Thukydides' Weg zur Geschichtsschreibung

Erschienen in: Historia 31 (1982), S. 257 - 289

Prof. Dr. Jürgen Malitz
Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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I

Wenn Thukydides selbst ganz hinter seinem Werk zurücktritt, so entspricht dies nicht nur der sehr schmalen Quellengrundlage für jede biographische Frage, sondern auch der Absicht des Autors, der ja auch in seiner Geschichtsschreibung wenig Wert auf biographische Details und Anekdoten legt[1]. Der unvollendete Zustand des Werks und seine wenigstens in Grundzügen erkennbare bald dreißigjährige Entstehungsgeschichte fordern aber die Frage nach dem Autor und seiner Lebensgeschichte geradezu heraus - selbst wenn sie zu dem gehören sollte, was Thukydides bewußt verschwiegen hat[2].

Im Folgenden geht es darum, dem Bild des Thukydides bei Beginn seiner Arbeit schärfere Konturen zu geben: denn der Entschluß zu seinem Werk ist mindestens so bemerkenswert wie die Energie, an dem schwierigen Projekt gegen alle äußeren Unglücksfälle ein ganzes Leben lang festzuhalten[3].

Thukydides' so erfolgreich suggerierte Objektivität ist in Wirklichkeit eine höchste Subjektivität der Berichterstattung, die für alle Zeiten die eigene als die einzig richtige Deutung der Ereignisse vermitteln will. Ein anderer Mann hätte mit der gleichen Arbeitsweise eine ganz andere Schilderung des Krieges geben können[4]. Die Frage nach Thukydides' Ausgangsposition im Jahre 431 ist deshalb nicht nur von biographisch-antiquarischem Interesse, sondern für die Interpretation des Werkes selbst von Bedeutung.

Vermutungen über seinen Bildungsgang und seine politischen Sympathien sind für die Beantwortung der hier zu stellenden Fragen von recht geringem Wert. Alle eventuellen Anregungen können auf keinen Fall dazu ausgereicht haben, Thukydides im Jahre 431 zum Historiker des kommenden Krieges zu machen[5]. Zeitgenössisch im Sinne der eigenen Zeit sind da viel eher die patriotischen Landesgeschichten, die unter dem Einfluß und manchmal auch zur Korrektur Herodots entstanden sind[6], oder etwa die konventionelle attische Geschichte des Hellanikos[7].

Alle möglichen Gemeinsamkeiten selbst mit den geistig hochbedeutenden Zeitgenossen reichen nicht aus, um die Eigenart von Thukydides' Werk zu erklären und seinen Entschluß zu dieser Arbeit zu begründen. Zur Erklärung ist vielmehr nach individuellen Zügen des Autors zu suchen, die ihn von vielen Mitlebenden unterschieden haben müssen. Die Vermutung liegt nahe, daß Thukydides einen anderen Zugang zu seinem Stoff, den kommenden Kriegsereignissen, gehabt hat als die meisten seiner historisch und politisch interessierten Zeitgenossen. Individuelle Züge des Autors könnten noch am ehesten erklären helfen, warum sein Werk nach Entstehung und Methode in der Geschichte der antiken Historiographie vollkommen vereinzelt dasteht - worüber die Fortsetzungs- und Imitationsversuche nicht hinwegtäuschen dürfen.

Als er mit seiner Arbeit begann, kann er nicht viel älter als dreißig gewesen sein; vermutlich war er, faßt man alle Indizien zusammen, Mitte Zwanzig[8]. Sein geringes Alter bei Beginn der Arbeit ist übrigens ein leicht übersehener Faktor für das - relative - Gelingen seines Lebenswerkes. Er mußte jung sein im Jahre 431, um diesen langen Krieg auf seine - auch physisch sicher sehr anstrengende - Weise erforschen zu können.

Doch selbst wenn Thukydides wesentlich älter als dreißig gewesen sein sollte[9], stellte er innerhalb der Geschichte der antiken Historiographie, soweit sie das Werk von Männern des öffentlichen Lebens war, immer noch einen Sonderfall dar. In der Antike hat es nach ihm keinen ernsthaften Darsteller oder Erforscher der Vergangenheit (geschweige der Zeitgeschichte) mehr gegeben, der sich dieser Aufgabe in einem Alter widmete, in dem Standeskollegen einer politischen oder militärischen Karriere nachgingen[10].

Antike Historiker schreiben gewöhnlich nach Beendigung ihrer aktiven `bürgerlichen' Laufbahn, und vorher nur dann, wenn politischer Mißerfolg oder Bürgerkrieg ihren ``eigentlichen'' Lebensplan zerstört haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn sich der künftige Princeps Claudius in jungen Jahren mit historischen Studien die Zeit vertreibt, dann deshalb, weil man ihn am Hof für unmöglich hielt[11].

II

Im Gegensatz zu seinem geradezu majestätischen Selbstbewußtsein hat Thukydides bei seinen Zeitgenossen nicht so viel Aufmerksamkeit erregt, daß außerhalb seines eigenen Werkes zuverlässige biographsiche Nachrichten in die historische Überlieferung eingeflossen sind[12]. Aus der späteren biographsichen Tradition, die sich erst aus dem Interesse an dem Verfasser des mittlerweile bekanntgewordenen Werkes erklärt, ist eine einzige Nachricht über die Herkunft des Thukydides so gesichert, daß es erlaubt ist, sie in eine Rekonstruktion seiner Anfänge einzufügen; sie ist ausgewiesen durch die Seriosität des sie ursprünglich überliefernden Schriftstellers, des Antiquars Polemon von Ilion. In seinem Werk "Über die Akropolis zu Athen" hat er berichtet, daß dem Historiker ein Grabmal in der Familiengrabstätte Kimons gesetzt worden sei, mit der Aufschrift "Thukydides, der Sohn des Oloros, aus dem Demos Halimus"[13]. Ob Thukydides wirklich in Athen begraben worden ist oder vielmehr in Thrakien, war schon zur Zeit Polemons eine gelehrte Streitfrage, die den Wert der Nachricht nicht berührt[14].

Das Zeugnis über Thukydides' Zugehörigkeit zur Familie Kimons und damit zum Adelsgeschlecht der Philaiden läßt sich zeitlich nicht weiter als bis zu Polemon zurückverfolgen, doch gibt es keinen plausiblen Grund für die Annahme einer Erfindung Polemons. Dem Werk selbst war eine Verwandtschaft seines Autors mit Komon beim besten Willen nicht zu entnehmen, da Thukydides über Kimons Leistungen nach dem Ende der Perserkriege nichts auffällig Günstiges berichtet und seinen Gegenspieler Themistokles sehr günstig beurteilt[15].

Ein wichtiger Hinweis auf Thukydides' Anfänge ist der Name seines Vaters Oloros, im Werk selbst genannt im Zusammenhang von Thukydides' Auftreten als Stratege in Thrakien[16]. Der Vater trägt einen rein thrakischen Namen, den Hörern Herodots vertraut als der Name eines thrakischen Stammeskönigs, dessen Schwester Hegesipyle den Miltiades, den späteren Sieger von Marathon, etwa im Jahre 510 geheiratet hat[17]. Die Nennung des Vatersnamen ist nach Thukydides' sonstiger Gewohnheit der Nennung des Vaters nicht selbstverständlich und muß als Hinweis auf seine thrakischen Beziehungen gemeint sein[18]. Zu Thukydides' direkten Vorfahren müssen in irgendeiner Form Männer wie jener Schwiegervater des Miltiades gehört haben; nicht zu beantworten ist die Frage, ob der Vater vielleicht selbst zum Teil Thraker war - dieser Name ist für keinen Athener sonst bezeugt, wie überhaupt offensichtlich "ausländische" Namen in der athenischen Oberschicht höchst selten sind[19]. In der Zeit vor Thukydides galt es als ein Zeichen besonderen Adelsstolzes, eine Frau aus fremdem Adel zu heiraten, auch aus thrakischem, wie es ja Miltiades getan hat. Die Zahl der überlieferten Beispiele ist gering, doch erlauben sie keinen Zweifel am sozialen Rang solcher Ehen. Thukydides' thrakische Verwandtschaft weckt Erinnerungen an die zu seiner Zeit schon halbversunkene ``internationale'' Welt des griechischen Adels[20].

In welchem genauen Verhältnis der Vater Oloros zu den Philaiden gestanden hat, läßt sich nicht ermitteln, doch gilt es festzuhalten, daß Thukydides in engerer oder weiterer Form zu einer der berühmtesten Familien der attischen Geschichte gehörte. Gleichrangig war in dieser Zeit wohl nur der Klan der Alkmeoniden, zu denen Alkibiades gehörten[21].

Der sonst so verschwiegene Mann hat über seine thrakischen Beziehungen sogar selbst gesprochen, natürlich nicht aus "biographischen" Gründen, sondern um Brasidas' Angriff auf Amphipolis im Jahre 424 für die Leser seines Werkes besser verständlich zu machen. Demnach hat Brasidas seinen Angriff auf Amphipolis beschleunigt, weil er gehört hatte, daß der Stratege Thukydides "die Nutzung der Goldbergwerke in diesem Teil Thrakiens besaß und daher einer der mätchtigsten Männer des Festlandes war"[22]. Vermutlich sind die thrakischen Bergwerke gemeint, die durch die militärischen Erfolge Kimons in die Verfügung Athens gekommen waren[23].

Nicht zuletzt dadurch erklärt sich Thukydides' thrakisches Kommando im Jahre 424[24], und er läßt seinen Einfluß dort bestätigen durch die Überlegungen, die er Brasidas in den Mund legt: er fürchtet Thukydides nicht als athenischen Strategen, sondern mehr wegen seines lokalen, durch alte Familientradition begründeten Einflusses und der Möglichkeit, deshalb Verstärkungen gegen den spartanischen Angriff herbeizuführen[25].

Thukydides' thraksiche Verbindungen sind nicht unwichtig bei der Frage nach seinem Weg zur Geschichtsschreibung. Der "Athener", wie er sich im Proömium nennt, dürfte einen Teil seiner Jugend auch im Bereich der Bergwerke verbracht und auf diese Weise schon früh einen weit über Athen hinausreichenden Gesichtskreis erhalten haben[26]. Sein thrakischer Besitz ist übrigens auch ein Faktor für die Fortführung seines Lebenswerks selbst nach der Verbannung des Jahres 424. Wäre die materielle Basis seiner Existenz völlig an Athen gebunden gewesen, hätte er nach der Niederlage vor Amphipolis seinen Lebensplan wohl aufgeben müssen[27].

Wenn auch keine Nachrichten über eine politische Laufbahn des Thukydides vor 424 erhalten sind, so legt seine Wahl für das Kommando in Thrakien doch nahe, eine gewisse politische und militärische Praxis in den Jahren davor anzunehmen. Zieht man Nachrichten über vergleichbare Zeitgenossen heran, so gehörte es zum guten Ton, nach dem Erreichen der Volljährigkeit Anteil am politischen Leben zu nehmen[28]. Das hatte nicht immer so festumrissene Formen wie der Cursus honorum eines jungen Römers. Perikles begann seine politische Laufbahn mit der Finanzierung einer Theater-Aufführung[29]. Man konnte auch zunächst von einem älteren Manne lernen; Alkibiades ging zu Perikles[30]. Für den vornehmen Platon stand es keineswegs von vornherein fest, sein Leben der Philosophie zu widmen; er wuchs auf mit der selbstverständlichen Erwartung, politisch aktiv zu werden[31]. Das Tätigkeitsfeld von jungen Männern wie Thukydides war in den fünfziger und vierziger Jahren weit; Athen brauchte Bürger, die das Geld für die vielen Leiturgien aufbringen konnten[32], und das attische Reich brauchte qualifizierte Amtsträger und Soldaten[33]. Es fällt unter diesen Umständen schwer, sich Thukydides als stillen Beobachter des politischen Treibens vorzustellen, der sich von Anfang an auf ein gelehrtes Lebenswerk vorbereitet[34].

Zu den Voraussetzungen des methodischen Selbstbewußtseins gleich zu Beginn des Krieges gehört praktische Erfahrung in allen den Bereichen des künftigen Kriegsgeschehens, für die Thukydides, soweit er nicht selbst Augenzeuge der zu schildernden Ereignisse sein konnte, seinen Gewährsmännern kompetente fragen stellen mußte[35]. Dazu gehören ohne Zweifel militärische Erfahrung[36] und Vertrauthaut mit den politischen Institutionen der kriegsführenden Parteien[37]. Die "Pestbeschreibung" läßt weiterhin erkennen, daß Thukydides sich intensiver als viele andere für medizinische Fragen interessiert haben muß[38].

III

Als Thukydides spätestens im jahre 431 mit der Sammlung von Notizen zum Kiregsausbruch und zum Kriegsgeschehen begann[39], stand er ohne Zweifel auf der Höhe der Bildung seiner Zeit. Mit der Sophistik war er wohlvertraut, wie die Reden zeigen, ohne daß es doch sinnvoll wäre, unter den bekannten Namen nach Lehrern zu suchen[40]. Selbstverständlich wäre es auch wichtig, mehr über seine mögliche Bekanntschaft mit Männern wie Demokrit oder Hippokrates[41] zu ermitteln. Alle Fragen nach Thukydides' Lehrern sind aber schon deshalb von beschränktem Wert, weil er die Grundlagen seiner Arbeit als "Historiker" der Gegenwart buchstäblich von niemanden lernen konnte, und sie sind auch ohne Bedeutung für sein Selbstverständnis. Es entspricht seinem Selbstbewußtsein, die wesentlichen Einsichten aus eigener Kraft erlangt zu haben. Sein Verhältnis zu den Zeitgenossen, die seine Interessen in einem gewissen Maße teilten, ist durch Kritik und Besserwisserei bestimmt[42]. Zu den Vorzügen seines Themistokles gehört es, ohne Lehrer der geworden zu sein, der er war[43]. Vom Zeitrepräsentanten, der Thukydides natürlich auch ist[44], führt nicht unbedingt eine gerade Linie zum `Historiker' seiner Zeit.

Die Frage nach seinen Beziehungen zu Herodot drängt sich vielleicht als erste auf. Die "Veröffentlichung", die erste Verbreitung einer kleinen Anzahl von Abschriften des beim Tode Herodots nicht ganz vollendeten Werkes fällt ungefähr in die Mitte der zwanziger Jahre, frühestens in das Jahr 428[45]. Konnte Thukydides schon vorher, bereits im Jahre 431, einen Eindruck von Herodots entstehendem Werk haben?

Es muß freilich betont werden, daß Thukydides im Jahre 431 mit seiner Arbeit beginnen konnte, ohne Herodot als "seinen" Vorgänger begriffen zu haben, den es zu verbessern gelte. Literarhistorisch gesehen ist es durchaus möglich, daß ihm die ganze Bedeutung von Herodots Leistung erst in den zwanziger Jahren aufgegangen ist. Dann wäre Herodots Werk nicht der erste Impuls für die eigene Arbeit gewesen, aber doch ein wesentlicher Anstoß, ein Stachel für seinen großen Ehrgeiz[46]. Daß er Herodot gekannt hat, spätestens bei der Abfassung des Werkes in der jetzt erhaltenen Form, ist sicher auch ohne jede Nennung seines Namens. Die Anknüpfung an das Werk des "Vorgängers" beschränkt sich nicht bloß auf Kritik, auf die Verbesserung von Details: durch die Begrenzung des Exkurses über die Entstehung des attischen Reiches seit 479 setzt er Herodot sozusagen fort. Er wollte ihn bei der abschließenden Ausarbeitung des I. Buches nicht, wie etwa Hellanikos, ersetzten, sondern er hat ihn durch die sehr bewußte Ökonomie des I. Buches stillschweigend als den Darsteller des Zeitalters der Perserkriege anerkannt[47].

