Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Im Folgenden geht es darum, dem Bild des Thukydides bei Beginn seiner Arbeit
schärfere Konturen zu geben: denn der Entschluß zu seinem Werk ist
mindestens so bemerkenswert wie die Energie, an dem schwierigen Projekt gegen
alle äußeren Unglücksfälle ein ganzes Leben lang
festzuhalten[3].
Thukydides' so erfolgreich suggerierte Objektivität ist in Wirklichkeit
eine höchste Subjektivität der Berichterstattung, die für alle
Zeiten die eigene als die einzig richtige Deutung der Ereignisse vermitteln
will. Ein anderer Mann hätte mit der gleichen Arbeitsweise eine ganz
andere Schilderung des Krieges geben können[4]. Die Frage nach Thukydides'
Ausgangsposition im Jahre 431 ist deshalb nicht nur von
biographisch-antiquarischem Interesse, sondern für die Interpretation des
Werkes selbst von Bedeutung.
Vermutungen über seinen Bildungsgang und seine politischen Sympathien sind
für die Beantwortung der hier zu stellenden Fragen von recht geringem
Wert. Alle eventuellen Anregungen können auf keinen Fall dazu ausgereicht
haben, Thukydides im Jahre 431 zum Historiker des kommenden Krieges zu machen[5]. Zeitgenössisch im
Sinne der eigenen Zeit sind da viel eher die patriotischen Landesgeschichten,
die unter dem Einfluß und manchmal auch zur Korrektur Herodots entstanden
sind[6], oder etwa die
konventionelle attische Geschichte des Hellanikos[7].
Alle möglichen Gemeinsamkeiten selbst mit den geistig hochbedeutenden
Zeitgenossen reichen nicht aus, um die Eigenart von Thukydides' Werk zu
erklären und seinen Entschluß zu dieser Arbeit zu begründen. Zur
Erklärung ist vielmehr nach individuellen Zügen des Autors zu suchen,
die ihn von vielen Mitlebenden unterschieden haben müssen. Die Vermutung
liegt nahe, daß Thukydides einen anderen Zugang zu seinem Stoff, den
kommenden Kriegsereignissen, gehabt hat als die meisten seiner historisch und
politisch interessierten Zeitgenossen. Individuelle Züge des Autors
könnten noch am ehesten erklären helfen, warum sein Werk nach
Entstehung und Methode in der Geschichte der antiken Historiographie vollkommen
vereinzelt dasteht - worüber die Fortsetzungs- und Imitationsversuche
nicht hinwegtäuschen dürfen.
Als er mit seiner Arbeit begann, kann er nicht viel älter als dreißig
gewesen sein; vermutlich war er, faßt man alle Indizien zusammen, Mitte
Zwanzig[8]. Sein
geringes Alter bei Beginn der Arbeit ist übrigens ein leicht
übersehener Faktor für das - relative - Gelingen seines Lebenswerkes.
Er mußte jung sein im Jahre 431, um diesen langen Krieg auf seine - auch
physisch sicher sehr anstrengende - Weise erforschen zu können.
Doch selbst wenn Thukydides wesentlich älter als dreißig gewesen sein
sollte[9], stellte er
innerhalb der Geschichte der antiken Historiographie, soweit sie das Werk von
Männern des öffentlichen Lebens war, immer noch einen Sonderfall dar.
In der Antike hat es nach ihm keinen ernsthaften Darsteller oder Erforscher der
Vergangenheit (geschweige der Zeitgeschichte) mehr gegeben, der sich dieser
Aufgabe in einem Alter widmete, in dem Standeskollegen einer politischen oder
militärischen Karriere nachgingen[10].
Antike Historiker schreiben gewöhnlich nach Beendigung ihrer aktiven
`bürgerlichen' Laufbahn, und vorher nur dann, wenn politischer
Mißerfolg oder Bürgerkrieg ihren ``eigentlichen'' Lebensplan
zerstört haben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wenn sich der
künftige Princeps Claudius in jungen Jahren mit historischen Studien die
Zeit vertreibt, dann deshalb, weil man ihn am Hof für unmöglich
hielt[11].
Das Zeugnis über Thukydides' Zugehörigkeit zur Familie Kimons und
damit zum Adelsgeschlecht der Philaiden läßt sich zeitlich nicht
weiter als bis zu Polemon zurückverfolgen, doch gibt es keinen plausiblen
Grund für die Annahme einer Erfindung Polemons. Dem Werk selbst war eine
Verwandtschaft seines Autors mit Komon beim besten Willen nicht zu entnehmen,
da Thukydides über Kimons Leistungen nach dem Ende der Perserkriege nichts
auffällig Günstiges berichtet und seinen Gegenspieler Themistokles
sehr günstig beurteilt[15].
Ein wichtiger Hinweis auf Thukydides' Anfänge ist der Name seines Vaters
Oloros, im Werk selbst genannt im Zusammenhang von Thukydides' Auftreten als
Stratege in Thrakien[16]. Der Vater trägt einen rein
thrakischen Namen, den Hörern Herodots vertraut als der Name eines
thrakischen Stammeskönigs, dessen Schwester Hegesipyle den Miltiades, den
späteren Sieger von Marathon, etwa im Jahre 510 geheiratet hat[17]. Die Nennung des
Vatersnamen ist nach Thukydides' sonstiger Gewohnheit der Nennung des Vaters
nicht selbstverständlich und muß als Hinweis auf seine thrakischen
Beziehungen gemeint sein[18]. Zu Thukydides' direkten Vorfahren
müssen in irgendeiner Form Männer wie jener Schwiegervater des
Miltiades gehört haben; nicht zu beantworten ist die Frage, ob der Vater
vielleicht selbst zum Teil Thraker war - dieser Name ist für keinen
Athener sonst bezeugt, wie überhaupt offensichtlich
"ausländische" Namen in der athenischen Oberschicht höchst
selten sind[19]. In
der Zeit vor Thukydides galt es als ein Zeichen besonderen Adelsstolzes, eine
Frau aus fremdem Adel zu heiraten, auch aus thrakischem, wie es ja Miltiades
getan hat. Die Zahl der überlieferten Beispiele ist gering, doch erlauben
sie keinen Zweifel am sozialen Rang solcher Ehen. Thukydides' thrakische
Verwandtschaft weckt Erinnerungen an die zu seiner Zeit schon halbversunkene
``internationale'' Welt des griechischen Adels[20].
In welchem genauen Verhältnis der Vater Oloros zu den Philaiden gestanden
hat, läßt sich nicht ermitteln, doch gilt es festzuhalten, daß
Thukydides in engerer oder weiterer Form zu einer der berühmtesten
Familien der attischen Geschichte gehörte. Gleichrangig war in dieser Zeit
wohl nur der Klan der Alkmeoniden, zu denen Alkibiades gehörten[21].
Der sonst so verschwiegene Mann hat über seine thrakischen Beziehungen
sogar selbst gesprochen, natürlich nicht aus "biographischen"
Gründen, sondern um Brasidas' Angriff auf Amphipolis im Jahre 424 für
die Leser seines Werkes besser verständlich zu machen. Demnach hat
Brasidas seinen Angriff auf Amphipolis beschleunigt, weil er gehört hatte,
daß der Stratege Thukydides "die Nutzung der Goldbergwerke in diesem Teil
Thrakiens besaß und daher einer der mätchtigsten Männer des
Festlandes war"[22].
Vermutlich sind die thrakischen Bergwerke gemeint, die durch die
militärischen Erfolge Kimons in die Verfügung Athens gekommen waren[23].
