Theodor Mommsen und Wilamowitz

Erschienen in: Wilamowitz nach 50 Jahren. Hrsg. von William M. Calder III, Hellmuth Flashar und Theodor Lindken. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1985. S. 31-55.

Prof. Dr. Jürgen Malitz
Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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1.

Eheschließungen junger Wissenschaftler mit Professorentöchtern sind im 19. Jahrhundert keine seltenen Verbindungen; so ist die Hochzeit der ältesten Tochter Mommsens mit Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff im Jahre 1878 als solche gar nichts Bemerkenswertes. Der wissenschaftliche Rang von Schwiegervater und Schwiegersohn gibt dem persönlichen Verhältnis zwischen den beiden freilich ein besonderes Interesse. Der zum größten Teil erhaltene Briefwechsel[1] und andere Zeugnisse erlauben die Prüfung der Frage, in welchem Maße Wilamowitz von Mommsen Anregung und Förderung für die eigene Arbeit gewonnen hat, und welchen Eindruck Mommsen im Laufe der Jahre auf ihn machte. Wilamowitz war nach Herkunft und Wesensart ganz anders als die übrigen Männer aus der engeren Umgebung Mommsens, denen er etwas von seinen persönlichsten Gedanken und Gefühlen zu erkennen gab. Der Nähe zu Mommsen verdankt der Jüngere nicht nur wissenschaftliche Bereicherung; diese Nähe ließ ihn auch zu Einblicken kommen, die ihm unangenehm waren, die ihn Sprünge und Risse in der reichen Natur Mommsens erkennen ließen, zu denen er keinen Zugang haben wollte - die er aber auch nicht für alle Zeiten verschwiegen hat.

2.

Die "prähistorische" Epoche der Beziehungen, die der Schwiegervater mit der Verlobung am 14. April 1878 enden läßt[2], beginnt genaugenommen nicht erst durch die Begegnung in Italien im Jahre 1873, sondern schon während Wilamowitz' Schulzeit. Wilamowitz hat später mehrfach darauf hingewiesen, die "Römische Geschichte" bereits in Obersekunda, im Jahre 1865, mit Begeisterung gelesen zu haben, durch eine Empfehlung des verehrten Lehrers Carl Peter. Er hatte sich früher kritisch über Mommsens Werk geäußert[3], meinte aber, daß die "Römische Geschichte" ein sinnvolles Geschenk für den jungen Wilamowitz sein werde[4]:

"Trotz dieser Abneigung (sc. gegen Mommsen) hat er meiner Mutter empfohlen, als ich Obersekundaner war, mir Mommsens "Römische Geschichte" zu schenken, die mich gleich gefangennahm, auch in ihrer Ungerechtigkeit gegen Cicero, der daher lange vernachlässigt blieb."

Wie sehr ihn die Lektüre damals fasziniert hat, beweist auch die Übernahme einer Übersetzung Mommsens von Euripides-Versen in der Valediktionsarbeit vom Jahre 1867 [5]. Die "Römische Geschichte" hat zu den großen Leseerlebnissen seiner Jugend gehört. Mommsen ist eigentlich der einzige "moderne" wissenschaftliche Autor gewesen, der seine Aufmerksamkeit in diesem Maße erregt hat[6].

Im September 1867 verließ Wilamowitz Schulpforta. "Der Mulus zog nach Bonn und suchte im Nebel seinen Weg."[7]. In Bonn fühlte er sich besonders von Otto Jahn angezogen, selbst ehemaliger "Pförtner" und ein enger Freund Mommsens[8]. Nichr nur bei ihm wird Gutes über Mommsen zu hören gewesen sein: Jacob Bernays zählte ihn zu den Autoren, von denen man "alles" lesen müsse[9]. In einem Brief an den Schwiegervater schreibt Wilamowitz später über seine Bonner Semester[10]:

"Ich versichere Dir, daß ich als Student weder die anderen Abhandlungen der "Röm. Forsch. I" noch die "Rechtsfrage", noch irgend ein Buch über griechische Dinge der Art sonst ertragen konnte, also auch nicht las (den "Staatshaushalt" ausgenommen, wo die Masse des Details anzog): aber das Gastrecht gab mir einen Begriff, wie so etwas sein müßte. Das verstand ich und das weckte ein Interesse, das sonst im Reiche der Poesie fast ausschließlich befangen war."

Das Ende des Bonner Studiums war durch den äußeren Zufall von Jahns Tod im September 1869 bedingt. Die Wahl Berlins zum Studienort mag durch familiäre Erwägungen erleichtert worden sein; die Universität selbst war es nicht, die ihn anzog. Eine Vorlesung bei Mommsen hat er nicht gehört. "Mommsens Reich lag mir noch zu fern; er war auch oft auf Reisen für seine Inschriften."[11] Im Lebenslauf der Dissertation sind Carl Peter und Jahn die Persönlichkeiten, die besonders hervorgehoben werden. Für die Ehrlichkeit (und das Selbstbewußtsein) des Doktoranden spricht es, daß der von ihm nicht sehr geschätzte Moriz Haupt, der Hauptgutachter der Arbeit, nur in der alphabetischen Reihenfolge der akademischen Lehrer genannt wird[12].

Zur persönlichen Begegnung mit Mommsen ist es erst nach Wilamowitz' Rückkehr aus dem Deutsch-Französischen Krieg gekommen, in der zweiten Hälfte des Jahres 1871. In den "Erinnerungen" berichtet er von seinem ersten Hausbesuch bei Mommsen, der der Vorbereitung einer eventuellen Entsendung nach Paris zur Ausführung wissenschaftlicher Auftragsarbeiten diente[13]. Mommsens damaliges Urteil über Wilamowitz ist bezeugt in einem Brief an Wilhelm Henzen vom 13. Februar 1872, mit dem er ihn für das archäologische Reisestipendium empfohlen hat, offenbar ohne Erfolg[14]:

"... habe ich lieber den Baron von Wilamowitz (sic !) genannt, einen vorzüglichen Philologen mit archäologischen Kenntnissen, der sich später hier zu habilitieren denkt. Sein Adel und sein zu erwartendes Lieutenantspatent im 2. Garderegiment sind unter den Umständen nicht zu verachtende Dinge."

Die Italienreise des Jahres 1872 ist der Anlaß zu den ersten Briefen, die Wilamowitz an Mommsen geschrieben hat: es geht um kleinere wissenschaftliche Aufträge, um deren Besorgung Mommsen ihn vor Antritt der Reise gebeten hatte[15]. Im Jahre 1873 reiste auch Mommsen wieder nach Süden. Hier kommt es zur wirklichen Begegnung der beiden, auf gemeinsamen Fahrten, durch lange Gespräche. Wilamowitz' späterer Bericht über Mommsens Entwürfe einer Fortsetzung der "Römischen Geschichte" deutet auf eine gewisse Vertraulichkeit.[16]

Im Januar 1874 schickt Wilamowitz aus Rom einen Brief an Mommsen in Berlin und dankt ihm bewegt für die Zusendung einer Todesanzeige von Haupt. Es gibt nicht viele so emotionale Briefe aus Wilamowitz' Feder. Hier spricht er von seinem Wunsch, "sich einem Lehrer persönlich anschließen zu können" und bittet Mommsen, ihm als Zeichen der Schülerschaft eine Aufgabe zu übertragen. Obwohl er sich bisher nicht zu Mommsens Schülern zählen dürfe und aus "Unbeholfenheit"[17] nicht in seine Nähe gekommen sei, schreibt er[18]:

"Aber eben deshalb - ich weiß nicht, ob eine Arroganz darin liegt, aber ich kann mich nicht enthalten eben deshalb Ihnen auszusprechen, daß ich mich doch zu den Ihren rechne, daß ich zu Ihnen und zu der Fahne, welche Sie führen, halte, wie der Soldat zu der, auf die er seinen Eid geschworen."

Mommsens Antwort ist nicht erhalten; die Aufgabe, die er ihm geben wollte, eine "Münzarbeit", ist entweder nicht konkret gestellt worden - oder Wilamowitz hat sie wegen seiner ganz anderen Interessen denn doch nicht bearbeiten wollen.[19] Dem privaten "Fahneneid" vom Jahre 1873 folgte die öffentliche Erklärung der Schülerschaft. Wilamowitz widmete Mommsen seine Habilitationsschrift "Analecta Euripidea". Die Widmung der überwiegend philologischen Arbeit, dazu noch einer über den von Mommsen nicht gerade geschätzten Euripides, ist eine bemerkenswerte Demonstration;[20] die sehr persönliche Vorrede, in der sich der junge Privatdozent zur umfassenden Altertumswissenschaft im Sinne Mommsens bekennt, hat er sicher nicht ohne dessen vorherige Kenntnisnahme drucken lassen. Für Kenner der Verhältnisse mag Mommsens Bereitschaft, diese fulminante Widmung überhaupt anzunehmen, ein Beweis für den geistigen Rang des anspruchsvollen Schülers gewesen sein.[21]

Wilamowitz' Erinnerungen an die Berliner Jahre bis zur Annahme des Rufs nach Greifswald machen deutlich, wie eng auch der rein private Kontakt zum Hause Mommsens schon vor der Verlobung gewesen sein muß. Daß der junge Gelehrte bald nach der Rückkehr aus Italien Mommsen wesentlich nähergetreten ist, zeigt auch die Einladung zu einem "kleinen, vornehmen Rektoratsdiner" im Anschluß an Mommsens Rektoratsrede vom 15. Oktober 1874. Während des Essens fiel Mommsens in Ohnmacht, und Wilamowitz erhielt den Auftrag, ihn nach Hause zu begleiten. Auf der Heimfahrt kam es zu den in den "Erinnerungen" angedeuteten, sehr offenen Bekenntnissen Mommsens, die Wilamowitz' Verhältnis zu ihm mehr belastet haben müssen, als daß sie durch ihre Vertraulichkeit Zuneigung und Verständnis geschaffen hätten; darüber wird später zu sprechen sein.[22].

3.

Wilamowitz schreibt in den "Erinnerungen" zur Lebensentscheidung seiner Heirat[23]:

"Ostern 1878 schickte mich der Arzt nach Rom; ich verlobte mich mit Mommsens ältester Tochter, heiratete im Herbst, und ein neues besseres Leben begann ..."

Er wird Marie Mommsen spätestens 1873 kennengelernt haben, als die Einladungen Mommsens häufiger wurden. Von allen Töchtern Mommsens war die im Jahre 1855 geborene Marie wohl die energischste und selbständigste. Im Unterschied zu den jüngeren Schwestern, die nur mit Mühe ihren Platz im Leben fanden, war sie zum Zeitpunkt ihrer Verlobung immerhin so weit unabhängig, daß sie mit ihrem Lehrerinnen- und Turnexamen ein eigenes Leben hätte führen können[24]. Als Erstgeborene stand sie ihrem Vater sehr nahe, und es fiel Mommsen gar nicht leicht, sie der Rolle einer braven Haustochter entwachsen zu sehen.