Thukydides' vornehme Herkunft und der illustre Kreis, in dem Herodot sich während seines Athener Aufenthaltes bewegte, machen eine Begegnung durchaus wahrscheinlich - deshalb ist die Anekdote, der junge Thukydides sei bei einer Vorlesung Herodots in Tränen ausgebrochen, mindestens gut erfunden[48]. Sollte er den Mann aus Halikarnass und sein Werk tatsächlich schon im Jahre 431 gekannt haben, dann hätte er ihn nur auf solche Weise kennenlernen können[49]. Hinter den Tränen des jungen Mannes, wenn sie auch nur Rhetorenerfindung sein sollten, steht im übrigen eine Interpretation von Thukydides' Werk, die ein sehr wesentliches und in der Antike meist übersehenes Element des Werkes berücksichtigt: die Herodot und Thukydides durchaus gemeinsame Traurigkeit über den unabwendbaren Niedergang alles dessen, was einmal aufgestiegen ist[50].

Thukydides' Begegnung mit Herodot ist für die Frage nach der Entstehung seines Werkes allerdings nur dann wirklich von Bedeutung, wenn ihn die Kenntnis des entstehenden Werkes besonders berührt haben sollte, anders gesagt: wenn Thukydides' Lebensentscheidung ohne Kenntnis Herodots nicht denkbar wäre oder doch entscheidend beeinflußt worden ist. Sollte er von Teilen des herodoteischen Werkes zu seiner eigenen Arbeit angeregt worden sein, würde er einer der ganz wenigen Zuhörer Herodots gewesen sein, der die gewaltige geistige Leistung Herodots bei seiner kritischen Erkundung der Vergangenheit gewürdigt hat. Er hätte dann ganz bewußt Herodots "Entdeckung" auf den Berichtszeitraum übertragen, bei dem er eine Reihe der dann von ihm sofort erkannten methodischen Probleme nicht gab: die eigene Gegenwart und Zukunft des "Historikers". Der Einzigartigkeit von Thukydides' Blick für Herodots Vorzüge und für die schwächeren Seiten seiner Arbeitsweise, wie er sie schon im Jahre 431 oder früher gesehen haben könnte, wird dadurch unterstrichen, daß er es überhaupt für nötig hielt, die methodischen Probleme seiner Arbeit zu erörtern[51]: Probleme, die Thukydides jedenfalls erkannt hat, wann immer das war - erst in den zwanziger Jahren, nach der "Veröffentlichung" des Werkes, oder gleich bei der ersten Vorlesung Herodots.

Sollte das letzte zutreffen, hätte er als jungendlicher Hörer Herodots einen besonderen Tiefblick bewiesen; die übrige Wirkung von Herodots Vorträgen war ohne Zweifel bedeutend, aber doch ganz anderer Art - man sah sich zur Ausarbeitung eigener Lokalgeschichten veranlaßt, allerdings solcher, die Herodots Berichtszeitraum erneut abdeckten, und mit besonderer Berücksichtigung der jeweiligen Anteilnahme am Sieg über die Perser[52].

IV

Herodot kam von Halikarnass nach Athen, und es gehört zur existentiellen Bedingung seines Werkes, daß er, der zur Teilnahme am Regiment seiner Vaterstadt geboren war, vertrieben worden ist[53]. Seine Biographie ist nur eine unter vielen antiken Historikerbiographien, die den Schluß nahelegen, daß die großen Werke historischer Erkundung die Leistung von ``Außenseitern'' gewesen sind. Politischer Mißerfolg und langes Exil sind im Leben vieler griechischer Historiker zu finden[54]. Die großen Geschichtswerke aus selbständiger Forschung sind auch sämtliche Lebenswerke in dem Sinne, daß sie, einmal geplant und begonnen, Kraft und Zeit ganz beansprucht haben[55].

Soweit die trümmerhafte Überlieferung ein Urteil erlaubt, hat es kaum einen vornehmen Athener unter Thukydides' Zeitgenossen gegeben, der sich während seines politisch aktiven Lebens viel Zeit für eine literarische Tätigkeit genommen hat, abgesehen selbstverständlich von den verschiedenen Formen der Poesie. Ein Mann wie Kritias schreibt Verse, auch solche politischen Inhalts; seine Prosaschriften sind aber nicht sehr umfangreich gewesen und möglicherweise alle im Exil entstanden[56]. Was allenfalls zu erwarten ist, spiegelt die zufällig unter Xenophons Werken erhaltene kleine Schrift eines unbekannten Autors über die Verfassung der Athener wieder, ein schnell geschriebenes Prosastück von heute wenigen Druckseiten, eine für den Tag gedachte Flugschrift oder vielleicht bloß ein Exposé für einen Kreis politisch Gleichgesinnter[57]. Weder vor noch nach Thukydides hat es je einen aktiven athenischen Politiker gegeben, der sich einer solchen zeitraubenden literarischen Aufgabe gestellt hat[58].

Welches Publikum mag er bei Beginn seiner Arbeit vor Augen gehabt haben? Die Prosawerke, von denen wir wissen, waren mit Ausnahme von Herodots Werk alle relativ kurz und richteten sich an ein Publikum, dem vorgelesen wurde. Nicht nur die Poesie, sondern auch die Prosa ist in dieser Zeit an die Mündlichkeit der Vermittlung gebunden gewesen; der "stille Leser" war die seltene Ausnahme von der Regel[59]. Euripides ist einer der wenigen Männer dieser Zeit, der als "Bücherwurm" gelten kann[60].

Thukydides war sich während seiner Arbeit des konventionellen Publikums für literarische Arbeiten durchaus bewußt. Er hat dieses Publikum, das sich immerhin die Zeit für Herodots neun Bücher genommen haben muß, mit den berühmten Worten über die dauerhaften Qualitäten seines Werkes, das nicht für das einmalige Hören bestimmt sei, bemerkenswert abrupt abgelehnt[61]. So erklärt sich auch die übellaunige Kritik an Hellanikos' Zeitrechnung und an anderen Nachlässigkeiten: dahinter steht die Ablehnung derer, die Interesse an Hellanikos' knapper, nur zweibändiger `attischer Geschichte' hatten und sich offenbar bald nach der ersten "Veröffentlichung" um weitere Abschriften kümmerten[62]. Ohne Zweifel gab es ein Publikum mit historisch-antiquarischem Interesse. Die Athener hörten gerne etwas über ihre ruhmvolle Vergangenheit[63], und auch in Sparta war der Sophist Hippias mit seinen antiquarischen Vorträgen ein willkommener Gastredner[64]. Daß Prosaschriften zu politischen Fragen ebenfalls Hörer hatten, beweist die Schrift des Stesimbrotos von Thasos über einflußreiche athenische Politiker[65].

Thukydides' Zurückhaltung bei der Publikumserwartung läßt sich nur zum Teil durch die eigenartige Abgrenzung des gewählten Berichtszeitraums erklären: sein Werk konnte ja erst nach Abschluß des unabsehbar langen Krieges vollendet sein. Der Verzicht auf die Rezitation einzelner Entwürfe von Teilen des Gesamtwerks widerspräche aber allen sonst bekannten Gewohnheiten des antiken literarischen Lebens - ohne daß man Thukydides daran notwendig messen muß. Eine Bekanntmachung im engsten Kreis zum Beispiel der Bücher über den Archidamischen Krieg wäre deshalb weniger überraschend als die strikte Zurückhaltung aller Entwürfe vor der Fertigstellung des ganzen Werkes[66]. Auch die Tatsache, daß Thukydides nach dem Abbruch seines Werkes gleich Fortsetzer gefunden hat, läßt an eine gewisse Verbreitung des im Entstehen begriffenen Werks durch Rezitationen denken. Hinweise darauf gibt es allerdings nicht, und die schon erwähnte Bemerkung über die Dauerhaftigkeit seines Werkes erlaubt durchaus den Schluß, daß Thukydides, entgegen allen "Regeln" des damaligen literarischen Lebens, niemals eine Vorlesung gegeben hat[67]. Beim Fehlen aller Zeugnisse über die Wirkung seines entstehenden Werkes während seiner eigenen Lebenszeit hat es wenig Sinn, darüber zu spekulieren, ob Thukydides nicht doch zunächst auch auf das Interesse und das Verständnis seiner Zeitgnossen gehofft hat. Der überraschende Bruch mit der Tradition der mündlichen Vermittlung von Literatur und der Verzicht sozusagen auf das Publikum Herodots könnte ja begründet sein durch das unerwartete Exil des Autors[68]. Seit 424 hatte Thukydides auch beim besten Willen keine Zuhörer mehr von dem in Athen vorauszusetzenden Niveau, selbst wenn er sie gewollt hätte. Spätestens seit 424 schrieb er wirklich mehr für die Nachwelt als für einen Kreis von zeitgenössischen Kennern[69].

Dies sind Argumente, die Thukydides' Verzicht auf aktuelle Wirksamkeit vielleicht biographisch erläutern könnten, doch spricht viel dafür, daß dieser selbstbewußte Mann auch ohne den äußeren Zusammenbruch seiner Existenz durch das Exil gar keinen Wert legte auf seine Zeitgenossen als Leser und Hörer - nachträglich gesehen vielleicht keineswegs zu Unrecht: das Publikum, das er haben wollte, hat er erst in der Neuzeit gefunden[70].

Das Werk ist so kompliziert formuliert und gegliedert, daß es in der jetzigen Form jedenfalls nur für sehr aufmerksame Leser gedacht gewesen sein kann. Thukydides' esoterischer Verzicht auf ein zeitgenössisches Publikum ist mit einiger Sicherheit nicht erst durch das Mißgeschick von Amphipolis zu erklären, sondern stand bereits im Jahre 431 fest[71]. Die vergleichende Frage nach der literarischen Tätigkeit seiner Standesgenossen, die ja füreinander schrieben, stößt deshalb ins Leere, und viel spricht dafür, daß Thukydides kein Interesse daran hatte, unter eventuellen Zuhörern einen Fortsetzer seiner Kunst zu finden[72].

V

Welchen Aspekt aus der Geschichte der antiken Historiographie man auch immer heranträgt an Thukydides' Entschluß des Jahres 431, mit der Arbeit an seinem Werk zu beginnen, stets ist er ohne Parallele und wird durch die zeitgenössischen Vergleiche nicht verständlicher.

Die gewöhnlich zu lesende Meinung über seinen politischen Standort zu Beginn des Krieges lautet, daß er sich in dem Jahrzehnt davor von der eigenen kimonischen Familientradition, der stets ein Ausgleich mit Sparta am Herzen lag, getrennt habe; Thukydides soll sich Perikles mit dem Eifer eines Konvertiten zugewandt haben, voller Bewunderung für die intellektuelle Brillanz des Mannes und überzeugt von den Vorzügen seiner imperialen Politik[73]. Er wird in dieser Deutung gleichgesetzt mit den unerfahrenen jungen Offizieren Athens, die sich 431, wie er selbst berichtet hat, auf den großen Krieg und einen schnellen Sieg freuen[74]. In dieser Interpretation wir er, mit Wilamowitz' Worten, zum "Jüngling, der gehofft hatte, den Sieg Athens mit dem Schwert zu erstreiten und mit der Feder zu verherrlichen"[75]. Von manchen Seiten des perikleischen Athen ist Thukydides ohne Zweifel fasziniert gewesen[76]; die Annahme aber, er habe zu Beginn seiner Arbeit in den Kategorien eines sicher zu erwartenden perikleischen Sieges gedacht, ist nicht frei von Widersprüchen, wie zu zeigen sein wird.

Für die Suche nach dem Thukydides des Jahres 431 ist seine Selbstdarstellung entscheidend. Soweit der erhaltene Text des Werkes, dem allerdings noch ein Drittel zur Vollständigkeit fehlt, eine Aussage darüber erlaubt, hat Thukydides es sehr genau vermeiden, eine eigene geistige Entwicklung über das Jahr 431 hinaus oder so etwas wie ein "Dazulernen" durch die vielen ja nicht vorhersehbaren Ereignisse des Krieges deutlich zu machen[77].

Seine intellektuelle Selbstsicherheit ist vergleichbar mit der Unerschütterlichkeit eines Perikles, der, in Thukydides' Worten, "immer derselbe bleibt" und sich im Gegensatz zur großen Menge nicht durch die schlimmmen und unerwarteten Umstände des Krieges zu ephemeren Meinungsänderungen hinreißen läßt[78].

Es könnte in dieser Hinsicht einen besonderen Sinn haben, wenn Thukydides im sogenannten "Zweiten Vorwort", im V. Buch, als er die Fortsetzung seiner Arbeit über den Nikiasfrieden des Jahres 421 hinaus ankündigt, erklärt, daß er "derselbe Thukydides" sei, der jetzt mit seinem Bericht fortfahre[79]. Diese Bemerkung ist keineswegs überflüssig, sondern als Hinweis zu Thukyides' Methode zu verstehen: selbst das unerwartete Exil, das einen anderen vermutlich gebrochen hätte[80], hat zu keiner grundsätzlichen Veränderung seiner Perspektive geführt, vielmehr die Voraussetzungen für sein Lebenswerk noch verbessert[81].

Thukydides hat Wert darauf gelegt, immer die richtige Anschauung von der enormen Länge des Krieges gehabt zu haben, im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen, die sich schwer taten, in den Kämpfen zwischen 431 und 404 eine innere Einheit zu erkennen[82]. Hält man sich an seine eigenen Worte, so hat er von Anfang an von der Länge des Krieges "gewußt" und von der Einheit aller seiner Abschnitte. Ohne jede aufklärerische Ironie berichtet er von der einzigen Wahrsagung, die damals in Erfüllung gegangen sei - daß der Krieg drei mal neun Jahre dauern werde[83].

Diese Identität des jungen mit dem alten Thukydides in den Grundpositionen seines Lebenswerkes gilt nicht zuletzt für seine Arbeitsweise. Es ist zwar nicht strikt zu beweisen, daß ihm bereits bei der Anfertigung der allerersten Notizen für die Vorgeschichte des Krieges die methodischen Probleme seiner Arbeit vollkommen klar waren, doch zeigt sein Bericht über die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges immerhin, daß er schon damals die Fragen gestellt haben muß und die Auswahl aus der Fülle seines Materials traf, die ja immer ein historisches Urteil war, wie das auch im weiteren Verlauf seiner Lebensarbeit der Fall gewesen ist. Seine Arbeitsweise, einmal ganz abgesehen von der historischen Sinngebung des Themas, kann im Jahre 431, bei der Stoffsammlung für die zeitgeschichtlichen Abschnitte des I. Buches, nicht viel anders gewesen sein als etwa bei den Nachforschungen für den Stoff des VIII. Buches[84].

