Katholische Universität Eichstätt
Lehrstuhl für Alte Geschichte
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Eheschließungen junger Wissenschaftler mit Professorentöchtern sind im 19. Jahrhundert keine seltenen Verbindungen; so ist die Hochzeit der ältesten Tochter Mommsens mit Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff im Jahre 1878 als solche gar nichts Bemerkenswertes. Der wissenschaftliche Rang von Schwiegervater und Schwiegersohn gibt dem persönlichen Verhältnis zwischen den beiden freilich ein besonderes Interesse. Der zum größten Teil erhaltene Briefwechsel[1] und andere Zeugnisse erlauben die Prüfung der Frage, in welchem Maße Wilamowitz von Mommsen Anregung und Förderung für die eigene Arbeit gewonnen hat, und welchen Eindruck Mommsen im Laufe der Jahre auf ihn machte. Wilamowitz war nach Herkunft und Wesensart ganz anders als die übrigen Männer aus der engeren Umgebung Mommsens, denen er etwas von seinen persönlichsten Gedanken und Gefühlen zu erkennen gab. Der Nähe zu Mommsen verdankt der Jüngere nicht nur wissenschaftliche Bereicherung; diese Nähe ließ ihn auch zu Einblicken kommen, die ihm unangenehm waren, die ihn Sprünge und Risse in der reichen Natur Mommsens erkennen ließen, zu denen er keinen Zugang haben wollte - die er aber auch nicht für alle Zeiten verschwiegen hat.
Die "prähistorische" Epoche der Beziehungen, die der Schwiegervater mit der Verlobung am 14. April 1878 enden läßt[2], beginnt genaugenommen nicht erst durch die Begegnung in Italien im Jahre 1873, sondern schon während Wilamowitz' Schulzeit. Wilamowitz hat später mehrfach darauf hingewiesen, die "Römische Geschichte" bereits in Obersekunda, im Jahre 1865, mit Begeisterung gelesen zu haben, durch eine Empfehlung des verehrten Lehrers Carl Peter. Er hatte sich früher kritisch über Mommsens Werk geäußert[3], meinte aber, daß die "Römische Geschichte" ein sinnvolles Geschenk für den jungen Wilamowitz sein werde[4]:
"Trotz dieser Abneigung (sc. gegen Mommsen) hat er meiner Mutter empfohlen, als ich Obersekundaner war, mir Mommsens "Römische Geschichte" zu schenken, die mich gleich gefangennahm, auch in ihrer Ungerechtigkeit gegen Cicero, der daher lange vernachlässigt blieb."
Wie sehr ihn die Lektüre damals fasziniert hat, beweist auch die Übernahme einer Übersetzung Mommsens von Euripides-Versen in der Valediktionsarbeit vom Jahre 1867 [5]. Die "Römische Geschichte" hat zu den großen Leseerlebnissen seiner Jugend gehört. Mommsen ist eigentlich der einzige "moderne" wissenschaftliche Autor gewesen, der seine Aufmerksamkeit in diesem Maße erregt hat[6].
Im September 1867
verließ Wilamowitz Schulpforta. "Der Mulus zog nach Bonn und suchte
im Nebel seinen Weg."[7]. In Bonn fühlte er sich besonders
von Otto Jahn angezogen, selbst ehemaliger "Pförtner" und ein enger Freund
Mommsens[8]. Nichr nur
bei ihm wird Gutes über Mommsen zu hören gewesen sein: Jacob Bernays
zählte ihn zu den Autoren, von denen man "alles" lesen müsse[9]. In einem Brief an den
Schwiegervater schreibt Wilamowitz später über seine Bonner
Semester[10]:
"Ich versichere Dir, daß ich als Student weder die anderen Abhandlungen der "Röm. Forsch. I" noch die "Rechtsfrage", noch irgend ein Buch über griechische Dinge der Art sonst ertragen konnte, also auch nicht las (den "Staatshaushalt" ausgenommen, wo die Masse des Details anzog): aber das Gastrecht gab mir einen Begriff, wie so etwas sein müßte. Das verstand ich und das weckte ein Interesse, das sonst im Reiche der Poesie fast ausschließlich befangen war."
Das Ende des Bonner Studiums war durch den äußeren Zufall von Jahns Tod im September 1869 bedingt. Die Wahl Berlins zum Studienort mag durch familiäre Erwägungen erleichtert worden sein; die Universität selbst war es nicht, die ihn anzog. Eine Vorlesung bei Mommsen hat er nicht gehört. "Mommsens Reich lag mir noch zu fern; er war auch oft auf Reisen für seine Inschriften."[11] Im Lebenslauf der Dissertation sind Carl Peter und Jahn die Persönlichkeiten, die besonders hervorgehoben werden. Für die Ehrlichkeit (und das Selbstbewußtsein) des Doktoranden spricht es, daß der von ihm nicht sehr geschätzte Moriz Haupt, der Hauptgutachter der Arbeit, nur in der alphabetischen Reihenfolge der akademischen Lehrer genannt wird[12].
Zur persönlichen
Begegnung mit Mommsen ist es erst nach Wilamowitz' Rückkehr aus dem
Deutsch-Französischen Krieg gekommen, in der zweiten Hälfte des
Jahres 1871. In den "Erinnerungen" berichtet er von seinem ersten
Hausbesuch bei Mommsen, der der Vorbereitung einer eventuellen Entsendung nach
Paris zur Ausführung wissenschaftlicher Auftragsarbeiten diente[13]. Mommsens damaliges
Urteil über Wilamowitz ist bezeugt in einem Brief an Wilhelm Henzen vom
13. Februar 1872, mit dem er ihn für das archäologische
Reisestipendium empfohlen hat, offenbar ohne Erfolg[14]:
"... habe ich lieber den Baron von Wilamowitz (sic !) genannt, einen vorzüglichen Philologen mit archäologischen Kenntnissen, der sich später hier zu habilitieren denkt. Sein Adel und sein zu erwartendes Lieutenantspatent im 2. Garderegiment sind unter den Umständen nicht zu verachtende Dinge."
