Verbannten kehrten zurück, und man begann, die Mauern unter der Begleitmusik von Flötenspielerinnen mit vielem Eifer einzureißen in dem Glauben, jener Tag bedeute für Hellas den Anfang der Freiheit."
***
Wenige Wochen nach der Kapitulation beschloß eine durch die Präsenz der spartanischen Truppen eingeschüchterte Volksversammlung, dreißig Männer mit der Revision der Verfassung zu betrauen. Diese dreißig Herren, allesamt Oligarchen, hatten ein konservatives, spartafreundliches Regierungsprogramm auf den Lippen.[24] Der 24jährige Platon sah seinen Onkel Kritias an der Spitze dieser Herren; Sokrates kannte Kritias ebenfalls gut; wer ihm übelwollte, mochte Sokrates vorwerfen, einer seiner Schüler sei der Anführer des neuen Regimes.
Die Dreißig ließen
sich Zeit mit der angekündigten Verfassungsreform und hatten es dafür
eiliger, ihre demokratischen Gegner zu beseitigen; einige der am meisten
belasteten »Sykophanten« fielen den ersten Prozessen zum Opfer,
vermutlich nicht ohne breitere Zustimmung.[25]
Kritias und seine Freunde
fühlten sich bald unter Druck. Kritias erreichte zur Sicherung von
Lysander die Stationierung einer spartanischen Besatzung auf der Akropolis. Mit
den Spartanern im Rücken, gingen die Dreißig dazu über, jeden
Widerstand mit Gewalt aus dem Wege zu räumen, zum Schrecken nicht nur der
Demokraten, sondern auch der gemäßigten Oligarchen.[26]
Der Terror trieb viele ins
Exil, die später, in der wiederhergestellten Demokratie, eine
führende Rolle spielen sollten. Dazu gehören Thrasyboulos, der
spätere Befreier Athens,[27] und auch Anytos, später einer der
Ankläger des Sokrates.[28] Das Regime der Dreißig wurde von
Monat zu Monat unerträglicher. Am Ende wurde das Vollbürgerrecht auf
3000 Bürger beschränkt, die allein einen gewissen Rechtsschutz
genossen - alle anderen konnten standrechtlich verhaftet und hingerichtet
werden.[29] Die
»Dreitausend« gehörten sämtlich der höheren
Zensus-Klasse an: Auf der Grundlage seines Hopliten-Zensus - und seiner
wenigstens mittelbaren Nähe zu den Machthabern - bestehen wenig Zweifel
daran, daß Sokrates auf der streng kontrollierten Liste jener Dreitausend
gestanden hat.[30] Und
selbst wenn Sokrates nicht dazugehört haben sollte, so hat er Athen doch
auch nie verlassen; alle anderen Athener mußten damals fort aus Athen,
unter Verlust ihres Vermögens - das sagt sich leichthin, muß aber
doch ein denkwürdiger Vorgang gewesen.[31]
Diejenigen von den
Dreitausend, die die Herrschaft der Dreißig überlebt haben, legten in
der Nachkriegszeit verständlichen Wert auf ihre Unbescholtenheit:
Natürlich hatte kaum jemand Anteil an den Übergriffen gegen
politische Gegner. Opponiert hat aber auch keiner, und Sokrates ist sicher ein
Beispiel für die Grenzen der Opposition gegen die Dreißig.
Aristoteles überliefert, das Regime habe 1500 Athener umgebracht - dies
werden vermutlich nicht nur Reiche gewesen, deren Geld gebraucht wurde, sondern
auch die Männer des aktiveren Widerstands.[32]
Sokrates hatte sich kritisch
über Kritias' erotisch-direkten Umgang mit dem jungen Euthydemos
geäußert; Xenophon berichtet in den Memorabilien über den
dadurch motivierten Streit zwischen Sokrates und dem obersten Tyrannen in jenen
Monaten:[33]
"Seitdem haßte Kritias den Sokrates sogar, und daher vergaß er es ihm auch nicht, als er mit Charikles einer der Dreißig war und Gesetzgeber wurde; und so verbot er denn durch Gesetz, die Kunst des Redens zu lehren, um ihn zu treffen; und weil er sonst nichts hatte, womit er ihm beikommen konnte, so schob er ihm doch wenigstens das zu, was den Philosophen gemeinhin von der Menge vorgeworfen wird, und verleumdete ihn so bei der Menge."