Nicht zuletzt dadurch erklärt sich Thukydides' thrakisches Kommando im
Jahre 424[24], und er
läßt seinen Einfluß dort bestätigen durch die
Überlegungen, die er Brasidas in den Mund legt: er fürchtet
Thukydides nicht als athenischen Strategen, sondern mehr wegen seines lokalen,
durch alte Familientradition begründeten Einflusses und der
Möglichkeit, deshalb Verstärkungen gegen den spartanischen Angriff
herbeizuführen[25].
Thukydides' thraksiche Verbindungen sind nicht unwichtig bei der Frage nach
seinem Weg zur Geschichtsschreibung. Der "Athener", wie er sich im
Proömium nennt, dürfte einen Teil seiner Jugend auch im Bereich der
Bergwerke verbracht und auf diese Weise schon früh einen weit über
Athen hinausreichenden Gesichtskreis erhalten haben[26]. Sein thrakischer Besitz ist
übrigens auch ein Faktor für die Fortführung seines Lebenswerks
selbst nach der Verbannung des Jahres 424. Wäre die materielle Basis
seiner Existenz völlig an Athen gebunden gewesen, hätte er nach der
Niederlage vor Amphipolis seinen Lebensplan wohl aufgeben müssen[27].
Wenn auch keine Nachrichten über eine politische Laufbahn des Thukydides
vor 424 erhalten sind, so legt seine Wahl für das Kommando in Thrakien
doch nahe, eine gewisse politische und militärische Praxis in den Jahren
davor anzunehmen. Zieht man Nachrichten über vergleichbare Zeitgenossen
heran, so gehörte es zum guten Ton, nach dem Erreichen der
Volljährigkeit Anteil am politischen Leben zu nehmen[28]. Das hatte nicht immer so
festumrissene Formen wie der Cursus honorum eines jungen Römers. Perikles
begann seine politische Laufbahn mit der Finanzierung einer
Theater-Aufführung[29]. Man konnte auch zunächst von
einem älteren Manne lernen; Alkibiades ging zu Perikles[30]. Für den
vornehmen Platon stand es keineswegs von vornherein fest, sein Leben der
Philosophie zu widmen; er wuchs auf mit der selbstverständlichen
Erwartung, politisch aktiv zu werden[31]. Das Tätigkeitsfeld von jungen
Männern wie Thukydides war in den fünfziger und vierziger Jahren
weit; Athen brauchte Bürger, die das Geld für die vielen Leiturgien
aufbringen konnten[32], und das attische Reich brauchte
qualifizierte Amtsträger und Soldaten[33]. Es fällt unter diesen
Umständen schwer, sich Thukydides als stillen Beobachter des politischen
Treibens vorzustellen, der sich von Anfang an auf ein gelehrtes Lebenswerk
vorbereitet[34].
Zu den Voraussetzungen des methodischen Selbstbewußtseins gleich zu Beginn
des Krieges gehört praktische Erfahrung in allen den Bereichen des
künftigen Kriegsgeschehens, für die Thukydides, soweit er nicht
selbst Augenzeuge der zu schildernden Ereignisse sein konnte, seinen
Gewährsmännern kompetente fragen stellen mußte[35]. Dazu gehören
ohne Zweifel militärische Erfahrung[36]
und Vertrauthaut mit den politischen Institutionen der kriegsführenden
Parteien[37]. Die
"Pestbeschreibung" läßt weiterhin erkennen, daß Thukydides
sich intensiver als viele andere für medizinische Fragen interessiert
haben muß[38].
Die Frage nach seinen Beziehungen zu Herodot drängt sich vielleicht als
erste auf. Die "Veröffentlichung", die erste Verbreitung einer
kleinen Anzahl von Abschriften des beim Tode Herodots nicht ganz vollendeten
Werkes fällt ungefähr in die Mitte der zwanziger Jahre,
frühestens in das Jahr 428[45]. Konnte Thukydides schon vorher,
bereits im Jahre 431, einen Eindruck von Herodots entstehendem Werk haben?
Es muß freilich betont werden, daß Thukydides im Jahre 431 mit seiner
Arbeit beginnen konnte, ohne Herodot als "seinen" Vorgänger begriffen
zu haben, den es zu verbessern gelte. Literarhistorisch gesehen ist es durchaus
möglich, daß ihm die ganze Bedeutung von Herodots Leistung erst in
den zwanziger Jahren aufgegangen ist. Dann wäre Herodots Werk nicht der
erste Impuls für die eigene Arbeit gewesen, aber doch ein wesentlicher
Anstoß, ein Stachel für seinen großen Ehrgeiz[46]. Daß er Herodot
gekannt hat, spätestens bei der Abfassung des Werkes in der jetzt
erhaltenen Form, ist sicher auch ohne jede Nennung seines Namens. Die
Anknüpfung an das Werk des "Vorgängers" beschränkt sich nicht
bloß auf Kritik, auf die Verbesserung von Details: durch die Begrenzung
des Exkurses über die Entstehung des attischen Reiches seit 479 setzt er
Herodot sozusagen fort. Er wollte ihn bei der abschließenden Ausarbeitung
des I. Buches nicht, wie etwa Hellanikos, ersetzten, sondern er hat ihn durch
die sehr bewußte Ökonomie des I. Buches stillschweigend als den
Darsteller des Zeitalters der Perserkriege anerkannt[47].
Thukydides' vornehme Herkunft und der illustre Kreis, in dem Herodot sich
während seines Athener Aufenthaltes bewegte, machen eine Begegnung
durchaus wahrscheinlich - deshalb ist die Anekdote, der junge Thukydides sei
bei einer Vorlesung Herodots in Tränen ausgebrochen, mindestens gut
erfunden[48]. Sollte
er den Mann aus Halikarnass und sein Werk tatsächlich schon im Jahre 431
gekannt haben, dann hätte er ihn nur auf solche Weise kennenlernen
können[49].
Hinter den Tränen des jungen Mannes, wenn sie auch nur Rhetorenerfindung
sein sollten, steht im übrigen eine Interpretation von Thukydides' Werk,
die ein sehr wesentliches und in der Antike meist übersehenes Element des
Werkes berücksichtigt: die Herodot und Thukydides durchaus gemeinsame
Traurigkeit über den unabwendbaren Niedergang alles dessen, was einmal
aufgestiegen ist[50].
Thukydides' Begegnung mit Herodot ist für die Frage nach der Entstehung
seines Werkes allerdings nur dann wirklich von Bedeutung, wenn ihn die Kenntnis
des entstehenden Werkes besonders berührt haben sollte, anders gesagt:
wenn Thukydides' Lebensentscheidung ohne Kenntnis Herodots nicht denkbar
wäre oder doch entscheidend beeinflußt worden ist. Sollte er von
Teilen des herodoteischen Werkes zu seiner eigenen Arbeit angeregt worden sein,
würde er einer der ganz wenigen Zuhörer Herodots gewesen sein, der
die gewaltige geistige Leistung Herodots bei seiner kritischen Erkundung der
Vergangenheit gewürdigt hat. Er hätte dann ganz bewußt Herodots
"Entdeckung" auf den Berichtszeitraum übertragen, bei dem er eine
Reihe der dann von ihm sofort erkannten methodischen Probleme nicht gab: die
eigene Gegenwart und Zukunft des "Historikers". Der Einzigartigkeit von
Thukydides' Blick für Herodots Vorzüge und für die
schwächeren Seiten seiner Arbeitsweise, wie er sie schon im Jahre 431 oder
früher gesehen haben könnte, wird dadurch unterstrichen, daß er
es überhaupt für nötig hielt, die methodischen Probleme seiner
Arbeit zu erörtern[51]: Probleme, die Thukydides jedenfalls
erkannt hat, wann immer das war - erst in den zwanziger Jahren, nach der
"Veröffentlichung" des Werkes, oder gleich bei der ersten Vorlesung
Herodots.