Die Italienreise des Jahres 1872 ist der Anlaß zu den ersten Briefen, die Wilamowitz an Mommsen geschrieben hat: es geht um kleinere wissenschaftliche Aufträge, um deren Besorgung Mommsen ihn vor Antritt der Reise gebeten hatte[15]. Im Jahre 1873 reiste auch Mommsen wieder nach Süden. Hier kommt es zur wirklichen Begegnung der beiden, auf gemeinsamen Fahrten, durch lange Gespräche. Wilamowitz' späterer Bericht über Mommsens Entwürfe einer Fortsetzung der "Römischen Geschichte" deutet auf eine gewisse Vertraulichkeit.[16]
Im Januar 1874 schickt
Wilamowitz aus Rom einen Brief an Mommsen in Berlin und dankt ihm bewegt
für die Zusendung einer Todesanzeige von Haupt. Es gibt nicht viele so
emotionale Briefe aus Wilamowitz' Feder. Hier spricht er von seinem Wunsch,
"sich einem Lehrer persönlich anschließen zu können" und
bittet Mommsen, ihm als Zeichen der Schülerschaft eine Aufgabe zu
übertragen. Obwohl er sich bisher nicht zu Mommsens Schülern
zählen dürfe und aus "Unbeholfenheit"[17] nicht in seine Nähe gekommen sei,
schreibt er[18]:
"Aber eben deshalb - ich weiß nicht, ob eine Arroganz darin liegt, aber ich kann mich nicht enthalten eben deshalb Ihnen auszusprechen, daß ich mich doch zu den Ihren rechne, daß ich zu Ihnen und zu der Fahne, welche Sie führen, halte, wie der Soldat zu der, auf die er seinen Eid geschworen."
Mommsens Antwort ist nicht erhalten; die Aufgabe, die er ihm geben wollte, eine "Münzarbeit", ist entweder nicht konkret gestellt worden - oder Wilamowitz hat sie wegen seiner ganz anderen Interessen denn doch nicht bearbeiten wollen.[19] Dem privaten "Fahneneid" vom Jahre 1873 folgte die öffentliche Erklärung der Schülerschaft. Wilamowitz widmete Mommsen seine Habilitationsschrift "Analecta Euripidea". Die Widmung der überwiegend philologischen Arbeit, dazu noch einer über den von Mommsen nicht gerade geschätzten Euripides, ist eine bemerkenswerte Demonstration;[20] die sehr persönliche Vorrede, in der sich der junge Privatdozent zur umfassenden Altertumswissenschaft im Sinne Mommsens bekennt, hat er sicher nicht ohne dessen vorherige Kenntnisnahme drucken lassen. Für Kenner der Verhältnisse mag Mommsens Bereitschaft, diese fulminante Widmung überhaupt anzunehmen, ein Beweis für den geistigen Rang des anspruchsvollen Schülers gewesen sein.[21]
Wilamowitz' Erinnerungen an
die Berliner Jahre bis zur Annahme des Rufs nach Greifswald machen deutlich,
wie eng auch der rein private Kontakt zum Hause Mommsens schon vor der
Verlobung gewesen sein muß. Daß der junge Gelehrte bald nach der
Rückkehr aus Italien Mommsen wesentlich nähergetreten ist, zeigt auch
die Einladung zu einem "kleinen, vornehmen Rektoratsdiner" im
Anschluß an Mommsens Rektoratsrede vom 15. Oktober 1874. Während des
Essens fiel Mommsens in Ohnmacht, und Wilamowitz erhielt den Auftrag, ihn nach
Hause zu begleiten. Auf der Heimfahrt kam es zu den in den "Erinnerungen"
angedeuteten, sehr offenen Bekenntnissen Mommsens, die Wilamowitz'
Verhältnis zu ihm mehr belastet haben müssen, als daß sie durch
ihre Vertraulichkeit Zuneigung und Verständnis geschaffen hätten;
darüber wird später zu sprechen sein.[22].
Wilamowitz schreibt in den "Erinnerungen" zur Lebensentscheidung seiner Heirat[23]:
"Ostern 1878 schickte mich der Arzt nach Rom; ich verlobte mich mit Mommsens ältester Tochter, heiratete im Herbst, und ein neues besseres Leben begann ..."
Er wird Marie Mommsen spätestens 1873 kennengelernt haben, als die Einladungen Mommsens häufiger wurden. Von allen Töchtern Mommsens war die im Jahre 1855 geborene Marie wohl die energischste und selbständigste. Im Unterschied zu den jüngeren Schwestern, die nur mit Mühe ihren Platz im Leben fanden, war sie zum Zeitpunkt ihrer Verlobung immerhin so weit unabhängig, daß sie mit ihrem Lehrerinnen- und Turnexamen ein eigenes Leben hätte führen können[24]. Als Erstgeborene stand sie ihrem Vater sehr nahe, und es fiel Mommsen gar nicht leicht, sie der Rolle einer braven Haustochter entwachsen zu sehen.
Marie war damals 23 Jahre und
nach damaligen Maßstäben keineswegs zu jung für eine Ehe;
Mommsen wird auch froh gewesen sein, daß nun die erste seiner Töchter
heiraten und der väterlichen Sorge enthoben sein würde. Die
bevorstehende Heirat der Erstgeborenen weckte in ihm aber auch mächtige
Emotionen, die in Briefen an seine Frau offen zur Sprache kommen[25]
Wilamowitz' Neigung für
Marie kann nicht in Frage gestellt werden, doch ist andererseits nicht zu
übersehen, daß die Figur des künftigen Schwiegervaters die
Eheschließung überschattet oder überstrahlt. Die Heirat mit
Marie erfüllte für Wilamowitz auch das fundamentale Bedürfnis,
einem großen Gelehrten nahe zu sein.[26] Der Verlobungstag wird durch die
Erinnerung an den Verlobungstag Mommsens bestimmt.
Ein Brief Mommsens an seine
Frau vom 2. Mai 1878 bezeugt, wie sehr Wilamowitz bereits vor der Verlobung,
und offensichtlich auch ohne jeden Gedanken an eine solche Verbindung, seine
Beachtung gefunden hat.[27] Er gehört zu den ersten, die
Wilamowitz' überragende Begabung erkannt haben; allerdings fühlte er
sich auch unangenehm berührt durch manche selbstbewußten Züge
des künftigen Schwiegersohns, die ihn daran zweifeln ließen, mit
gutgemeinten Ratschlägen Gehör zu finden. Der Erkenntnis von
Wilamowitz' Begabung stehen die kritischen Bemerkungen von Anfang an zur Seite
- und das Gefühl, daß Wilamowitz im Grunde doch eine ganz andere Welt
als die der übrigen Freunde des Hauses Mommsens repräsentiert:
"Es kommt hinzu, daß seine Herkunft und seine Stellung ihn aus der gewöhnlichen Professorenmisere so völlig heraushebt; das ist ein großes Glück, dessen wir uns mitfreuen sollen; aber eine Scheidung liegt darin auch[28]."