Xenophon legt Wert darauf, eine kritische Bemerkung des Sokrates über den Terror überliefern zu können:[34]
(32) "Als nämlich die Dreißig viele Bürger zum Unrechttun veranlaßten, da sagte Sokrates irgendwo, es erscheine ihm unbegreiflich. daß jemand, der zum Hirten einer Rinderherde bestellt sei und die Rinder vermindere und verschlechtere, nun nicht zugeben wolle, daß er ein schlechter Rinderhirt sei; noch unverständlicher aber sei es, daß jemand, der Leiter des Staates geworden sei und dabei die Bürger vermindere und verschlechtere, sich nicht schäme und nicht einsehen könne, daß er ein schlechter Leiter des Staates sei. (33) Als ihnen das hinterbracht wurde, luden Kritias und Charikles den Sokrates vor, zeigten ihm das Gesetz und verboten ihm, sich mit den jungen Menschen zu unterreden. Sokrates aber fragte sie beide, ob es gestattet sei, um Auskunft zu bitten, wenn er etwas in den Anordnungen nicht verstehe. Beide bejahten es. (34) Gut, sagte er, ich bin bemüht, den Gesetzen zu gehorchen. Damit ich aber nicht irgendwie aus Unkenntnis unabsichtlich gegen das Gesetz verstoße, so möchte ich dies von euch genau wissen, ob ihr die Kunst des Redens mit wahren Reden meint oder mit unwahren, die man nach eurem Befehl nicht ausüben soll. Denn wenn ihr die Rede mit rechten Reden meint, so müßte man offenbar das rechte Reden unterlassen; wenn ihr aber die Rede mit unrechten Reden meint, so muß man sich offensichtlich bemühen in rechter Weise zu reden. (35) Darauf sagte Charikles voller Zorn zu ihm: Weil du, Sokrates, nicht verstehen willst, so ordnen wir hiermit folgendes an, was dir besser verständlich sein wird, nämlich daß du dich überhaupt nicht mehr mit den jungen Menschen unterreden sollst. (...)."
Nur ganz wenige der 1500 Opfer des Regimes sind namentlich bekannt. Dazu gehören Lykurg, ein geschätzter demokratischer Politiker,[35] Nikeratos, Sohn des berühmten Nikias, der im Jahre 409 als Trierarch bezeugt ist,[36] und schließlich Leon, dessen Schicksal in der Apologie erwähnt wird. Leon von Salamis war ein bewährter General der Demokratie. Sokrates erwähnt Leons Schicksal in der Apologie:[37]
"Nachdem aber die Regierung an einige wenige gekommen, so ließen einst die Dreißig mich mit noch vier anderen auf die Tholos holen und trugen uns auf, den Salaminier Leon aus Salamis herzubringen, um ihn hinzurichten, wie sie denn dergleichen vieles vielen andern auch auftrugen, um so viele als irgend möglich in Verschuldungen zu verstricken. Auch da nun zeigte ich wiederum nicht durch Worte, sondern durch die Tat, daß der Tod, wenn euch das nicht zu bäurisch klingt, mich auch nicht das mindeste kümmerte, nichts Ruchloses aber und nichts Ungerechtes zu begehen mich mehr als alles kümmert. Denn mich konnte jene Regierung, so gewaltig sie auch war, nicht so erschrecken, daß ich etwas Unrechtes tat. Sondern als wir von der Tholos herunterkamen, gingen die viere nach Salamis und brachten den Leon; ich aber ging meines Weges nach Hause. Und vielleicht hätte ich deshalb sterben gemußt, wenn nicht jene Regierung kurz darauf wäre aufgelöst worden. Dies werden euch sehr viele bezeugen können."
Im November oder Dezember 404 hat Thrasyboulos zusammen mit etwa 70 Gefolgsleuten die Festung Phyle im Norden von Attika besetzt; ein Angriff der Dreißig scheiterte und führte zu einer empfindlichen Schwächung des Regimes.[38] Thrasyboulos ließ nicht locker und besetzte mit verstärkten demokratischen Truppen einen Teil des Piraeus, Munichia.[39]
In diese Zeit, als es
für die »Dreitausend« aufgrund der Kontrolle Attikas durch die
Reiterei der Demokraten nicht mehr möglich war, ohne Gefahr für Leib
und Leben Athen zu verlassen, um ihre Güter zu beaufsichtigen, gehört
die folgende, von Xenophon nicht eigens datierte Notiz aus den Memorabilien:[40]
Auch die Not seiner Freunde zu lindern, war er durchaus bemüht; war sie aus Unverstand erwachsen, dann durch guten Rat, war sie aus wirtschaftlicher Not entstanden, dann mahnte er, einander nach Vermögen zu unterstützen. Als er nämlich einst sah, daß Aristarch mißmutig umherging, da sagte er zu ihm: Du scheinst mir an irgendetwas schwer zu tragen, Aristarch. (...). Tatsächlich, Sokrates, ich bin schon in großer Verlegenheit. Denn da sich bei den Unruhen in der Stadt viele nach dem Piraeus geflüchtet haben, so sind nun bei mir die zurückgebliebenen Schwestern und Nichten und Basen derart zusammengeströmt, daß jetzt in meinem Hause vierzehn Personen sind, nur die Freien gerechnet. Wir haben aber weder irgendeine Einnahme aus dem Lande, denn dieses haben die Gegner in Besitz; noch von den Häusern; denn die Stadt ist entvölkert. (...).