Sollte das letzte zutreffen, hätte er als jungendlicher Hörer
Herodots einen besonderen Tiefblick bewiesen; die übrige Wirkung von
Herodots Vorträgen war ohne Zweifel bedeutend, aber doch ganz anderer Art
- man sah sich zur Ausarbeitung eigener Lokalgeschichten veranlaßt,
allerdings solcher, die Herodots Berichtszeitraum erneut abdeckten, und mit
besonderer Berücksichtigung der jeweiligen Anteilnahme am Sieg über
die Perser[52].
Soweit die trümmerhafte Überlieferung ein Urteil erlaubt, hat es kaum
einen vornehmen Athener unter Thukydides' Zeitgenossen gegeben, der sich
während seines politisch aktiven Lebens viel Zeit für eine
literarische Tätigkeit genommen hat, abgesehen selbstverständlich von
den verschiedenen Formen der Poesie. Ein Mann wie Kritias schreibt Verse, auch
solche politischen Inhalts; seine Prosaschriften sind aber nicht sehr
umfangreich gewesen und möglicherweise alle im Exil entstanden[56]. Was allenfalls zu
erwarten ist, spiegelt die zufällig unter Xenophons Werken erhaltene
kleine Schrift eines unbekannten Autors über die Verfassung der Athener
wieder, ein schnell geschriebenes Prosastück von heute wenigen
Druckseiten, eine für den Tag gedachte Flugschrift oder vielleicht
bloß ein Exposé für einen Kreis politisch Gleichgesinnter[57]. Weder vor noch nach
Thukydides hat es je einen aktiven athenischen Politiker gegeben, der sich
einer solchen zeitraubenden literarischen Aufgabe gestellt hat[58].
Welches Publikum mag er bei Beginn seiner Arbeit vor Augen gehabt haben? Die
Prosawerke, von denen wir wissen, waren mit Ausnahme von Herodots Werk alle
relativ kurz und richteten sich an ein Publikum, dem vorgelesen wurde. Nicht
nur die Poesie, sondern auch die Prosa ist in dieser Zeit an die
Mündlichkeit der Vermittlung gebunden gewesen; der "stille Leser" war
die seltene Ausnahme von der Regel[59]. Euripides ist einer der wenigen
Männer dieser Zeit, der als "Bücherwurm" gelten kann[60].
Thukydides war sich während seiner Arbeit des konventionellen Publikums
für literarische Arbeiten durchaus bewußt. Er hat dieses Publikum,
das sich immerhin die Zeit für Herodots neun Bücher genommen haben
muß, mit den berühmten Worten über die dauerhaften
Qualitäten seines Werkes, das nicht für das einmalige Hören
bestimmt sei, bemerkenswert abrupt abgelehnt[61]. So erklärt sich auch die
übellaunige Kritik an Hellanikos' Zeitrechnung und an anderen
Nachlässigkeiten: dahinter steht die Ablehnung derer, die Interesse an
Hellanikos' knapper, nur zweibändiger `attischer Geschichte' hatten und
sich offenbar bald nach der ersten "Veröffentlichung" um weitere
Abschriften kümmerten[62]. Ohne Zweifel gab es ein Publikum mit
historisch-antiquarischem Interesse. Die Athener hörten gerne etwas
über ihre ruhmvolle Vergangenheit[63], und auch in Sparta war der Sophist
Hippias mit seinen antiquarischen Vorträgen ein willkommener Gastredner[64]. Daß
Prosaschriften zu politischen Fragen ebenfalls Hörer hatten, beweist die
Schrift des Stesimbrotos von Thasos über einflußreiche athenische
Politiker[65].
Thukydides' Zurückhaltung bei der Publikumserwartung läßt sich
nur zum Teil durch die eigenartige Abgrenzung des gewählten
Berichtszeitraums erklären: sein Werk konnte ja erst nach Abschluß
des unabsehbar langen Krieges vollendet sein. Der Verzicht auf die Rezitation
einzelner Entwürfe von Teilen des Gesamtwerks widerspräche aber allen
sonst bekannten Gewohnheiten des antiken literarischen Lebens - ohne daß
man Thukydides daran notwendig messen muß. Eine Bekanntmachung im engsten
Kreis zum Beispiel der Bücher über den Archidamischen Krieg wäre
deshalb weniger überraschend als die strikte Zurückhaltung aller
Entwürfe vor der Fertigstellung des ganzen Werkes[66]. Auch die Tatsache, daß
Thukydides nach dem Abbruch seines Werkes gleich Fortsetzer gefunden hat,
läßt an eine gewisse Verbreitung des im Entstehen begriffenen Werks
durch Rezitationen denken. Hinweise darauf gibt es allerdings nicht, und die
schon erwähnte Bemerkung über die Dauerhaftigkeit seines Werkes
erlaubt durchaus den Schluß, daß Thukydides, entgegen allen
"Regeln" des damaligen literarischen Lebens, niemals eine Vorlesung
gegeben hat[67]. Beim
Fehlen aller Zeugnisse über die Wirkung seines entstehenden Werkes
während seiner eigenen Lebenszeit hat es wenig Sinn, darüber zu
spekulieren, ob Thukydides nicht doch zunächst auch auf das Interesse und
das Verständnis seiner Zeitgnossen gehofft hat. Der überraschende
Bruch mit der Tradition der mündlichen Vermittlung von Literatur und der
Verzicht sozusagen auf das Publikum Herodots könnte ja begründet sein
durch das unerwartete Exil des Autors[68]. Seit 424 hatte Thukydides auch beim
besten Willen keine Zuhörer mehr von dem in Athen vorauszusetzenden
Niveau, selbst wenn er sie gewollt hätte. Spätestens seit 424 schrieb
er wirklich mehr für die Nachwelt als für einen Kreis von
zeitgenössischen Kennern[69].
Dies sind Argumente, die Thukydides' Verzicht auf aktuelle Wirksamkeit
vielleicht biographisch erläutern könnten, doch spricht viel
dafür, daß dieser selbstbewußte Mann auch ohne den
äußeren Zusammenbruch seiner Existenz durch das Exil gar keinen Wert
legte auf seine Zeitgenossen als Leser und Hörer - nachträglich
gesehen vielleicht keineswegs zu Unrecht: das Publikum, das er haben wollte,
hat er erst in der Neuzeit gefunden[70].
Das Werk ist so kompliziert formuliert und gegliedert, daß es in der
jetzigen Form jedenfalls nur für sehr aufmerksame Leser gedacht gewesen
sein kann. Thukydides' esoterischer Verzicht auf ein zeitgenössisches
Publikum ist mit einiger Sicherheit nicht erst durch das Mißgeschick von
Amphipolis zu erklären, sondern stand bereits im Jahre 431 fest[71]. Die vergleichende
Frage nach der literarischen Tätigkeit seiner Standesgenossen, die ja
füreinander schrieben, stößt deshalb ins Leere, und viel spricht
dafür, daß Thukydides kein Interesse daran hatte, unter eventuellen
Zuhörern einen Fortsetzer seiner Kunst zu finden[72].