Wilamowitz hatte sich nach der Berufswahl nun auch mit der Wahl seiner Lebenspartnerin von der Tradition seiner Familie unabhängig gemacht. Die Familienchronik berichtet knapp von dem neuen Mitglied der Familie: nur der Hinweis auf den Vater der Braut läßt vermuten, daß man in Markowitz immerhin zur Kenntnis nahm, daß die Schwiegertochter zwar "bürgerlich" war, aber einen Vater hatte, den zu nennen selbst in der knappen Chronik Gelegenheit sein sollte.[29]
Mommsens rühmende Worte über den jungen Wilamowitz kündigen schon an, daß sich der intensive wissenschaftliche Briefwechsel der nächsten Jahre nicht nur dadurch erklärt, daß Wilamowitz seit dem 20. September 1878 auch der Schwiegersohn geworden war.
Ein Blick in das Verzeichnnis
von Mommsens Schriften aus dieser Zeit zeigt, daß er sich immer nur
für einen ganz bestimmten Teil seines weiten Arbeitgebiets an Wilamowitz
gewandt hat. Dies gilt umgekehrt auch für Wilamowitz - auch aus seinen
Briefen wird nur ein Teil dessen erkennbar, dem damals seine Forschungen
galten.
Schwerpunkt von Mommsens
Fragen in den Briefen seit 1878 sind die Probleme, für deren Lösung
er von Wilamowitz aufgrund seiner sprachlichen Meisterschaft und seiner schon
damals umfassenden Kenntnis der literarischen Überlieferung der Griechen
fördernde Hinweise erwartet hat. Wilamowitz berührt in seinen Briefen
an Mommsen nur wenige ihn selbst interessierende Fragen, und so ist in Mommsens
Briefen "Positives" im Sinne der Belehrung relativ selten zu finden - der
Schwiegervater informiert ihn nur über Neufunde, die ihm als einem der
ersten in Berlin bekannt wurden, über neue Publikationen, die in der
Greifswalder Bibliothek nicht zu bekommen waren, und er erteilt ihm, nicht
zuletzt, consilia paterna, von denen er freilich wußte, daß der
Schwiegersohn sie nicht beherzigen werde.[30]
Wichtigstes Thema des
Briefwechsels der ersten Jahre sind die Abhandlungen für den II. Band der
"Römischen Forschungen". Die Wahl des dreißigjährigen
Greifswalder Professors zum wichtigsten Gesprächspartner für die
abschließende Korrektur der Druckbögen ist aus heutiger Sicht
vielleicht selbstverständlich, wäre es aber für die meisten
Fachgenossen damals sicher nicht gewesen und läßt erkennen, welchen
hohen Rang Mommsen schon dem jungen Wilamowitz unter den
Altertumswissenschaftlern seiner Zeit zuerkannt hat.
Mommsen nennt ihn immer dann,
wenn er aus seiner breiten Kenntnis der griechischen Autoren ergänzende
Belege geben kann, die von Platons "Gesetzen" bis zu späten
Scholiensammlungen reichen. Auch die Hinweise zur Textkritik und Parallelen aus
der griechischen Welt hat Mommsen dankbar aufgenommen[31].
Der Dank für inhaltliche
Kritik ist schon zurückhaltender. Sobald der Schwiegersohn Fragen
berührte, die Mommsen als seine ureigensten Gebiete betrachtete, ließ
er sich nicht so leicht zur Übernahme der Greifswalder Vorschläge
bewegen. Da Wilamowitz' Briefe aus der Zeit zwischen Mai 1878 und August 1880
durch den Brand in Mommsens Arbeitszimmer mit einer einzigen Ausnahme
vernichtet sind, läßt sich nicht mehr abschätzen, wieviel
Mommsen nicht akzeptiert hat. Nur ein Brief vom 16. Dezember 1878 ist erhalten,
in dem Wilamowitz sehr gründlich seine abweichende Auffassung einer
Plinius-Notiz über Sp. Cassius darlegt, mit der er sich aber nicht hat
durchsetzen können.[32]
Der wissenschaftliche
Briefwechsel schon der ersten Jahre ist repräsentativ für den
gesamten gedanklichen Austausch der beiden Männer. Das "Geben und
Nehmen"[33] ist durch
die Entfernung von Wilamowitz' mehr literarischen Studien (die vielleicht auch
durch ein mehr oder weniger bewußtes Fernbleiben von Mommsens
römischen Themen zu erklären ist)[34] von Anfang an nicht in beiden
Richtungen gleich. Konkrete Anregungen gehen von Wilamowitz aus; was Mommsen
dem Schwiegersohn zu bieten hat, ist weniger die Belehrung im einzelnen als
vielmehr das geistige Vorbild: durch seine beispielhafte Erschließung der
römischen Welt gibt er Anregungen für Wilamowitz' künftige
Erforschung der griechischen Welt[35]. Dieses Verhältnis ist von
Wilamowitz schon im Jahre 1879 mit Scharfblick formuliert worden, als er sich
mit Fragen des attischen "Staatsrechts" zu beschäftigen begann[36]:
"Ich habe das weite Gebiet der Beziehungen von Rat und Bürgerschaft dabei durchgearbeitet. Freilich fehlt mir da sehr Dein dritter Band Staatsrecht; nicht Positives, aber scharf denken zu lernen."
Die beiden späteren Schwerpunkte des Briefwechsels, das "Staatsrecht" und der V. Band der "Römischen Geschichte", geben diesem "Geben und Nehmen" noch schärfere Konturen. Aber nicht nur das - in dem Moment, als sich die Forschungsgebiete annähern wie nie zuvor, wächst in Wilamowitz das Selbstbewußtsein, es möglicherweise besser machen zu können als Mommsen.