Sokrates hat dem armen Aristarch dann geraten, seine neuen Mitbewohner zur Heimarbeit anzuhalten, um seine Einkünfte zu erhöhen.
***
Die in Munichia versammelten Demokraten, später »die Männer vom Piraeus« genannt, fügten den oligarchischen Truppen eine weitere Niederlage zu Beginn des Jahres 403 bei: Kritias und Charmides sind gefallen.[41]
Das Ende der Dreißig war
gekommen. Wer unter den »Dreitausend« nicht kompromittiert war,
sehnte die Verhandlungen mit den Demokraten herbei; wer glaubte, aufgrund
seiner Übergriffe gegen politische Gegner nichts zu hoffen zu haben, zog
im Januar 403 nach Eleusis, und errichtete dort ein neues oligarchisches
Staatswesen unter den Fittichen Spartas.[42] In Athen wurde eine neue "Regierung"
aus zehn Männern gebildet, einer aus jeder Phyle: die vier bekannten Namen
erlauben die Vermutung, daß es sich um etwas moderatere, bisher nicht
kompromittierte Oligarchen gehandelt hat, die sich um den Erhalt des Status quo
für die verbliebenen Dreitausend zu kümmern hatten.[43]
Athen war jetzt praktisch
dreigeteilt: die Bevölkerung in der Stadt - mit Sokrates, auch mit dem
jungen Xenophon, der bei der Reiterei diente und damit gegen die Demokraten
gekämpft haben dürfte -, die Demokraten vom Piraeus, und die
Extremisten von
Eleusis.
Lysander, der spartanische
Generalissimus, wäre wohl bereit gewesen, den Extremisten in Eleusis noch
einmal zu helfen, doch führten innerspartanische Streitigkeiten zum
Eingreifen des Königs Pausanias, der eine gütliche Einigung der
Athener untereinander einer Entwicklung vorzog, die Athen zum Privatbesitz
Lysanders zu machen drohte.[44]
Unter der Leitung des
Pausanias ist es zur vielgerühmten Amnestie gekommen, einer Abmachung
zwischen den Athenern "in der Stadt" und den Demokraten vom Piraeus. Diese
"Amnestie" war in der Tat eine untypische Konfliktregelung, wo doch in der
Regel solche Bürgerkriege stets bis zum bitteren Ende und ohne jedes
Erbarmen ausgefochten wurden.[45]
Das verbreitete spätere
Lob der Amnestie sollte jedoch nicht vergessen machen, daß es sich um eine
sehr feinsinnig zu Gunsten der in Athen Gebliebenen austarierte Regelung
gehandelt hat. Es gab eine Amnestie für fast alle, mit Ausnahme der
Dreißig, der Zehn, einiger Polizeioffiziere und anderer Belasteter.[46] Der Begriff der Amnestie
darf allerdings nicht zu dem Schluß verleiten, daß buchstäblich
alles vergeben und vergessen sein sollte: die Abmachung betraf nur generell das
Gedenken an ein Unrechtsregime; wer wollte, hatte später durchaus das
Recht, bei passender Gelegenheit das Verhalten eines Mannes während der
Herrschaft der Dreißig suggestiv zur Sprache zu bringen.[47]
Die vertriebenen Oligarchen
behielten das athenische Bürgerrecht; die Eleusiner hatten das Nachsehen -
sie erhielten die Weisung, den ankommenden Oligarchen ihre Häuser zu
verkaufen.[48] Auch die
finanziellen Regelungen war wichtig: Demokraten-Besitz, der von den
Dreißig auktioniert worden war, durfte bei den neuen Besitzern bleiben.