Die gewöhnlich zu lesende Meinung über seinen politischen Standort zu
Beginn des Krieges lautet, daß er sich in dem Jahrzehnt davor von der
eigenen kimonischen Familientradition, der stets ein Ausgleich mit Sparta am
Herzen lag, getrennt habe; Thukydides soll sich Perikles mit dem Eifer eines
Konvertiten zugewandt haben, voller Bewunderung für die intellektuelle
Brillanz des Mannes und überzeugt von den Vorzügen seiner imperialen
Politik[73]. Er wird
in dieser Deutung gleichgesetzt mit den unerfahrenen jungen Offizieren Athens,
die sich 431, wie er selbst berichtet hat, auf den großen Krieg und einen
schnellen Sieg freuen[74]. In dieser Interpretation wir er, mit
Wilamowitz' Worten, zum "Jüngling, der gehofft hatte, den Sieg Athens
mit dem Schwert zu erstreiten und mit der Feder zu verherrlichen"[75]. Von manchen Seiten
des perikleischen Athen ist Thukydides ohne Zweifel fasziniert gewesen[76]; die Annahme aber,
er habe zu Beginn seiner Arbeit in den Kategorien eines sicher zu erwartenden
perikleischen Sieges gedacht, ist nicht frei von Widersprüchen, wie zu
zeigen sein wird.
Für die Suche nach dem Thukydides des Jahres 431 ist seine
Selbstdarstellung entscheidend. Soweit der erhaltene Text des Werkes, dem
allerdings noch ein Drittel zur Vollständigkeit fehlt, eine Aussage
darüber erlaubt, hat Thukydides es sehr genau vermeiden, eine eigene
geistige Entwicklung über das Jahr 431 hinaus oder so etwas wie ein
"Dazulernen" durch die vielen ja nicht vorhersehbaren Ereignisse des
Krieges deutlich zu machen[77].
Seine intellektuelle Selbstsicherheit ist vergleichbar mit der
Unerschütterlichkeit eines Perikles, der, in Thukydides' Worten,
"immer derselbe bleibt" und sich im Gegensatz zur großen Menge nicht
durch die schlimmmen und unerwarteten Umstände des Krieges zu ephemeren
Meinungsänderungen hinreißen läßt[78].
Es könnte in dieser Hinsicht einen besonderen Sinn haben, wenn Thukydides
im sogenannten "Zweiten Vorwort", im V. Buch, als er die Fortsetzung
seiner Arbeit über den Nikiasfrieden des Jahres 421 hinaus ankündigt,
erklärt, daß er "derselbe Thukydides" sei, der jetzt mit seinem
Bericht fortfahre[79].
Diese Bemerkung ist keineswegs überflüssig, sondern als Hinweis zu
Thukyides' Methode zu verstehen: selbst das unerwartete Exil, das einen anderen
vermutlich gebrochen hätte[80], hat zu keiner grundsätzlichen
Veränderung seiner Perspektive geführt, vielmehr die Voraussetzungen
für sein Lebenswerk noch verbessert[81].
Thukydides hat Wert darauf gelegt, immer die richtige Anschauung von der
enormen Länge des Krieges gehabt zu haben, im Gegensatz zu den meisten
Zeitgenossen, die sich schwer taten, in den Kämpfen zwischen 431 und 404
eine innere Einheit zu erkennen[82]. Hält man sich an seine eigenen
Worte, so hat er von Anfang an von der Länge des Krieges
"gewußt" und von der Einheit aller seiner Abschnitte. Ohne jede
aufklärerische Ironie berichtet er von der einzigen Wahrsagung, die damals
in Erfüllung gegangen sei - daß der Krieg drei mal neun Jahre dauern
werde[83].
Diese Identität des jungen mit dem alten Thukydides in den Grundpositionen
seines Lebenswerkes gilt nicht zuletzt für seine Arbeitsweise. Es ist zwar
nicht strikt zu beweisen, daß ihm bereits bei der Anfertigung der
allerersten Notizen für die Vorgeschichte des Krieges die methodischen
Probleme seiner Arbeit vollkommen klar waren, doch zeigt sein Bericht über
die unmittelbare Vorgeschichte des Krieges immerhin, daß er schon damals
die Fragen gestellt haben muß und die Auswahl aus der Fülle seines
Materials traf, die ja immer ein historisches Urteil war, wie das auch im
weiteren Verlauf seiner Lebensarbeit der Fall gewesen ist. Seine Arbeitsweise,
einmal ganz abgesehen von der historischen Sinngebung des Themas, kann im Jahre
431, bei der Stoffsammlung für die zeitgeschichtlichen Abschnitte des I.
Buches, nicht viel anders gewesen sein als etwa bei den Nachforschungen
für den Stoff des VIII. Buches[84].
Bei der Frage nach dem jungen Thukydides geht es freilich nur am Rande um das
Problem einer eventuellen Entwicklung und Verbesserung seiner erstaunlichen,
nie wieder aufgenommenen Arbeitsweise, die ja nicht den Anstoß für
seinen Lebensplan gegeben haben kann. Wäre dies der Fall gewesen,
hätte Thukydides seine kritische Methode mit bedeutendem Erfolg auf die
griechiche Geschichte seit dem Ende der Perserkriege anwenden und so eine
Fortsetzung Herodots schreiben können - statt des Exkurses über die
griechische Geschichte seit 479, der jetzt im I. Buch steht. Was er als
"Antiquar" hätte leisten können, wenn er es nur für wichtig
gehalten hätte, verdeutlicht etwa der Exkurs über die
Tyrannenmörder im VI. Buch[85].
Die These von der grundsätzlichen Identität des jungen mit dem alten
Thukydides fordert den Einwand heraus, daß er bei der Formulierung seiner
Einleitung, vielleicht nach dem Nikiasfrieden des Jahres 421, spätere
Erkenntnisse zurückprojiziert hat in die Anfänge seiner Arbeit und
auf diese Weise den Eindruck einer perikleischen Unwandelbarkeit und
Selbsticherheit erweckt, der seiner tatsächlichen geistigen Entwicklung
gar nicht entspricht. Dagegen ist zu sagen, daß der erste Satz des Werkes
über den Beginn der Arbeit vom Autor selbst nicht als
"biographisches" Testimonium über seine Position im Jahre 431 gemeint
ist. Er hat diesen Satz, der hier als biographsiches Zeugnis ausgewertet wird,
allein aus methodischen Gründen geschrieben: es ging ihm um den Nachweis,
daß er wirklich gleichzeitig mit den darzustellenden Ereignissen
gearbeitet hat, da für ihn allein diese Arbeitsweise die richtige
Ermittlung der "Fakten" gewährliestete. Es ist schwer, dieses
Selbstzeugnis als anachronistische Selbststilisierung abzutun[86].
Die Antwort steht im ersten Satz des Werkes: "Er begann damit gleich beim
Ausbruch, in der Erwartung, der Krieg werde bedeutender werden und
denkwürdiger als alle früheren"[87]. Dies sind Worte, die sicher
später als 431 geschrieben worden sind, aber doch eine korrekte Aussage
über den Beginn der Arbeit machen sollen.
Die zeitgenössischen Urteile über die mögliche Kriegsdauer waren
im Jahre 431 ganz verschieden. In Sparta rechente die Kriegspartei mit einem
schnellen Erfolg[88].
Dem spartanischen König Archidamos, der sich gegen die
Kriegserklärung ausgesprochen hatte, wird von Thukydides die Bemerkung in
den Mund gelegt, der kommende Krieg werde noch der nächsten Generation
vererbt werden müssen[89].
In Athen gab es neben den Optimisten[90] auch ängstliche Gemüter, die
Priestersprüche zitierten, nach denen der Kampf drei mal neun Jahre dauern
werde, eine ziemlich exakte Vorhersage[91]. Da Thukydides bei Beginn seiner
Arbeit einen sehr langen Krieg erwartet hat, wäre es überraschend,
ihn im Lager der athenischen "Falken" zu finden. Es versteht sich
andererseits, daß Perikles nur eine begrenzte Kriegsdauer im Auge hatte;
darüber später[92].