Marie war damals 23 Jahre und nach damaligen Maßstäben keineswegs zu jung für eine Ehe; Mommsen wird auch froh gewesen sein, daß nun die erste seiner Töchter heiraten und der väterlichen Sorge enthoben sein würde. Die bevorstehende Heirat der Erstgeborenen weckte in ihm aber auch mächtige Emotionen, die in Briefen an seine Frau offen zur Sprache kommen[25]

Wilamowitz' Neigung für Marie kann nicht in Frage gestellt werden, doch ist andererseits nicht zu übersehen, daß die Figur des künftigen Schwiegervaters die Eheschließung überschattet oder überstrahlt. Die Heirat mit Marie erfüllte für Wilamowitz auch das fundamentale Bedürfnis, einem großen Gelehrten nahe zu sein.[26] Der Verlobungstag wird durch die Erinnerung an den Verlobungstag Mommsens bestimmt.

Ein Brief Mommsens an seine Frau vom 2. Mai 1878 bezeugt, wie sehr Wilamowitz bereits vor der Verlobung, und offensichtlich auch ohne jeden Gedanken an eine solche Verbindung, seine Beachtung gefunden hat.[27] Er gehört zu den ersten, die Wilamowitz' überragende Begabung erkannt haben; allerdings fühlte er sich auch unangenehm berührt durch manche selbstbewußten Züge des künftigen Schwiegersohns, die ihn daran zweifeln ließen, mit gutgemeinten Ratschlägen Gehör zu finden. Der Erkenntnis von Wilamowitz' Begabung stehen die kritischen Bemerkungen von Anfang an zur Seite - und das Gefühl, daß Wilamowitz im Grunde doch eine ganz andere Welt als die der übrigen Freunde des Hauses Mommsens repräsentiert:

"Es kommt hinzu, daß seine Herkunft und seine Stellung ihn aus der gewöhnlichen Professorenmisere so völlig heraushebt; das ist ein großes Glück, dessen wir uns mitfreuen sollen; aber eine Scheidung liegt darin auch[28]."

Wilamowitz hatte sich nach der Berufswahl nun auch mit der Wahl seiner Lebenspartnerin von der Tradition seiner Familie unabhängig gemacht. Die Familienchronik berichtet knapp von dem neuen Mitglied der Familie: nur der Hinweis auf den Vater der Braut läßt vermuten, daß man in Markowitz immerhin zur Kenntnis nahm, daß die Schwiegertochter zwar "bürgerlich" war, aber einen Vater hatte, den zu nennen selbst in der knappen Chronik Gelegenheit sein sollte.[29]

4.

Mommsens rühmende Worte über den jungen Wilamowitz kündigen schon an, daß sich der intensive wissenschaftliche Briefwechsel der nächsten Jahre nicht nur dadurch erklärt, daß Wilamowitz seit dem 20. September 1878 auch der Schwiegersohn geworden war.

Ein Blick in das Verzeichnnis von Mommsens Schriften aus dieser Zeit zeigt, daß er sich immer nur für einen ganz bestimmten Teil seines weiten Arbeitgebiets an Wilamowitz gewandt hat. Dies gilt umgekehrt auch für Wilamowitz - auch aus seinen Briefen wird nur ein Teil dessen erkennbar, dem damals seine Forschungen galten.

Schwerpunkt von Mommsens Fragen in den Briefen seit 1878 sind die Probleme, für deren Lösung er von Wilamowitz aufgrund seiner sprachlichen Meisterschaft und seiner schon damals umfassenden Kenntnis der literarischen Überlieferung der Griechen fördernde Hinweise erwartet hat. Wilamowitz berührt in seinen Briefen an Mommsen nur wenige ihn selbst interessierende Fragen, und so ist in Mommsens Briefen "Positives" im Sinne der Belehrung relativ selten zu finden - der Schwiegervater informiert ihn nur über Neufunde, die ihm als einem der ersten in Berlin bekannt wurden, über neue Publikationen, die in der Greifswalder Bibliothek nicht zu bekommen waren, und er erteilt ihm, nicht zuletzt, consilia paterna, von denen er freilich wußte, daß der Schwiegersohn sie nicht beherzigen werde.[30]

Wichtigstes Thema des Briefwechsels der ersten Jahre sind die Abhandlungen für den II. Band der "Römischen Forschungen". Die Wahl des dreißigjährigen Greifswalder Professors zum wichtigsten Gesprächspartner für die abschließende Korrektur der Druckbögen ist aus heutiger Sicht vielleicht selbstverständlich, wäre es aber für die meisten Fachgenossen damals sicher nicht gewesen und läßt erkennen, welchen hohen Rang Mommsen schon dem jungen Wilamowitz unter den Altertumswissenschaftlern seiner Zeit zuerkannt hat.

Mommsen nennt ihn immer dann, wenn er aus seiner breiten Kenntnis der griechischen Autoren ergänzende Belege geben kann, die von Platons "Gesetzen" bis zu späten Scholiensammlungen reichen. Auch die Hinweise zur Textkritik und Parallelen aus der griechischen Welt hat Mommsen dankbar aufgenommen[31].

Der Dank für inhaltliche Kritik ist schon zurückhaltender. Sobald der Schwiegersohn Fragen berührte, die Mommsen als seine ureigensten Gebiete betrachtete, ließ er sich nicht so leicht zur Übernahme der Greifswalder Vorschläge bewegen. Da Wilamowitz' Briefe aus der Zeit zwischen Mai 1878 und August 1880 durch den Brand in Mommsens Arbeitszimmer mit einer einzigen Ausnahme vernichtet sind, läßt sich nicht mehr abschätzen, wieviel Mommsen nicht akzeptiert hat. Nur ein Brief vom 16. Dezember 1878 ist erhalten, in dem Wilamowitz sehr gründlich seine abweichende Auffassung einer Plinius-Notiz über Sp. Cassius darlegt, mit der er sich aber nicht hat durchsetzen können.[32]

Der wissenschaftliche Briefwechsel schon der ersten Jahre ist repräsentativ für den gesamten gedanklichen Austausch der beiden Männer. Das "Geben und Nehmen"[33] ist durch die Entfernung von Wilamowitz' mehr literarischen Studien (die vielleicht auch durch ein mehr oder weniger bewußtes Fernbleiben von Mommsens römischen Themen zu erklären ist)[34] von Anfang an nicht in beiden Richtungen gleich. Konkrete Anregungen gehen von Wilamowitz aus; was Mommsen dem Schwiegersohn zu bieten hat, ist weniger die Belehrung im einzelnen als vielmehr das geistige Vorbild: durch seine beispielhafte Erschließung der römischen Welt gibt er Anregungen für Wilamowitz' künftige Erforschung der griechischen Welt[35]. Dieses Verhältnis ist von Wilamowitz schon im Jahre 1879 mit Scharfblick formuliert worden, als er sich mit Fragen des attischen "Staatsrechts" zu beschäftigen begann[36]:

"Ich habe das weite Gebiet der Beziehungen von Rat und Bürgerschaft dabei durchgearbeitet. Freilich fehlt mir da sehr Dein dritter Band Staatsrecht; nicht Positives, aber scharf denken zu lernen."

Die beiden späteren Schwerpunkte des Briefwechsels, das "Staatsrecht" und der V. Band der "Römischen Geschichte", geben diesem "Geben und Nehmen" noch schärfere Konturen. Aber nicht nur das - in dem Moment, als sich die Forschungsgebiete annähern wie nie zuvor, wächst in Wilamowitz das Selbstbewußtsein, es möglicherweise besser machen zu können als Mommsen.

Der Einfluß von Arbeiten Mommsens auf Wilamowitz' Produktion der späten siebziger Jahre ist besonders spürbar in der Studie "Von des Attischen Reiches Herrlichkeit". Die ursprünglich im Jahre 1877 gehaltene Rede, für die "Philologischen Untersuchungen" um Anmerkungen erweitert und um einige Anhänge bereichert, ist der programmatische erste Schritt dessen, der die Bearbeitung der griechischen Geschichte auf ein neues Niveau führen will, begeistert durch die "Römische Geschichte" und andere Beiträge Mommsens zum Verständnis der römischen Welt[37]. Den Charakter des Lebensprogramms hat Mommsen sofort erkannt, aber eine eigentümliche Kritik hinzugefügt[38]:

"Einzuwenden habe ich nichts, als etwa, daß in der allgemeinen historischen Betrachtung mir das Moment der Dauer zu wenig in Betracht gezogen scheint. Der breve maggio ist in sich selbst eine Kritik. Momente wie diese athenische Hegemonie und wie die lübische Hanse gehören wohl zu den größten historischen Erscheinungen und sind auch, einmal dagewesen, in ihren Folgen ewig; aber sie dürfen nicht verglichen werden mit dem weniger genialen, aber in seinen Folgen doch tiefer greifenden Konstruktionsprozeß des Nationalstaats."

Der Briefwechsel enthält viele kritische Bemerkungen von Wilamowitz über die "Althistoriker" der Zeit. Die Situation in Greifswald war wohl auch dazu angetan, ein Gefühl für die eigene Kraft zu vermitteln[39]. Wilamowitz' Anspruch, das 5. Jahrhundert auf neue und bessere Weise behandeln zu können, war durch die Rede des Jahres 1877 verkündet worden. Auch die gängigen Darstellungen des Hellenismus fanden wenig Gnade. Am 22. Dezember 1880 schreibt er Mommsen über sein Studium der Geschichte des 3. Jahrhunderts v.Chr.[40]:

"Aber das weiß ich nun, daß alle Historie von der Schlacht bei Ipsos bis zum ersten makedonischen Kriege, soweit es nicht Pyrrhos' westliche Expeditionen angeht, ein ganz dürftiges Gebräu ist."

Schon das Jahr 1881 brachte die Veröffentlichung des Hermann Usener gewidmeten "Antigonos von Karystos. Mommsens Reaktion war sehr ermutigend[41]:

"Außerordentlich befriedigt hat mich der folgende zusammenfassende Abschnitt über die griechische Nachblüte; das ist ein Stück Geschichtsschreibung im besten Stil; der rechte Nachfolger von Kydathen ..."

Mit solchen Urteilen über moderne "Geschichtsschreibung" hat Mommsen gegeizt. Eines der größten Komplimente, das er dem Schwiegersohn je gemacht hat, war denn auch die Bitte, in Berlin eine althistorische Professur zu übernehmen. Es kann nicht überraschen, daß Wilamowitz mehr und mehr zu der Auffassung kam, als wirklicher Schüler Mommsens auf dem richtigen Weg zu sein.[42]

Wiederholt hat Wilamowitz seit 1878 der Sorge Ausdruck gegeben, daß Mommsen seine Kräfte an Arbeiten verschwende, die andere ebensogut erledigen könnten; ein Beispiel sind die zeitraubenden Indices zum CIL. Im November 1880, nach dem Brand in Mommsens Arbeitszimmer, rät er ihm zur Fortsetzung der "Römischen Forschungen" und zur Weiterarbeit an der "Römischen Geschichte". Als zunächst noch fernes Ziel hält er ihm den III. Band des "Staatsrechts" vor Augen[43]:

"Und die Art der Arbeit ist doch wohl eine zunächst eher zu ermöglichende als der ditte Band Staatsrecht. Ich bedauere nur, daß ich weder die Kenntnisse besitze noch Aussicht habe, sie zu erwerben, um gerade hier mit Dir im Denken Schritt halten zu können, sonst forderte ich Dich auf, Dich hier ruhig herzusetzen und diese Arbeit zuzuschneiden."