Ein Mann wie Anytos, dessen Besitz von den Dreißig konfisziert worden ist,
hat ihn auch nach 403 nicht wiederbekommen, und er legte wohl auch Wert auf die
Demonstration, sich auch an diese weniger bequemen Regelungen zu halten.[49]
***
Wir schreiben den September des Jahres 403: jetzt ist wirklich »Nachkriegszeit«. Wie sah es damals aus in Athen? Von des attischen Reiches Herrlichkeit, um eine Festrede von Wilamowitz zu zitieren,[50] war nichts mehr übrig.
Die staatliche Teilung
Attikas, die noch bis zum Herbst 401 dauern sollte, ist bei allen weiteren
Überlegungen über die Lage in Athen zu beachten.[51] Die Attraktion der
Extremisten-Gemeinschaft von Eleusis sollte nicht unterschätzt werden; die
Furcht innerhalb der Gruppe der 3000 war bei Kriegsende so groß, daß
die Sieger eine starke Abwanderung der Leute fürchteten, die aufgrund
ihres sozialen Status und ihrer wirtschaftlichen Kompetenz denn doch gebraucht
würden. Archinos, einer der Häupter der Demokratie, mußte die
für den Umzug nach Eleusis gesetzte Frist im Handstreich verkürzen,
um dieser Bewegung Herr zu werden.[52]
Dort, etwa 20 Kilometer von
Athen entfernt, das ja seiner Befestigungen beraubt worden war, saßen
jetzt die überlebenden Oligarchen und konnten auf Unterstützung ihrer
spartanischen Freunde rechnen: solange es das oligarchische Eleusis gab, konnte
die Demokratie in Athen nicht wirklich sicher
sein.
Diese Situation hat
gewiß dazu beigetragen, die Radikalen unter den Demokraten verstummen zu
lassen und den Konservativen bei der Durchsetzung so mancher Position zu
helfen.
***
Die enormen materiellen Verluste Athens sind schon durch den Verlust des Reiches und seiner Einkünfte gegeben. Die Landwirtschaft Attikas war schwer gestört durch die mehrjährige spartanische Besetzung Attikas, wenngleich der Aufschwung hier viel schneller kam als man wohl hat erwarten können - vor allen Dingen auf Seiten Spartas und seiner Verbündeten.[53]
Es ist natürlich nicht
möglich, die Kriegsverluste unter der attischen Bevölkerung genau zu
beziffern, doch sollte man davon ausgehen, daß die jahrelangen Schlachten
zu Lande und zu Wasser, und nicht zu vergessen die Pest, die Zahl der
Vollbürger erheblich reduziert haben. Die Ungenauigkeit aller
Kalkulationen zugestanden, so ist es eine begründete Vermutung, daß
die Zahl der Hopliten zwischen 431, dem ersten Jahr des Peloponnesischen
Krieges, und der Mitte der 390er Jahre halbiert worden ist. Den Theten, die als
Ruderer auf der Flotte eingesetzt wurden, ist es nicht viel besser ergangen.[54]
Nicht jeder, der
überlebt hatte, geriet in wirtschaftliche Not - Sokrates konnte im Jahre
399 auf Freunde zurückgreifen, die über genügend bare Mittel
verfügten, um das Angebot machen zu können, ihn auszulösen.[55] Ein interessantes
Beispiel für den Wohlstand einer Familie kaum zehn Jahre nach der
Niederlage ist das Grabmal des Dexileos auf dem Kerameikos.[56] Auf der anderen Seite gibt es Notizen in
Xenophons Memorabilien, die die Verarmung der Nachkriegszeit zeigen.[57]
Athen war jetzt Mitglied des
Peloponnesischen Bundes mit gewissen militärischen und finanziellen
Verpflichtungen, sonst aber unabhängig. Die Demokratie war
wiederhergestellt, doch heißt das nicht, daß die siegreiche Fraktion
nur aus radikalen Demokraten zusammengesetzt gewesen ist. Phormisios legte
schon bald nach dem Sieg den Vorschlag vor, das aktive Bürgerrecht auf
Männer mit Grundbesitz zu beschränken. Die Durchführung
hätte 5000 freie Athener ihres Bürgerrechts beraubt, so daß
dieser demokratische "Reformvorschlag" durchfiel.[58]
Die Grundlagen der Demokratie
blieben also erhalten, und die Erinnerung an die Alten Zeiten blieb wach: Die
Demokraten von Samos, die bis ganz zum Schluß an der Seite Athens
gekämpft hatten, für die Demokratie und für den Erhalt der
Besitztümer, die sie den samischen Oligarchen abgenommen hatten, wurden
dankbar geehrt[59].