Bei der Frage nach dem jungen Thukydides geht es freilich nur am Rande um das Problem einer eventuellen Entwicklung und Verbesserung seiner erstaunlichen, nie wieder aufgenommenen Arbeitsweise, die ja nicht den Anstoß für seinen Lebensplan gegeben haben kann. Wäre dies der Fall gewesen, hätte Thukydides seine kritische Methode mit bedeutendem Erfolg auf die griechiche Geschichte seit dem Ende der Perserkriege anwenden und so eine Fortsetzung Herodots schreiben können - statt des Exkurses über die griechische Geschichte seit 479, der jetzt im I. Buch steht. Was er als "Antiquar" hätte leisten können, wenn er es nur für wichtig gehalten hätte, verdeutlicht etwa der Exkurs über die Tyrannenmörder im VI. Buch[85].

Die These von der grundsätzlichen Identität des jungen mit dem alten Thukydides fordert den Einwand heraus, daß er bei der Formulierung seiner Einleitung, vielleicht nach dem Nikiasfrieden des Jahres 421, spätere Erkenntnisse zurückprojiziert hat in die Anfänge seiner Arbeit und auf diese Weise den Eindruck einer perikleischen Unwandelbarkeit und Selbsticherheit erweckt, der seiner tatsächlichen geistigen Entwicklung gar nicht entspricht. Dagegen ist zu sagen, daß der erste Satz des Werkes über den Beginn der Arbeit vom Autor selbst nicht als "biographisches" Testimonium über seine Position im Jahre 431 gemeint ist. Er hat diesen Satz, der hier als biographsiches Zeugnis ausgewertet wird, allein aus methodischen Gründen geschrieben: es ging ihm um den Nachweis, daß er wirklich gleichzeitig mit den darzustellenden Ereignissen gearbeitet hat, da für ihn allein diese Arbeitsweise die richtige Ermittlung der "Fakten" gewährliestete. Es ist schwer, dieses Selbstzeugnis als anachronistische Selbststilisierung abzutun[86].

VI

Warum nun hat Thukydides mit seiner Arbeit begonnen, statt der üblichen politischen und militärischen Karriere nachzugehen, seinen thrakischen Besitz zu verwalten und sich womöglich kleineren literarischen Arbeiten zu widmen, wie andere vornehme Herren der Zeit ?

Die Antwort steht im ersten Satz des Werkes: "Er begann damit gleich beim Ausbruch, in der Erwartung, der Krieg werde bedeutender werden und denkwürdiger als alle früheren"[87]. Dies sind Worte, die sicher später als 431 geschrieben worden sind, aber doch eine korrekte Aussage über den Beginn der Arbeit machen sollen.

Die zeitgenössischen Urteile über die mögliche Kriegsdauer waren im Jahre 431 ganz verschieden. In Sparta rechente die Kriegspartei mit einem schnellen Erfolg[88]. Dem spartanischen König Archidamos, der sich gegen die Kriegserklärung ausgesprochen hatte, wird von Thukydides die Bemerkung in den Mund gelegt, der kommende Krieg werde noch der nächsten Generation vererbt werden müssen[89].

In Athen gab es neben den Optimisten[90] auch ängstliche Gemüter, die Priestersprüche zitierten, nach denen der Kampf drei mal neun Jahre dauern werde, eine ziemlich exakte Vorhersage[91]. Da Thukydides bei Beginn seiner Arbeit einen sehr langen Krieg erwartet hat, wäre es überraschend, ihn im Lager der athenischen "Falken" zu finden. Es versteht sich andererseits, daß Perikles nur eine begrenzte Kriegsdauer im Auge hatte; darüber später[92].

Die Größe des Krieges hat Thukydides in den seinem Eingangssatz folgenden Kapiteln, der sogenannten "Archäologie", durch einen Vergleich mit den früheren Kriegern der griechischen Geschichte zu beweisen versucht. Die Größe von Kriegen ist für ihn nicht nur an die Zahl der beteiligten Truppen, sondern auch an die Länge des Kampfes gebunden; er hat demnach schon 431 eine Kriegsdauer zumindest für möglich gehalten, die den angeblich zehnjährigen Krieg um Troja übertreffen würde, ganz zu schweigen von den wenigen Schlachten der Perserkriege[93].

Thukydides bemißt die Größe eines Krieges auch am Ausmaß der zu erwartenden Leiden; er schreibt zum Abschluß seiner Einleitung[94]:

"Von allen früheren Taten war also die bedeutendste der Perserkrieg, und doch kam dieser in zwei Seeschlachten und zweien zu Lande rasch zur Entscheidung, während dieser Krieg schon der Dauer nach sich lang ausdehnte und so vielerlei Leiden damals über Hellas hereinbrachen wie sonst nie in gleicher Zeit. Nie wurden so viele Städte erobert und entvölkert, teils durch Barbaren, teils in gegenseitigen Kämpfen, manche bekamen sogar nach der Einnahme eine ganz neue Bevölkerung; nie gab es so viele Flüchtlinge, so viele Tote durch den Krieg selbst und in den Parteikämpfen"[95].

Diese Worte fassen Erfahrungen zusammen, die Thukydides im Jahre 431 höchstens erwarten konnte, zeigen aber, was schon damals einen Krieg für ihn "groß" und "berichtenswert" machte. Nicht um die Siege geht es, sondern um die Katastrophen, die über Hellas hereinbrechen werden - wohlgemekrt nicht allein über Athen und Sparta[96].

Veträgt sich die Vorstellung von Thukydides als einem jugendlichen Bewunderer des Perikles mit dem Projekt, einen Krieg beschreiben zu wollen, dessen Leidensfülle die Kriege Homers und Herodots übertreffen würde ? Unbeschadet der Anerkennung, die Thukydides den überragenden Fähigkeiten des Perikles noch in einer nach dem Zusammenbruch Athens im Jahre 404 geschriebenen Notiz zuerkannt hat[97], kann er kein volles Vertrauen in Perikles' Kriegsplan gehabt haben, wenn er sich gleichzeitig an das Projekt einer so begründeten Kriegsbeschreibung gewagt hat: Leiden von epischem Ausmaß wenn es ja gerade, die Perikles mit seiner genau kalkulierten Defensivstrategie vermeiden wollte[98]. In den Reden, die Thukydides ihm in den Mund gelegt hat, kommen Vokabeln aus diesem Wortfeld nicht vor, im Unterschied zum begleitenden Faktenbericht. Für Perikles selbst scheint dieser Aspekt des Krieges nicht zu existieren oder wenigstens nicht erwähnenswert zu sein[99].

Für den Erfolg seines Plans mußte Perikles sogar eine kalkulierbare Kriegsdauer im Auge haben, denn er wußte keinen adäquaten Nachfolger hinter sich und war im Jahre 431 über 60 Jahre alt[100]. Der Erfolg seiner Abnutzungsstrategie war gebunden an eine ausreichende finanzielle Rücklage Athens, die nach dem Zeugnis von Thukydides' Angaben und den erhaltenen Inschriften wenig länger als fünf Jahre halten konnte, wollte man nicht den Tribut der Bündner drastisch erhöhen und Athens Herrschaft noch drückender machen[101].

Ein anderes Motiv des ersten Kapitels kommt hinzu, das die Vorstellung erschwert, Thukydides habe sozusagen als Perikles' Leutnant zu schreiben begonnen. Wie dachte er über die Dauerhaftigkeit des attischen Reiches ? Seinen Entschluß, den kommenden Krieg zu beobachten und darzustellen erklärt er im ersten Kapitel auch mit der schon in das Jahr 431 datierten Erkenntnis, daß die gegnerischen Mächte auf der Höhe ihres militärischen, im thukydideischen Sinne zugleich ihres zivilisatorischen Potentials standen. Die "Akme" der kriegsführenden Parteien ist, nimmt man Thukydides hier so genau, wie er es von seinen Lesern erwartet hat, eine nicht mehr zu übertreffende Steigerung und trägt die Erwartung eines Abschwungs in sich[102]. Daß "des attischen Reiches Herrlichkeit" nicht ewig währen könne, ist eine Anschauung, die Thukydides sogar Perikles selbst in seiner letzten Rede, im Jahre 430, ausssprechen läßt, im Zusammenhang einer Aufforderung, über alle die schmerzlichen Opfer für die Heimatstadt den Ruhm zu setzen: "... denn es liegt im Wesen aller Dinge, auch einmal abzunehmen"[103]. Soweit die Interpreten diese Bemerkung über die Vergänglichkeit auch des attischen Reiches überhaupt ernstnehmen[104], wird sie als ganz später Zusatz in den Entwurf einer früher geschriebenen Rede verstanden, als "neue" Erkenntnis des Historikers nach der unerwarteten Niederlage[105].

Bei Berücksichtigung von Thukydides' methodischer Erläuterung zur Authentizität der von ihm eingefügten Reden ist es zwar möglich, daß Perikles diesen Gedanken nicht in öffentlicher Rede und bei dieser Gelegenheit verraten hat, doch ist die Bemerkung mit Sicherheit so zu deuten, daß Thukydides der Meinung war, Perikles habe zum Zeitpunkt der Rede, im Jahre 430, in Wahrheit so gedacht, und daß zur Verdeutlichung seiner Politik in jenen Tagen auch diese Bemerkung in die letzte Rede gehörte[106].

Der Furcht vor einem möglichen Niedergang entspricht Perikles' Warnung vor jeder expansiven Kriegsführung. Sein Wunsch angesichts des Krieges ist es nur, der folgenden Generation das Erreichte wenigstens ungeschmälert zu vererben[107], ein Ziel, das in seltsamem Widerspruch zu Perikles' eigenem Streben nach unsterblichem Ruhm steht und von Thukydides wohl auch als Widerspruch dargestellt sein soll[108].

In den Kapiteln des I. Buches zur griechischen Frühgeschichte, der sogenannten "Archäologie", hat Thukydides vom Aufstieg und vom Verfall politischer und militärischer Macht gesprochen. Mit keinem Wort ist dort angedeutet, daß die Entwicklung von Perikles' Athen sich den dort weniger ausgesprochenen als dargestellten Gesetzen entziehen kann. Der Vergleich der Machtpotentiale von 431 setzt ja schon den Vergleich mit den Mächten der Vergangenheit voraus, die sich ihrerseits dem von Perikles' erwähnten Naturgesetz nicht entziehen konnten: daß man einst die Mauern Athens wie die von Mykene bestaunen würde, ist ein beiläufiges Ergebnis von Thukyides' Vergleich des kommenden Krieges mit den früheren Kriegen[109].

Die große Bedeutung des Verfallmotivs innerhalb des Gesamtwerks könnte man schließend erst mit der Kenntnis von Thukydides' Schlußwort beurteilen, bei dem er, entsprechend eienr Tendenz, die im VIII. Buch deutlich wird, mit seinem eigenen Urteil wohl nicht so zurückhaltend gewesen wäre[110]. Um aber kein Mißverständnis aufkommen zu lassen - der Verfall des attischen Reiches hat nichts mit einem göttlichen Verhängnis zu tun, jedenfalls innerhalb der erhaltenen Darstellung. Der Verfall, wie er bis zum VIII. Buch geschildert wird, ist nicht eine Folge göttlichen Ratschlusses, sondern menschlicher Fehler.

VII

Zurück zu Thukydides' Kriegsthema. In der überlieferten Fassung des Werkes stellt Thukydides die Geschichte des Krieges zugleich dar als die Geschichte einer sich steigernden Verrohrung der menschlichen Gesittung. Am Ende des von Thukydides zu schildernden Prozesses steht der kriegsverbrecherische Befehl des athenischen Strategen Philokles - eines jener kriegerischen Nachfolger des Perikles - allen gefangenen Soldaten die rechte Hand abzuschlagen, um jeden künftigen Widerstand gegen Athen unmöglich zu machen[111]. Am Ende des langen Kampfes steht die Debatte der Sieger über das Schicksal Athens, ob es wie Melos dem Erdboden gleichgemacht werden soll, oder ob es nützlicher sein könnte, die Mauern stehen zu lassen[112].

Am Ende dieses Krieges, der in Thukydides' Werk mit so vielen Reden geführt wird, ist nur noch Krieg, ohne viele Worte. Wenn er im VIII. Buch keine direkte Rede mehr eingeführt hat, wird das nicht allein an der mangelnden Ausarbeitung liegen[113], sondern auch daran, daß sich durch die Einwirkung des Krieges auch die Bedeutung politischer Rede gewandelt hat: sie ist nicht mehr so wichtig für die von Thukydides angestrebte, klare Erkenntnis' des politischen Geschehens wie in den ersten Büchern[114]. Im Jahre 404 kommen die athenischen Diplomaten, die im Jahre 431 noch lange Reden halten, gar nicht zu Wort[115].

Die Ansicht, daß Thukydides von Anfang an diese hier skizzierte Auffassung von der Geschichte seiner Zeit hatte, stützt sich nicht nur auf seine Selbstdarstellung in der Einleitung des Werkes. Die These, daß der Gedanke an die Schrecken des kommenden Krieges zu den wichtigsten Anstößen für den Lebensplan gehört hat, läßt sich noch durch eine Betrachtung des Tatsachenberichts der ersten vier Bücher erhärten, der auf jeden Fall zur frühesten Schicht des Werkes gehört. Wenn sich an den ersten vier Büchern zeigen läßt, daß sich Thukydides' Faktenauswahl ganz einseitig auf die Schrecken des Krieges konzentriert und alles vermeidet, was den Kämpfen die jener Zeit durchaus vertrauten heldenhaften Züge hätte verleihen können, so liegt die Vermutung nahe, daß diese Sicht seine Auswahlkriterien von Anfang an bestimmt hat[116]. Gerade in der Auswahl der berichteten Fakten zeigt sich in diesem Teil des Werkes bei Thukydides das historische Urteil, und nur ganz selten in persönlich vorgebrachten Urteilen.

Bei der Interpretation von Thukydides' Werk als der Geschichte des bis dahin größten, weil auch längsten und fürchterlichsten Krieges ist freilich der Einwand vorwegzunehmen, daß es sich bei diesem Größenvergleich um eine Art rhetorischer Figur handelt, wie sie schon bei Herodot zu finden war und bei vielen späteren Historikern dann zum sinnentleerten Topos geworden ist. Thukydides' Größenvergleich wird gewöhnlich in diese Tradtion gesetzt[117]. In der Thukydides-Forschung ist vor den Arbeiten Arnold Gommes und einem Vortrag Karl Reinhardts aus dem Jahre 1943 niemals auch nur der Versuch gemacht worden, den Größenvergleich ernstzunehmen und zu prüfen, in welchem Maße der Krieg mit seinen Schrecken Thukydides überhaupt berührt hat[118]. Gomme und Reinhardt haben wohl nur einen Vorgänger, Jacob Burckhardt, der in seiner "Griechischen Kulturgeschichte" einen ganz überraschenden Blick für Thukydides als Historiker des Krieges hat, und übrigens auch für den verschwiegenen Kritiker der perikleischen Athen [119].