Mit Mommsen "im Denken Schritt halten zu können" ist sein Streben, soweit es den historischen Teil seiner Studien betrifft[44]:

"Das kann ich freilich weder skizzieren noch könnt'ich's erzählen, aber daß Du daran und mehrerem, was ich jetzt bloß den Studenten predigen kann, Freude haben würdest, das getröste ich mich doch, wenn mir die Existenz manchmal gar zu trostlos erscheinen will."

Nach der Fertigstellung der CIL-Bände VIII, IX und X begann Wilamowitz wieder, einen III. Band der "Römischen Forschungen", die Fortsetzung der "Römischen Geschichte" und das "Römische Staatsrecht" anzumahnen. In richtiger Einschätzung von Mommsens damaligen Neigungen hat er schließlich mit Erfolg zur Arbeit an der "Römischen Geschichte" gedrängt.

Am Ende des Jahres 1883 hat Mommsen sich dazu durchgerungen, eine Fortsetzung der "Römischen Geschichte" zu versuchen; die letzte Anregung ist vermutlich der Aufsatz über die "Conscriptionsordnung der römischen Kaiserzeit" gewesen[45]. Wilamowitz' Reaktion auf die Nachricht von Mommsens Plan ist für den sonst so kühlen Mann ganz enthusiastisch; er fühlte sich an die erste begeisternde Lektüre der "Römischen Geschichte" erinnert[46]:

"Schon als Obersekundaner, als ich bei verbotenem Lichte nachts Deine Republik las, würde ich für die Kaiser gern ein paar eigene Lebensjahre hingegeben haben. Du wirst doch glauben, daß ich's jetzt, wenn auch schon mit grauen Haaren, ebensogern täte."

Anfang 1884 begann die Arbeit am künftigen V. Band der "Römischen Geschichte". Im Februar soll Wilamowitz nach einer Lektüre der ersten Entwürfe zunächst ganz allgemein die Frage beantworten, ob die Fortsetzung des Plans überhaupt einen Sinn habe; um konkrete Hilfe bittet Mommsen ihn dann im August, nachdem die Kapitel über Palästina, Syrien, die Ostgrenze und Ägypten entworfen sind und er die Abschnitte über Griechenland und Kleinasien in Angriff nehmen will.[47]

Wilamowitz' Antwort wird ihm keine besondere bibliographische Hilfe gewesen sein. Die bekannten Kompendien werden übergangen, einige epigraphische Spezialliteratur wird genannt, Erwin Rohdes Abschnitt über die Sophistik wird mit der zu erwartenden Einschränkung empfohlen. Die eigentliche Antwort ist mehr ein Hinweis darauf, wie kompetent er selbst als Helfer für diese Kapitel sein könnte[48]:

"Meine Art zu arbeiten läßt mich Dir vielleicht weniger Brauchbares angeben, als ich weiß, denn ich lese eigentlich immer nur die Quellen und kenne auch die hier einschlägigen, meist gar nicht gelesenen, leidlich ... Es würde mir die größte Freude sein und ich hoffe, es ist auch möglich, daß ich Dir mit irgendwelchen konkreten Notizen helfen kann; ich empfinde es oft als einen Mangel, daß ich, was ich weiß, nur so aus desultorischer Lektüre und nur im Kopfe, d. h. nicht präsent habe - aber das ist nun wohl auch nicht mehr zu ändern."

Im Oktober 1884 schickt Mommsen die ersten Druckbogen zur Durchsicht. Wilamowitz war überwältigt von der Lektüre. Seine Bewunderung für das Geleistete ließ ihn höher greifen, als es Mommsen wohl sympathisch gewesen sein mag. Er scheute sich nicht, Mommsen selbst so sprechen zu lassen, wie er es sich dachte; seltsam, daß er dabei zu alttestamentarischem Vokabular griff:

"Mein langes und reiches Leben habe ich daran gesetzt, die Institutionen und die treibenden Kräfte zu erforschen, tief bin ich gegangen, bis in das Mark des Baumes, dessen Rinde ihr allein kennt, und deren Moose und Flechten ihr für seine Früchte haltet. Ich bin am Ziel; am Ziel als Mensch, die Wissenschaft steht am Anfang. Ich habe ihr die Wege gewiesen und ihr die Thora gegeben, die ihr langes Leben ordnet durch ihre Ewigkeit; wie Mose schaue ich das gelobte Land - aber unzulänglich ist der Irdische."

Wilamowitz zeichnet diesen Brief mit: "Ewig der Deine Ulrich."[49] Er war sich des Wertes seiner Hilfe durchaus bewußt. Seine Anregungen gehen über die Textkritik schwieriger Stellen und die Heranschaffung exotischer Belege weit hinaus. Vieles hat Mommsen dankbar berücksichtigt.[50] Zurückhaltender war er bei allen Hinweisen, die seine eigenen schriftstellerischen Konzeptionen des V. Bandes berühren mußten.

Viel spricht dafür, daß Wilamowitz sich von Mommsen als wichtigster "Mitarbeiter" bei der Drucklegung des V. Bandes nicht genügend gewürdigt fühlte. Schon der 1928 veröffentlichte Bericht in den "Erinnerungen" ist von ungewöhnlicher Zurückhaltung, wenn man den Briefwechsel über die einzelnen Kapitel danebenhält. Die Aufgabe habe Mommsen nicht gelöst, schreibt er, sondern die Grundlinien gezogen, "auf denen einmal eine Kulturgeschichte der Kaiserzeit aufgebaut werden muß"[51]. Wie er sich die Lösung dieser Aufgabe vorgestellt hat, haben offenbar die späten Vorlesungen über die Kaiserzeit durchblicken lassen.[52] Auch der letzte Abschnitt des "Glaubens der Hellenen" läßt etwas von seiner Kritik an Mommsen erkennen.[53]

Nach der Vollendung des V. Bandes und dem wenigstens vorläufigen Verzicht auf den IV. Band der "Römischen Geschichte" wandte Mommsen sich im Jahre 1886 dem Abschluß des "Römischen Staatsrechts" zu. Auch Wilamowitz sah darin das nächste wissenschaftliche Ziel, das Mommsen zu erreichen sozusagen die Pficht habe.

Wilamowitz' Gespür für die im III. Band des "Staatsrechts" zu behandelnden Fragen, sein Vermögen, ohne jede Einarbeitung Hinweise von großem Wert beizusteuern, ist nicht zuletzt dadurch zu erklären, daß er seit langem daran gedacht hatte, Mommsens Leistung auf dem Gebiet des römischen "Staatsrechts" zum Vorbild für eigene Arbeiten im Bereich des griechischen Altertums zu nehmen.

Gerade im Jahre 1886 war er mit der Formulierung eines Aufsatzes über "Die Demotika der attischen Metöken" beschäftigt, ein Thema, für das er nur geringe Vorarbeiten von Wert zu finden glaubte. Er schreibt[54]:

"Die junge Wissenschaft des attischen öffentlichen Rechts baut mit traurig zertrümmertem Materiale, aber in einem hat sie es gut: Wege und Ziele der Forschung sind ihr von der älteren und reicheren römischen Schwester gewiesen. Mommsens Abhandlung über das römische Gastrecht und die römische Klientel lehrt für die hier behandelten Fragen mehr als alle Handbücher der griechischen Altertümer."

Mit dem einen Vorbehalt, daß Wilamowitz das schwierige Thema für Leser mit geringeren Spezialkenntnissen noch zugänglicher hätte machen können, hat Mommsen mit seiner Anerkennung nicht gespart.[55]

Wenn man berücksichtigt, wie sehr der sonst unverständlich bescheidene Mommsen von den Vorzügen seines "Staatsrechts" überzeugt war, ist der Rat an den Schwiegersohn, nach dem "Hermes"-Aufsatz ein Handbuch über das "attische Staatsleben" zu schreiben, vielleicht die höchste Anerkennung, die er ihm überhaupt hätte aussprechen können.

"Deine Untersuchungen werden doch, Du magst wollen oder nicht, zum Handbuch führen. Man gibt ja viel damit auf, die läßliche Freiheit ist zu Ende und der Gänsemarsch des Compendiums beginnt; aber ein Fortschritt ist es doch. Mir ist es wenigstens so gegangen, jetzt, wo ich versucht habe, die Spezialergebnisse zu verbinden, habe ich sie verstehen gelernt und vermocht, sie zu korrigieren und zu erweitern. Mache Du es auch so.[56]"

Der von Mommsen behandelte Stoff, "Bürgerschaft und Senat", fand Wilamowitz' Interesse nicht zuletzt wegen seiner damaligen Absicht, mit Hilfe vorsichtiger Analogieschlüsse das römische Material zur Erhellung des griechischen, oder doch wenigstens des athenischen, "Staatsrechts" zu nutzen[57]:

"Ich kann ja eigentlich auch nur der eigenen Belehrung nachgehen ziehe überall die griechischen Parallelen und bemesse damit zum Teil den Glauben, hier wie dort: denn daß die Grundlage des Staates und die Rechtsauffassung sich ganz nahe berührt, bestätigt sich mir auf Schritt und Tritt."

Im Verlauf der Einzelkritik kommt Wilamowitz immer wieder darauf zurück. Wenn Mommsen auf diese Anregungen zurückhaltend reagierte und Wilamowitz' Hinweise, soweit sie die "Analogie" betreffen, kaum Spuren hinterlassen haben, so hat er den Anspruch seines Schwiegersohns doch keineswegs für verfehlt gehalten. Mommsen selbst hatte in dem von Wilamowitz mehrfach erwähnten Aufsatz über "Das römische Gastrecht und die römische Clientel" ein entsprechendes Arbeitsprogramm angeregt. Als Antwort auf die "griechische Analogie" bemerkt er in einem Brief vom 23. Januar 1887[58]:

"Dem Parallelismus bin ich allerdings entsagend und entschlossen aus dem Wege gegangen, und nicht bloß, weil ich die griechischen Dinge zu wenig kenne. Wir müssen allerdings dahinkommen; als ich vor Jahren über das Gastrecht schrieb, habe ich einige Wünsche darüber in den Wind gesprochen. Aber ich bin der Meinung, daß es zunächst weise ist, die Schranken der Völker einzuhalten; sonst geräte man teils in Schwindel, teils verwischt man damit das individuell Charakteristische."

Mommsens Festhalten am charakteristisch Römischen mancher Erscheinungen des römischen Staatslebens entsprechen die Korrektur einiger Vorschläge aus Göttingen und das Bestehen auf der einmal gewählten Darstellung. Wie schon bei den früheren brieflichen Diskussionen gab es auch diesmal Themen, über die eine Einigung nicht möglich war - in der Regel sind es Problemkreise, wo beide aufgrund der Überzeugung, den römischen oder griechischen Hintergrund richtig zu verstehen, an der eigenen Deutung festhalten. Einwände bei einzelnen Details, die er unbedingt anders beurteilen wollte, haben Wilamowitz aber nicht an der dauernden Bewunderung des von Mommsen Erreichten gehindert. Nicht nur in den "Erinnerungen", sondern auch in der lateinischen Autobiographie fehlt ein (kritischer) Hinweis auf die Mitarbeit am "Staatsrecht".

Wilamowitz scheint der einzige gewesen zu sein, der die Fahnen des II. Bandes gelesen hat. Keiner von Mommsens Freunden, die er, z. B. als Juristen, für die berufeneren Leser des Werkes gehalten hat, ist in ähnlicher Weise zu Rate gezogen worden.[59] Mommsen wird der Ansicht gewesen sein, daß für die meisten Teile des III. Bandes die wertvollste Kritik von Wilamowitz zu erwarten wäre[60]:

"Man wirft seine Kuchen ins Wasser und weiß nicht, ob und was damit geschieht. Mir geben Deine Briefe doch die Beruhigung, daß mit dieser Arbeit, in der doch ein Leben steckt, etwas erreicht ist."