Zu den sozusagen
ideologischen Voraussetzungen der perikleischen, der radikalen Demokratie
gehörte die zurückhaltende Handhabung der Vergabe des
Bürgerrechts an Fremde. Zu den wenigen erhaltenen Inschriften aus diesen
Nachkriegsjahren gehört ein Fragment des Dokuments, mit denen geregelt
wurde, wie die "ausländischen" Mitkämpfer der Demokraten belohnt
werden sollten: Belohnungen ja, aber bitte kein Bürgerrecht[60].
Wie hitzig die Vergangenheit
debattiert wurde und über die Opfer gesprochen wurde, die die aktiven
Demokraten im Kampf gegen die von Sparta gestützten Oligarchen hatten
geben müssen, wird aus einer fragmentarisch erhaltenen Inschrift deutlich,
in der etwa für das Jahr 403 der Antrag erhalten ist, athenische
Waisenkinder, deren Väter im Kampf für die - hier übrigens
erstmals ausdrücklich in einer Inschrift genannten - Demokratie gefallen
waren, mit einer "Rente" zu unterstützen; finanziert wurde dieser
Antrag vermutlich mit einer Reduzierung des Soldes der immer noch
aristokratisch und oligarchisch gestimmten Reiterei.[61]
Es versteht sich von selbst,
daß die siegreichen Demokraten in den Jahren nach 403 in den
führenden Ämtern zu finden sind; andererseits sind Namen von
Männern aus dem Kreis der 3000 zu finden, die problemlos wieder in
Ämter des demokratischen Athens fanden: gewiß kein auf die
athenische Geschichte dieser Zeit beschränktes Problem.[62] Diejenigen Männer,
die wir kennen, sind keineswegs rasende Radikale, sondern Politiker, die in der
Lage sind, sich mit den weniger kompromittierten Gegnern von einst
zusammenzufinden. Dazu gehören in jedem Falle Anytos, und vielleicht auch
Meletos, wenn man ihn mit dem Sprecher der VI. Rede des lysianischen Corpus
identifizieren könnte.[63]
Etwa zwei Jahre lang hatte
das oligarchische Eleusis Bestand. Das ziemlich plötzliche Ende dieses
Separatisten-"Staates" ist von zentraler Bedeutung für die Situation
vor der Eröffnung des Sokrates-Prozesses, doch sind nur wenige Notizen
darüber erhalten. Das Ende kam zu Beginn des Jahres 400:[64]
"Später aber, als sie hörten, daß die Leute in Eleusis fremde Söldner anwarben, unternahmen sie mit dem gesamten Aufgebot einen Zug gegen diese. Dabei töteten sie deren Feldherren, die zu Unterhandlungen gekommen waren, sandten aber zu den anderen ihre Freunde und Verwandten nach Eleusis hinein, die sie zu einer Versöhnung beredeten."
Es sei angemerkt, daß die eleusinischen Oligarchen eigentlich selbst schuld waren, wenn ihre - wie man sie mit einem gewagten Vergleich nennen könnte - Republik von Salò ein abruptes Ende fand: Die Demokraten in Athen mußten einfach reagieren, als bekannt wurden, daß die Oligarchen Söldnertruppen anwarben, um das Rad zurückzudrehen. Vielleicht wäre es ohne diese unzeitige Initiative der Oligarchen und die Auflösung ihrers Separatisten-Staates garnicht zur Anklage gegen Sokrates gekommen?
***
Die unter dem Namen des Lysias erhaltenen Prozeß-Reden legen den Schluß nahe, daß trotz aller schönen Worte über die Amnestie seit 403 ein regelrechter Prozeßkrieg geführt wurde, um alte Rechnungen zu begleichen, immer unter formaler Einhaltung der Regeln der Amnestie. Diese Reden lassen etwas von der erbitterten Stimmung ahnen, die trotz des Verbots der »Mnesikakeia« im Nachkriegs-Athen geherrscht hat. Die Prozesse handeln keineswegs von berühmten Leuten - und umso interessanter sind die hier faßbaren Emotionen, wenn wir an die cause celèbre des Jahres 399 denken, als es um Sokrates ging, den, wie man doch wohl mit Recht sagen konnte, Lehrer - neben anderen natürlich - von Männern wie Alkibiades und Kritias.