Der Einfluß von Arbeiten
Mommsens auf Wilamowitz' Produktion der späten siebziger Jahre ist
besonders spürbar in der Studie "Von des Attischen Reiches
Herrlichkeit". Die ursprünglich im Jahre 1877 gehaltene Rede, für die
"Philologischen Untersuchungen" um Anmerkungen erweitert und um einige
Anhänge bereichert, ist der programmatische erste Schritt dessen, der die
Bearbeitung der griechischen Geschichte auf ein neues Niveau führen will,
begeistert durch die "Römische Geschichte" und andere Beiträge
Mommsens zum Verständnis der römischen Welt[37]. Den Charakter des Lebensprogramms hat
Mommsen sofort erkannt, aber eine eigentümliche Kritik hinzugefügt[38]:
"Einzuwenden habe ich nichts, als etwa, daß in der allgemeinen historischen Betrachtung mir das Moment der Dauer zu wenig in Betracht gezogen scheint. Der breve maggio ist in sich selbst eine Kritik. Momente wie diese athenische Hegemonie und wie die lübische Hanse gehören wohl zu den größten historischen Erscheinungen und sind auch, einmal dagewesen, in ihren Folgen ewig; aber sie dürfen nicht verglichen werden mit dem weniger genialen, aber in seinen Folgen doch tiefer greifenden Konstruktionsprozeß des Nationalstaats."
Der Briefwechsel enthält viele kritische Bemerkungen von Wilamowitz über die "Althistoriker" der Zeit. Die Situation in Greifswald war wohl auch dazu angetan, ein Gefühl für die eigene Kraft zu vermitteln[39]. Wilamowitz' Anspruch, das 5. Jahrhundert auf neue und bessere Weise behandeln zu können, war durch die Rede des Jahres 1877 verkündet worden. Auch die gängigen Darstellungen des Hellenismus fanden wenig Gnade. Am 22. Dezember 1880 schreibt er Mommsen über sein Studium der Geschichte des 3. Jahrhunderts v.Chr.[40]:
"Aber das weiß ich nun, daß alle Historie von der Schlacht bei Ipsos bis zum ersten makedonischen Kriege, soweit es nicht Pyrrhos' westliche Expeditionen angeht, ein ganz dürftiges Gebräu ist."
Schon das Jahr 1881 brachte die Veröffentlichung des Hermann Usener gewidmeten "Antigonos von Karystos. Mommsens Reaktion war sehr ermutigend[41]:
"Außerordentlich befriedigt hat mich der folgende zusammenfassende Abschnitt über die griechische Nachblüte; das ist ein Stück Geschichtsschreibung im besten Stil; der rechte Nachfolger von Kydathen ..."
Mit solchen Urteilen über moderne "Geschichtsschreibung" hat Mommsen gegeizt. Eines der größten Komplimente, das er dem Schwiegersohn je gemacht hat, war denn auch die Bitte, in Berlin eine althistorische Professur zu übernehmen. Es kann nicht überraschen, daß Wilamowitz mehr und mehr zu der Auffassung kam, als wirklicher Schüler Mommsens auf dem richtigen Weg zu sein.[42]
Wiederholt hat Wilamowitz
seit 1878 der Sorge Ausdruck gegeben, daß Mommsen seine Kräfte an
Arbeiten verschwende, die andere ebensogut erledigen könnten; ein Beispiel
sind die zeitraubenden Indices zum CIL. Im November 1880, nach dem Brand in
Mommsens Arbeitszimmer, rät er ihm zur Fortsetzung der
"Römischen Forschungen" und zur Weiterarbeit an der "Römischen
Geschichte". Als zunächst noch fernes Ziel hält er ihm den III. Band
des "Staatsrechts" vor Augen[43]:
"Und die Art der Arbeit ist doch wohl eine zunächst eher zu ermöglichende als der ditte Band Staatsrecht. Ich bedauere nur, daß ich weder die Kenntnisse besitze noch Aussicht habe, sie zu erwerben, um gerade hier mit Dir im Denken Schritt halten zu können, sonst forderte ich Dich auf, Dich hier ruhig herzusetzen und diese Arbeit zuzuschneiden."
Mit Mommsen "im Denken Schritt halten zu können" ist sein Streben, soweit es den historischen Teil seiner Studien betrifft[44]:
"Das kann ich freilich weder skizzieren noch könnt'ich's erzählen, aber daß Du daran und mehrerem, was ich jetzt bloß den Studenten predigen kann, Freude haben würdest, das getröste ich mich doch, wenn mir die Existenz manchmal gar zu trostlos erscheinen will."
Nach der Fertigstellung der CIL-Bände VIII, IX und X begann Wilamowitz wieder, einen III. Band der "Römischen Forschungen", die Fortsetzung der "Römischen Geschichte" und das "Römische Staatsrecht" anzumahnen. In richtiger Einschätzung von Mommsens damaligen Neigungen hat er schließlich mit Erfolg zur Arbeit an der "Römischen Geschichte" gedrängt.
Am Ende des Jahres 1883 hat
Mommsen sich dazu durchgerungen, eine Fortsetzung der "Römischen
Geschichte" zu versuchen; die letzte Anregung ist vermutlich der Aufsatz
über die "Conscriptionsordnung der römischen Kaiserzeit" gewesen[45]. Wilamowitz'
Reaktion auf die Nachricht von Mommsens Plan ist für den sonst so
kühlen Mann ganz enthusiastisch; er fühlte sich an die erste
begeisternde Lektüre der "Römischen Geschichte" erinnert[46]:
"Schon als Obersekundaner, als ich bei verbotenem Lichte nachts Deine Republik las, würde ich für die Kaiser gern ein paar eigene Lebensjahre hingegeben haben. Du wirst doch glauben, daß ich's jetzt, wenn auch schon mit grauen Haaren, ebensogern täte."
Anfang 1884 begann die Arbeit am künftigen V. Band der "Römischen Geschichte". Im Februar soll Wilamowitz nach einer Lektüre der ersten Entwürfe zunächst ganz allgemein die Frage beantworten, ob die Fortsetzung des Plans überhaupt einen Sinn habe; um konkrete Hilfe bittet Mommsen ihn dann im August, nachdem die Kapitel über Palästina, Syrien, die Ostgrenze und Ägypten entworfen sind und er die Abschnitte über Griechenland und Kleinasien in Angriff nehmen will.[47]
Wilamowitz' Antwort wird ihm
keine besondere bibliographische Hilfe gewesen sein. Die bekannten Kompendien
werden übergangen, einige epigraphische Spezialliteratur wird genannt,
Erwin Rohdes Abschnitt über die Sophistik wird mit der zu erwartenden
Einschränkung empfohlen. Die eigentliche Antwort ist mehr ein Hinweis
darauf, wie kompetent er selbst als Helfer für diese Kapitel sein
könnte[48]:
"Meine Art zu arbeiten läßt mich Dir vielleicht weniger Brauchbares angeben, als ich weiß, denn ich lese eigentlich immer nur die Quellen und kenne auch die hier einschlägigen, meist gar nicht gelesenen, leidlich ... Es würde mir die größte Freude sein und ich hoffe, es ist auch möglich, daß ich Dir mit irgendwelchen konkreten Notizen helfen kann; ich empfinde es oft als einen Mangel, daß ich, was ich weiß, nur so aus desultorischer Lektüre und nur im Kopfe, d. h. nicht präsent habe - aber das ist nun wohl auch nicht mehr zu ändern."