In den ersten vier Büchern hat Thukydides das Kriegsthema ganz anders behandelt als die spätere rhetorische Geschichtsschreibung. Seine Darstellung, die ja für wiederholtes Lesen gedacht ist, nicht für einmaliges Zuhören, verlangt größere Aufmerksamkeit beim Aufspüren dieses Leitmotivs. Bei der Aufzählung der folgenden, der Zahl nach nicht sehr eindrucksvollen Beispiele ist auch zu beachten, wie sehr knapp der Faktenbericht als ganzer in den ersten vier Büchern ist, verglichen mit den oft sehr langen Reden.

Im I. Buch, der Darstellung der Vorgeschichte und des Kriegsausbruchs, ist das Kriegsthema nur an wenigen Stellen hörbar, sieht man ab von der höchst kriegerischen `Archäologie' und dem Exkurs über den griechischen Machtkampf seit 479. In die Schilderung der Seekämpfer bei Kerkyra, die durchaus zum Größenvergleich einluden[120], flicht Thukydides dann schon militärische Details ein, die angesichts der sonst knappen Darstellung unnötig sind zum Verständnis des Kampfgeschehens, aber die Grausamkeit gerade der Kriegführung von Griechen gegen Griechen unterstreichen[121]. Herodots Kämpfer hatten solche Schlachten gegen die Truppen des Perserkönigs zu schlagen gehabt.

Mit dem II. Buch beginnt die eigentliche Kriegsdarstellung. Thukydides' persönliches Urteil über die Kriegstreiber auf beiden Seiten klingt an in dem Hinweis auf die Unerfahrenheit der kriegslustigen Jugend[122]. Beim Abbruch der diplomatischen Verhandlungen zwischen Athen und Sparta legt Thukdides dann dem spartanischen Herold Worte in den Mund, deren Vorbild bei Homer und Herodot zu finden war: "Mit dem heutigen Tag beginnt für Hellas großes Unheil[123]"; für alle Griechen, nicht nur für Athen und seine Verbündeten.

Dieses Unheil trifft gerade Athen gleich zu Beginn des Krieges unerwartet hart. Bemerkenswert ist der von Thukydides aufgebaute Kontrast zwischen Perikles' ausgeklügelter Defensivstrategie, zu der auch gehörte, die Athener von ihren Dörfern hinter die Festungsmauern Athens zu holen, und dem auf den ersten Blick seltsam ausführlichen Exkurs über die alte Siedlungsweise weit weg vom Stadtkern[124]. Es geht Thukydides hier um den Schmerz vieler Athener, ihre Lebensweise dem Gesetz des Krieges anpassen zu müssen, ein Schmerz, der für Perikles nicht sehr erheblich ist[125].

Auch eine Folge von Perikles' angeblich risikoarmer Strategie ist die Pest, die Athen gleich im zweiten Kriegsjahr heimsucht; diese Seuche kann ja erst wegen der kriegsbedingten Wohnverhältnisse innerhalb der Mauern so schreckliche Ausmaße annehmen[126].

Am Beispiel der von ihm miterlittenen Krankheit führt Thukydides die Brüchigkeit fast aller sittlichen Normen unter äußerem Druck vor Augen - schon im Jahre 430[127]. Die Seuche muß für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen sein, das ihn veranlaßt hat, in keineswegs selbstverständlicher Breite den moralischen Zusammenbruch eben der Athener zu schildern, an die sich Perikles mit seiner Grabrede gewandt hatte[128]. Bei der Schilderung der Zustände im belagerten Athen des Jahres 405 hätte Thukydides wohl kaum eine Steigerungsmöglichkeit der Darstellung gehabt. Seine ungewöhnliche Sensibilität für den Zusammenbruch des Jahres 430 wird noch dadurch unterstrichen, daß die Folgen dieser Seuche unter Kriegseinwirkung keine vergleichbaren literarischen Spuren bei anderen Zeitgenossen hinterlassen hat[129].

Auch beim Bericht über die anderen Kriegsschauplätze setzt Thukydides Akzente, die seine Erkenntnis unterstreichen sollen, daß dieser Krieg von Anfang an der größte war, gemessen nicht am Heldentum der Kämpfer und der Hoheit der Kriegsziele, sondern gemessen am Maß der Leiden und an der Erbarmungslosigkeit der Kombattanten. Athener und Spartaner bringen ihre Gefangenen gleich im ersten Kriegsjahr um, wider alle militärischen Konventionen der Zeit, wenn sich dies durch irgendeinen augenblicklichen Nutzen begründen läßt[130]. Überhaupt muß betont werden, daß die Schrecken des Krieges für Thukydides ein gemeingriechisches Phänomen gewesen sind. Es gibt bei ihm keinen verbindlichen Hinweis darauf, daß er eine der kriegführenden Parteien für prinzipiell "besser" oder "schlechter" gehalten hat[131].

Die Bedeutung, die er dem Motiv der Verrohung im Kriege beigemessen hat, wird aus einer Bemerkung im II. Buch deutlich, als er ganz knapp über das Ende der Belagerung von Poteidaia im Jahre 429 berichtet. Hier erwähnt er, daß die von Athen belagerten Einwohner sich so erbittert wehrten, daß sie zur Befriedigung ihres Hungers auch vor dem Kannibalismus nicht haltmachten - nur, um sich nicht dem verhaßten Feind ergeben zu müssen[132]. So etwas wird bei den Städtebelagerungen der Antike noch öfter vorgekommen sein, doch haben spätere Historiker das Motiv des Kannibalismus bei der Schilderung einer Belagerung nur bei der Darstellung afrikanischer Söldner, spanischer Barbaren, oder syrischer Sklaven zugelassen[133]. Thukydides verwendet es für seine Darstellung des Kampfes von Griechen gegen Griechen.

Das III. Buch beginnt mit dem Versuch Mytilenes im Jahre 428, sich der athenischen Herrschaft zu entziehen. Nach der Aufdeckung der Rebellion ist das Schicksal der Stadt, verglichen mit späteren Ereignissen dieser Art, immer noch viele Diskussionen in der athenischen Volksversammlung wert, und es bedarf eines Kleon, für Thukydides eines der ersten schlimmen Produkte dieses Krieges[134], ein pauschales Todesurteil durchzusetzen. In diesem Jahr 428 wird das, wie Thukydides ausdrücklich hinzufügt, noch als grausam empfunden und das Urteil wird gerade noch rechtzeitig widerrufen[135]. Die berühmte Debatte zwischen Kleon und Diodotos, die Thukydides viele Seiten wert war und zur Aufhebung des Urteils führte, ist aber nicht als Dokument der Menschlichkeit der Kriege gemeint - es wird etwas zu bedeuten haben, daß gerade Diodotos ein völlig unbekannter Mann ist, der nur bei Thukydides genannt wird[136]. Die Debatte soll vor allem zeigen, wie unmenschlich die Ausübung der Macht schon im Jahre 428 geworden ist - den durch den athenischen Imperialismus geschaffenen Zwängen läßt sich nur um den Preis der Selbstaufgabe entrinnen[137]. Die Behandlung von Melos und Skione ist später, jedenfalls innerhalb der von Thukydides' Kriterien bestimmten Darstellung, keine Reden zwischen einem Kleon und einem Diodotos mehr wert[138].

Im III. Buch spricht Thukydides' auch vom Schicksal der Platäer, die sich nach langer Belagerung den Spartanern im Jahre 426 unter der Bedingung freien Abzugs ergeben hatten, die Spartaner lassen die Platäer gegen alle Vereinbarungen hinrichten. Sie stehen hier als Vollstrecker ihrer Nützlichkeitserwägungen um nichts günstiger da als Kleon und die Seinen[139].

Im Sinne des eben nicht bloß rhetorischen Größenvergleichs ist es von Bedeutung, wenn Thukydides mit überraschendem Detail über das Schicksal des eroberten Plataiai schreibt, das im griechischen Freiheitskampf gegen den Perserkönig ja besonders tapfer gewesen war[140]:

"Später aber rissen sie die Stadt ganz nieder, bis auf den Erdboden und bauten aus den Grundsteinen beim Heratempel eine Herberge von zweihundert Fuß im Geviert, mit Zimmern ringsum unten und oben und verwendeten dazu die Dachsparren und Türen aus Plataiai. Mit dem anderen Gerät, das sich in der Stadt fand, stellten sie Betten her und weihten das ganze der Hera[141]."

So geschehen im Jahre 426, erst vier Jahre nach Ausbruch eines Krieges, der 27 Jahre dauern sollte - beinahe schon ein Ausblick auf die Debatte über die Schleifung Athens[142].

Ebenfalls in das III. Buch hat Thukydides den Exkurs über den Bürgerkrieg auf Kerkyra eingefügt[143]. Hier spricht er ausnahmsweise selbst, ohne sich, wie sonst, nur durch die Auswahl und die Gliederung seines Materials zu erklären. Bereits im Jahre 426 diagnostiziert er Zustände, die schlimmer waren als zu Urzeiten[144]. In der Regel wird angenommen, daß Thukydides in diesen Kapiteln auch Eindrücke aus späteren Bürgerkriegen verarbeitet hat, doch sagt es eine ganze Menge über seine Beurteilung schon der ersten Kriegsjahre, daß er diesen Exkurs gerade hier, bei der ersten Gelegenheit, eingefügt hat; im Sinne einer literarischen Steigerung hätte er sich diesen Exkurs für die Schilderung Athens am Ende des Krieges vorbehalten können[145].

In diesem Exkurs steht auch Thukydides' Urteil über die, wie er es sah, ausschließlich verheerenden Wirkungen des Krieges auf die Menschen[146]:

"Im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick[147]."

Durch die Kriegführung der Jahre 425 und 424 ist es bedingt, daß Thukydides im IV. Buch nur wenige Akzente im Sinne seines Größenvergleichs setzen kann. Im Zusammenhang dieser Thematik besonders wichtig ist die Weigerung der Böoter nach der Schlacht am Delion im Jahre 424, den Athenern ihre Gefallenen zur Bestattung auszuliefern. Thukydides hat dem diplomatischen Disput darüber ungewöhnlich breiten Raum gegeben, weil sich die Böoter damals über die alltäglichsten Regeln der griechischen Kriegsführung hinwegsetzen[148].

VIII

Setzt man alle Details aus Thukydides' Faktenbericht über die Jahre 431 bis 424 in den Büchern I bis IV zusammen, um eine Vorstellung von der Welt zu gewinnen, wie sie sich in seinen Augen darbietet, so zeigt sich eine vollkommen graue und ausschließlich vom Zerstörungscharakter dieses Krieges bestimmte Welt[149]. Hält man sich ganz an Thukydides' eigene Worte, im Unterschied zu den Worten seiner Redner, ist dieser Krieg auch von Anfang an ein Krieg ohne Heldentum. Wie sehr bei Thukydides alles das wegfällt, was man sehr vorsichtig die "militärischen Tugenden" nennen könnte, zeigt noch der flüchtigste Vergleich mit den Kriegen Homers und Herodots, die ja auch keine Bürgerkriege waren [150]. Sowenig Thukydides es für sinnvoll gehalten hat, immer individuelle Redner auftreten zu lassen, so sehr scheint in seiner Welt auch die persönliche Tapferkeit zu dem zu gehören, was nicht berichtenswert ist[151].

Siegesfeiern fehlen in diesem Werk; Thukydides setzt lieber Akzente bei den Niederlagen[152]. Es ist gar nicht so einfahc, seine eigene Antwort auf die Frage zu ermitteln, wofür die Athener, die Spartaner und alle die anderen eigentlich sterben. herodots Helden fallen für die griechische Freiheit[153].

Von Anfang an ist Thukydides ein einseitiger, keineswegs "objektiver" Beobachter, der alles das aus seiner Darstellung ausgeblendet hat, das nicht seiner Vorstellung von einer Welt entspricht, in der die Politik eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, und nicht umgekehrt[154]. Die im Jahre 431 gewählte Form der "Kriegsmonographie" hat nichts mit einem ja immerhin möglichen Desinteresse an Herodots Themenfülle zu tun, sondern ist bereits ein Urteil über die eigene Zeit - was für Herodot noch berichtenswert war, ist es für Thukydides nicht mehr. Es könnte einen tieferen Sinn haben, wenn Thukydidies über zwei wichtige Gestalten aus Herodots Berichtszeitraum, Themistokles und Pausanias, recht herodoteisch schreiben kann, sich aber dieses Stilmittel für die Darstellung der eigenen Zeit versagt[155].

Im Sinne dieser so verstandenen Themenstellung ist das Urteil, daß der "Archidamische Krieg" allein ein gleichgültiger und unergiebiger Gegenstand für eine "historische" Monographie gewesen wäre, nicht richtig[156]. Dieses Urteil setzt nämlich bei Thukydides die Anwendung von Auswahlkriterien voraus, die er gar nicht hatte; er hat einen eigenen Maßstab für das, was berichtenswert sein soll.

Dem ersten Satz von Thukydides ist zu entnehmen, daß von Anfang an der kommende Krieg sein Thema war, nicht etwa der künftige Sieg Athens. Dem Kriegsthema ordnen sich die anderen wichtigen Elemente seines Werkes zu, die gewöhnlich im Mittelpunkt des Interesses stehen und Thukydides zu einem mehr oder weniger mißverstandenen Vorläufer und Vorbild der modernen politischen Geschichtsschreibung gemacht haben[157].

Wenn er die Größe des von ihm darzustellenden Krieges so betont hat, handelt es sich nicht um eine leere Formel. Das hier für die ersten vier Bücher verdeutlichte Leitmotiv der menschlichen Verrohung im Kriege läßt nur den einen Schluß zu, daß Thukydides Krieg, Gewalt und Grausamkeit geradezu leidenschaftlich verabscheut hat. Zu dem, was sich hinter seiner scheinbaren Objektivität verbirgt, gehört auch das Entsetzen über das, was er sich zu schildern vorgenommen hat. Wenn allein individuelle Züge Thukydides' Weg zur Geschichtsschreibung erklären können, so ist an erster Stelle seine unvergleichliche Sensibilität für das zu nennen, was seit 431 in Griechenland geschieht[158]. Vergleichbares über den Krieg gibt es im 5. Jahrhundert nur in der Poesie, etwa beim späteren Euripides[159]. Es gibt keinen einzigen antiken Historiker, der Thukydides in seinem Erschrecken vor der eigenen Zeit auch nur nahe kommt; auch dies gehört zu den Gründen, warum niemand mehr in der Antike seine "Geschichtsschreibung künftiger Ereignisse" nachgeahmt hat.

IX

Thukydides hat mit seinem Werk wohl von Anfang an mehr leisten wollen als ein literarisches Meisterwerk, so "nützlich" oder so "unbrauchbar" wie andere bedeutende Werke der Weltliteratur[160]. Wäre ein Schlußwort erhalten, fielen die Vermutungen über den Sinn, den er seiner mühevollen, ununterbrochenen Lebensarbeit beigemessen hat, leichter. zwar nennt er sein Werk gleich zu Beginn ein "ktema es aiei"[161], doch was genau er nun damit gemeint hat, ist keineswegs klar. Wollte er seinen Lesern nur die Erkenntnis ihrer Vergangenheit sicher, oder wollte er ihnen auch zusätzlich eine Hilfestellung für die Auseinandersetzung mit ihrer jeweiligen Zukunft vermitteln ?