Mehrere Reden aus den Jahren
nach 403 und vor 399 könnten zitiert werden, die diese Stimmung der
Revanche illustrieren, die bei allen schönen Worten über die
"Amnestie" geherrscht hat. Bald nach der Niederlage ist die
Verteidigungs-Rede "wegen Umsturzes der Verfassung" gehalten worden:[65]
(2) "Ich werde nachweisen, daß ich mich so gut benommen habe als nur immer der Beste von denen im Piraeus, wenn er in der Stadt geblieben wäre, sich benommen hätte. (...) (14) Denn ich, ihr Richter, bin weder Mitglied der Regierung der Vierhundert gewesen (...) noch wird auch jemand nachweisen können, daß ich nach Einsetzung der Dreißig Mitglied des Rates gewesen wäre oder ein öffentliches Amt bekleidet hätte. Wenn ich nun, als es mir freistand, mich bei dieser Regierung nicht beteiligte, so darf ich erwarten hierfür von euch jetzt geehrt zu werden. (...) Ihr müßt aber auch, ihr Richter, auf meine übrige Handlungsweise sehen. Während der Unglückszeit unserer Stadt habe ich mich so benommen, daß, wenn alle dieselbe Gesinnung gezeigt hätten wie ich, keinem von euch irgend ein Unglück zugestoßen wäre. Weder ist von mir unter der Oligarchie irgend jemand ins Gefängnis abgeführt worden, noch habe ich an einem Feind Rache genommen, noch auch einem Freund Vorteile verschafft. (...). Wie ich also keinen Athener in die Liste aufgenommen habe, so habe ich auch gegen keinen ein schiedsrichterliches Urteil fällen lassen, und mich nicht durch euer Unglück bereichert. (...) Ich, der ich damals, so lange ich jede Gelegenheit hatte, mich nicht gegen die Demokratie verfehlt habe, werde doch noch weit mehr jetzt angestrengt bemüht sein, mich als guten Bürger zu zeigen. (...) (28) Bedenkt bitte weiter, daß auch von der Piraeus-Partei diejenigen, welche den größten Ruhm genießen und am meisten gewagt und sich um euch verdient gemacht haben, schon oft unserem Volke den Rat gegeben haben, die beschworenen Verträge zu halten, weil sie dies für die Gewähr der Demokratie hielten, indem so die Stadtpartei wegen der Vergangenheit nichts mehr zu fürchten hätte, und die Piraeus-Partei sich den längsten Bestand ihrer Verfassung sichern würde.
Wer, wie Sokrates, unter dem Regime der Dreißig in der Stadt geblieben war, lief natürlich Gefahr, sich später rechtfertigen zu müssen; durch das Plädoyer eines Invaliden, dem ein Gegner die Rente kürzen wollten, ist überliefert, wie wichtig für eine Verteidigungsrede das Argument gewesen ist, damals nicht bequem in der Stadt geblieben zu sein:[66]
(25) "Habe ich etwa als einer der Machthaber unter den Dreißig vielen Mitbürgern Böses getan? Im Gegenteil, ich habe mich mit der Volkspartei nach Chalkis am Euripous geflüchtet, und während ich hier mit jenen ungefährdet hätte leben können, habe ich es vorgezogen, mit euch allen gemeinsam den Kampf zu bestehen."
Ein Beispiel für die Rechnungen, die besonders seit 400 beglichen wurden, liefert gewiß auch die Biographie Xenophons:[67] kompromittiert durch seine Zugehörigkeit zur Reiterei, fühlte er sich nicht mehr wohl in Athen und ist in die Dienste des Kyros getreten. Vor seiner Abreise hat er Sokrates um Rat gefragt, und Sokrates' Antwort zeigt ihn als sehr vorsichtigen Mann, der die Spielregeln des demokratischen Athen kennt:[68]
"Als Xenophon den Brief gelesen hatte, beriet er sich mit dem Athener Sokrates über die Reise. Sokrates befürchtete, es könne von der Stadt als Schuld angerechnet werden, mit Kyros Freundschaft zu schließen, da dieser, wie man vermutete, bereitwillig den Lakedaimoniern im Krieg gegen Athen geholfen habe. Daher riet ihm Sokrates, nach Delphi zu gehen und den Gott wegen der Reise zu befragen."
Alle Vorsicht hat Xenophon nichts genützt. Er kehrte 399 nicht nach Athen zurück - vielleicht, weil ihm gerade in der Zeit, als auch Sokrates vor Gericht stand, die Rückkehr verwehrt worden ist.