Die Größe des Krieges hat Thukydides in den seinem Eingangssatz
folgenden Kapiteln, der sogenannten "Archäologie", durch einen
Vergleich mit den früheren Kriegern der griechischen Geschichte zu
beweisen versucht. Die Größe von Kriegen ist für ihn nicht nur
an die Zahl der beteiligten Truppen, sondern auch an die Länge des Kampfes
gebunden; er hat demnach schon 431 eine Kriegsdauer zumindest für
möglich gehalten, die den angeblich zehnjährigen Krieg um Troja
übertreffen würde, ganz zu schweigen von den wenigen Schlachten der
Perserkriege[93].
Thukydides bemißt die Größe eines Krieges auch am Ausmaß
der zu erwartenden Leiden; er schreibt zum Abschluß seiner Einleitung[94]:
"Von allen früheren Taten war also die bedeutendste der Perserkrieg, und doch kam dieser in zwei Seeschlachten und zweien zu Lande rasch zur Entscheidung, während dieser Krieg schon der Dauer nach sich lang ausdehnte und so vielerlei Leiden damals über Hellas hereinbrachen wie sonst nie in gleicher Zeit. Nie wurden so viele Städte erobert und entvölkert, teils durch Barbaren, teils in gegenseitigen Kämpfen, manche bekamen sogar nach der Einnahme eine ganz neue Bevölkerung; nie gab es so viele Flüchtlinge, so viele Tote durch den Krieg selbst und in den Parteikämpfen"[95].
Diese Worte fassen Erfahrungen zusammen, die Thukydides im Jahre 431
höchstens erwarten konnte, zeigen aber, was schon damals einen Krieg
für ihn "groß" und "berichtenswert" machte. Nicht um die Siege
geht es, sondern um die Katastrophen, die über Hellas hereinbrechen werden
- wohlgemekrt nicht allein über Athen und Sparta[96].
Veträgt sich die Vorstellung von Thukydides als einem jugendlichen
Bewunderer des Perikles mit dem Projekt, einen Krieg beschreiben zu wollen,
dessen Leidensfülle die Kriege Homers und Herodots übertreffen
würde ? Unbeschadet der Anerkennung, die Thukydides den überragenden
Fähigkeiten des Perikles noch in einer nach dem Zusammenbruch Athens im
Jahre 404 geschriebenen Notiz zuerkannt hat[97], kann er kein volles Vertrauen in
Perikles' Kriegsplan gehabt haben, wenn er sich gleichzeitig an das Projekt
einer so begründeten Kriegsbeschreibung gewagt hat: Leiden von epischem
Ausmaß wenn es ja gerade, die Perikles mit seiner genau kalkulierten
Defensivstrategie vermeiden wollte[98]. In den Reden, die Thukydides ihm in
den Mund gelegt hat, kommen Vokabeln aus diesem Wortfeld nicht vor, im
Unterschied zum begleitenden Faktenbericht. Für Perikles selbst scheint
dieser Aspekt des Krieges nicht zu existieren oder wenigstens nicht
erwähnenswert zu sein[99].
Für den Erfolg seines Plans mußte Perikles sogar eine kalkulierbare
Kriegsdauer im Auge haben, denn er wußte keinen adäquaten Nachfolger
hinter sich und war im Jahre 431 über 60 Jahre alt[100]. Der Erfolg seiner
Abnutzungsstrategie war gebunden an eine ausreichende finanzielle Rücklage
Athens, die nach dem Zeugnis von Thukydides' Angaben und den erhaltenen
Inschriften wenig länger als fünf Jahre halten konnte, wollte man
nicht den Tribut der Bündner drastisch erhöhen und Athens Herrschaft
noch drückender machen[101].
Ein anderes Motiv des ersten Kapitels kommt hinzu, das die Vorstellung
erschwert, Thukydides habe sozusagen als Perikles' Leutnant zu schreiben
begonnen. Wie dachte er über die Dauerhaftigkeit des attischen Reiches ?
Seinen Entschluß, den kommenden Krieg zu beobachten und darzustellen
erklärt er im ersten Kapitel auch mit der schon in das Jahr 431 datierten
Erkenntnis, daß die gegnerischen Mächte auf der Höhe ihres
militärischen, im thukydideischen Sinne zugleich ihres zivilisatorischen
Potentials standen. Die "Akme" der kriegsführenden Parteien ist,
nimmt man Thukydides hier so genau, wie er es von seinen Lesern erwartet hat,
eine nicht mehr zu übertreffende Steigerung und trägt die Erwartung
eines Abschwungs in sich[102]. Daß "des attischen Reiches
Herrlichkeit" nicht ewig währen könne, ist eine Anschauung, die
Thukydides sogar Perikles selbst in seiner letzten Rede, im Jahre 430,
ausssprechen läßt, im Zusammenhang einer Aufforderung, über alle
die schmerzlichen Opfer für die Heimatstadt den Ruhm zu setzen: "... denn
es liegt im Wesen aller Dinge, auch einmal abzunehmen"[103]. Soweit die Interpreten diese
Bemerkung über die Vergänglichkeit auch des attischen Reiches
überhaupt ernstnehmen[104], wird sie als ganz später
Zusatz in den Entwurf einer früher geschriebenen Rede verstanden, als
"neue" Erkenntnis des Historikers nach der unerwarteten Niederlage[105].
Bei Berücksichtigung von Thukydides' methodischer Erläuterung zur
Authentizität der von ihm eingefügten Reden ist es zwar möglich,
daß Perikles diesen Gedanken nicht in öffentlicher Rede und bei
dieser Gelegenheit verraten hat, doch ist die Bemerkung mit Sicherheit so zu
deuten, daß Thukydides der Meinung war, Perikles habe zum Zeitpunkt der
Rede, im Jahre 430, in Wahrheit so gedacht, und daß zur Verdeutlichung
seiner Politik in jenen Tagen auch diese Bemerkung in die letzte Rede
gehörte[106].
Der Furcht vor einem möglichen Niedergang entspricht Perikles' Warnung vor
jeder expansiven Kriegsführung. Sein Wunsch angesichts des Krieges ist es
nur, der folgenden Generation das Erreichte wenigstens ungeschmälert zu
vererben[107], ein
Ziel, das in seltsamem Widerspruch zu Perikles' eigenem Streben nach
unsterblichem Ruhm steht und von Thukydides wohl auch als Widerspruch
dargestellt sein soll[108].
In den Kapiteln des I. Buches zur griechischen Frühgeschichte, der
sogenannten "Archäologie", hat Thukydides vom Aufstieg und vom
Verfall politischer und militärischer Macht gesprochen. Mit keinem Wort
ist dort angedeutet, daß die Entwicklung von Perikles' Athen sich den dort
weniger ausgesprochenen als dargestellten Gesetzen entziehen kann. Der
Vergleich der Machtpotentiale von 431 setzt ja schon den Vergleich mit den
Mächten der Vergangenheit voraus, die sich ihrerseits dem von Perikles'
erwähnten Naturgesetz nicht entziehen konnten: daß man einst die
Mauern Athens wie die von Mykene bestaunen würde, ist ein beiläufiges
Ergebnis von Thukyides' Vergleich des kommenden Krieges mit den früheren
Kriegen[109].