Die antiken Leser haben Thukydides vermutlich nicht in dem Sinne verstanden, daß er sich von seiner Darstellung des Krieges zwischen den Peloponnesiern und Athen irgendeinen praktischen Nutzen versprochen hat[162]. Erst spätere Historiker haben sich offen zu einem didaktischen Ziel ihrer Werke bekannt[163]. Soweit der Exkurs über die Pest, die er so präzise beschrieben hat, einen Nutzen haben sollte, ging es Thukydides zunächst um eine künftig verbesserte Erkenntnis von Krankheiten, nicht notwendig auch um ihre Heilung[164].

Die Auffassung, Thukydides habe an einen praktischen Nutzen seines Werkes gedacht, liegt vor allem bei der Voraussetzung nahe, der junge Mann habe ursprünglich, bei Beginn der Arbeit, den Triumph der perikleischen Staatskunst schildern wollen: Thukydides könnte sich in diesem Falle künftige Politiker Athens oder ganz Griechenlands als konzentrierte Leser gewünscht haben. Bei Berücksichtigung der Anerkennung für Perikles' intellektuelle Brillanz wäre der so verstandene Nutzen aber doch an einen atheinischen Sieg gebunden gewesen. Aus Fehlern läßt sich natürlich auch lernen, doch konnte die Katastrophe Athens am Ende der langen Kriegsbeschreibung nicht sehr ermutigend sein für Adepten der perikleischen Staatskunst[165]. Am Ende sind es die "dummen" Peloponnesier, die den Krieg gegen die "intelligenten" Athener gewinnen[166]. Rezepte für künftiges besseres Verhalten in wenn nicht gleichen, dann vielleicht analogen Situationen sind aus Thukydides' Werk nur in einem höchst allgemeinen Sinne zu lernen[167]. Selbst Männer wie Themistokles und Perikles waren nicht in der Lage, ihre Überlegungen und Kalkulationen von pötzlichen Zufällen unabhängig zu machen[168].

Sollte Thukydides aber doch im Jahre 431 ein Werk zum Erlernen der Staatskunst angestrebt haben, dürfte es ihm schwergefallen sein, den Sinn des Werkes im Jahre 404 ähnlich zu begründen. Durch das maßlose Ausufern des Konflikts hätte das "Lehrstück" perikleischer Rationalität seine Überzeugungskraft verloren; Thukydides' Lebenswerk wäre dann über seinen vielleicht einmal geplanten Zweck hinausgewachsen - der Krieg als "gewalttätiger Lehrer" selbst für die Geschichtsschreibung. In diesem Falle müßte der Anfangssatz des Werkes freilich als anachronistisch und geradezu irreführend bezeichnet werden. Hatte Thukydides nicht einen großen und langen Krieg von unerhörter Leidensfülle erwartet und deshalb mit seiner gleichzeitigen Arbeit begonnen ?[169].

Auch nach den hier vorgetragenen Überlegungen zur Position schon des jungen Thukydides als Historiker vor allem des Krieges und seiner zerstörerischen Wirkung fällt die Annahme schwer, er habe so etwas wie ein Lehrbuch für künftiges politische Verhalten im üblichen Sinne schreiben wollen. Da sich die Menschen in Thukydides' Darstellung seit den in der "Archäologie" beschriebenen Epochen nicht wesentlich geändert haben und er auch von der Unveränderlichkeit der menschlichen Natur gesprochen hat, werden wir allerdings wieder auf die Frage nach dem von ihm selbst betonten "Gebrauchswert" des Werkes zurückgeführt - soweit dieser Wert vielleicht doch über die genaue Erkenntnis der Vergangenheit durch die künftigen Leser hinausgehen sollte.

Wenn dem Werk als Ganzem - einschließlich des verlorenen letzten Drittels, für das es Vorarbeiten in irgendeiner From gegeben haben muß[170] - eine Lehre für die Zukunft zu entnehmen gewesen wäre, dann mit Sicherheit mindestens die vom notwendigen Untergang alles dessen, was einmal gewachsen ist. Nicht ohne Grund hat Thukydides dem Epitaphios die Pestbeschreibung folgen lassen, und es ist kein Zufall, daß er mit den Büchern über die sizilische Expedition der Gründer und zugleich der Vollender dessen ist, was "tragische" Geschichtsschreibung genannt werden kann[171].

Die politische Lehre des Thukydides ist alles andere als ermutigend, wenn man bedenkt, daß sich das, was in der "Archäologie" und im Gesamtwerk als gewalttätige Abfolge von politischen Mächten dargestellt war, ohne "zyklisch" zu sein, in eine unabsehbare Zukunft hinein fortführen soll. Oder wollte Thukydides, früher oder später in seinem Leben, mit seinem Werk nicht nur die Erkenntnis der Vergangenheit sichern, sondern auch dafür sorgen, daß niemals mehr ein Thema wie das seine bearbeitet zu werden brauchte ?


Anmerkungen

Abkürzungen: HCT = A. W. Gomme / K. J. Dover, A Historical Commentary on Thucydides, 5 Bde Oxford 1945-1981; Jacoby, Abhandlungen = F. Jacoby, Abhandlungen zur griechischen Geschichte, hrsg. von H. Bloch, Leiden 1956,; Thukydides WdF = Thukydides, hrsg. von H. Herter, Darmstadt 1968 (Wege der Forschung Bd. 98).

Thukydides wird zitiert nach der Ausgabe von H. Stuart Jones und J.E. Powell (Oxford 1942), sowie in der Übersetzung von G.P. Landmann (2. überarb. Aufl. Zürich 1976).