Im Oktober 1884 schickt Mommsen die ersten Druckbogen zur Durchsicht. Wilamowitz war überwältigt von der Lektüre. Seine Bewunderung für das Geleistete ließ ihn höher greifen, als es Mommsen wohl sympathisch gewesen sein mag. Er scheute sich nicht, Mommsen selbst so sprechen zu lassen, wie er es sich dachte; seltsam, daß er dabei zu alttestamentarischem Vokabular griff:
"Mein langes und reiches Leben habe ich daran gesetzt, die Institutionen und die treibenden Kräfte zu erforschen, tief bin ich gegangen, bis in das Mark des Baumes, dessen Rinde ihr allein kennt, und deren Moose und Flechten ihr für seine Früchte haltet. Ich bin am Ziel; am Ziel als Mensch, die Wissenschaft steht am Anfang. Ich habe ihr die Wege gewiesen und ihr die Thora gegeben, die ihr langes Leben ordnet durch ihre Ewigkeit; wie Mose schaue ich das gelobte Land - aber unzulänglich ist der Irdische."
Wilamowitz zeichnet diesen Brief mit: "Ewig der Deine Ulrich."[49] Er war sich des Wertes seiner Hilfe durchaus bewußt. Seine Anregungen gehen über die Textkritik schwieriger Stellen und die Heranschaffung exotischer Belege weit hinaus. Vieles hat Mommsen dankbar berücksichtigt.[50] Zurückhaltender war er bei allen Hinweisen, die seine eigenen schriftstellerischen Konzeptionen des V. Bandes berühren mußten.
Viel spricht dafür,
daß Wilamowitz sich von Mommsen als wichtigster "Mitarbeiter" bei der
Drucklegung des V. Bandes nicht genügend gewürdigt fühlte. Schon
der 1928 veröffentlichte Bericht in den "Erinnerungen" ist von
ungewöhnlicher Zurückhaltung, wenn man den Briefwechsel über die
einzelnen Kapitel danebenhält. Die Aufgabe habe Mommsen nicht gelöst,
schreibt er, sondern die Grundlinien gezogen, "auf denen einmal eine
Kulturgeschichte der Kaiserzeit aufgebaut werden muß"[51]. Wie er sich die Lösung dieser
Aufgabe vorgestellt hat, haben offenbar die späten Vorlesungen über
die Kaiserzeit durchblicken lassen.[52] Auch der letzte Abschnitt des
"Glaubens der Hellenen" läßt etwas von seiner Kritik an Mommsen
erkennen.[53]
Nach der Vollendung des V.
Bandes und dem wenigstens vorläufigen Verzicht auf den IV. Band der
"Römischen Geschichte" wandte Mommsen sich im Jahre 1886 dem
Abschluß des "Römischen Staatsrechts" zu. Auch Wilamowitz sah darin
das nächste wissenschaftliche Ziel, das Mommsen zu erreichen sozusagen die
Pficht habe.
Wilamowitz' Gespür
für die im III. Band des "Staatsrechts" zu behandelnden Fragen, sein
Vermögen, ohne jede Einarbeitung Hinweise von großem Wert
beizusteuern, ist nicht zuletzt dadurch zu erklären, daß er seit
langem daran gedacht hatte, Mommsens Leistung auf dem Gebiet des römischen
"Staatsrechts" zum Vorbild für eigene Arbeiten im Bereich des griechischen
Altertums zu nehmen.
Gerade im Jahre 1886 war er
mit der Formulierung eines Aufsatzes über "Die Demotika der attischen
Metöken" beschäftigt, ein Thema, für das er nur geringe
Vorarbeiten von Wert zu finden glaubte. Er schreibt[54]:
"Die junge Wissenschaft des attischen öffentlichen Rechts baut mit traurig zertrümmertem Materiale, aber in einem hat sie es gut: Wege und Ziele der Forschung sind ihr von der älteren und reicheren römischen Schwester gewiesen. Mommsens Abhandlung über das römische Gastrecht und die römische Klientel lehrt für die hier behandelten Fragen mehr als alle Handbücher der griechischen Altertümer."
Mit dem einen Vorbehalt, daß Wilamowitz das schwierige Thema für Leser mit geringeren Spezialkenntnissen noch zugänglicher hätte machen können, hat Mommsen mit seiner Anerkennung nicht gespart.[55]
Wenn man berücksichtigt,
wie sehr der sonst unverständlich bescheidene Mommsen von den
Vorzügen seines "Staatsrechts" überzeugt war, ist der Rat an den
Schwiegersohn, nach dem "Hermes"-Aufsatz ein Handbuch über das "attische
Staatsleben" zu schreiben, vielleicht die höchste Anerkennung, die er ihm
überhaupt hätte aussprechen können.
"Deine Untersuchungen werden doch, Du magst wollen oder nicht, zum Handbuch führen. Man gibt ja viel damit auf, die läßliche Freiheit ist zu Ende und der Gänsemarsch des Compendiums beginnt; aber ein Fortschritt ist es doch. Mir ist es wenigstens so gegangen, jetzt, wo ich versucht habe, die Spezialergebnisse zu verbinden, habe ich sie verstehen gelernt und vermocht, sie zu korrigieren und zu erweitern. Mache Du es auch so.[56]"
Der von Mommsen behandelte Stoff, "Bürgerschaft und Senat", fand Wilamowitz' Interesse nicht zuletzt wegen seiner damaligen Absicht, mit Hilfe vorsichtiger Analogieschlüsse das römische Material zur Erhellung des griechischen, oder doch wenigstens des athenischen, "Staatsrechts" zu nutzen[57]:
"Ich kann ja eigentlich auch nur der eigenen Belehrung nachgehen ziehe überall die griechischen Parallelen und bemesse damit zum Teil den Glauben, hier wie dort: denn daß die Grundlage des Staates und die Rechtsauffassung sich ganz nahe berührt, bestätigt sich mir auf Schritt und Tritt."