Die große Bedeutung des Verfallmotivs innerhalb des Gesamtwerks
könnte man schließend erst mit der Kenntnis von Thukydides'
Schlußwort beurteilen, bei dem er, entsprechend eienr Tendenz, die im
VIII. Buch deutlich wird, mit seinem eigenen Urteil wohl nicht so
zurückhaltend gewesen wäre[110]. Um aber kein
Mißverständnis aufkommen zu lassen - der Verfall des attischen
Reiches hat nichts mit einem göttlichen Verhängnis zu tun, jedenfalls
innerhalb der erhaltenen Darstellung. Der Verfall, wie er bis zum VIII. Buch
geschildert wird, ist nicht eine Folge göttlichen Ratschlusses, sondern
menschlicher Fehler.
Am Ende dieses Krieges, der in Thukydides' Werk mit so vielen Reden
geführt wird, ist nur noch Krieg, ohne viele Worte. Wenn er im VIII. Buch
keine direkte Rede mehr eingeführt hat, wird das nicht allein an der
mangelnden Ausarbeitung liegen[113], sondern auch daran, daß sich
durch die Einwirkung des Krieges auch die Bedeutung politischer Rede gewandelt
hat: sie ist nicht mehr so wichtig für die von Thukydides angestrebte,
klare Erkenntnis' des politischen Geschehens wie in den ersten Büchern[114]. Im Jahre 404
kommen die athenischen Diplomaten, die im Jahre 431 noch lange Reden halten,
gar nicht zu Wort[115].
Die Ansicht, daß Thukydides von Anfang an diese hier skizzierte Auffassung
von der Geschichte seiner Zeit hatte, stützt sich nicht nur auf seine
Selbstdarstellung in der Einleitung des Werkes. Die These, daß der Gedanke
an die Schrecken des kommenden Krieges zu den wichtigsten Anstößen
für den Lebensplan gehört hat, läßt sich noch durch eine
Betrachtung des Tatsachenberichts der ersten vier Bücher erhärten,
der auf jeden Fall zur frühesten Schicht des Werkes gehört. Wenn sich
an den ersten vier Büchern zeigen läßt, daß sich
Thukydides' Faktenauswahl ganz einseitig auf die Schrecken des Krieges
konzentriert und alles vermeidet, was den Kämpfen die jener Zeit durchaus
vertrauten heldenhaften Züge hätte verleihen können, so liegt
die Vermutung nahe, daß diese Sicht seine Auswahlkriterien von Anfang an
bestimmt hat[116].
Gerade in der Auswahl der berichteten Fakten zeigt sich in diesem Teil des
Werkes bei Thukydides das historische Urteil, und nur ganz selten in
persönlich vorgebrachten Urteilen.
Bei der Interpretation von Thukydides' Werk als der Geschichte des bis dahin
größten, weil auch längsten und fürchterlichsten Krieges
ist freilich der Einwand vorwegzunehmen, daß es sich bei diesem
Größenvergleich um eine Art rhetorischer Figur handelt, wie sie schon
bei Herodot zu finden war und bei vielen späteren Historikern dann zum
sinnentleerten Topos geworden ist. Thukydides' Größenvergleich wird
gewöhnlich in diese Tradtion gesetzt[117]. In der Thukydides-Forschung ist vor
den Arbeiten Arnold Gommes und einem Vortrag Karl Reinhardts aus dem Jahre 1943
niemals auch nur der Versuch gemacht worden, den Größenvergleich
ernstzunehmen und zu prüfen, in welchem Maße der Krieg mit seinen
Schrecken Thukydides überhaupt berührt hat[118]. Gomme und Reinhardt haben wohl nur
einen Vorgänger, Jacob Burckhardt, der in seiner "Griechischen
Kulturgeschichte" einen ganz überraschenden Blick für Thukydides als
Historiker des Krieges hat, und übrigens auch für den verschwiegenen
Kritiker der perikleischen Athen [119].
In den ersten vier Büchern hat Thukydides das Kriegsthema ganz anders
behandelt als die spätere rhetorische Geschichtsschreibung. Seine
Darstellung, die ja für wiederholtes Lesen gedacht ist, nicht für
einmaliges Zuhören, verlangt größere Aufmerksamkeit beim
Aufspüren dieses Leitmotivs. Bei der Aufzählung der folgenden, der
Zahl nach nicht sehr eindrucksvollen Beispiele ist auch zu beachten, wie sehr
knapp der Faktenbericht als ganzer in den ersten vier Büchern ist,
verglichen mit den oft sehr langen Reden.
Im I. Buch, der Darstellung der Vorgeschichte und des Kriegsausbruchs, ist das
Kriegsthema nur an wenigen Stellen hörbar, sieht man ab von der
höchst kriegerischen `Archäologie' und dem Exkurs über den
griechischen Machtkampf seit 479. In die Schilderung der Seekämpfer bei
Kerkyra, die durchaus zum Größenvergleich einluden[120], flicht
Thukydides dann schon militärische Details ein, die angesichts der sonst
knappen Darstellung unnötig sind zum Verständnis des Kampfgeschehens,
aber die Grausamkeit gerade der Kriegführung von Griechen gegen Griechen
unterstreichen[121].
Herodots Kämpfer hatten solche Schlachten gegen die Truppen des
Perserkönigs zu schlagen gehabt.
Mit dem II. Buch beginnt die eigentliche Kriegsdarstellung. Thukydides'
persönliches Urteil über die Kriegstreiber auf beiden Seiten klingt
an in dem Hinweis auf die Unerfahrenheit der kriegslustigen Jugend[122]. Beim Abbruch der
diplomatischen Verhandlungen zwischen Athen und Sparta legt Thukdides dann dem
spartanischen Herold Worte in den Mund, deren Vorbild bei Homer und Herodot zu
finden war: "Mit dem heutigen Tag beginnt für Hellas großes
Unheil[123]";
für alle Griechen, nicht nur für Athen und seine Verbündeten.
Dieses Unheil trifft gerade Athen gleich zu Beginn des Krieges unerwartet hart.
Bemerkenswert ist der von Thukydides aufgebaute Kontrast zwischen Perikles'
ausgeklügelter Defensivstrategie, zu der auch gehörte, die Athener
von ihren Dörfern hinter die Festungsmauern Athens zu holen, und dem auf
den ersten Blick seltsam ausführlichen Exkurs über die alte
Siedlungsweise weit weg vom Stadtkern[124]. Es geht Thukydides hier um den
Schmerz vieler Athener, ihre Lebensweise dem Gesetz des Krieges anpassen zu
müssen, ein Schmerz, der für Perikles nicht sehr erheblich ist[125].
Auch eine Folge von Perikles' angeblich risikoarmer Strategie ist die Pest, die
Athen gleich im zweiten Kriegsjahr heimsucht; diese Seuche kann ja erst wegen
der kriegsbedingten Wohnverhältnisse innerhalb der Mauern so schreckliche
Ausmaße annehmen[126].
Am Beispiel der von ihm miterlittenen Krankheit führt Thukydides die
Brüchigkeit fast aller sittlichen Normen unter äußerem Druck vor
Augen - schon im Jahre 430[127]. Die Seuche muß für ihn
ein Schlüsselerlebnis gewesen sein, das ihn veranlaßt hat, in
keineswegs selbstverständlicher Breite den moralischen Zusammenbruch eben
der Athener zu schildern, an die sich Perikles mit seiner Grabrede gewandt
hatte[128]. Bei der
Schilderung der Zustände im belagerten Athen des Jahres 405 hätte
Thukydides wohl kaum eine Steigerungsmöglichkeit der Darstellung gehabt.
Seine ungewöhnliche Sensibilität für den Zusammenbruch des
Jahres 430 wird noch dadurch unterstrichen, daß die Folgen dieser Seuche
unter Kriegseinwirkung keine vergleichbaren literarischen Spuren bei anderen
Zeitgenossen hinterlassen hat[129].