  1. Aus welcher Fülle von Überlieferung er seine strenge Auswahl treffen konnte, verdeutlicht etwa Plutarchs Perikles-Biographie. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht bildet der Abschnitt über Pausanias und Themistokles (s. unten Anm. 155).
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  2. Vgl. K. Reinhardt, Vermächtnis der Antike, 2. Aufl. Göttingen 1966, S. 206 (über Thukydides' Darstellung der Vorgänge, die zu seiner Verbannung führten). "Verschwiegen" hat er auch alle die interessanten Details über seine Forschungsarbeit, die heutigen Forschern die Möglichkeit gäben, seine Mitteilungen beser zu kontrollieren.
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  3. F. Jacoby weist hin auf "jenes monumentale und doch so schlichte Wort der Vorrede, das man mit immer neuer Bewunderung liest und in seiner Bedeutung für Thukydides' inneres Wesen sich klar zu machen sucht: arxamenos euthys kathistamenou" (DLZ 47,1926,661). Vgl. auch U. von Wilamowitz-Moellendorff, Aristoteles und Athen Bd. II, Berlin 1893, S. 12.
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  4. Nach 1, 23, 5 soll jede weitere Untersuchung der Kriegsursachen überflüssig sein - nur zum Teil auch deshalb, weil nach seinem methodischem Standpunkt jede nicht ungefähr gleichzeitige Erforschung der Ereignisse weniger genau sein würde. Der Topos der Bescheidenheit, wie er z. B. von Livius in seiner Vorrede benutzt wird, war ihm fremd.
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  5. Vgl. dazu die vorzüglichen ersten beiden Kapitel bei J. H. Finley, Thucydides, Cambridge Mass. 1942, S. 3-73.
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  6. F. Jacoby, Klio 9, 1909, 118 (= Abhandlungen S. 59); ders., RE Suppl. II (1909) Sp. 506 s.V. Herodotos. Vgl. unten Anm. 52.
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  7. FGrHist 323a; s. unten Anm. 62.
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  8. Als er zum Strategen des Jahres 424 gewählt wurde, muß er mit einiger Sicherheit dreißig Jahre oder älter gewesen sein, obschon ein Mindestalter für dieses Amt nicht bezeugt ist (vgl. Dover, HCT IV S. 13 zu 5, 26, 5 und ebd. S. 48f zu 5, 43, 2). Dreißig Jahre gelten auch als Mindestalter für Geschworene und Ratsherren (Xen. Mem. 1, 2, 35; Arist. Ath. Pol. 4,3; 30,2; 31,1). Thukydides' Hinweis auf seine Jugend im sog. 2. Prooemium (5, 26, 5) liest sich so, als sei er 431 in der Tat so jung gewesen, daß er glaubte, sich rechtfertigen zu müssen. Die Angabe bei Marc. vit. Thuc. 34, der Historiker sei etwa 50 Jahre alt geworden, erklärt sich wohl durch die bloße Annahme, er seit mit 30 Jahre Stratege gewesen.
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  9. K.J. Dover, in: Ancient Greek Literature, Oxford 1980, S. 94 hält ihn für "perhaps already in his forties".
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  10. Dies erklärt sich vermutlich in erster Linie durch die Schwierigkeit der literarischen Arbeit in der Antike und den ungeheuren zeitlichen Aufwand, hat aber auch einen anderen Aspekt, der für Thukydides selbst keiner Erwähnung wert war (Plin. Ep. 5, 8, 12): Tu tamen iam nunc cogita quae potissimum tempora adgrediar. Vetera et scripta aliis ? Parata inquisitio, sed onerosa collatio. Intacta et nova ? Graves offensae levis gratia. Der (stilistische) Nachahmer Philistos war "parteipolitisch" gebunden (FGrHist 556 T 13). Tacitus begann mit seiner Arbeit an den Historien natürlich nach Domitians Tod.
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  11. Suet. Claud. 41, 1; vgl. B. M. Levick, AJPh 79, 1978, 81.
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  12. Angesichts der vielen durchaus ephemeren Persönlichkeiten, die in den erhaltenen Komödien und in den Komödienfragmenten genannt werden, ist es erwähnenswert, daß Thukydides mit seiner ungewöhnlichen "Reporter"-Arbeit nirgends erwähnt worden ist; die Thukydides-Philologen des Altertums hatten ja noch alle Texte. Wenn sich Praxiphanes F 18 Wehrli (= Marc. vit. Thuc. 29) wirklich auf den Historiker beziehen sollte, wurde er ausdrücklich ??? genannt; vgl. aber F. Jacoby, Kommentar (notes) zu FGrHist 324 F 57 (S. 145).
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  13. Marc.vit. Thuc. 16-17; er schrieb um 200 v. Chr. Vgl. dazu U. von Wilamowitz-Moellendorff, Hermes 12, 1877, 344 f (= Kl. Schriften III, Berlin 1969, S. 18f); O. Luschnat, RE Suppl. XII (1971) Sp. 1090f.
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  14. Marc. vit. Thuc. 55.
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  15. Vgl. G.E.M. de Ste Croix, The Origins of the Peloponnesian War, London 1972, S. 177f zu 1, 138. Perikles gebraucht im Epitaphios beim Rückblick auf die Entstehung des Reiches immerhin die Worte "ouk aponos" (2, 36, 2). Für einen Nachkommen Kimons muß die Niederlage vor Amphipolis besonders unangenehm gewesen sein.
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  16. 4, 104, 4 ist sicher kein späterer Zusatz; zum Problem der Überlieferung vgl. O. Luschnat (wie Anm. 13), Sp. 1088. Auch die von Luschnat nicht erwähnten Gegenargumente von J. Kublick, Untersuchungen zum Gebrauch des Vatersnamens im Werk des Thukydides, Diss. phil. Mainz 1967, S. 89-92 sind nicht überzeugend. Nach der Mitteilung von Kublick S. 89 hat F. Jacoby in einer Notiz seines Thukydides-Handexemplars (zu 4, 104) erwogen, die Athetese des Vaternamens zu "prüfen".
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  17. Hdt. 6,39,3; Plut. Kim. 4; Marc. vit. Thuc. 11.
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  18. Deshalb war es auch nicht nötig, den Vatersnamen des zusammen mit Thukydides kommandierenden Eukles (4, 104, 4) zu nennen.
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  19. Wenn Oloros wirklich ein geborener Athener sein sollte, wollte sein Vater vielleicht die besonders engen Beziehungen der Familie zu Thrakien deutlich machen - entfernt vergleichbar mit der exzentrischen Namengebung für die Söhne Kimons (Plut. Per. 29,2). Der einzige vergleichbare "ausländische" Name ist wohl "Psammetichos" für einen Neffen des Periander (Arist. Pol. 1315 b 26; Nikolaos FGrHist 90 F 59,4). Unsicher ist die Überlieferung des bemerkenswerten Alkmeoniden (?) "Kroisos" (vgl. dazu J. K. Davies, Athenian Propertied Families, Oxford 1971, S. 374). Einige andere Beispiele für "grenzüberschreitende" Namengebung der Griechen gibt C. J. Tuplin, LCM 2, 1977, 8. Wilamowitz hielt Thukydides' Vater für einen "hellenisierten Thraker" (Aristoteles und Athen Bd. I, Berlin 1893, S. 116 Anm. 29; vgl. Briefwechsel mit Mommsen, Berlin 1935, S. 205, Brief vom 9.11.1884). F. Jacoby, BphW 29, 1909, 421 (= Abhandlungen S. 66) spricht von "nicht rein hellenischer Deszendenz".
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  20. Vgl. F. Jacoby, Kommentar (notes) zu FGrHist 328 (S. 387). Natürlich muß es für einen Athener ein Unterschied gewesen sein, eine Dame aus Argos oder aus Thrakien heimzuführen; Miltiades hat eine thrakische Ehe aber nicht verschmäht (Anm. 17). Der Thraker Seuthes hielt es für großzügig, Xenophon seine Tochter anzubieten (Xen. Anab. 7.2.37), und griechische Töchter sind auch an thrakische Fürstenhöfe gegeben worden (Thuk. 2, 29, 1: die Schwester des Nymphodoros von Abdera). Seuthes spricht im Jahre 400 von den alten Beziehungen zwischen Athen und Thrakien (Xen. Anab. 7,2,31; vgl. 7.3,39).
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  21. Vgl. die Rekonstruktion des Stammbaums durch H.T. Wade-Gery, JHS 52, 1932, 210 (= Essays in Greek History, Oxford 1957, S. 246) und O. Luschnat (wie Anm. 13). Sp. 1089f. Es gibt Anzeichen dafür, daß das Prestige der Philaiden nach Kimons Tod gesunken sein könnte. Kimons Söhne galten als einfältig und träge (vgl. Arist. Rhet. 1390 b 30), und der Sohn Thettalos verschmähte es nicht, Alkibiades wegen des Hermenfrevels anzuzeigen (Plut. Alk, 19,3). Die direkten Nachkommen von Thukydides Melesias' Sohn gehörten zu den "apragmones" (Plat. Lach. 170 C; Men. 94 C-D); vgl. Davies (wie Anm. 19), S. 308 f. Auf die mögliche Bedeutung dieser Verhältnisse für Thukydides' Lebensentscheidung hat mich cand. phil. E. Stärk hingewiesen.
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  22. 4,105,1.
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  23. Plut. Kim. 14,2; vgl. Gomme, HCT I S. 300 zu 1,101,3. Zur Verpachtung der Bergwerke vgl. A. Böckh, Die Staatshaushaltung der Athener, 3. Aufl. Berlin 1886, Bd. I S. 380ff sowie Bd. II S. 393. Nach Marc. vit. Thuc. 19 hätte Thukydides eine reiche thrakische Dame aus Skapte Hyle geheiratet; Brasidas' Version ist sicher vorzuziehen.
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  24. Vgl. Gomme, HCT III S. 526f. Vielleicht gab es aber auch Kreise, die seine Wahl gefördert haben: die Akarnanen z.B. wünschten sich ausdrücklich Asopios zum Strategen (3,7,1). Ein gewisser Widerspruch zur Wahl eines "Spezialisten" für Thrakien besteht in der mangelhaften Reaktion Athens auf die Nachricht von Brasidas' Angriff (vgl. 4,78 und 82). Zum strategischen Zusammenhang s. P. A. Brunt, Phoenix 19, 1965, 247f.
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  25. Eukles ist keiner Erwähnung wert. Thukydides' Einfluß erklärt Brasidas allein durch die "ktesis"; direkte familiäre Bande zu thrakischen Fürsten lassen sich aus dieser Stelle nicht ableiten. Thukydides' Kontakte waren nützlich, weil die Thraker nicht ohne weiteres Freunde Athens waren (vgl. ihre Angriffe 1,103,3 und 4,102,2; der Athen freundlich gesonnene Sitalkes war gerade gestorben: 4,101,5). In Thukydides' Bericht ist Brasidas ausgezeichnet über die Bedeutung des Strategen und seine Absichten informiert; ob dies wirklich der Fall war, oder ob sich der Historiker durch seine Art der Darstellung selbst porträtieren wollte, ist eine andere Frage. Zu diesem Problem vgl. auch Chr. Schneider, Information und Absicht bei Thukydides, Göttingen 1974, S. 11ff.
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  26. Er ist für Brasidas nicht so sehr athenischer Offizier als vielmehr "en tois protois ton epeiroton" (4,105,1).
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  27. Sein Besitz in Athen dürfte verkauft worden sein, wie die Habe der Hermokopiden (Meiggs & Lewis, Greek Historical Inscriptions Nr. 79). Der verbannte Themistokles bekam etwas von seinen Freunden nachgeschickt (1,137,3). Vielleicht lebte Thukydides wie Alkibiades und andere Athener zeitweilig auf einem befestigten Landsitz (vgl. Xen. Anab. 7,3,19; Plut. Alk, 36,3).
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  28. Arist. Ath. Pol. 42; vgl. auch die Charakteristik der immer aktiven Athener durch die Korinther (1,70,6).
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  29. Nach dem Kriegsdienst (Plut. Per. 7,2) war er 472 Chorege für die Aufführung von Aischylos' Persern (SIG (3) 1078).
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  30. Vgl. Xen. Mem. 1,2,40-46; die politische Laufbahn war für ihn selbstverständlich (Plut. Alk, 13,1).
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  31. Plat. Epist. VII p. 324b; die politische Karriere wäre durch die damals kompromittierende Verwandtschaft mit Kritias erschwert worden.
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  32. Vgl. die in Lysias' 21. Rede genannten Aufgaben; J. K. Davies, JHS 87, 1967, 33-40. Alkibiades beteiligte sich als ganz junger Mann an einer freiwilligen Selbstbesteuerung (Plut. Alk, 10,1).
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  33. Arist. Ath. Pol. 24,3; vgl. Wilamowitz (wie Anm. 3), S. 203 sowie A. Andrewes, Phoenis 16, 1962, 83f. Ämter vor der Strategie sind nur selten bezeugt. Nikias' Sohn Nikeratos (vgl. Davies, wie Anm. 19, S. 405) war Trierarch (Meiggs & Lewis Nr. 84,36), und Perikles der Sohn (Davies S. 458) war Hellenotamias (Meiggs & Lewis Nr. 84,8).
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  34. "kath' hesychian" (5,26,5) kann er offenbar erst nach der Verbannung arbeiten. Ein Gegenbeispiel zur Betriebsamkeit des jungen Alkibiades ist Charmides, den Sokrates vergeblich aufgefordert hat, politisch aktiv zu werden (Xen. Mem. 3,7). H. Lloyd-Jones, The Justice of zeus, Berkeley & Los Angeles 1971, S. 206 Anm. 68 vermutet, Hermokrates' Lob der "hesychia" (vgl. seine Rede 4, 59-64) könne Thukydides' eigene Position sein. Am Ende seines Lebens könnte er in der Tat diese Haltung vertreten haben - s. den Schluß dieses Beitrages.
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  35. 4,22,3 über Spartas Furcht vor einer baldigen mündlichen Verbreitung seiner Friedensvorschläge ist ein Beispiel für die Überlieferung, auf die sich Thukydides immer stützen konnte. Vgl. auch Sokrates' Erzählungen von Potaidaia (Plat. Charm. 153 A) und die Gesprächsthemen auf Symposien (Arist. Vesp. 1186-1205) als Beispiele für die mündliche Verbreitung von Kriegsnachrichten. Augenzeugen werden 2,77,6 zitiert. Die Nachricht bei Marc. vit. Thuc. 20-21, er habe Berichterstatter auch im voraus finanziert, ist nicht zu überprüfen, aber keineswegs absurd. Thukydides' ausgedehnte Befragungen setzen natürlich ein Mindestmaß von "Aufklärung" und Nüchternheit bei seinen Informanten voraus, die freilich nicht zu den "ersten besten" (vgl. 1,22,2) gehörten - einer der unbedingt "zeitgenössischen" Züge seiner Arbeitsweise; vgl. auch H. Strasburger, Saeculum 5, 1954, 406 (= Thukydides WdF S. 434).
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  36. War er vielleicht Pionieroffizier? Er muß ein besonderes Interesse an der Belagerungstechnik gehabt haben (s. etwa 2,75-76; 4,90; 4,110; 7,36). Vgl. G. B. Grundy, JHS 18, 1898, 218-231.
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  37. Selbst über die verschwiegenen Spartaner (vgl. 5,68,2) glaubte er besser Bescheid zu wissen als andere (vgl. 1,20,3). Im 2. Prooemium scheint er allerdings zuzugeben, daß seine Kontakte zur peloponnesischen Seite nach der Verbannung besser waren als vorher (5,26,5).
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  38. 2,47-54; unabhängig von der Frage seiner Beeinflussung durch die zeitgenössische Medizin (ihr Fachvokabular lehnt er ab: 2,49,3) ist der Abschnitt ein eindrucksvolles Zeugnis für seine Beobachtungsgabe gleich zu Beginn des langen Krieges, im Jahre 430.
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  39. Die angestrebte Präzision der Arbeit war nur durch ungefähre Gleichzeitigkeit der Faktenermittlung gewährleistet (s. unten S. 273). Die Formulierung des ersten Satzes erlaubt die Annahme, daß er sich schon für die Kämpfe um Kerkyra Notizen gemacht hat - s. aber Gomme, HCT I S. 166 zu 1,31,4 und ebd. S. 182 zu 1,47,1.
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  40. Gorgias, der 427 als Gesandter von Leontinoi nach Athen kam und großen Eindruck machte (Plat. Hipp. mai. 282 B), wird 3,86,2 nicht eigens genannt (vgl. Gomme, HCT II S. 387). Kleon erwähnt die Sophisten 3,38,7. Zur Frage, ob Thukydides zu den Schülern Antiphons gerechnet werden kann, vgl. Andrewes, HCT V S. 172 zu 8,68,1.
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  41. Demokrit, geboren spätestens 457, kam aus Abdera (Diog. Laert. 9,34), Hippokrates, geboren etwa 460, ist auch auf Thasos gewesen (vgl. epid. I und III), einmal ganz abgesehen von Athen.
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  42. Vgl. die ziemlich pedantischen Korrekturen 1,20,1-3. Ein Beispiel für seine Eigenwilligkeit könnte der Verzicht auf eine gründliche Erörterung des Megarischen Dekrets sein, das die Zeitgenossen sämtlicher politischer Schattierungen für eminent wichtig bei der Diskussion der "Kriegsschuldfrage" hielten. S. auch die Charakteristik von F. Jacoby, FGrHist III b Supplement (notes) S. 17f (zu FGrHist 323a).
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  43. 1,138,3. Vgl. auch Xen. Mem. 4,2 über ein Gespräch zwischen Sokrates und Euthydemos zur Frage des Vorrangs von "physis" und "mathesis"; Ed. Schwartz, Das Geschichtswerk des Thukydides, Bonn 2. Aufl. 1929, S. 159 mit Anm. 1.
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  44. H. Patzer, Gnomon 27, 1955, 147 (Rez. von J. H. Finley, Thucydides).
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  45. F. Jacoby, RE Suppl. II (1913) Sp. 231f.
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  46. F. Jacoby, ebd. Sp. 506.28ff.
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  47. 1,89-118; vgl. dazu Wilamowitz (wie Anm. 19), S. 26f und F., Jacoby, Klio 9,1909,100 (= Abhandlungen S. 39 Anm. 66).
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  48. Marc. vit. Thuc. 54; F. Jacoby, Die Antike 2, 1926, 16 (= Abhandlungen S. 87).
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  49. Die modernen Zweifel an Herodots "Vorlesungen" sind m.E. nicht durchschlagend - vgl. aber H. Erbse, Ausgewählte Schriften zur Klassischen Philologie, Berlin & New York 1979, S. 150f.; A. Momigliano, ANSP 1978, 64-66.
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  50. S. unten S. 276 zu 2,64,3; A. French, G & R 27, 1980, 29f.
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  51. 1,20-22; vgl. F. Jacoby, Die Antike 2, 1926, 16 (= Abhandlungen S. 87).