Abgesehen von den Briefen, die neue Inschriften betreffen, ist der Gedankenaustausch über Mommsens Akademierede vom Jahre 1889 über Horaz ein repräsentatives Beispiel für den weiterhin engen Kontakt. Mommsen wußte natürlich, daß der Schwiegersohn spätestens seit der Zusammenarbeit mit Adolf Kießling in Greifswald ein ausgezeichneter Kenner des Dichters war. Die Antwort auf die kurzfristige Anfrage ist erstaunlich reichhaltig, und doch am Tage des Erhalts von Mommsens Brief formuliert und abgeschickt. Mommsen war Wilamowitz für die Erinnerung an Livius' Bericht über Camillus gelegentlich der Interpretation von Horaz' dritter Römerode so dankbar, daß er ihn sogar in der gedruckten Fassung der Akademierede als Helfer nennt - keine selbstverständliche Geste veröffentlichten Dankes, da Mommsen Hinweise dieser Art im V. Band der "Römischen Geschichte" und im III. Band des "Römischen Staatsrechts" meistens ohne namentliche Nennung übernommen hat.[61]

Die Briefe über Horaz aus dem Jahre 1889, in denen sich Mommsen als "Laie" an den Literaturkenner wandte, sind neben den Briefen über Wilamowitz' Editio der neugefundenen "Athenaion Politeia" und seine Arbeit an "Aristoteles und Athen"[62] die letzten Briefe zu einem thematisch geschlossenen Zusammenhang. Hervorzuheben als Zeugnisse für die geistige Verbindung der Briefpartner sind noch Mommsens anerkennende Worte für Wilamowitz' Verständnis seines Beitrags über die griechischen Namen römischer Freigelassener[63] sowie Wilamowitz' intuitive Erkenntnis der Bedeutung, die Mommsen dem gegenüber der dreibändigen Ausgabe leicht vergessenen "Abriß des römischen Staatsrechts" zugemessen hat.[64]

Daß es keinen regelrechten Briefwechsel zu Mommsen letzter systematischer Darstellung, dem "Römischen Strafrecht", gibt, kann nur zum Teil durch Wilamowitz' Übersiedlung nach Berlin erklärt werden. Mommsen war spätestens am Ende des Jahres 1895 intensiv an der Arbeit;[65] es findet sich kein einziger Hinweis darauf, daß er Wilamowitz auch diesmal um die Durchsicht der Fahnen gebeten hat. Die Intensität des Briefwechsels der vorausgegangenen Jahre auch zu Fragen, die von den Spezialgebieten des Schwiegersohns denkbar weit entfernt waren, erschwert die Annahme, daß Mommsen das römische Strafrecht für zu abgelegen hielt, als daß er Wilamowitz damit hätte behelligen wollen. Die zwei Bemerkungen, die er in den erhaltenen Briefen aus dieser Zeit zum "Strafrecht" macht, zeigen zudem, in welchem Maße er selbst hier durch Hinweise aus dem griechischen Bereich hätte helfen können.[66] Sein Interesse an der Durchsicht der Fahnen, wie er es früher für die "Römische Geschichte" und das "Staatsrecht" bekundet hatte, hielt sich diesmal in engen Grenzen, wenn er Mommsen am 28. Oktober 1896 schrieb[67]:

"Es ist ja wunderschön, wenn Du an den Kriminalrecht mit Freude und Erfolg arbeitest, und nichts Besseres zu wünschen."

Dieses überraschende Desinteresse läßt sich am besten mit der von Eduard Schwartz allerdings erst in die Berliner Zeit datierten Entfremdung zwischen Mommsen und Wilamowitz erklären.[68] Der Briefwechsel seit 1897 ist mit einiger Sicherheit nicht nur deshalb so knapp, weil Mommsen und Wilamowitz Themen, die sie früher brieflich behandeln mußten, jetzt im mündlichen Gespräch erörtern konnten. Zum Schluß ist deshalb von den persönlichen Beziehungen der beiden zu sprechen, und besonders von Wilamowitz' harten Worten über Mommsen am Ende seines Lebens.

5.

Mommsens Beurteilung erst des jungen Gelehrten, dann des Schwiegersohns ist relativ deutlich. Er war sich von Anfang an der grundsätzlichen Unterschiede in Herkunft und persönlichen Anschauungen bewußt. Das rein private Verhältnis zu Wilamowitz ist im Laufe der Jahre keineswegs herzlicher geworden. Mommsen hat stets Anteil am häuslichen Wohlergehen seiner ältesten Tochter genommen, um deren Gesundheit und seelisches Wohlbefinden er mehrfach Sorge haben mußte. Viele persönliche Züge des Schwiegersohns, die er nicht nur durch dessen eigene Briefe, sondern z. B. auch durch die Briefe seiner Frau aus Greifswald und Göttingen kennenlernte, waren dazu angetan, eine gewisse Distanz nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.[69]

Zu den Faktoren, die einen grundsätzlichen Abstand voneinander festschrieben, gehört ohne Zweifel auch Mommsens politisches Engagement auf einer Seite, die Wilamowitz alles andere als sympathisch war. Im Briefwechsel ist von Politik selten die Rede, und dann nur bei Fragen, wo eine gewisse Gemeinsamkeit der Betrachtung zu erwarten war[70]. Bei Gelegenheit der Affäre Spahn hat Mommsen von diesem fehlenden politischen Band in einem Brief an Lujo Brentano ganz offen gesprochen[71]:

"Mein sonst höchst vortrefflicher Schwiegersohn Prof. v. Wilamowitz gehört zwar nicht zu der agrarischen Gaunerbande, die jetzt auf Raub auszieht, aber ist keineswegs mit mir gleicher politischer Gesinnung."

Daß Mommsen die wissenschaftliche Karriere des Schwiegersohns aufmerksam verfolgt hat, geht aus den Briefen an ihn deutlich hervor; sein Interesse ist dadurch nicht geringer geworden, daß er ihn für einen Historiker ganz im eigenen Sinne gehalten hat. Oft mischte sich aber die nicht unberechtigte Sorge ein, Wilamowitz könne sich durch sein Auftreten gegenüber Fachkollegen in die Lage bringen, sein akademisches Leben in Greifswald beschließen zu müssen[72]:

"Ich bin andere Wege gegangen, ohne mit Steinen nach denen zu werfen, die ich auf dem falschen sah, und ich glaube, das hat mehr gewirkt. Darf ich's Dir sagen, daß Du in dieser Hinsicht gut zu machen hast und daß Dein Auftreten gemißbilligt wird, vor allem von denen, die in der Sache mit Dir einverstanden sind ?"

Neben der Anerkennung für Wilamowitz' intellektuelle Bedeutung und der durch die Heirat mit "Marie II" gegebenen familiären Verbindung hat es nicht allzuviel gegeben, das Mommsen zu seinem Schwiegersohn in freundschaftlicher Weise hingezogen sein ließ; dafür waren die Unterschiede zu groß. Sieht man von den Freundschaften ab, die Mommsen mit Männern der eigenen Generation verbunden haben, so läßt sich an den sehr herzlichen Gefühlen für Adolf v. Harnack ablesen, wie schwierig die Beziehung zu Wilamowitz zu bewerten ist.[73] Die Entfremdung späterer Jahre, soweit sie auch von Mommsens Seite aus festzustellen ist, spiegelt nur alte Vorbehalte wieder.

Was der Wissenschaftler Mommsen für Wilamowitz bedeutet hat, ist oft von ihm ausgesprochen worden, nicht nur in Briefen an ihn, sondern auch in seinen Veröffentlichungen. Erst in den letzten Lebensjahren wachsen selbst beim Urteil über den Wissenschaftler die Schatten.[74] Von größerem Gewicht sind die nicht zur Veröffentlichung bestimmten Bemerkungen aus der Zeit nach Mommsens Tod, die als ein - damaliges - "wirkliches" Urteil zu betrachten sind.[75]

Was alles hat ihn zur Kritik herausgefordert? Es kann nicht überraschen, daß ihm jedes Verständnis für Mommsens politische Überzeugungen fehlte. In Mommsens engerer Umgebung gab es kaum jemanden, der Sympathie für seine politische Leidenschaft hatte, abgesehen von den ihm politisch verbundenen Freunden. Was Mommsen mindestens so wichtig war wie die Wissenschaft, ist für viele in seiner Umgebung nur eine Verirrung und in den späteren Jahren beinahe eine "Alterserscheinung" gewesen.[76] Wilamowitz steht also mit seiner ganz geringschätzigen Bemerkung in einem Brief an Werner Jaeger nicht allein[77]:

"Ich glaube, Sie legen der politischen Stellung Mommsens viel zu viel Gewicht bei. Natürlich hat er die Stimmung des 48ers bewahrt, wie er immer die Formen seiner Jugendverse beibehielt. Er war für alle wirtschaftlichen und eigentlich auch alle sozialen Dinge unempfänglich, hatte nur ein altes Credo."

Diese Worte werden ergänzt durch die ähnliche Bewertung von Mommsens politischen Interessen in den "Erinnerungen". Es wäre interessant zu wissen, wie der Schwiegersohn Mommsens letzten politischen Aufruf in der "Nation" zur Zusammenarbeit der Liberalen mit den Sozialdemokraten kommentiert hat ![78]

Wilamowitz' mangelndes Verständnis für den "Bürger" Mommsen wird unterstrichen durch die Tatsache, daß er neben den Mommsen-Söhnen Ernst und Karl der einzige gewesen ist, der bei der Eröffnung von Mommsens Testament die berühmte, erst 1949 veröffentlichte Testamentsklausel gelesen hat. Aus dem darüber erhaltenen Bericht des Enkels Konrad Mommsen[79] wird nicht klar, welches Gewicht Wilamowitz damals der Klausel zugemessen hat; viel spricht dafür, daß er nichts von diesem wichtigsten aller Selbstzeugnisse Mommsens wissen wollte und es zu den Merkwürdigkeiten der "letzten Jahre sinkender Kraft" gezählt hat.[80]

Eine beunruhigende Diskrepanz zwischen Wilamowitz' "veröffentlichtem" Mommsen-Bild und seiner "wirklichen" Ansicht über den Schwiegervater besteht im Urteil über die mehr privaten Züge. Wenn auch manche Passagen der 1928 veröffentlichten "Erinnerungen" die damalige Distanz zu Mommsen ahnen ließen, ist die Schärfe der Kritik in der lateinischen Autobiographie doch überraschend.

Daß diese Bitterkeit nicht bloß einer augenblicklichen Stimmung zuzuschreiben ist, lehrt der schon zitierte Brief an Werner Jaeger vom Dezember 1917[81]:

"In der Praxis verleugnete er die Caesarnatur nicht, ging sehr ungern andere als Umwege, kannte keine Achtung vor dem Gesetze und respectirte die Personen nicht. Er octroyirte gern, nicht so brutal wie Virchow, aber er tat es. Das contrastirt mit dem "Juristen", der er immer gewesen ist; aber das Leben lehrt uns, dass dieser Contrast nicht mal selten ist."