Auch beim Bericht über die anderen Kriegsschauplätze setzt Thukydides
Akzente, die seine Erkenntnis unterstreichen sollen, daß dieser Krieg von
Anfang an der größte war, gemessen nicht am Heldentum der
Kämpfer und der Hoheit der Kriegsziele, sondern gemessen am Maß der
Leiden und an der Erbarmungslosigkeit der Kombattanten. Athener und Spartaner
bringen ihre Gefangenen gleich im ersten Kriegsjahr um, wider alle
militärischen Konventionen der Zeit, wenn sich dies durch irgendeinen
augenblicklichen Nutzen begründen läßt[130]. Überhaupt muß betont
werden, daß die Schrecken des Krieges für Thukydides ein
gemeingriechisches Phänomen gewesen sind. Es gibt bei ihm keinen
verbindlichen Hinweis darauf, daß er eine der kriegführenden Parteien
für prinzipiell "besser" oder "schlechter" gehalten hat[131].
Die Bedeutung, die er dem Motiv der Verrohung im Kriege beigemessen hat, wird
aus einer Bemerkung im II. Buch deutlich, als er ganz knapp über das Ende
der Belagerung von Poteidaia im Jahre 429 berichtet. Hier erwähnt er,
daß die von Athen belagerten Einwohner sich so erbittert wehrten, daß
sie zur Befriedigung ihres Hungers auch vor dem Kannibalismus nicht haltmachten
- nur, um sich nicht dem verhaßten Feind ergeben zu müssen[132]. So etwas wird
bei den Städtebelagerungen der Antike noch öfter vorgekommen sein,
doch haben spätere Historiker das Motiv des Kannibalismus bei der
Schilderung einer Belagerung nur bei der Darstellung afrikanischer
Söldner, spanischer Barbaren, oder syrischer Sklaven zugelassen[133]. Thukydides
verwendet es für seine Darstellung des Kampfes von Griechen gegen
Griechen.
Das III. Buch beginnt mit dem Versuch Mytilenes im Jahre 428, sich der
athenischen Herrschaft zu entziehen. Nach der Aufdeckung der Rebellion ist das
Schicksal der Stadt, verglichen mit späteren Ereignissen dieser Art, immer
noch viele Diskussionen in der athenischen Volksversammlung wert, und es bedarf
eines Kleon, für Thukydides eines der ersten schlimmen Produkte dieses
Krieges[134], ein
pauschales Todesurteil durchzusetzen. In diesem Jahr 428 wird das, wie
Thukydides ausdrücklich hinzufügt, noch als grausam empfunden und das
Urteil wird gerade noch rechtzeitig widerrufen[135]. Die berühmte Debatte zwischen
Kleon und Diodotos, die Thukydides viele Seiten wert war und zur Aufhebung des
Urteils führte, ist aber nicht als Dokument der Menschlichkeit der Kriege
gemeint - es wird etwas zu bedeuten haben, daß gerade Diodotos ein
völlig unbekannter Mann ist, der nur bei Thukydides genannt wird[136]. Die Debatte soll
vor allem zeigen, wie unmenschlich die Ausübung der Macht schon im Jahre
428 geworden ist - den durch den athenischen Imperialismus geschaffenen
Zwängen läßt sich nur um den Preis der Selbstaufgabe entrinnen[137]. Die Behandlung
von Melos und Skione ist später, jedenfalls innerhalb der von Thukydides'
Kriterien bestimmten Darstellung, keine Reden zwischen einem Kleon und einem
Diodotos mehr wert[138].
Im III. Buch spricht Thukydides' auch vom Schicksal der Platäer, die sich
nach langer Belagerung den Spartanern im Jahre 426 unter der Bedingung freien
Abzugs ergeben hatten, die Spartaner lassen die Platäer gegen alle
Vereinbarungen hinrichten. Sie stehen hier als Vollstrecker ihrer
Nützlichkeitserwägungen um nichts günstiger da als Kleon und die
Seinen[139].
Im Sinne des eben nicht bloß rhetorischen Größenvergleichs ist
es von Bedeutung, wenn Thukydides mit überraschendem Detail über das
Schicksal des eroberten Plataiai schreibt, das im griechischen Freiheitskampf
gegen den Perserkönig ja besonders tapfer gewesen war[140]:
"Später aber rissen sie die Stadt ganz nieder, bis auf den Erdboden und bauten aus den Grundsteinen beim Heratempel eine Herberge von zweihundert Fuß im Geviert, mit Zimmern ringsum unten und oben und verwendeten dazu die Dachsparren und Türen aus Plataiai. Mit dem anderen Gerät, das sich in der Stadt fand, stellten sie Betten her und weihten das ganze der Hera[141]."
So geschehen im Jahre 426, erst vier Jahre nach Ausbruch eines Krieges, der 27
Jahre dauern sollte - beinahe schon ein Ausblick auf die Debatte über die
Schleifung Athens[142].
Ebenfalls in das III. Buch hat Thukydides den Exkurs über den
Bürgerkrieg auf Kerkyra eingefügt[143]. Hier spricht er ausnahmsweise
selbst, ohne sich, wie sonst, nur durch die Auswahl und die Gliederung seines
Materials zu erklären. Bereits im Jahre 426 diagnostiziert er
Zustände, die schlimmer waren als zu Urzeiten[144]. In der Regel wird angenommen,
daß Thukydides in diesen Kapiteln auch Eindrücke aus späteren
Bürgerkriegen verarbeitet hat, doch sagt es eine ganze Menge über
seine Beurteilung schon der ersten Kriegsjahre, daß er diesen Exkurs
gerade hier, bei der ersten Gelegenheit, eingefügt hat; im Sinne einer
literarischen Steigerung hätte er sich diesen Exkurs für die
Schilderung Athens am Ende des Krieges vorbehalten können[145].
In diesem Exkurs steht auch Thukydides' Urteil über die, wie er es sah,
ausschließlich verheerenden Wirkungen des Krieges auf die Menschen[146]:
"Im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick[147]."
Durch die Kriegführung der Jahre 425 und 424 ist es bedingt, daß
Thukydides im IV. Buch nur wenige Akzente im Sinne seines
Größenvergleichs setzen kann. Im Zusammenhang dieser Thematik
besonders wichtig ist die Weigerung der Böoter nach der Schlacht am Delion
im Jahre 424, den Athenern ihre Gefallenen zur Bestattung auszuliefern.
Thukydides hat dem diplomatischen Disput darüber ungewöhnlich breiten
Raum gegeben, weil sich die Böoter damals über die
alltäglichsten Regeln der griechischen Kriegsführung hinwegsetzen[148].
Siegesfeiern fehlen in diesem Werk; Thukydides setzt lieber Akzente bei den
Niederlagen[152]. Es
ist gar nicht so einfahc, seine eigene Antwort auf die Frage zu ermitteln,
wofür die Athener, die Spartaner und alle die anderen eigentlich sterben.
herodots Helden fallen für die griechische Freiheit[153].
Von Anfang an ist Thukydides ein einseitiger, keineswegs "objektiver"
Beobachter, der alles das aus seiner Darstellung ausgeblendet hat, das nicht
seiner Vorstellung von einer Welt entspricht, in der die Politik eine
Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, und nicht umgekehrt[154]. Die im Jahre 431
gewählte Form der "Kriegsmonographie" hat nichts mit einem ja immerhin
möglichen Desinteresse an Herodots Themenfülle zu tun, sondern ist
bereits ein Urteil über die eigene Zeit - was für Herodot noch
berichtenswert war, ist es für Thukydides nicht mehr. Es könnte einen
tieferen Sinn haben, wenn Thukydidies über zwei wichtige Gestalten aus
Herodots Berichtszeitraum, Themistokles und Pausanias, recht herodoteisch
schreiben kann, sich aber dieses Stilmittel für die Darstellung der
eigenen Zeit versagt[155].