Im Verlauf der Einzelkritik kommt Wilamowitz immer wieder darauf zurück. Wenn Mommsen auf diese Anregungen zurückhaltend reagierte und Wilamowitz' Hinweise, soweit sie die "Analogie" betreffen, kaum Spuren hinterlassen haben, so hat er den Anspruch seines Schwiegersohns doch keineswegs für verfehlt gehalten. Mommsen selbst hatte in dem von Wilamowitz mehrfach erwähnten Aufsatz über "Das römische Gastrecht und die römische Clientel" ein entsprechendes Arbeitsprogramm angeregt. Als Antwort auf die "griechische Analogie" bemerkt er in einem Brief vom 23. Januar 1887[58]:
"Dem Parallelismus bin ich allerdings entsagend und entschlossen aus dem Wege gegangen, und nicht bloß, weil ich die griechischen Dinge zu wenig kenne. Wir müssen allerdings dahinkommen; als ich vor Jahren über das Gastrecht schrieb, habe ich einige Wünsche darüber in den Wind gesprochen. Aber ich bin der Meinung, daß es zunächst weise ist, die Schranken der Völker einzuhalten; sonst geräte man teils in Schwindel, teils verwischt man damit das individuell Charakteristische."
Mommsens Festhalten am charakteristisch Römischen mancher Erscheinungen des römischen Staatslebens entsprechen die Korrektur einiger Vorschläge aus Göttingen und das Bestehen auf der einmal gewählten Darstellung. Wie schon bei den früheren brieflichen Diskussionen gab es auch diesmal Themen, über die eine Einigung nicht möglich war - in der Regel sind es Problemkreise, wo beide aufgrund der Überzeugung, den römischen oder griechischen Hintergrund richtig zu verstehen, an der eigenen Deutung festhalten. Einwände bei einzelnen Details, die er unbedingt anders beurteilen wollte, haben Wilamowitz aber nicht an der dauernden Bewunderung des von Mommsen Erreichten gehindert. Nicht nur in den "Erinnerungen", sondern auch in der lateinischen Autobiographie fehlt ein (kritischer) Hinweis auf die Mitarbeit am "Staatsrecht".
Wilamowitz scheint der
einzige gewesen zu sein, der die Fahnen des II. Bandes gelesen hat. Keiner von
Mommsens Freunden, die er, z. B. als Juristen, für die berufeneren Leser
des Werkes gehalten hat, ist in ähnlicher Weise zu Rate gezogen worden.[59] Mommsen wird der
Ansicht gewesen sein, daß für die meisten Teile des III. Bandes die
wertvollste Kritik von Wilamowitz zu erwarten wäre[60]:
"Man wirft seine Kuchen ins Wasser und weiß nicht, ob und was damit geschieht. Mir geben Deine Briefe doch die Beruhigung, daß mit dieser Arbeit, in der doch ein Leben steckt, etwas erreicht ist."
Abgesehen von den Briefen, die neue Inschriften betreffen, ist der Gedankenaustausch über Mommsens Akademierede vom Jahre 1889 über Horaz ein repräsentatives Beispiel für den weiterhin engen Kontakt. Mommsen wußte natürlich, daß der Schwiegersohn spätestens seit der Zusammenarbeit mit Adolf Kießling in Greifswald ein ausgezeichneter Kenner des Dichters war. Die Antwort auf die kurzfristige Anfrage ist erstaunlich reichhaltig, und doch am Tage des Erhalts von Mommsens Brief formuliert und abgeschickt. Mommsen war Wilamowitz für die Erinnerung an Livius' Bericht über Camillus gelegentlich der Interpretation von Horaz' dritter Römerode so dankbar, daß er ihn sogar in der gedruckten Fassung der Akademierede als Helfer nennt - keine selbstverständliche Geste veröffentlichten Dankes, da Mommsen Hinweise dieser Art im V. Band der "Römischen Geschichte" und im III. Band des "Römischen Staatsrechts" meistens ohne namentliche Nennung übernommen hat.[61]
Die Briefe über Horaz
aus dem Jahre 1889, in denen sich Mommsen als "Laie" an den
Literaturkenner wandte, sind neben den Briefen über Wilamowitz' Editio der
neugefundenen "Athenaion Politeia" und seine Arbeit an "Aristoteles und
Athen"[62] die letzten
Briefe zu einem thematisch geschlossenen Zusammenhang. Hervorzuheben als
Zeugnisse für die geistige Verbindung der Briefpartner sind noch Mommsens
anerkennende Worte für Wilamowitz' Verständnis seines Beitrags
über die griechischen Namen römischer Freigelassener[63] sowie Wilamowitz'
intuitive Erkenntnis der Bedeutung, die Mommsen dem gegenüber der
dreibändigen Ausgabe leicht vergessenen "Abriß des römischen
Staatsrechts" zugemessen hat.[64]
Daß es keinen
regelrechten Briefwechsel zu Mommsen letzter systematischer Darstellung, dem
"Römischen Strafrecht", gibt, kann nur zum Teil durch Wilamowitz'
Übersiedlung nach Berlin erklärt werden. Mommsen war spätestens
am Ende des Jahres 1895 intensiv an der Arbeit;[65] es findet sich kein einziger Hinweis
darauf, daß er Wilamowitz auch diesmal um die Durchsicht der Fahnen
gebeten hat. Die Intensität des Briefwechsels der vorausgegangenen Jahre
auch zu Fragen, die von den Spezialgebieten des Schwiegersohns denkbar weit
entfernt waren, erschwert die Annahme, daß Mommsen das römische
Strafrecht für zu abgelegen hielt, als daß er Wilamowitz damit
hätte behelligen wollen. Die zwei Bemerkungen, die er in den erhaltenen
Briefen aus dieser Zeit zum "Strafrecht" macht, zeigen zudem, in welchem
Maße er selbst hier durch Hinweise aus dem griechischen Bereich hätte
helfen können.[66] Sein Interesse an der Durchsicht der
Fahnen, wie er es früher für die "Römische Geschichte" und das
"Staatsrecht" bekundet hatte, hielt sich diesmal in engen Grenzen, wenn er
Mommsen am 28. Oktober 1896 schrieb[67]:
"Es ist ja wunderschön, wenn Du an den Kriminalrecht mit Freude und Erfolg arbeitest, und nichts Besseres zu wünschen."