In der Autobiographie wird er von allen Lehrern am ausführlichsten chrakterisiert - angesichts der Stimmung dieses Abschnitts beinahe ein unfreiwilliger Tribut an die Rolle, die Mommsen in seinem Leben gespielt hat. Der Abschnitt beginnt mit der wenig schmeichelhaften Unterscheidung zwischen dem, was ihm die Bücher Mommsens, allen voran die "Römische Geschichte", bedeutet hatten, und dem, was ihm Mommsen als Person gegeben habe[82]:

"Mommsen, cuius hist. puer ingurgitavi, inde ab 1872 totum me cepit, plurima me docuit, sed non vir virum sed per libros.[83]"

Der Briefwechsel und die wissenschaftliche Zusammenarbeit erscheinen in einem sehr fahlen Licht[84]:

"nam nihil umquam adiuvare me poterat: ipse multum et laboris et curarum in eius gratiam consumpsi, et laudantur multa et bona in eius historiae V quae scio mea esse."

Nicht weniger seltsam ist die Auswahl einiger geradezu als Charakterschwächen gesehener Züge Mommsens.

"multum etiam effecit exemplo suo, ut impotentem animum in me coercerem, nam perhorrui in eo impotentiam et vini et linguae et ambitionis."

Noch am leichtesten zu erläutern ist die "impotentia vini". Mommsen schätzte ein Glas Wein, scheint aber nicht viel vertragen zu haben.[85] Der puritanische Schwiegersohn war davon so nachhaltig beeindruckt, daß er selbst hier davon sprechen zu müssen glaubte. Die "impotentia linguae" bezieht sich wohl weniger auf gewisse Freimütigkeiten unter dem Einfluß eines guten Tropfens, als ganz allgemein auf Mommsens spitze Zunge.[86]

Schwer zu deuten ist die "impotentia ambitionis". Mommsens immer wieder bezeugte Bescheidenheit bei der Einschätzung seiner wissenschaftlichen Leistungen verbietet es, hier etwa eine Kritik an seiner alle Bereiche des römischen Altertums umgreifenden Gelehrsamkeit zu sehen. Wilamowitz könnte Mommsen politische Leidenschaft meinen: die Kenntnis der Testamentsklausel hat hier keine Spuren hinterlassen.[87]

Zum Schluß kommt Wilamowitz noch einmal auf Mommsens impulsive Art im menschlichen Umgang zu sprechen:

"denique me docuit similiter invito exemplo iniurias non solum tolerare salva et pietate et ingenii admiratione sed etiam beneficiis redimere."

Vom Herausgeber der Autobiographie wird dieser Abschnitt mit dem Hinweis auf Erwin Rohde erläutert. Es ist aber wahrscheinlicher, daß Wilamowitz sich hier voller Groll an, wie er sie empfunden haben mag, Zurücksetzungen durch Mommsen erinnert hat. "Pietas" und "ingenii admiratito" sind Begriffe, die weniger an Erwin Rohde und andere gleichaltrige Gelehrte denken lassen, als vielmehr an Theodor Mommsen selbst.

Gibt Wilamowitz' generelle Mommsen-Kritik der späteren Jahre Stimmungen schon der siebziger und achtziger Jahre wieder ? Seine Emotionen müssen sehr stark gewesen sein; er hat Schwierigkeiten gehabt, im Rückblick sein früheres Verhältnis zu Mommsen richtig zu charakterisieren: entgegen dem Zeugnis der erhaltenen Briefe bemerkt er in einer späteren geschriebenen Notiz, Mommsen stets von der Planung eines IV. Bandes der "Römischen Geschichte" abgeraten zu haben.[88] Seine bitteren Worte über Mommsen in den "Erinnerungen" und in der lateinischen Autobiographie sollten deshalb nicht ungeprüft in die siebziger und achtziger Jahre zurückprojiziert werden.

Die naheliegende Differenzierung der späteren Urteile von den Beziehungen etwa der siebziger Jahre ist weniger einfach, als es zunächst den Anschein hat - Wilamowitz muß nämlich schon sehr früh den bewunderten Mommsen von einer Seite kennengelernt haben, die ihm offensichtlich nicht geheuer war. Er hat einmal Harnack, der Mommsen in seinen letzten Lebensjahren nicht nur wissenschaftlich, sondern auch menschlich sehr nahegetreten ist, den Vorwurf gemacht, Mommsen gar nicht richtig gekannt zu haben.[89] Wilamowitz meinte damit, von Schattenseiten zu wissen, die ihn zu der Bemerkung veranlaßten, er habe in den "Erinnerungen" nicht alles über ihn schreiben können, weil seine Kinder noch lebten.[90]

Die Aufforderung an den jungen Gelehrten im Oktober 1874, Mommsen auf ein "kleines, vornehmes Rektoratsdiner" zu begleiten, ist schon erwähnt worden. Während des Diners fiel Mommsen in Ohnmacht, und Wilamowitz erhielt den Auftrag, ihn nach Hause zu begleiten. Er hat erstmals in den "Erinnerungen" darüber gesprochen[91]:

"Auf der langen Fahrt nach Charlottenburg sprach er unaufhörlich mehr zu sich selbst als zu mir, sprach, was er niemals wissenschaftlich einem fremden Ohre anvertraut haben würde, Stimmungen, Hoffnungen, Ansprüche, Reue. Hüllen der Seele fielen. Nie und zu niemandem ist auch nur eine Andeutung von dem über meine Lippen gekommen, was ich wider seinen Willen, sein Bewußtsein gehört hatte, nie werde ich ein Wort verraten. Aber ich gelobte ihm die Treue für Leben und Tod, die ich gehalten habe."

Wilamowitz' Bericht ist sehr diskret - und er ist es wiederum nicht. Seine Worte regen zu Spekulationen an, die es ohne seine Erinnerung an den Vorfall nicht geben könnte. Sein Entschluß im Jahre 1928, doch darüber zu sprechen, ist nur durch die Entfremdung der letzten Zeit und durch das Bewußtsein zu erklären, mehr über Mommsens "Hüllen der Seele" zu wissen als selbst seine Kinder. Eine nüchterne Deutung seines Berichtes führt auf die Testamentsklausel von 1899 und die dort niedergelegten Urteile über sich und andere zurück. Seit jenem 15. Oktober 1874 wußte Wilamowitz Digne über Mommsen, die ihm fremd waren, fremd bleiben mußten, und vielen seiner innersten - nicht zuletzt auch politischen - Überzeugungen widersprachen: "Aber ich gelobte ihm die Treue für Leben und Tod, die ich gehalten habe."

Für die Annahme, daß der alt gewordene Wilamowitz mit seinen kritischen Worten ungute Gefühle relativ neuen Datums zu Unrecht auf die gesamte Zeit seiner Beziehung zu Mommsen übertragen hat, gibt es natürlich auch Hinweise; die Wahrheit mag in der Mitte liegen. Sieht man vom Ton des gesamten Briefwechsels ab, der sich mit einer grundsätzlichen Reserve des Briefschreibers gegenüber Mommsen nicht vereinbaren läßt, so ist schon die Erklärung des Schülerverhältnisses in der geradezu überschwenglichen Widmung der Habilitationsschrift vom Jahre 1875 mit der Charakterisierung der Beziehungen in der lateinischen Autobiographie schlecht vereinbar. Ein Selbstzeugnis für die siebziger Jahre ist auch die griechische Widmung der "Herakles"-Übersetzung vom Jahre 1879, geschrieben anläßlich der silbernen Hochzeit der Schwiegereltern. In diesen Versen kommt die frühe Bewunderung für Mommsen zur Sprache, sein Ehrgeiz, es ihm nachzutun, und übrigens auch die Freude darüber, Mommsen nicht nur durch die gemeinsame Wissenschaft, sondern auch durch die Enkelin in besonderer Weise nahe zu sein. Die griechische Form der Widmung gab Wilamowitz die Möglichkeit, Gefühle auszusprechen, die er in deutscher Sprache auszudrücken vermutlich Hemmungen gehabt hätte.[92]

Die Wandlung des Verhältnisses chronologisch genauer zu bestimmen, ist kaum möglich. Wichtige Faktoren für die Entfremdung der letzten Jahre, einmal abgesehen von der immer wachen Erinnerung an den Vorfall vom Oktober 1874, dürften Wilamowitz' wachsendes Selbstbewußtsein als Wissenschaftler auch gegenüber Mommsen gewesen sein und, spätestens seit der Übersiedlung nach Berlin, die sehr menschliche Enttäuschung darüber, daß Harnack eine Rolle bei Mommsen einzunehmen begann, die Wilamowitz für sich allein vorbehalten glaubte.[93]

Wilamowitz' herbe Worte über Mommsen am Ende seines Lebens dürfen bei der Frage, was er dem Schwiegervater als Wissenschaftler zu verdanken hat, nicht isoliert werden und allen früheren Zeugnissen vorgezogen werden. "Nam nihil umquam me adiuvare poterat" ist eine nicht sehr gerechte Verkürzung - Wilamowitz hat in der lateinischen Autobiographie die Bereiche seiner Forschung ausgespart, für die er wichtige Anregungen erhalten hat, freilich keine Nachweise von Zitaten, sondern Wichtigeres: Hinweise zur Methode. In einer besseren Zeit hat Wilamowitz an Mommsen geschrieben[94]:

"Ich habe das weite Gebiet der Beziehungen von Rat und Bürgerschaft dabei durchgearbeitet. Freilich fehlt mir da sehr Dein dritter Band Staatsrecht; nicht Positives, aber scharf denken zu lernen.[95]"


Anmerkungen

Für die Überlassung unveröffentlichten Materials danke ich Herrn Dr. Wolfgang Buchwald, Prof. W.M. Calder und Prof. Lothar Wickert. Herrn Dr. Wolfgang Mommsen und dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach danke ich für die Erlaubnis, aus dem Briefwechsel Mommsens mit seiner Frau und aus anderem dort befindlichen Material zitieren zu dürfen.