***
Xenophons spartanisches Exil erinnert daran, daß im Vorfeld des Sokrates-Prozessesn nicht nur innenpolitische, sondern wohl auch außenpolitische Faktoren zu berücksichtigen sind. Die Auflösung des Oligarchenstaates Eleusis hatte ich schon erwähnt; ein weiterer Mosaikstein für die Beurteilung der Gesamtlage könnte sein, daß Sparta seit 401 in einen unerwartet heftigen Konflikt mit dem Nachbarn Elis verwickelt gewesen ist.[69]
Die Vorgeschichte des
Sokrates-Prozesses wäre um vieles verständlicher, wenn Xenophon in
seinen Hellenika nicht so unverständlich diskret wäre, und wenn
Platon seine Dialoge nicht nur überwiegend im Vorkriegs-Milieu des Ancien
Régime[70]
angesiedelt hätte, sondern auch Dialoge in Sokrates' letzte Lebensjahre
gesetzt hätte; Ausnahmen sind der »Menon«,[71] in dem Sokrates mit Anytos spricht, der
»Euthyphron«, mit dem ungewöhnlichen Fall des Mannes, der seinen
Vater vor Gericht zieht wegen Mordes an einem Klienten,[72] und der »Theaitetos«, der sogar
unmittelbar vor dem Prozeß spielt.[73]
Vielleicht ist es gar kein
Zufall, daß Platon in den beiden Dialogen gerade die zwei Problembereiche
anklingen läßt, die für die Ankläger des Sokrates in jedem
Falle eine große Rolle spielten: Sokrates' - wie manche es sahen -
verderblichen, sophistischen Einfluß auf die demokratische Jugend, und die
Frage seiner
Frömmigkeit.
Sokrates mußte den
Männern vom Piraeus - um so die radikaleren Demokraten zu nennen - doch
auch, ganz ohne philosophischen Tiefblick - als der gelten, der so sichtbar
Umgang gepflogen hatte mit denen, die Anteil hatten am Unglück der Stadt:
Alkibiades, Charmides, Kritias und alle die anderen vornehmen Herren. Sokrates
war der, wie Felix Jacoby es formuliert hat, "philosopher of the
conservative party", der die Jugend den "vaterländischen" Traditionen
entfremdete.[74]
Anytos' Sorgen waren wohl
subjektiv ehrlich, und als Person steht er sicher für eine
repräsentative Gruppe eben demokratischer Politiker, die den attischen
Seebund und die athenischen Interessen in schweren Zeiten zusammengehalten
hatten. Im Menon legt Platon ihm zornig Worte über die sog. Sophisten in
den Mund, die die spätere Anklage gegen Sokrates praktisch vorwegnehmen:[75]
Beim Herakles, Sokrates, sprich besser. Daß doch keinen Verwandten oder Angehörigen und Freund unter den Einheimischen oder Fremden solche Raserei ergriffe, zu diesen Sophisten zu gehen und sich zu verderben. Denn diese sind doch das offenbare Verderben und Unglück derer, die mit ihnen umgehen.
Wenn wir heute manchen Aufsatz mit dem Nachweis lesen können, daß Sokrates kein »Sophist« gewesen ist, so ist dies für das zeitgenössische athenische Urteil belanglos. Natürlich wäre jedem Athener, der nicht gerade zu dem erlesenen Freundeskreis um Sokrates gehörte, bei der Frage nach einem nicht (wie sonst immer) "ausländischen", sondern athenischen "Sophisten" gerade eben Sokrates eingefallen.[76]
Die Szenerie des Menon gibt
sicher Auskunft darüber, wie wir uns die Präsenz des Sokrates auch im
Athen der Nachkriegszeit vorzustellen haben: Er war so präsent wie in den
Tagen, als ihn Aristophanes auf die Bühne brachte, und - denkt man die
alten Freunde, die ihn früher umgaben - den radikaleren Männern von
Phyle (fast könnte man sagen: verständlicherweise) ein steter Stein
des
Anstoßes.
Wenn der Prozeß des
Euthyphron sonst nicht bezeugt ist und man denken könnte, Platon habe hier
bewußt ein skurriles Gegenbild zur wahren Frömmigkeit des Sokrates
aufstellen wollen,[77] so
gibt es doch in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Sokratesprozeß zwei
weitere Prozesse, die die Gemüter damals ähnlich bewegt haben, und
die, überraschenderweise, auch beide mit den religiösen Gefühlen
der Zeit zu tun
haben.
Der Prozeß gegen
Nikomachos ist bekannt durch Reden des Andokides und des Lysias.[78] Er war seit mehreren
Jahren mit der Aufgabe betraut, die Gesetze Athens zu revidieren. Im Jahr des
Sokrates-Prozesses ist auch Nikomachos angeklagt worden, sich widerrechtlich
Befugnisse bei der Revision der Gesetze angemaßt zu haben, neue Opfer
einzuführen, und dafür althergebrachte Opfer zu reduzieren.[79] Viel spricht dafür,
daß Nikomachos keineswegs theologischen Irrlehren anhing, wie manche
meinten, sondern daß seine Organisation der städtischen Opfer zu
einer höheren finanziellen Belastung der wohlhabenden Athener zu
führen
drohte.