Dieses überraschende Desinteresse läßt sich am besten mit der von Eduard Schwartz allerdings erst in die Berliner Zeit datierten Entfremdung zwischen Mommsen und Wilamowitz erklären.[68] Der Briefwechsel seit 1897 ist mit einiger Sicherheit nicht nur deshalb so knapp, weil Mommsen und Wilamowitz Themen, die sie früher brieflich behandeln mußten, jetzt im mündlichen Gespräch erörtern konnten. Zum Schluß ist deshalb von den persönlichen Beziehungen der beiden zu sprechen, und besonders von Wilamowitz' harten Worten über Mommsen am Ende seines Lebens.
Mommsens Beurteilung erst des jungen Gelehrten, dann des Schwiegersohns ist relativ deutlich. Er war sich von Anfang an der grundsätzlichen Unterschiede in Herkunft und persönlichen Anschauungen bewußt. Das rein private Verhältnis zu Wilamowitz ist im Laufe der Jahre keineswegs herzlicher geworden. Mommsen hat stets Anteil am häuslichen Wohlergehen seiner ältesten Tochter genommen, um deren Gesundheit und seelisches Wohlbefinden er mehrfach Sorge haben mußte. Viele persönliche Züge des Schwiegersohns, die er nicht nur durch dessen eigene Briefe, sondern z. B. auch durch die Briefe seiner Frau aus Greifswald und Göttingen kennenlernte, waren dazu angetan, eine gewisse Distanz nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.[69]
Zu den Faktoren, die einen
grundsätzlichen Abstand voneinander festschrieben, gehört ohne
Zweifel auch Mommsens politisches Engagement auf einer Seite, die Wilamowitz
alles andere als sympathisch war. Im Briefwechsel ist von Politik selten die
Rede, und dann nur bei Fragen, wo eine gewisse Gemeinsamkeit der Betrachtung zu
erwarten war[70]. Bei
Gelegenheit der Affäre Spahn hat Mommsen von diesem fehlenden politischen
Band in einem Brief an Lujo Brentano ganz offen gesprochen[71]:
"Mein sonst höchst vortrefflicher Schwiegersohn Prof. v. Wilamowitz gehört zwar nicht zu der agrarischen Gaunerbande, die jetzt auf Raub auszieht, aber ist keineswegs mit mir gleicher politischer Gesinnung."
Daß Mommsen die wissenschaftliche Karriere des Schwiegersohns aufmerksam verfolgt hat, geht aus den Briefen an ihn deutlich hervor; sein Interesse ist dadurch nicht geringer geworden, daß er ihn für einen Historiker ganz im eigenen Sinne gehalten hat. Oft mischte sich aber die nicht unberechtigte Sorge ein, Wilamowitz könne sich durch sein Auftreten gegenüber Fachkollegen in die Lage bringen, sein akademisches Leben in Greifswald beschließen zu müssen[72]:
"Ich bin andere Wege gegangen, ohne mit Steinen nach denen zu werfen, die ich auf dem falschen sah, und ich glaube, das hat mehr gewirkt. Darf ich's Dir sagen, daß Du in dieser Hinsicht gut zu machen hast und daß Dein Auftreten gemißbilligt wird, vor allem von denen, die in der Sache mit Dir einverstanden sind ?"
Neben der Anerkennung für Wilamowitz' intellektuelle Bedeutung und der durch die Heirat mit "Marie II" gegebenen familiären Verbindung hat es nicht allzuviel gegeben, das Mommsen zu seinem Schwiegersohn in freundschaftlicher Weise hingezogen sein ließ; dafür waren die Unterschiede zu groß. Sieht man von den Freundschaften ab, die Mommsen mit Männern der eigenen Generation verbunden haben, so läßt sich an den sehr herzlichen Gefühlen für Adolf v. Harnack ablesen, wie schwierig die Beziehung zu Wilamowitz zu bewerten ist.[73] Die Entfremdung späterer Jahre, soweit sie auch von Mommsens Seite aus festzustellen ist, spiegelt nur alte Vorbehalte wieder.
Was der Wissenschaftler
Mommsen für Wilamowitz bedeutet hat, ist oft von ihm ausgesprochen worden,
nicht nur in Briefen an ihn, sondern auch in seinen Veröffentlichungen.
Erst in den letzten Lebensjahren wachsen selbst beim Urteil über den
Wissenschaftler die Schatten.[74] Von größerem Gewicht sind
die nicht zur Veröffentlichung bestimmten Bemerkungen aus der Zeit nach
Mommsens Tod, die als ein - damaliges - "wirkliches" Urteil zu betrachten
sind.[75]
Was alles hat ihn zur Kritik
herausgefordert? Es kann nicht überraschen, daß ihm jedes
Verständnis für Mommsens politische Überzeugungen fehlte. In
Mommsens engerer Umgebung gab es kaum jemanden, der Sympathie für seine
politische Leidenschaft hatte, abgesehen von den ihm politisch verbundenen
Freunden. Was Mommsen mindestens so wichtig war wie die Wissenschaft, ist
für viele in seiner Umgebung nur eine Verirrung und in den späteren
Jahren beinahe eine "Alterserscheinung" gewesen.[76] Wilamowitz steht also mit seiner ganz
geringschätzigen Bemerkung in einem Brief an Werner Jaeger nicht allein[77]:
"Ich glaube, Sie legen der politischen Stellung Mommsens viel zu viel Gewicht bei. Natürlich hat er die Stimmung des 48ers bewahrt, wie er immer die Formen seiner Jugendverse beibehielt. Er war für alle wirtschaftlichen und eigentlich auch alle sozialen Dinge unempfänglich, hatte nur ein altes Credo."
Diese Worte werden ergänzt durch die ähnliche Bewertung von Mommsens politischen Interessen in den "Erinnerungen". Es wäre interessant zu wissen, wie der Schwiegersohn Mommsens letzten politischen Aufruf in der "Nation" zur Zusammenarbeit der Liberalen mit den Sozialdemokraten kommentiert hat ![78]
Wilamowitz' mangelndes
Verständnis für den "Bürger" Mommsen wird unterstrichen
durch die Tatsache, daß er neben den Mommsen-Söhnen Ernst und Karl
der einzige gewesen ist, der bei der Eröffnung von Mommsens Testament die
berühmte, erst 1949 veröffentlichte Testamentsklausel gelesen hat.