  1. Mommsen und Wilamowitz. Briefwechsel 1872 - 1903. Hrsg. von Fr. und D. Hiller von Gaertringen, Einführung von E. Schwartz, Berlin 1935.
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  2. Vgl. Brief Nr. 39 vom 7.5.1878.
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  3. C. Peter, Studien zur römischen Geschichte mit besonderer Beziehung auf Th. Mommsen, Progr. Naumburg 1861.
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  4. "Erinnerungen", S. 7.
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  5. "Trauerspiele" S. 146; er zitiert die Übersetzung der Verse 1169-1171 von Euripides, "Bakchen" (vgl. Plutarch, "Crassus" 33,5), von Mommsens erwähnt in: "Römische Geschichte" III, Berlin 9. Auflage 1904, S. 350 (Tod des Crassus).
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  6. Dies geht sowohl aus den "Erinnerungen" als auch aus der "Latin Autobiography" hervor; vgl. Wilamowitz' Brief an Max Fränkel vom 13. August 1875: "denn die geschichte eines volkes, die wandlungen seines geistes und geschmacks lassen sich nur im ganzen geben; was soll ich mit Aischylos, wenn ich nicht sowol das politische wie das religiöse leben der Marathonhelden schildere ? auch mir ist Mommsens geschichte des evangelium, aber darum wird es wol nie eine geschichte der hellenen geben, noch geben können" (zitiert nach einer Abschrift v. W. M. Calder). Zur - späten - Relativierung des Werkes gehört die Forderung nach der Ausarbeitung einer italischen Geschichte: "Storia italica", RivFil N. S. 4 (1926), S. 1-18 (= Kl. Schr. V, 1, S. 220-235).
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  7. "Erinnerungen", S. 84.
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  8. "Erinnerungen", S. 86f.; es ist überraschend, daß er ihm nie ein Buch gewidmet hat.
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  9. "Erinnerungen, S. 88.
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  10. Brief Nr. 234 vom 29.1.1887. Über Boeckh heißt es in der lateinischen Autobiographie: "Boeckhium et O. Müllerum nemo recte mihi monstrabat. itaque studiosus legere coepi cum animum ipse iam firmassem" ("Latin Autobiography", S. 43).
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  11. "Erinnerungen", S. 97. Später erklärte er seinen Verzicht auf eine Teilnahme an Mommsens Lehrveranstaltungen mit "Unbeholfenheit" (siehe unten, Anm. 17, zum Brief Nr. 8 vom 14.2.1874). 1918 spricht er von Mommsens "starker Lehrtätigkeit"; gehört habe ich ihn nicht", "Theodor Mommsen. Warum hat er den vierten Band der Römischen Geschichte nicht geschrieben ?", Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik 12 (1918), Sp. 205-220, Zitat: Sp. 207 (= Kl. Schr. VI, S. 29-39; Zitat: S. 30).
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  12. Die Dissertation ist Carl Peter gewidmet. Das durchaus distanzierte Verhältnis zu Haupt geht auch aus dem späteren Bericht über das Doktorexamen hervor ("Was ist übersetzen" (1891), in "Reden" 3. Auflage, S. 1-29, hier: S.6).
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  13. "Erinnerungen", S. 128.
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  14. Wickert IV, S. 249. In der offiziellen Liste der Stipendiaten wird Wilamowitz nicht genannt (ebd.) Mit den "Umständen" meint Mommsen vermutlich die Lage im neuen Kaiserreich. Wilamowitz' Visitenkarten aus dieser Zeit verzeichnen auch den militärischen Dienstgrad.
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  15. Vgl. die Briefe Nr. 1 (18.8.1872) bis Nr.7a (16.7.1873)
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  16. Brief Nr. 360 vom 21.1.1892; vgl. auch "Erinnerungen", S. 160, sowie "Staat der Griechen", S. 214.
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  17. Diese gewundene Erklärung hängt vermutlich damit zusammen, daß er sich zu Mommsen als akademischen Lehrer nicht besonders hingezogen fühlte, im Unterschied zu dem Verfasser von Büchern; vgl. unten Anm. 82 das Zitat aus der lateinischen Autobiographie.
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  18. Brief Nr. 8 vom 14.2.1874 "Erinnerungen" S. 158: "Dann trat ich in den Dienst von Mommsen."
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  19. "Münzarbeit" hat Mommsen auf die Vorderseite des Briefs Nr.8 geschrieben. Er dachte an eine Themenstellung, die Wilamowitz niemals in seinem Leben zu einer Publikation gereizt hat. War dies vielleicht eine Verkennung der Individualität des anderen durch die "Caesarnatur" Mommsens (siehe unten, Anm. 81) ? Ed. Schwartz, Zur Einführung, in: "Briefe Mommsen", S. V-XVIII, hier: S. XII: "Mommsen, offenbar überrascht, scheint daran gedacht zu haben, den Enthusiasmus durch eine numismatische Arbeit auf eine harte Probe zu stellen, ließ das aber fallen und zog es vor, den jungen Feuerkopf sich seinen Weg selber suchen zu lassen."
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  20. Vgl. die Behandlung des Dichters in der "Römischen Geschichte", I. Berlin 9 1903, S. 910-913. "Wer an Seelenwanderung glaubt, der findet diese Seele bei Eugen Sue" (Mommsens Brief Nr. 64 vom 22.10.1879).
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  21. "Erinnerungen", S. 169: "Es verstand sich von selbst, daß ich ihm mein erstes Buch widmen mußte." Als er Hermann Usener die offenbar im Stil der Mommsen-Widmung geplante Zueignung des "Antigonos von Karystos" ankündigte, hat dieser ihn ausdrücklich um Zurückhaltung gebeten; vgl. "Briefe Usener", S. 18 - Brief Nr. 12 vom 24.7.1881.
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  22. Siehe unten, S. 53f.
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  23. S. 177.
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  24. Vgl. Wickert IV, S. 26f. Zur äußeren Erscheinung siehe das Familienbild aus dem Jahre 1891, das bei Wickert IV gegenüber S. 22 reproduziert ist (die Dame mit der Halskette). Sie war in der Lage, für ihren Mann Exzerpte aus der englischsprachigen wissenschaftlichen Literatur anzufertigen; vgl. "Briefe Oldfather", S. 120.
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  25. Vgl. Mommsens Brief aus Rom an seine Frau vom 2.5.1878 (Wickert IV, S. 249).
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  26. Vgl. Wilamowitz' Bemerkung über Friedrich Leo: "Für ihn war in Folge dauernder falscher Lobhudelei von Eltern und Lehrern die Gefahr störrischer Eitelkeit sehr groß; und von der heilt schwerlich etwas besser als rückhaltlose persönliche Hingabe aus persönlicher Verehrung" (Brief Nr. 26 vom 11.1.1877).
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  27. Wickert IV, S. 249.
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  28. Brief vom 2.5.1878 (Wickert IV, S. 250) - die dämpfende Antwort auf einen wohl sehr unkritischen Brief Marie Mommsens nach Wilamowitz' "Antrittsbesuch" in Berlin. Marie Mommsens Briefe aus diesen Wochen sind nicht enthalten.
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  29. "Ulrich v.W.M. heiratet Marie Mommsen, älteste Tochter des Theodor Mommsen zu Berlin." (W.M. Calder III, Chronik der Familie des Freiherrn von Wilamowitz Moellendorff, Quaderni di Storia 10 (1979, S. 197-223, Zitat: S. 202).
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  30. "Und vor allen Dingen, lache nicht über die consilia paterna; Du wirst wohl fühlen, wie sie gemeint sind." Brief Nr. 65 vom 6.1.1879)
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  31. "Römische Forschungen" II, Berlin 1879, S. 13, Anm. 30; S. 15, Anm. 33; S. 27, Anm. 12; S. 202, Anm. 106; S. 246, Anm. 24; S. 270, Anm. 67; S. 300, Anm. 5; S. 447, Anm. 69; s. 533, Anm. 22; S. 537, Anm. 25.
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  32. Brief Nr. 52 vom 16.12.1878 (S. 55-56) zu Plinius, "Naturalis Historia", XXXIV, 30.
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  33. Vgl. Mommsens Brief Nr. 66 vom 28.11.1879 über sein Verhältnis zu Carl Robert.
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  34. Siehe oben, Anm. 19, zur nie geschriebenen "Münzarbeit".
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  35. Nam nihil umquam me adiuvare poterat heißt es in @"Latin Autobiography", S. 45. Wilamowitz hat nur äußerst selten um Hilfe gebeten, zum Beispiel bei der Arbeit an der "Athenaion Politeia" (vgl. Brief Nr. 327 vom 26.3.1891).
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  36. Brief Nr. 59 vom 8.7.1879. Siehe auch Brief Nr.370 vom 23.11.1892 über "Aristoteles und Athen": "Bei meiner eigenen Arbeit ist mir außer Böckh ganz Dein "Staatsrecht" und die "Röm. Forsch." I eine merkliche Hilfe: zu lernen wie man aufpassen soll, und daß die Institutionen ihre innere Logik haben, die es zu fassen gilt."
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  37. "Kydathen". Seit der vierten Auflage der "Reden" hat er die Festrede fortgelassen, "weil sie die Erneuerung nicht mehr verdient" ("Erinnerungen", S. 191, Anm. 1).
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  38. Brief Nr. 72 vom 24.1.1880. Mommsen hat nicht erst das fertige Buch, sondern schon die Druckfahnen gelesen.
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  39. Ausdrücklich anerkannt hat er allerdings Eduard Meyer: "es ist doch einer, der etwas will und etwas kann" (Brief Nr. 389 vom 14.1.1894); vgl. auch "Staat", S. 212.
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  40. Brief Nr. 78, Mitte Dezember 1880, Pyrrhos wird vermutlich wegen der Behandlung in der "Römischen Geschichte" I, S. 383-410, ausgenommen. Bemerkenswert ist Mommsens Kommentar zu Wilamowitz' Brief Nr. 96 (über intensive Arbeit zur griechischen Geschichte) gegenüber seiner Frau. "Daß alles so gut weiter geht, ist ja eine Freude, Wilamowitz' Brief ist es nicht, ich sehe wieder deutlich daraus, daß er an der griech. Geschichte sich krank lesen wird, überhaupt seine Leidenschaft immer mit ihm durchgeht (21.5.1881, Wickert V, S. 251).
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  41. Brief Nr.107 vom 30.11.1881; vgl. dagegen die bissige Rezension von Erwin Rohde im "Literarischen Centralblatt" 33 (1882), S. 56-59; wiederabgedruckt in: E.R., Kleine Schriften I, Tübingen/Leipzig 1901, Nachdruck: Hildesheim 1969, S. 356-361.
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  42. "Erinnerungen", S. 237. Mommsen hatte keine sehr hohe Meinung von spezialisierten "Althistorikern": "man kann es nur bedauern, wenn ein unfähiger Historiker stirbt, da er immer durch einen noch unfähigeren ersetzt wird" (Brief Nr. 90, Februar 1881).
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  43. Brief. Nr. 76 vom 29.11.1880.
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  44. Brief Nr. 115 vom 18.2.1882.