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  52. Vgl. etwa Charon von Lampsakos (FGrHist 262), Aristophanes der Boeoter (FGrHist 379), Dei(l)ochos von Kyzikos (FgrHist 471), die Lokalchronik von Naxos (FGrHist 501 F 3).
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  53. Suda, Art. Herodotos (h 536 ed. Adler); F. Jacoby, (wie Anm. 45), Sp. 216f.
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  54. Beispiele sind neben Herodot, Thukydides und Xenophon die Historiker Philistos (FGrHist 556), Androtion (FGrHist. 324), Theopomp (FGrHist 115), Timaios (FGrHist 566), Duris (FGrHist 76) und Polybios. Einige dieser Historiker nennt Plut. de exilio p. 605 B-C. S. auch T. S. Brown, AHR 69, 1954, 841-843 (= Herodot, hrsg. von W. Marg, Darmstadt 2. Aufl. 1965, S. 285-289).
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  55. Das gilt wohl am meisten für Thukydides selbst, ohne daß diese Annahme strikt zu beweisen wäre; aber schon Dion. Hal. de Thuc. 24 hat die Vorstellung, Thukydides müsse dauernd gearbeitet haben. Die Mühsal seiner Arbeit her er betont (1,22,3), schon um sich von der angeblich geringen Sorgfalt anderer abzusetzen (1,20,3). Auch der ungleichmäßige Zustand des jetzt erhaltenen Werkes ist ein beredtes Zeugnis für seine "akribeia" (vgl. 5,26,5; 1,20,3). Erst nach dem Abbruch seiner politischen Laufbahn hatte er mehr "hesychia" (5,26,5) für seine genauen Erkundigungen.
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  56. Frühe literarische Tätigkeit wird nahegelegt durch Plat. Charm. 161 B-C und 162 C-D. Nach seiner Verbannung war er, anders als Thukydides, von Rachegedanken erfüllt (Xen. Hell. 2,3,15; Arist. Rhet. 1375 b 31).
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  57. Vgl. W. G. Forrest, YCS 24 1975, 37-52. Auf einige Ähnlichkeiten zwischen dem Verfasser dieser Schrift und Thukydides hat H. Strasburger, Saeculum 5, 1954, 415f. (= Thukydides WdF S. 449f) hingewiesen.
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  58. Vgl. F. Jacoby, Atthis, Oxford 1949, S. 72f. Androtion (FGrHist 324) war zwar Politiker, doch hat er mit der Arbeit an seiner Atthis erst nach der Verbannung begonnen (Plut. de exilio p. 605 C = FGrHist 324 T 14; s. oben Anm. 54). Thukydides' im Jahre 431 begonnene sehr ernsthafte intellektuelle Arbeit dürfte im Kreise seiner Standesgenossen nicht unbedingt auf Anerkennung gestoßen sein (vgl. Arist. Nub. 119f sowie Plat. Gorg. 487 C).
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  59. Vgl. dazu B. M. W. Knox, GRBS 9, 1968, 421-435.
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  60. Vgl. Frg. 369 Nauck aus dem "Erechtheus" G. Rohde, Studien und Interpretationen, Berlin 1963, S. 293. Der Büchersammler Euthydemos hat sicher auch für sich gelesen (Xen. Mem. 4,2,1).
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  61. 1,22,4 die Vorträge ehrgeiziger Autoren und das Interesse des Publikums daran kannte er also sehr gut. Die stille, aber wirksame Würdigung Herodots (Anm. 47) macht es nicht sehr wahrscheinlich, daß er in diesen Tadel einbezogen wurde.
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  62. 1,97,2 - FGrHist 323 a T 8; vgl. dazu F. Jacoby, FGrHist III b (Supplement) S. 12-14.
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  63. Die Tradition über die Belohnung für Herodot in Athen setzt jedenfalls ein solches Interesse voraus (Diyllos FGrHist 73 F 3). Vgl. W. Aly, RhM 64, 1909, 637 sowie F. Jacoby (wie Anm. 45), Sp. 226f.
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  64. Plat. Hipp. mai. 285 D = FGrHist 6 T 3.
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  65. FGrHist 107; allerdings handelte es sich hier um ein politisches Pamphelt.
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  66. Das Testimonium bei Plin. NH 7,111 über die Rückberufung aus dem Exil nach Bekanntwerden von Teilen des WErkes zeigt zumindest, was die antiken Philologen erwartet haben. Die Worte des Kratippos über die Reaktion von Thukydides' Freunden auf die Reden und seine Kritik an den Reden (Dion. Hal. de Thuc. 16 = FGrHist 64 F 1) sind, wenn sie wirklich von einem jüngeren Zeitgenossen stammen, im besten Falle ein Zeugnis für das Unverständnis von Thukydides' ersten Lesern und für das Mißverstehen der Reden überhaupt. Zum Problem von "Kratippos" vgl. F. Jacoby, CQ 44, 1950, 7-8 (= Abhandlungen S. 332f) sowie Andrewes, HCT V S. 113f.
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  67. Schwer verständlich ist die Überlieferung bei Marc. vit. Thuc. 34, Thukydides sei vor der "prothesmia" seines (Gesamt-?)Werkes gestorben. Dahinter könnte die Tradition stehen, daß er auf eine große "Vorlesung" des Werkes hingearbeitet hat. Vgl. auch G. Murray, JHS 74, 1954, 54f.
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  68. So sieht es R. Muth, WSt 79, 1966, 255.
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  69. Andererseits gab es nicht nur Athen, sondern auch "he alle Hellas hapasa" (vgl. 2,8,1). Der Naturwissenschaftler und Kalendermacher Euktemon arbeitete zeitweise in Amphipolis (Avien. de ora mar. 337). Daß Thukydides auch an ein außerathenisches Publikum gedacht hat, zeigt die Erläuterung des attischen Demos (2,19,2).
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  70. "Von einer angemessenen Erfassung der geschichtswissenschaftlichen Bedeutung des Thukydides kann man überhaupt erst seit dem 19. Jahrhundert reden" (H. Strasburger, in: Wissenschaft als univershalhistorisches Problem, hrsg. von K.-G. Faber, Stuttgart 1979, S. 36).
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  71. Nach 1,22,4 soll es ja auch kein "agonisma es to parachrema" sein; die Sprache war selbst für griechische Literaten nicht leicht verständlich - vgl. Dion. Hal. de Thuc. 28ff.
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  72. Das Thema des "großen Krieges" wollte er vielleicht für alle Zeiten gültig abhandeln (s. unten S. 287). Durch den Abschluß an Herodot (Anm. 47) hat er die Entwicklung einer historia perpetua (vgl. Cic. Fam. 5,12,6) allerdings begünstigt. Unmittelbare Fortsetzer des Thukydides sind Xenophon und der unbekannte Historiker von Oxyrhynchos (FGrHist 66), der möglicherweise nicht ganz genau an ihn angeschlossen hat, wie Xenophon, sondern ihn für Ereignisse in Thrakien noch zu ergänzen versucht hat (vgl. Andrewes, HCT V S. 158 zu Hell. Ox. p. 8 Bartoletti), Strebte er nach "akribeia" wie sein Vorgänger ? Xenophon hielt es nicht für nötig, das unfertige VIII. Buch in irgendeiner Form zu bearbeiten.
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  73. A. Andrewes, CQ 9, 1959, 231f; O. Luschnat (wie Anm. 13), Sp. 1091. Thukydides spricht 3,82,6 vom Wert verwandtschaftlicher Bande. Kimons Söhne hielten sich an die Tradition des Vaters (Plut. Per. 36). Die tagespolitische Bedeutung des Familienzusammenhalts ist für diese Zeit aber schwer zu belegen; s. auch J. K. Davies, Gnomon 47, 1975, 375f.
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  74. 2.8,1; H. T. Wade-Gery, Art. Thucydides, Oxford Classical Dictionary (2) S. 1067.
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  75. Griechisches Lesebuch Bd. I, 13. Aufl. Berlin 1926, S. 136.
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  76. Aus dem Abschnitt über die Pentekontaetia geht nicht hervor, daß der kulturelle Glanz der Stadt, der ihren Nachruhm begründet, dazugehört; vgl. auch Gomme, HCT I S. 4387. Der Epitaphios ist zunächst einmal Perikles' Rede, nicht die des Historikers, der selbst nur über die Wirkungen von Pest und Bürgerkireg, nicht aber über die glänzenderen Seiten der Stadt spricht.
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  77. Der Krieg war natürlich auch für seine eigene Lebensführung ein "gewalttätiger Lehrer" (3,82,2), doch hätte er dies wohl nicht für sein Denken gelten lassen, wovon die zitierte Stelle handelt (s. unten S. 284). Aus der Charakteristik des Themistokles geht nicht einmal hervor, daß er, wenn nicht schon von Lehrern, dann wenigstens aus Erfahrung lernte (s. Anm. 43 zu 1,138,3).
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  78. 2,61,2; zu Perikles' Wortwahl s. auch W. Capelle, MH 6, 1949, 59.
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  79. 5,26,1 - Thukydides' eigene Worte, nicht etwa ein Einschuß Xenophons, wie vermutet worden ist (vgl. Andrewes, HCT V S. 431f). "Derselbe" ist der Historiker wohl auch unter dem Druck der Pesterkrankung geblieben - vgl. 2,51,6 über die Hilfsbereitschaft. Zur Interpretation von "ho autos" s. auch L. Edmunds, Chance and Intelligence in Thucydides, Cambridge Mass. 1975, S. 164f.
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  80. Der Verlust der Heimat gehört zu den "pathemata" des Krieges (1,23,1). Thukydides hätte oft vom Elend der Verbannung berichten können, doch gewinnt man aus seinen Andeutungen keinerlei Vorstellung davon. Themistokles muß fliegen (1,136-137); Alkibiades beklagt sein Los (8,81,2). Hat der Historiker auf die Nachricht von seiner Verbannung so kühl reagiert wie Hermokrates (Xen. Hell. 1,127) ? Antiken Interpreten lag es nahe, von der Verbannung auf antiathenische Gefühle des Thukydides zu schließen (Dion. Hal. de Thuc. 41; epist. ad. Pomp. 15 II p. 238 Usener; Anon. vit. Thuc. 4). Zum Thema des Exils in der griechischen Welt vgl. T. R. Glover, The Exiles, in: Springs of hellas, Cambridge 1945, S. 55- 77.
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  81. 5,26,5 - die Verbannung ermöglicht ihm jetzt nicht nur in Athen, sondern "kath' hesychian" auch im Bereich der Gegner zu arbeiten; im Jahre 431 scheint ihm dies nicht völlig klar gewesen zu sein, wenn er es für nötig hielt, im 2. Prooemium eigens darüber zu sprechen. "kath' hesychian mallon" ist mehrdeutig: vermutlich ist die Muße des gescheiterten Politikers in einer Zeit kriegerischer Hektik gemeint. A. W. Gomme, The Greek Attiutde to Poetry and History, Berkeley & Los Angeles 1954, S. 121 hält auch die Nuance "peace of mind" für möglich. Trotz aller angeblichen "Vorteile" des Exils für seine Arbeit hätte Thukydides sich eigentlich immer um eine Rückkehr nach Athen bemühen müssen, um "kath' hesychian" auch Zugang zu den jetzt verschlossenen athenischen Quellen zu haben.
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  82. 5,26,1-4; zur Erläuterung s. H. Patzer, Das Problem der Geschichtsschreibung des Thukydides und die thukydideische Frage, Berlin 1937, S. 17-20 sowie Andrewes, HCT V S. 384-386.
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  83. 5,26,4; Wilamowitz meinte: "Thukydides hat, wenn auch widerwillig, die Richtigkeit einer Prophezeiung anerkannt; er hatte glauben gelernt" (SB Berlin 1919, S. 944 = Kl. Schriften III S. 391). F. Jacoby steht dieser Deutung sehr skeptisch gegenüber, ohne sie aber widerlegen zu können (FGrHist III b Supplement (notes) S. 15). Warum wohl hat Thukydides seinen Sohn ausgerechnet Timotheos genannt (Marc. vit. thuc. 17; Davies, wie Anm. 19, S. 236)?
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  84. Vgl. F. Jacoby bei R. Zahn, Die erste Periklesrede, Diss. phil. Kiel 1934, S. 111f.
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  85. 6,54-59. Die Angabe über den Arbeitsbeginn (1,1,1) bezieht sich nur auf die Darstellung der Kriegsereignisse selbst - insofern kann prinzipiell nicht ausgeschlossen werden, daß Thukydides "nicht unvorbereitet" (O. Luschnat, wie Anm. 13, Sp. 1107.48f) an seine Arbeit ging. Das wichtigste Material für die Exkurse kann er schwerlich in den Jahren des Exils außerhalb Athens gesammelt haben, und nach 404 wird er sich wohl kaum mehr die Zeit für solche Arbeiten zur "Vergangenheitsgeschichte" genommen haben. Sollte er keine Eile gehabt haben, sein Werk jetzt endlich abzuschließen ? F. Jacoby, FGrHist III b Supplement (notes) S. 5 vertritt mit Nachdruck die Spätdatierung aller Exkurse des Werkes.
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  86. Schon die ungefähr gleichzeitige Arbeit stellte hohe Anforderungen an das Gedächtnis der Augenzeugen (1,22,1). Ephemeres Material im VIII. Buch, das Thukydides später vermutlich gestrichen oder besser integriert hätte, zeigt ihn bei dieser gleichzeitigen Verarbeitung der ermittelten Fakten; vgl. Wilamowitz, hermes 43, 1908, 602 (= Kl. Schriften III S. 330). Wenn die Bücher über die Sizilische Expedition relativ bald nach den Ereignissen ihre abschließende Form erhalten haben sollten, müßte Thukydides ganz besonders intensiv gearbeitet haben. Die These von Thukydides' "Identität" ist als solche nicht neu, ist aber nie als Problem der Historiographie behandelt worden - vgl. etwa die Feststellungen von F. Jacoby (Anm. 84) und H. Patzer, Gnomon 16, 1940, 361 (= Thukydides WdF S. 109). J. Latacz, WJA 6, 1980, 77-99 geht in seiner Untersuchung des ersten Kapitels auf die biographischen und historiographischen Probleme nicht ein.
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  87. 1,1,1; vgl. die Anm. 3 zitierten Worte F. Jacobys zu diesem Satz.
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  88. 5,143 (Thukydides' Worte); 4,85,2 (Brasidas' Worte). Die "öffentliche Meinung" Griechenlands teilte die spartanischen Hoffnungen (7,28,3).
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  89. 1,81,6.
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  90. Zu ihnen gehören die unerfahrene Jugend (2,8,1) und diejenigen, die bei der entscheidenden Abstimmung für den Krieg eintraten (1.139,4).
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  91. 5,26,4 (s. oben Anm. 83).
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  92. S. unten S. 276 mit Anm. 101.
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  93. Vgl. 1,11 über den zehnjährigen Trojanischen Krieg.
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  94. 1,23,1-2.
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  95. Die Bewertung des Abschnitts durch die Interpreten ist ganz verschieden. Wilamowitz meinte, Thukydides hätte 1,23 bei Vollendung seines Werks gestrichen (Hermes 20, 1885, 490 = Kl. Schriften III S. 98). F. Jacoby spricht ganz in diesem Sinne von einer "rohen rhetorischen auxesis" (Hist. Zeitschr. 142, 1930, 327 = Abhandlungen S. 242). Die Sensibilität des Historikers für die Schrecken seiner Zeit, die aus diesen Sätzen deutlich wird, betonen m.E. zu Recht H. Patzer, Gnomon 16, 1940, 359-360 (= Thukydides WdF S. 106-108) sowie H.D.F. Kitto, Poiesis, Berkeley & Los Angeles 1966, S. 274f.
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  96. Thukydides denkt ohnehin nicht in der Kategorie von Siegesfeiern (s. unten Anm. 152). Er berichtet deshalb auch vom Wüten des Krieges weitab von den bekannten Kriegsschauplätzen, etwa in Ambrakia (3,113) und in Mykalessos (7,29 - hier zeigt er sogar, wie die "barbarischen" Thraker in den Krieg der Griechen eingreifen). Dionysios von Halikarnass hat ganz Recht, wenn Thraker in den Krieg der Griechen eingreifen). Dionysios von Halikarnass hat ganz Recht, wenn er Thukydides vorhält, im Unterschied zu Herodot ein unerfreuliches Thema gewählt zu haben (Epist. ad Pomp. 3 II p. 233 Usener).
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  97. 2,65,5 - aber auch aus diesen Worten geht hervor, daß Perikles die "dynamis" zwar richtig beurteilt hat, die Länge des Krieges und die vielen schlimmen "Zufälle" nicht vorhersagen konnte.
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  98. Vgl. dazu G. Cawkwell, YCS 24, 1975, 53-70. Gomme, HCT II S. 190 (zu 2,65,7 - "hesychazontas") weist auf die Schwierigkeiten einer solchen Kriegsführung gerade angesichts des 1,70,9 und 2,21-22 beschriebenen Charakters der Athener hin.
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  99. Vgl. 2,65,2 über die "pathemata" der Bürger. Der "historische" Perikles soll freilich nach dem Tod seines Sohnes Paralos ein gebrochener Mann gewesen sein (Plu: Per. 36,8-9).
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  100. Er wurde etwa 494 geboren (vgl. Davies, wie Anm. 19, S. 455). Von einem "großen Sieg" ist nie die Rede, jedenfalls nicht bei Thukydides - es geht allein um das "Überstehen" des Krieges ("perigignesthai"); vgl. dazu P.A. Brunt, Phoenix 19, 1965, 259 sowie G.E.M. de Ste Croix, wie Anm. 15, S. 108.
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  101. Vgl. D. Kagan, The Archidamian War, Ithaca & London 1974, S. 36ff. Thukydides betont die unerwartet hohen Kosten der Belagerung von Potaidaia (2,70,2).
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  102. 1,1,1: "akmazontes"; s. auch J. de Romilly, The Rise and Fall of States according to Greek Authors, Ann Arbor 1977, S. 12.
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  103. 2,64,3; vgl. die Übersetzung von W. Schadewaldt, Die Antike 8, 1932, 27: "Alles Gewordene muß, wie es wurde, auch wieder sich mindern." Perikles hat sich geirrt, wenn er erwartet haben sollte, das attische Reich werde wegen seiner Machtfülle im Gedächtnis der Menschen bleiben.
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  104. Gomme, HCT II S. 178 hält die Bemerkung denn auch für einen Gemeinplatz. In der Tat findet sich das "Naturgesetz" ("pephyke") schon früher, in der Ilias (6,448-449), bei Anaximander (VS 12 B 1; vgl. H. Erbse, wie Anm. 49, S. 192), bei Herodot (1,5,3; 7,10 e).