Nikomachos hat sich selbst
als Demokrat bezeichnet[80] und im Gegenzug seine Ankläger als
gottlos bezeichnet; es verdient Beachtung, daß er sich als Schützling
einiger der führenden demokratischen Politiker der Zeit betrachten
konnte.[81]
Noch in einem anderen
Prozeß ging es - und wohl nicht nur vordergründig - um religiöse
Fragen. Andokides, ein Mann aristokratischer Herkunft, weitläufig mit
Perikles verwandt, war in die Hermokopiden-Affäre des Jahres 415
verwickelt gewesen, hatte außer Landes gehen müssen, und war 403
zurückgekehrt. Der Fall ist ziemlich gut bekannt, durch Andokides' eigene
Verteidigungsrede und eine Rede des Lysias. Man klagte ihn im Jahre 400 oder
399 an, illegal nach Athen zurückgekehrt zu sein, und auch illegal an den
eleusinischen Mysterien teilgenommen zu haben.[82]
Auf diesem Vergehen stand die
Todesstrafe - gefordert unter anderen von einem gewissen Meletos, dessen
Identität mit dem späteren Ankläger des Sokrates möglich,
aber nicht zu verifizieren ist;[83] sollte es sich um ein und dieselbe Person
handeln, dann ist einer der Ankläger des Sokrates nicht nur den
Aristokraten übelgesonnen, sondern auch so etwas wie ein religiöser
Fanatiker. Daß wir nur allzu wenig über die Politiker der Zeit
wissen, läßt sich daran ablesen, daß einer der Verteidiger des
Andokides ausgerechnet Anytos war, später einer der Ankläger des
Sokrates.[84]
Die Religiösität
von Sokrates' Anklägern wird in der Regel nicht sehr ernst genommen. Wir
dürfen aber die subjektive Ehrlichkeit derer, die Sokrates für einen
seltsamen, die alte (oder: konventionelle) Frömmigkeit zerstörenden
Sophisten hielten - wie später ein erheblicher Teil der Jury ! -, nicht
unterschätzen, wenngleich Anytos selbst vielleicht nicht von einer
archaischen Frömmigkeit gewesen ist. Die Entscheidung des Thukydides, aus
seinem Bericht über den Peloponnesischen Krieg den Bereich, ganz allgemein
gesagt, des Religiösen so gut wie vollständig auszuklammern, ergibt
ein etwas einseitiges Bild der alltäglichen Zustände und
läßt Männer wie die Ankläger des Sokrates skurriler, oder -
mit einem zu sehr an Thukydides geschulten Urteil - zynischer erscheinen, als
sie es vielleicht gewesen sind.[85]
***
Sokrates hatte sich unter der Herrschaft der Dreißig nichts zuschulden kommen lassen und war als Mann in fortgeschrittenem Alter sicher nicht der der richtige Mann, um aktiven Widerstand gegen die Oligarchen zu leisten. Die wenigen auf die Zeit nach 404 bezüglichen Notizen Xenophons und das Porträt Platos evozieren das vertraute Bild des Philosophen Sokrates, der sich mit seinen Freunden unterhält und weise Ratschläge gibt.
Dies ist in jener
aufgewühlten, von der völligen Niederlage Athens und dem Regime der
Dreißig geprägten Zeit aber doch nur die halbe Wahrheit. Zwei Jahre
lang hatte die wiederhergestellte Demokratie mit der dauernden Drohung durch
die Oligarchen von Eleusis leben müssen; die mehr oder weniger
aufgezwungene, für die Griechen ganz untypische Amnestie hatte die
Rachegefühle für das vergangene Unrecht nicht ersticken
können.[86] Die
unkonventionelle Frömmigkeit des Sokrates tat ein übriges,
schlichtere Naturen in schwierigen Zeiten zu verwirren und war durchaus
geeignet, seinen Gegnern einen passenden Vorwand liefern: Die athenische
Demokratie war nicht tolerant - schon gar nicht in religiösen Fragen, und
Sokrates wußte dies so gut wie jeder andere.[87]
In gewisser Weise gab er
seinen Anklägern recht, wenn er sich nicht an die »Spielregeln«
der gerade wieder restaurierten demokratischen Polis hielt und sich nicht ins
Exil begab, sondern im Gefängnis blieb und das Urteil auf sich nahm.[88]