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  45. Hermes 19 (1884), S. 1-79 und S. 210-234, wiederabgedruckt in: Th. M., Gesammelte Schriften VI: Historische Schriften III, Berlin 1910; Nachdruck: Berlin/Dublin/Zürich 1965, S. 20-117; vgl. Mommsens Brief Nr. 141 vom 16.9.1883.
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  46. Brief Nr. 145 vom 2.12.1883.
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  47. Vgl. Mommsens Brief Nr. 172 vom 26.8.1884. Zum Problem des ungeschriebenen vierten Bandes vgl. E. Bammel, Judentum, Christentum und Heidentum: Julius Wellhausens Briefe an Theodor Mommsen 1881-1902, Zeitschrift für Kirchengeschichte 80 (1969), S. 221-254, hier: S. 224f. - es ist nicht auszuschließen, daß Mommsen 1883/84 zeitweise an beiden Bänden gearbeitet hat. Wilamowitz hat den Schwiegervater noch im November 1893 bestürmt, den IV. Band zu schreiben (Brief Nr. 384).
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  48. Brief Nr. 145 vom 2.12.1883.
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  49. Brief Nr. 179 vom 11.10.1884.
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  50. Beim Abdruck der Briefe aus dieser Zeit ist die entsprechende Seitenzahl des V. Bandes am Rande hinzugefügt worden; namentlich genannt wird Wilamowitz nur S. 501, Anm. 2, wegen einer Textverbesserung zu Josephus, "Antiquitates Iudaicae" XIV, 10,6 § 204.
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  51. "Erinnerungen", S. 181.
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  52. Vgl. dazu W. Jaeger, Bespr. von "Briefe Mommsen", DLZ 57 (1936), Sp. 271-281; hier: Sp. 277f.; wiederabgedruckt in: W.J., Scripta Minora II (Storia e letteratura, 81), Roma 1960, S. 137-147, hier: S. 143f., sowie Ed. Fraenkel, The Latin studies of Hermann and Wilamowitz, JRS 38 (1948), S. 28-38, hier: S. 31; wiederabgedruckt in:E.F., Kleine Beiträge zur Klassischen Philologie II (Storia e letteratura. 96), Roma 1964, S. 563-576, hier: S. 569.
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  53. Vgl. "Glaube" II, S. 451 (zu Bd. 5,S. 5) und S. 488, Anm. 2.
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  54. Hermes 22 (1887), S. 107-128 und S. 211-259, hier: S. 212 (= Kl. Schr. V,1,S. 272-342, hier: S. 295). Siehe auch Wilamowitz' Brief Nr. 232 vom 20.2.1887.
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  55. Brief Mommsens vom 30.1887: "Deinen Metökenaufsatz habe ich gelesen, so weit ich nachkommen kann; Du setzest immer zu viel voraus und wer extra cancellos steht und gern hinübersehen möchte hat's nicht leicht. Aber ich sehe wohl, dass der zweite Teil für mich comparativ von grossem Interesse sein muss; es will mir aber scheinen, dass das Element, das wir "latini" nennen, in dem attischen Wesen mangelt. Das liegt wohl daran, dass hier die kleinen Einheiten so früh in dem relativen Grossstaat aufgegangen sind" (zitiert nach: J. Malitz, "Nachlese zum Briefwechsel Mommsen-Wilamowitz", einem Geschenk des Ehepaars Hiller von Gaertringen an Eduard Schwartz zu dessen 80. Geburtstag, Quaderni di storia 17 (1983), S. 123-150, Zitat: S. 144f.).
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  56. Brief Nr. 247 vom 9.5.1887. Ein Handbuch hat er nie geschrieben, Gründe dafür werden aus dem fragmentarischen Vorwort zum "Glauben der Hellenen" erkennbar: "Der Fortschritt in unserem Wissen geschieht durch die Untersuchung, also die analytische Kritik der Überlieferung, die zur Feststellung einer Wahrheit führt. Es bleibt analytische Untersuchung, auch wenn neue Faktoren in die Rechnung eingestellt werden; die Vermehrung des Materials ändert das Ergebnis, nicht die Methode. Die Synthese nimmt die gewonnenen Einzelergebnisse zusammen und gelangt so zu einem Vollbilde. Sie ist unentbehrlich, rückt vieles einzelne erst in das rechte Licht und kann sagen, daß die analytishe Forschung nur Vorarbeiten für sie liefert. Aber sie reizt zu neuer Forschung, und je stärker sie es tut, um so eher genügt sie nicht mehr. Eine neue wird nötig, und so geht es weiter, solange Leben in der Wissenschaft ist" ("Glaube" II, S. VIII).
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  57. Brief Nr. 232 vom 20.1.1887.
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  58. Brief. Nr. 233 vom 23.1.1887. Der Aufsatz ist veröffentlicht In: Historische Zeitschrift 1 (1859), S. 332-379; wiederabgedruckt in: Th M., Römische Forschungen I, Berlin 1864, S. 321-390. Vgl. auch Mommsens "Römische Chronologie bis auf Caesar", Berlin 2. Auflage 1859, S. 6, sowie sein Vorwort für den Sammelband "Zum ältesten Strafrecht der Kulturvölker. Fragen zur Rechtsvergleichung gestellt von Th. M., Berlin 1905, S. 1f.
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  59. Ein "idealer" Leser" des "Staatsrechts" war Rudolf von Jhering; Mommsen schreibt ihm am 5.12.1871 zur Veröffentlichung des I. Bandes: "Ich habe so oft, wenn ich an meinem "Staatsrecht" arbeitete und mir der Gedanke kam, für wen denn eigentlich solche Erörterungen bestimmt sind, an Sie gedacht und mir Ihre Teilnahme an dem fertigen Werk versprochen, daß es mir seltsam vorkäme, wenn Ihnen der Band nur mit dem Verlegerzettel zuginge. Nehmen Sie das Werk freundlich auf und helfen Sie dazu, die leidige Kluft, die ius publicum und ius privatum trennt, zu überbrücken; zuschütten können wir sie nun einmal nicht" (zitiert nach einer Abschrift von Wickert).
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  60. Brief Nr. 236 vom 1.2.1887..
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  61. "An dem Camillus des Livius hat mich zur rechten Zeit Wilamowitz erinnert." ("Reden zur Feier der Geburtstage König Friedrichs II. und Kaiser Wilhelms II." (24.Januar 1889), SBBerl 1889, S. 23-35, Zitat: S. 29, Anm. 2; wiederabgedruckt in: Th.M., Reden und Aufsätze, Berlin 1905, S. 168-184,Zitat: S. 175, Anm. 1, zu Horaz, "carmina" III, 3,17f.); vgl. Wilamowitz' Brief Nr. 277 vom 8.1.1889.
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  62. Bei der Kommentierung von "Athenaion Politeia" 10 (über die Münzreform Solons) hat Mommsen sogar geholfen; vgl. Brief Nr. 328 vom 30.3.1891.
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  63. "Charakteristisch ist es, daß außer Dir niemand, selbst Kirchhoff und Köhler nicht, die Wichtigkeit dieser Untersuchung begreift" (Brief Nr. 362 vom 17.4.1892). "Civium Romanorum libertinorum appellatio Graeca", EphEp 7 (1892), S. 450-456, wiederabgedruckt in: Th. M., Gesammelte Schriften VIII, Epigraphische und numismatische Schriften, Berlin 1913; Nachdruck: Berlin/Dublin/Zürich 1965, S. 547-554.
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  64. "Dein kleines Staatsrecht habe ich mit Andacht erst zu kleinerem Teile gelesen" (Brief Nr. 384 vom 6.11.1893).
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  65. Vgl. Mommsens Brief Nr. 417 vom 4.12.1895. Das Werk hat ihm viel bedeutet: am 4.5.1898 schreibt er an seine Frau: "Ich freue mich doch, daß dies Werk wohl noch fertig wird; es ergänzt meine anderen Arbeiten" (zitiert nach einer Abschrift von Wickert).
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  66. Vgl. "Römisches Strafrecht", Leipzig 1899, S. 982, Anm. 8, und Brief Nr. 432 sowie S. 812, Anm. 1, und die Literaturangaben in Brief Nr. 430. Gespräche über das Strafrecht bezeugt auch der S. 116, Anm. 3, abgedruckte kleine Beitrag von Wilamowitz, der im erhaltenen Briefwechsel nicht erwähnt wird.
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  67. Brief Nr. 422 vom 28.10.1896.
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  68. Vgl. Schwartz, Zur Einführung, S.X; Schwartz, S. 35 bzw. S. 374; ders., Brief an Otto Kern vom Oktober 1938 ("Ricordi su Wilamowitz", Quaderni di Storia 7 (1978), S. 211-216, hier: S. 211)
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  69. Aus Mommsens Briefen an seine Frau geht es deutlich hervor. Neben den von Wickert IV, S. 251, gegebenen Beispielen seien noch drei weitere Briefe zitiert: (14.5.1887) "Versprochen habe ich den Göttingern nichts und bitte Dich auch recht sehr Ihnen auf einen solchen Doppelbesuch keine Aussicht zu machen. Höchstens komme ich des Morgens, um den Abend weiterzureisen, aber besser auch das nicht." (11.7.1887) "Mariechens Brief hat mir leid getan; die Antwort lege ich Dir bei. Ich glaube nicht, daß ich wieder hinkomme; was soll ich da ?" (28.9.1893 - es geht um die Suche nach einem passenden Internat für Hans Mommsen) "Es mag ja mit Hans noch einmal versucht werden, ob ein brauchbarer Mensch aus ihm werden kann. Was Marie mit Mangold (?) besprochen hat - mit Wilamowitz ist über diese Dinge wie über andere nicht wohl zu reden - scheint mir sehr acceptabel und auch mit Rudorffs Auffassung im Ganzen übereinzustimmen." Einen Eindruck von Wilamowitz' Leben im Greifswald und in Göttingen vermitteln die Briefe Marie Mommsens an ihren Vater, die hier in unveränderter Schreibweise und Zeichensetzung zitiert werden. (13.6.1881): "Ulrich ist heute in großer Verzweiflung, er hat schon lange Pläne gemacht, wenn Hans ihm sein Buch fertig schafft (sc. der "Antigonos von Karystos"), in den Ferien nach Italien zu gehen u. gerade gesten äußerte er sich so befriedigt, daß es jetzt rasch vorwärts gehe, da wurde er heute zu einer 56tägigen Übung vom 26. Juli ab zitiert. Natürlich würde ja damit seine Reise in den Brunnen fallen, denn da es in die Ferien fällt, kann von einer Reklamation keine Rede sein. Besonders empört ist er, weil als sie ihm im Frühjahr überließen, sich die Zeit zu wählen, er um die Zeit zum ersten Juni angeboten u. darauf die Antwort erhalten hatte, er sei nun ganz frei." (10.3.1882) "Ulrich will mir aber gar nicht gefallen, er ist ja äußerlich ganz munter und auch ganz wohl, aber oft bricht dann seine verzweifelte Stimmung durch und dann schilt er mit furchbarer Bitterkeit auf alles und Berlin kommt dabei nicht zum besten weg. Wenn doch nur bald die Möglichkeit wäre daß er von hier wegkäme, ich sehe es immer mehr wie einsam er hier doch steht u. wenn nun erst im Herbst Wellhausen weggeht, dann hat er niemand mehr. Mit Kießling scheint es ziemlich aus zu sein, er kommt kaum mehr u. Seeck scheint sich ziemlich flegelhaft benommen zu haben." (30.4.1882 - Maries schwierige Schwangerschaft): "Aber auch Ulrich merkt man an, daß er jede Gelegenheit gesucht hat sich in der Krankenpflege zu üben; jede Nacht läßt er sich mehrmals rufen wenn die Erdumschläge erneuert werden sollen um sie dabei aufzurichten. Natürlich ist er auch sonst herunter, obwohl er heute entschieden munterer ist, seit er zwei ruhigere Nächte gehabt hat." (3.5.1882 - nach dem Tod des gerade geborenen Sohnes): "Es wird mir schwer, mich in U's Weise, wie er die ganze Sache trägt zu finden, Du weißt daß ich gewiß nicht für Sentimentalitäten bin, am wenigsten bei einem Mann, die Art aber, wie er seinen Kummer und Sorge durch förmlich erzwungene Heiterheit verbergen will ist mir fast unerträglich." Mommsens Antwort auf diesen Brief ist bei Wickert IV S. 251f., abgedruckt.