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  105. Vgl. Ed. Schwartz, wie Anm. 43, S. 147 und A. Parry (Anm. 109). K. Reinhardt, wie Anm. 2, S. 217 Anm. 21 läßt die Deutung offen.
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  106. Selbst den athenischen Gesandten auf Melos ist der Gedanke nicht fremd (5,91,1).
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  107. 1,144,3 (s. auch Anm. 100 über den angestrebten "Sieg"). Die Korinther richten ähnliche Worte an die Spartaner (1,71,7). Im Epitaphios hat Perikles die Mehrung des Reiches durch die Vorfahren gelobt (2,36,1).
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  108. Seine Faszination durch den Ruhm wird nicht nur durch Thukydides, sondern auch durch Plutarch (Per. 12,4; 17,1) bezeugt. Vgl. dazu H. Strasburger, Hermes 86, 1958, 19 Anm. 1 (= Thukydides WdF S. 500 Anm. 5).
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  109. 1,10,1-2. Vgl. Hdt. 1,5,4 über die einst mächtigen und jetzt kleinen Städte. A. Parry, YCS 22, 1972, 49 will hier das Ergebnis von Thukydides' "experience of the Peloponnesian War" sehen.
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  110. Vgl. 8,97,2 über die politischen Zustände in Athen sowie 24,4; 56,3; 64,5; 87.
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  111. Xen. Hell 2,1,31-32; Theophrast F 137 Wimmer (= Plut. Lys. 13). Vgl. dazu F. Kiechle, Historia 7, 1958, 140.
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  112. Xen. Hell 2,219 (Reden der Korinther und der Thebaner). Es ist nicht auszuschließen, daß der Melier-Dialog am Ende des Werkes ein grimmiges Gegenstück finden sollte (s. unten Anm. 170).
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  113. Dies ist die am häufigsten vertretene und natürlich auch gut begründbare Auffassung (vgl. Andrewes, HCT V S. 114f.)
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  114. 1,22,4: "to saphes skopein". In diesem Sinne wird es richtig sein, "daß sich diese Darstellungsform für Thukydides ausgebraucht hatte" (H. Strasburger, Saeculum 5, 1954, 412 = Thukydides WdF S. 445).
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  115. Vgl. Xen. Hell. 2,2,12-14.
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  116. Die Darstellung der sizilischen Expedition in den Büchern VI und VII, die nach 413 entstanden ist, gibt dem Kriegsthema breiten Raum; sie muß hier unberücksichtigt bleiben, weil die Materialsammlung ja erst nach 415 erfolgt sein kann. Die "Fakten" für die ersten vier Bücher müssen ungefähr gleichzeitig ermittelt worden sein, nicht etwa erst nach 404 (s. oben Anm. 39).
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  117. Er kennt ihn selbst (1,21,2). Vgl. Hdt. 7,21 über Xerxes' Feldzug. Für Diodor ist dann sogar der Bundesgenossenkrieg des Jahres 91 der größte aller Kriege (37,1,1).
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  118. Gomme schreibt zu 3,82,2: "I have always regarded this as one of the strongest and deepest of Thuycdides' personal convictions" (HCT II S. 373). Vgl. seinen Aufsatz "The Greatest War in Greek History", in: Essays in Greek History and Literature, Oxford 1937, S. 116-124) und Karl Reinhardts "Thukydides und Macchiavelli" (1943), wie Anm. 2, S. 184-218.
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  119. Vgl. etwa Griechische Kulturgeschichte (J.-B.-Gesamtausgabe, Stuttgart-Berlin-Leipzig 1930-1931) Bd. I S. 208-210. Bd. III, S. 412f, Bd. IV, S. 260f.
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  120. 1,46-47; insgesamt wurden 270 Schiffe eingesetzt. Zur Zahl der beteiligten Schiffe in den übrigen Seeschlachten des Krieges vgl. L. Herbst, Philol. 38, 1879, 547f.
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  121. Gleich beim ersten Sieg der Kerkyrer über die Korinther werden die Gefangenen mit Ausnahme der für spätere Verhandlungen nützlichen Korinther getötet (1,30,1). Die athenischen Schiffe, die nach der Schlacht bei den Sybota-Inseln zur Verstärkung herankommen, bahnen sich ihren Weg "dia ton nekron kai nauagion" (1,51,4).
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  122. 2,81 - Archidamos, der gewarnt hatte, besaß dagegen Erfahrung (1,80,1).
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  123. 2.12.2; Gomme, HCT II S. 15 weist hin auf Il. 5,52f und Hdt. 5,97,3.
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  124. 2,14-17. Die aufgelockerte Siedlungsweise verhinderte das Wüten einer Seuche wie der von 430 (Anm. 126). Zur Plazierung des Exkurses vgl. auch F. Jacoby, BphW 29, 1909, 422 (= Abhandlungen S. 67).
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  125. Vgl. Perikles' Worte 2,62,2-3. Thukydides selbst spricht 2,65,2 vom Schmerz der Bürger über ihre "pathemata".
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  126. 2,47-54; vgl. Gomme, wie Anm. 81, S. 131.
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  127. 2,53. Thukydides zählt offensichtlich zu denjenigen, die sich nicht in Versuchung bringen ließen (2,51,5): auch dieser Zug gehört zur "Identität" des Historikers (Anm. 79).
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  128. In diesem Zusammenhang ist es unerheblich, wann genau die erhaltene Fassung des Epitaphios geschrieben worden ist (vgl. Gomme, HCT II S. 161). Die Materialsammlung für den Bericht über die Pest und ihre Auswirkungen ist auf jeden Fall "gleichzeitig" und bezeugt, daß Thukydides schon damals den Kontrast zwischen der kriegerischen Wirklichkeit und dem schönen Schein mancher Reden empfunden hat.
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  129. Diod. 12,45,2 und 12,58,3-5 (aus Ephoros ?) hat ein paar Details über die auslösenden Faktoren der Pest mehr, doch könnten diese Zusätze auch aus späteren Spekulationen stammen. Zur antiken Gestaltung des Pest-Motivs vgl. J. Grimm, Die literarische Darstellung der Pest in der Antike und in der Romania, München 1965.
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  130. 2,67,4; vgl. dazu Gomme, HCT II S. 201.
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  131. Auch die Spartaner werden nicht geschont - bereits im Jahre 427, bei der Hinrichtung der Überlebenden von Plataiai, stellt er sie als unehrlich und meineidig dar (3,68,1). Günstiger urteilt H. Strasburger, Hermes 86, 1958, 36 (= Thukydides WdF S. 525).
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  132. 2,70,1; diese Situation führt dann doch zur Aufnahme der Übergabeverhandlungen. Im Jahre 404 haben die belagerten Athener ihren Widerstand offenbar nicht so weit getrieben (Xen. Hell. 2,2,11).
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  133. Afrikaner: Pol. 1,85,1; Numantiner: Val. Max. 7,6 ext. 2; Sklaven: Diod. 33/34, 2,20 (= Poseidonios FGrHist 87 F 108a). Livius z.B. hat den Kannibalismus während der Belagerung von Sagunt (Petr. 141,9-11; Juv. 15,114) und von Petelia (Pol. 7,1,3) durch Hannibal unerwähnt gelassen. Caesar läßt Critognatus so etwas empfehlen, um ihn als Barbaren zu charakterisieren (BG 7,77,12). Zum Motiv des Kannibalismus in der Rhetorik vgl. H.D. Rankin, Hermes 97, 1969, 381-384.
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  134. 3,36,6; er führt eine "Entwicklung", an, deren Gipfel ein Mann wie Philokles ist (Anm. 111).
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  135. 3,36,4; die Ausführung des Hinrichtungsbefehls wird als "pragma allokoton" empfunden (3,49,4 - oder ist dies bloß Thukydides' eigene Einschätzung ? Vgl. Gomme, HCT II S. 325). Beim Abfall von Poteidaia stand die Todesstrafe noch nicht zur Debatte (2,70).
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  136. Zur Person s. M. Ostwald, GRBS 20, 1979, 5-13.
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  137. Vgl. C. W. Macleod, JHS 98, 1978, 78: "all advice is futile".
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  138. Vgl. Gomme, wie Anm. 81, S. 123. Der Verzicht auf Reden berührt auch das Problem der fehlenden direkten Reden im VIII. Buch (s. oben S. 278).
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  139. 3,68,1-2; Gomme, HCT II S. 356.
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  140. 3,68,3.
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  141. Gemeint sind wohl die Thebaner, nicht die Spartaner (Gomme, HCT II S. 357).
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  142. Die Thebaner plädierten für die Vernichtung der Stadt im Stil des Abbruchs von Plataiai (vgl. Xen. Hell. 2,2,19). Lysander ließ die langen Mauern unter Flötenspiel abtragen (Plut. Lys. 15,5).
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  143. 3,82-83.
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  144. Vgl. die Notwendigkeit des Waffentragens in der Frühzeit (1,6,1). Die Unterscheidung von Griechen und Barbaren war ja auch nicht sehr alt (1,3,2). "Barbarisches" Betragen war Thukydides durch seine thrakischen Beziehungen nicht unbekannt (vgl. 7,29 über die thrakischen Söldner).
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  145. Gomme, HCT II S. 498 (zu 4,48,5) weist darauf hin, daß die Erfahrung der athenischen "Amnestie" von 403 offenbar nicht berücksichtigt ist.
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  146. 3,82,2.
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  147. Thukydides kennt die Welt wohlhabenden Friedens (den es auch auf Kerkyra gegeben hatte - 1,25,4), doch ist dieser Zustand immer nur von kurzer Dauer.
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  148. 4,98-99; Gomme, HCT III S. 571. Zur Schuldfrage bei der Verletzung religiöser Gebote s. auch H. Strasburger, Hermes 86, 1958, 39 Anm. 2 (= Thukydides WdF S. 529 Anm. 82). Der präzise Bericht über diese Vorgänge stellt ein biographisches Problem dar, da die Erkundigungen darüber in die Zeit nach der Niederlage vor Amphipolis datiert werden müssen. Hat Thukydides seine Fragen in Athen gestellt, als er, statt zu fliehen, seinen Prozeß auf sich nahm ?
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  149. Frauen und Kinder zum Beispiel werden nur sichtbar als Opfer von Massakern und von Versklavungen; vgl. H. Strasburger, Studien zur Alten Geschichte, Hildesheim 1982, Bd. II S. 786ff, der zur Kennzeichnung von Thukydides' Perspektive, die man je nach Temperament als einseitig oder als vollkommen zutreffend bezeichnen kann, den durchaus anderen Standpunkt des Tacitus zitiert: non tamen adeo virtutum sterile saeculum, ut non et bona exempla prodiderit (Hist. 1,3,1). Auf die bona exempla hat Thukydides verzichtet.
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  150. Vgl. dazu E.A. Havelock, War as a Way of Life in Classical Culture, in: E. Gareau (Hrsg.), Valeurs antiques et temps modernes, Ottawa 1972, 37ff.
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  151. Ein seltenes Beispiel für einen militärisch brillanten und zugleich menschlich empfindenden Offizier ist der Athener Nikostratos (3,75; vgl. Gomme, HCT II S. 366). H. Strasburger, wie Anm. 149, S. 792 hat darauf hingewiesen, daß spätere Darsteller Thukydides' Bericht über die sizilische Expedition mit Notizen über individuelle Heldentaten belebt haben (vgl. Plut. Nik. 18,3; Paus. 7,16,5; Iust. 4,5,7 - zum Teil wohl aus Philistos FGrHist 556).
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  152. Am Ende des VII. Buches spricht er vom Leid der Athener, aber nicht von den Freudenfesten der Syrakusaner. Die großen Siege der Griechen über die Perser werden nur zum Größenvergleich herangezogen (1,23,1). Zur Schwierigkeit, einen Sieg nicht über "Barbaren", sondern über gleichrangige Gegner angemessen zu feiern, vgl. die Bemerkungen von Goethe, Anforderung an den modernen Bildhauer (1817), in: Großherzog Wilhelm Ernst - Ausgabe, Leipzig 1912, Bd. X S. 425-428.
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  153. Der Exkurs über den Bürgerkrieg legt die Annahme nahe, daß er bei der Niederschrift über die Verwerflichkeit eines Krieges von Griechen gegen Griechen nicht viel anders als später Platon (vgl. rep. 469 B-471 C) dachte.
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  154. Dies Umkehrung des Clausewitz-Wortes übenehme ich von H. Patzer, wie Anm. 82, S. 50. Zeiten von Frieden und Wohlstand, die Thukydides auch kennt (3,82,2) (Anm. 147) sind stets von kurzer Dauer.
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  155. 1,128-138. Die "herodoteische" Fülle dieser Kapitel (vgl. O. Luschnat, wie Anm. 13, Sp. 1107) hat sicher nichts damit zu tun, daß sie "früher" geschrieben wurden als etwa der Bürgerkriegs-Exkurs oder gar Forschungsarbeiten aus der Zeit vor 431 sind.
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  156. W. Schadewaldt, Die Geschichtsschreibung des Thukydides, Berlin 1929, S. 37: "Der zehnjährige archidamische Krieg ist als historischer Gegenstand an sich ein ateles".
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  157. Vgl. auch H. Strasburger, Die Wesensbestimmung der Geschichte durch die antike Geschichtsschreibung, Wiesbaden 1966, S. 95f.
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  158. In der Erwartung einer "kinesis" stand er natürlich nicht allein; vgl. G.E.M. de Ste Croix, wie Anm. 15, S. 74 zum Kallias-Dekret (Meiggs & Lewis, Greek Historical Inscriptions Nr. 58). Zur zeitgenössischen Vorstellung von der "Zwangsläufigkeit" kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen großen Mächten s. F. Kiechle, Gymn. 70, 1963, 298ff.
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  159. Vgl. G. Murray, JHS 64, 1944, 1f; W. Burkert, A & A 20, 1974, 106-108.
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  160. Das Werk ist selbstverständlich auch ein "agonisma" - aber nicht für den Augenblick, sondern für alle Zukunft.
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  161. 1,22,4; zu ergänzen ist "chresthai": "ein Besitzstück von dauerndem Nutzwert" (W. Schadewaldt, wie Anm. 156, S.23). S. auch die Erläuterung von F. Jacoby, FGrHist III b Supplement (notes), S. 18 Anm. 154.
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  162. Vgl. A. W. Gomme, More Essays in Greek History and Literature, Oxford 1962, S. 138. Es ist merkwürdig, daß Xenophon seine Schrift über die Jagd als ein "ktema" bezeichnet (Cyneg. 13,7). Demosthenes soll Thukydides achtmal abgeschrieben haben (Lucian adv. ind. 4, II p. 122 Macleod) - ihm ging es, wie fast allen, um den Stil.
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  163. Zum Topos der (politischen und moralischen) Nützlichkeit der Geschichtsschreibung vgl. R. Heinze, Virgils epische Technik, Leipzig & Berlin 3. Aufl. 1915, S. 475f sowie R. Koselleck, Historia Magistra Vitae (1967) in: R.K., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt 1979, S. 38-66.
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  164. Vgl. Gomme, HCT II S. 150f.
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  165. Sehr abstrakt wäre die Erkenntnis, daß die Existenz eines Mannes wie Perikles ein Beweis für die prinzipielle Möglichkeit erfolgreichen politischen Handelns ist (vgl. F. Wehrli, MH 24, 1967, 242).
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  166. Zur Charakteristik der kriegführenden Parteien durch Thukydides bzw. durch seine Redner vgl. H. Gundert, Die Antike 16, 1940, 98ff (= Thukydides WdF S. 114ff.)
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  167. Die Belehrung des Feldherrn Demosthenes durch einen früheren Fehler (vgl. 4,30,1 mit 3,97) bewegt sich auf der Ebene militärischer Dienstvorschriften und ist für künftige Leser nicht sehr wichtig. Thukydides stellt Fehler lieber dar als daß er sie ausdrücklich benennt; vgl. auch K. Reinhardt, wie Anm. 2, S. 192.
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  168. Themistokles ist nur "aristos eikastes", wenn es um die Zukunft geht (1,138,3), und Perikles kann die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs auf den Piraeus entgehen (2,94).
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  169. Zu dieser Deutung s. oben S. 274.
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  170. Seine Methode "gleichzeitiger" Forschung zwang ihn ja geradezu zur dauernden Anfertigung von Notizen. Es ist deshalb kaum vorstellbar, daß derjenige, der das Werk nach Thukydides' Tod "veröffentlicht" hat, keine einzige Notiz über 8,109,2 hinaus vorgefunden haben sollte. Sehr erwägenswert ist die Vermutung von O. Regenbogen, Gymn. 44, 1933, 9 (= Thukydides WdF S. 34f), daß der Melier-Dialog genau in der Mitte des Werks plaziert sein sollte, mit einem Gegenstück am Ende der Darstelung (Anm. 112). In diesem Falle hätte Thukydides schon eine exakte Vorstellung vom Gesamtaufbau seines Werkes gehabt.
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  171. Vgl. die antiken Leserzeugnisse Plut. Nik. 1,1 und Long. de subl. 38,3. Es ist bezeichnend, daß Dionysios von Halikarnass (de Thuc. 15f) die knappe Darstellung der Katastrophen von Plataiai, Mytilene und Melos im Sinne der späteren hellenistischen Theorie als "ekphrasis" verstanden hat(s. dazu H. Strasburger, wie Anm. 157, S. 72). Thukydides' äußerst sparsamer Einsatz von "bewegenden" Szenen verhindert die zugleich theatralischen und abstumpfenden Effekte, die Polybios bei einem Historiker wie Phylarch bemängelt (Pol. 2,56 = Phylarch FGrHist 81 T 3).
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Prof. Dr. Jürgen Malitz, 8. Mai 2001