Im Sinne dieser so verstandenen Themenstellung ist das Urteil, daß der
"Archidamische Krieg" allein ein gleichgültiger und unergiebiger
Gegenstand für eine "historische" Monographie gewesen wäre, nicht
richtig[156]. Dieses
Urteil setzt nämlich bei Thukydides die Anwendung von Auswahlkriterien
voraus, die er gar nicht hatte; er hat einen eigenen Maßstab für das,
was berichtenswert sein soll.
Dem ersten Satz von Thukydides ist zu entnehmen, daß von Anfang an der
kommende Krieg sein Thema war, nicht etwa der künftige Sieg Athens. Dem
Kriegsthema ordnen sich die anderen wichtigen Elemente seines Werkes zu, die
gewöhnlich im Mittelpunkt des Interesses stehen und Thukydides zu einem
mehr oder weniger mißverstandenen Vorläufer und Vorbild der modernen
politischen Geschichtsschreibung gemacht haben[157].
Wenn er die Größe des von ihm darzustellenden Krieges so betont hat,
handelt es sich nicht um eine leere Formel. Das hier für die ersten vier
Bücher verdeutlichte Leitmotiv der menschlichen Verrohung im Kriege
läßt nur den einen Schluß zu, daß Thukydides Krieg, Gewalt
und Grausamkeit geradezu leidenschaftlich verabscheut hat. Zu dem, was sich
hinter seiner scheinbaren Objektivität verbirgt, gehört auch das
Entsetzen über das, was er sich zu schildern vorgenommen hat. Wenn allein
individuelle Züge Thukydides' Weg zur Geschichtsschreibung erklären
können, so ist an erster Stelle seine unvergleichliche Sensibilität
für das zu nennen, was seit 431 in Griechenland geschieht[158]. Vergleichbares
über den Krieg gibt es im 5. Jahrhundert nur in der Poesie, etwa beim
späteren Euripides[159]. Es gibt keinen einzigen antiken
Historiker, der Thukydides in seinem Erschrecken vor der eigenen Zeit auch nur
nahe kommt; auch dies gehört zu den Gründen, warum niemand mehr in
der Antike seine "Geschichtsschreibung künftiger Ereignisse"
nachgeahmt hat.
Die antiken Leser haben Thukydides vermutlich nicht in dem Sinne verstanden,
daß er sich von seiner Darstellung des Krieges zwischen den Peloponnesiern
und Athen irgendeinen praktischen Nutzen versprochen hat[162]. Erst spätere Historiker haben
sich offen zu einem didaktischen Ziel ihrer Werke bekannt[163]. Soweit der Exkurs über die
Pest, die er so präzise beschrieben hat, einen Nutzen haben sollte, ging
es Thukydides zunächst um eine künftig verbesserte Erkenntnis von
Krankheiten, nicht notwendig auch um ihre Heilung[164].
Die Auffassung, Thukydides habe an einen praktischen Nutzen seines Werkes
gedacht, liegt vor allem bei der Voraussetzung nahe, der junge Mann habe
ursprünglich, bei Beginn der Arbeit, den Triumph der perikleischen
Staatskunst schildern wollen: Thukydides könnte sich in diesem Falle
künftige Politiker Athens oder ganz Griechenlands als konzentrierte Leser
gewünscht haben. Bei Berücksichtigung der Anerkennung für
Perikles' intellektuelle Brillanz wäre der so verstandene Nutzen aber doch
an einen atheinischen Sieg gebunden gewesen. Aus Fehlern läßt sich
natürlich auch lernen, doch konnte die Katastrophe Athens am Ende der
langen Kriegsbeschreibung nicht sehr ermutigend sein für Adepten der
perikleischen Staatskunst[165]. Am Ende sind es die "dummen"
Peloponnesier, die den Krieg gegen die "intelligenten" Athener gewinnen[166]. Rezepte für
künftiges besseres Verhalten in wenn nicht gleichen, dann vielleicht
analogen Situationen sind aus Thukydides' Werk nur in einem höchst
allgemeinen Sinne zu lernen[167]. Selbst Männer wie Themistokles
und Perikles waren nicht in der Lage, ihre Überlegungen und Kalkulationen
von pötzlichen Zufällen unabhängig zu machen[168].
Sollte Thukydides aber doch im Jahre 431 ein Werk zum Erlernen der Staatskunst
angestrebt haben, dürfte es ihm schwergefallen sein, den Sinn des Werkes
im Jahre 404 ähnlich zu begründen. Durch das maßlose Ausufern
des Konflikts hätte das "Lehrstück" perikleischer
Rationalität seine Überzeugungskraft verloren; Thukydides' Lebenswerk
wäre dann über seinen vielleicht einmal geplanten Zweck
hinausgewachsen - der Krieg als "gewalttätiger Lehrer" selbst für die
Geschichtsschreibung. In diesem Falle müßte der Anfangssatz des
Werkes freilich als anachronistisch und geradezu irreführend bezeichnet
werden. Hatte Thukydides nicht einen großen und langen Krieg von
unerhörter Leidensfülle erwartet und deshalb mit seiner
gleichzeitigen Arbeit begonnen ?[169].
Auch nach den hier vorgetragenen Überlegungen zur Position schon des
jungen Thukydides als Historiker vor allem des Krieges und seiner
zerstörerischen Wirkung fällt die Annahme schwer, er habe so etwas
wie ein Lehrbuch für künftiges politische Verhalten im üblichen
Sinne schreiben wollen. Da sich die Menschen in Thukydides' Darstellung seit
den in der "Archäologie" beschriebenen Epochen nicht wesentlich
geändert haben und er auch von der Unveränderlichkeit der
menschlichen Natur gesprochen hat, werden wir allerdings wieder auf die Frage
nach dem von ihm selbst betonten "Gebrauchswert" des Werkes
zurückgeführt - soweit dieser Wert vielleicht doch über die
genaue Erkenntnis der Vergangenheit durch die künftigen Leser hinausgehen
sollte.
Wenn dem Werk als Ganzem - einschließlich des verlorenen letzten Drittels,
für das es Vorarbeiten in irgendeiner From gegeben haben muß[170] - eine Lehre
für die Zukunft zu entnehmen gewesen wäre, dann mit Sicherheit
mindestens die vom notwendigen Untergang alles dessen, was einmal gewachsen
ist. Nicht ohne Grund hat Thukydides dem Epitaphios die Pestbeschreibung folgen
lassen, und es ist kein Zufall, daß er mit den Büchern über die
sizilische Expedition der Gründer und zugleich der Vollender dessen ist,
was "tragische" Geschichtsschreibung genannt werden kann[171].
Die politische Lehre des Thukydides ist alles andere als ermutigend, wenn man
bedenkt, daß sich das, was in der "Archäologie" und im
Gesamtwerk als gewalttätige Abfolge von politischen Mächten
dargestellt war, ohne "zyklisch" zu sein, in eine unabsehbare Zukunft hinein
fortführen soll. Oder wollte Thukydides, früher oder später in
seinem Leben, mit seinem Werk nicht nur die Erkenntnis der Vergangenheit
sichern, sondern auch dafür sorgen, daß niemals mehr ein Thema wie
das seine bearbeitet zu werden brauchte ?
Thukydides wird zitiert nach der Ausgabe von H. Stuart Jones und J.E. Powell (Oxford 1942), sowie in der Übersetzung von G.P. Landmann (2. überarb. Aufl. Zürich 1976).