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  70. Einig waren sie sich zum Beispiel in der Ablehnung der Welfen-Partei - vgl. Mommsens Brief Nr. 144 und Wilamowitz' Antwort im Brief Nr. 145.
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  71. Zitiert nach K. Rossmann, Wissenschaft, Ethik und Politik. Erörterung des Grundsatzes der Voraussetzungslosigkeit in der Forschung. Mit erstmaliger Veröffentlichung der Briefe Theodor Mommsens über den "Fall Spahn" und der Korrespondenz zu Mommsens öffentlicher Erklärung über "Universitätsunterricht" und Konfession". Aus dem Nachlaß Lujo Brentanos (Schriften der Wandlung. 4), Heidelberg 1949, S. 28 (Brief vom 12.11.1901). Zum Fall Spahn vgl. B. vom Brocke, Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Preußen im Deutschen Kaiserreich 1882-1907: Das "System Althoff", in: P. Baumgart (Hrsg.), Bildungspolitik in Preußen zur Zeit des Kaiserreichs (Preußen in der Geschichte. 1), Stuttgart 1980, S. 9-118, hier: S. 100-105, sowie Chr. Weber, Der "Fall Spahn" (1901). Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Kulturdiskussion im ausgehenden 19. Jahrhundert, Roma 1980.
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  72. Brief Nr. 40 vom 18.5.1878. Ein späteres Zeugnis für Mommsens Sorge ist der Brief an Henzen vom 7.4.1881 (Wickert IV, S. 251). Am 30.4.1881 schreibt er wiederum an Henzen: "Leider ist die ganze Existenz dort (sc. in Greifswald) für ihn ungeeignet und keine Hoffnung auf Änderung, woran er freilich durch seine ungeschickte Heftigkeit zum Teil die Schuld trägt. Mich macht es sehr traurig, ein unvergleichliches Talent, aber er braucht weiten Spielraum und in dieser Enge verkommt und verstockt es" (zitiert nach einer Abschrift von Wickert).
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  73. Vgl. dazu Agnes v. Zahn-Harnack, "Adolf von Harnack", Berlin 2. Auflage 1951, S. 195.
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  74. Vgl. etwa "Staat", S. 213; "Erinnerungen", S. 181, Anm. 1, und s. 303f.; Kl. Schr. V, 1, S. 271 (Nachtrag zu "Res gestae divi Augusti"); Brief an Werner Jaeger vom 15.12.1928 ("Briefe Jaeger", S. 347); Jaeger, Bespr. von "Briefe Mommsen", Sp. 279 bzw. S. 145.
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  75. Früher hatte er dem Schwiegervater gelobt, "daß ich, wenn ich Leben und Kraft behalte, einstehen werde mit scharfem Schwerte, wenn es an der Zeit sein sollte" (Brief Nr. 260 vom 28.11.1887).
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  76. Vgl. Schwartz, Zur Einführung, S. VI: "er lieh seine Kunst, zu sprechen und zu schreiben, nicht selten einer politischen Aufwallung, die es nicht verdiente...".
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  77. "Briefe Jaeger", S. 320f. Auch Mommsens Engagement gegen den zeitgenössischen Antisemitismus hat er ganz verständnislos abgetan ("Erinnerungen", S. 180, Anm. 1). Zu Mommsens Haltung siehe St. Zucker, "Theodor Mommsen and Antisemitism", Leo Baeck Institute. Year Book 17 (1972), S. 237-241.
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  78. "Was uns noch retten kann" (vollständiger Abdruck bei L.M. Hartmann, "Theodor Mommsen. Eine biographische Skizze. Mit einem Anhang: Ausgewählte politische Aufsätze Mommsens", Gotha 1908, S. 255-258). Zum politischen Zusammenhang vgl. R. vom Bruch, Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im Wilhelminischen Deutschland (1890-1914) (Historische Studien. 435), Husum 1980, S. 176f. Es gibt keinen, womöglich "altersbedingten", Bruch in Mommsens politischer Haltung. Sein lebenslanges Krisenbewußtsein läßt sich durchaus mit dem Jacob Burckhardt vergleichen. Siehe auch W.J. Mommsen, Die Geschichtswissenschaft jenseits des Historismus, Düsseldorf 21972, S. 13.
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  79. Das maschinenschriftliche Original mit dem Titel "Dokumente, Erinnerungen und Bemerkungen zur Testamentsklausel von Theodor Mommsen" befindet sich jetzt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Vgl. A. Heuss, Bespr. von L. Wickert, "Theodor Mommsen" I-III (1959-1969) und "Theodor Mommsen - Otto Jahn. Briefwechsel 1842-1868", hrsg. von L.W. (1962), Gnomon 43 (1971), S. 772-801; hier S. 773.
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  80. Wilamowitz' eigene Worte ("Theodor Mommsen, Römische Geschichte IV", Sp. 206 bzw. S. 29). Die sogenannte Testamentsklausel (abgedruckt bei Wickert IV, S. 77f.) ist keine bloße Klausel, sondern so etwas wie Mommsens geistiges Vermächtnis an die Deutschen. Konrad Mommsen erinnert sich an eine Vermutung des Sohnes Ernst, Mommsen habe sich über eine nationalistisch frisierte Biographie geärgert und durch die "Klausel" ein solches Machwerk über sich verhindern wollen. Daß er an der Niederschrift von 1899 stets festgehalten hat, beweist die von Konrad Mommsen bezeugte Erwähnung der Testamentsklausel im Erbvertrag vom 15.2.1902. Es ist nicht auszuschließen, daß der von Calder, S. 224, erwähnte heftige und offenbar nie mehr bereinigte Streit zwischen Wilamowitz und Wolfgang Mommsen nach dem Tod Mommsens mit diesem Vermächtnis zu tun hat. Zur politischen Deutung der Testamentsklausel vgl. neben A. Heuss, Theodor Mommsen über sich selbst. Zur Testamentsklausel vom 1899 A & A 6 (1957), S. 105-117, auch G. Pasquali, Il testamento di Teodoro Mommsen, Rivista storica italiana 61 (1949), S. 337-350 wiederabgedruckt in: G.P., Pagine stravagante II (Biblioteca Sansoni, 42), Firenze 1968, S. 383-396 (Hinweis von L. Canfora).
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  81. "Briefe Jaeger", S. 320.
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  82. "Latein Autobiography", S. 45f.
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  83. Vgl. dagegen die Notizen über Welcker und Wellhausen: "E philologis Welckerum amare sponte coepi 68, sequi constitui statim, et veneror multumque feci ut alii venerarentur ... Wellhausen 1878 et vir et per libros cepit; inde ab 82 per libros." Wilamowitz' frühe Vorbehalte werden bestätigt durch die "Unbeholfenheit", die ihn von einer Teilnahme an Mommsens Lehrveranstaltungen abhielt (siehe oben, Anm. 17).
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  84. In der Tat wird er nur ein einziges Mal mit Namen genannt, und dann wegen einer Textverbesserung (Anm. 50).
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  85. Von Max Weber soll das Bonmot stammen "Mommsen verträgt zwei Glas Wein und trinkt drei", vgl. Wickert II, S. 64, sowie IV, S. 204.
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  86. Mommsen seinerseits hat Wilamowitz vor scharfen Bemerkungen gewarnt (Anm. 72.)
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  87. Im erhaltenen Briefwechsel ist von politischen Differenzen nie die Rede (vgl. oben, Anm. 70). Könnte es sein, daß hier Wilamowitz' sonst sorgsam unterdrückte Ablehnung von Mommsens politischen Vorstellungen zum Ausdruck kommt ? Die Urteile im Brief an Jaeger aus dem Jahre 1917 sind ja nicht weniger scharf (vgl. oben, Anm. 77 und Anm. 81).
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  88. Zusatz zum Brief Nr.176. Im Jahre 1893 war er noch begeistert von dem Plan (Brief Nr. 384). 1928 heißt es dann: "Daß er in seinen allerletzten Jahren mit dem Gedanken an eine Fortsetzung gespielt hat, ist eine Altersschwäche, mit der man nicht rechnen darf" ("Erinnerungen", S. 180, Anm. 2); vgl. auch "Theodor Mommsen, Römische Geschichte IV".
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  89. Er schreibt Eduard Norden am 2. Dezember 1917: "Feier im Mommsengymnasium gelungen. Hofmann ganz schwer philosophisch, aber interessant. Am Abend mußte ich eine lange Rede von Harnack dulden, der aber meist von sich sprach; es war mir kaum erträglich. Er hat ja keine Vorstellung von Mommsen." (Zitiert nach W.M. Calder III, "Adolf Erman to Wilamowitz on Mommsen's Politics", Quaderni di Storia 14 (1981), S. 151-157, hier: S. 155, Anm. 10; wiederabgedruckt in: Wilamowitz, Selected Correspondence 1869-1931 ed. by W.M. Calder III (Antiqua. 23), Napoli 1983, S. 57-63 hier: S. 61, Anm. 10) Der Vortrag ist in der Harnack-Bibliographie nicht verzeichnet, scheint also nicht veröffentlicht worden zu sein.
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  90. Ein mündliches Zeugnis der Tochter Hildegard; vgl. "Briefe Jaeger", S. 320, Anm. 105.
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  91. "Erinnerungen" S. 174. Auf die Bedeutung der Episode macht auch Alfred Heuss aufmerksam (Bespr. von Wickert, "Theodor Mommsen" I-III und "Theodor Mommsen - Otto Jahn", S. 787f.).
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  92. "Briefe Mommsen", S. 71-73; vgl. A. Körte, Bespr. von Wilamowitz, "Elegeia", Gnomon 15 (1939), S. 46-53, hier: S. 51.
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  93. Es charakterisiert die besonders enge Beziehung des alten Mommsen zu Harnack, daß er ihm kurz vor seinem Tode "mit großer Bewegung" (Agnes v. Zahn-Harnack, "Adolf von Harnack", S. 440, Anm. 1) aus einem barocken Kirchenlied zitiert hat. "O Ewigkeit, du Donnerwort, o Schwert, das durch die Seele bohrt, o Anfang sonder Ende ! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, ich weiß vor großer Traurigkeit nicht, wo ich mich hinwende." Wilamowitz selbst hat den von Todesahnungen erfüllten Schwiegervater auf seltsame Weise getröstet: "Du weißt, daß ich den Tod nicht unter allen Umständen für ein Unglück ansehe, aber ich glaube noch nicht, daß es soweit ist" (Familienüberlieferung, zitiert in: "Briefe Mommsen", S. 565).
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  94. Siehe oben, Anm. 36. Mommsen hätte ihm aber auch viel "Positives" geben können, wenn er ihn nur gefragt hätte - ein seltenes Beispiel ist der Brief Nr. 327 (vgl. oben, Anm. 62). Dies gilt sogar für Wilamowitz' Spezialgebiet, die Dichtung der Griechen: Mommsens "paar Blätter" über Euripides' "Hippolytos" (vgl. "Briefe Mommsen", S. 426-429) aus dem Jahre 1891 waren eine sehr wertvolle Anregung zu weiterer Arbeit. Wilamowitz hielt Mommsens Bemerkungen für so wichtig (vgl. auch W.M. Calder III, The Riddle of Wilamowitz's Phaidrabild, GRBStud 20 (1979), S. 219-236, hier: S. 227), daß er sie bei seinen Diplomen aufbewahrt hat; die Herausgeber der Briefe haben den auffälligen Fundort nicht kommentiert.
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  95. Nicht mehr berücksichtigt werden konnte der Aufsatz von Karl Christ "... die schwere Ungerechtigkeit gegen Augustus". Augustus, Mommsen und Wilamowitz, in: E. Gabba (Hrsg.), Tria Corda. Scritti in onore di Arnaldo Momigliano (Biblioteca di Athenaeum. 1), Como 1983, S. 89-100.
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Prof. Dr. Jürgen Malitz, 17. Januar 1998