Aus dem darüber erhaltenen Bericht des Enkels Konrad Mommsen[79] wird nicht klar,
welches Gewicht Wilamowitz damals der Klausel zugemessen hat; viel spricht
dafür, daß er nichts von diesem wichtigsten aller Selbstzeugnisse
Mommsens wissen wollte und es zu den Merkwürdigkeiten der "letzten Jahre
sinkender Kraft" gezählt hat.[80]
Eine beunruhigende Diskrepanz
zwischen Wilamowitz' "veröffentlichtem" Mommsen-Bild und seiner
"wirklichen" Ansicht über den Schwiegervater besteht im Urteil über
die mehr privaten Züge. Wenn auch manche Passagen der 1928
veröffentlichten "Erinnerungen" die damalige Distanz zu Mommsen ahnen
ließen, ist die Schärfe der Kritik in der lateinischen Autobiographie
doch überraschend.
Daß diese Bitterkeit
nicht bloß einer augenblicklichen Stimmung zuzuschreiben ist, lehrt der
schon zitierte Brief an Werner Jaeger vom Dezember 1917[81]:
"In der Praxis verleugnete er die Caesarnatur nicht, ging sehr ungern andere als Umwege, kannte keine Achtung vor dem Gesetze und respectirte die Personen nicht. Er octroyirte gern, nicht so brutal wie Virchow, aber er tat es. Das contrastirt mit dem "Juristen", der er immer gewesen ist; aber das Leben lehrt uns, dass dieser Contrast nicht mal selten ist."
In der Autobiographie wird er von allen Lehrern am ausführlichsten chrakterisiert - angesichts der Stimmung dieses Abschnitts beinahe ein unfreiwilliger Tribut an die Rolle, die Mommsen in seinem Leben gespielt hat. Der Abschnitt beginnt mit der wenig schmeichelhaften Unterscheidung zwischen dem, was ihm die Bücher Mommsens, allen voran die "Römische Geschichte", bedeutet hatten, und dem, was ihm Mommsen als Person gegeben habe[82]:
"Mommsen, cuius hist. puer ingurgitavi, inde ab 1872 totum me cepit, plurima me docuit, sed non vir virum sed per libros.[83]"
Der Briefwechsel und die wissenschaftliche Zusammenarbeit erscheinen in einem sehr fahlen Licht[84]:
"nam nihil umquam adiuvare me poterat: ipse multum et laboris et curarum in eius gratiam consumpsi, et laudantur multa et bona in eius historiae V quae scio mea esse."
Nicht weniger seltsam ist die Auswahl einiger geradezu als Charakterschwächen gesehener Züge Mommsens.
"multum etiam effecit exemplo suo, ut impotentem animum in me coercerem, nam perhorrui in eo impotentiam et vini et linguae et ambitionis."
Noch am leichtesten zu erläutern ist die "impotentia vini". Mommsen schätzte ein Glas Wein, scheint aber nicht viel vertragen zu haben.[85] Der puritanische Schwiegersohn war davon so nachhaltig beeindruckt, daß er selbst hier davon sprechen zu müssen glaubte. Die "impotentia linguae" bezieht sich wohl weniger auf gewisse Freimütigkeiten unter dem Einfluß eines guten Tropfens, als ganz allgemein auf Mommsens spitze Zunge.[86]
Schwer zu deuten ist die
"impotentia ambitionis". Mommsens immer wieder bezeugte Bescheidenheit bei
der Einschätzung seiner wissenschaftlichen Leistungen verbietet es, hier
etwa eine Kritik an seiner alle Bereiche des römischen Altertums
umgreifenden Gelehrsamkeit zu sehen. Wilamowitz könnte Mommsen politische
Leidenschaft meinen: die Kenntnis der Testamentsklausel hat hier keine Spuren
hinterlassen.[87]
Zum Schluß kommt
Wilamowitz noch einmal auf Mommsens impulsive Art im menschlichen Umgang zu
sprechen:
"denique me docuit similiter invito exemplo iniurias non solum tolerare salva et pietate et ingenii admiratione sed etiam beneficiis redimere."
Vom Herausgeber der Autobiographie wird dieser Abschnitt mit dem Hinweis auf Erwin Rohde erläutert. Es ist aber wahrscheinlicher, daß Wilamowitz sich hier voller Groll an, wie er sie empfunden haben mag, Zurücksetzungen durch Mommsen erinnert hat. "Pietas" und "ingenii admiratito" sind Begriffe, die weniger an Erwin Rohde und andere gleichaltrige Gelehrte denken lassen, als vielmehr an Theodor Mommsen selbst.
Gibt Wilamowitz' generelle
Mommsen-Kritik der späteren Jahre Stimmungen schon der siebziger und
achtziger Jahre wieder ? Seine Emotionen müssen sehr stark gewesen sein;
er hat Schwierigkeiten gehabt, im Rückblick sein früheres
Verhältnis zu Mommsen richtig zu charakterisieren: entgegen dem Zeugnis
der erhaltenen Briefe bemerkt er in einer späteren geschriebenen Notiz,
Mommsen stets von der Planung eines IV. Bandes der "Römischen
Geschichte" abgeraten zu haben.[88] Seine bitteren Worte über Mommsen
in den "Erinnerungen" und in der lateinischen Autobiographie sollten deshalb
nicht ungeprüft in die siebziger und achtziger Jahre zurückprojiziert
werden.
Die naheliegende
Differenzierung der späteren Urteile von den Beziehungen etwa der
siebziger Jahre ist weniger einfach, als es zunächst den Anschein hat -
Wilamowitz muß nämlich schon sehr früh den bewunderten Mommsen
von einer Seite kennengelernt haben, die ihm offensichtlich nicht geheuer war.
Er hat einmal Harnack, der Mommsen in seinen letzten Lebensjahren nicht nur
wissenschaftlich, sondern auch menschlich sehr nahegetreten ist, den Vorwurf
gemacht, Mommsen gar nicht richtig gekannt zu haben.[89] Wilamowitz meinte damit, von
Schattenseiten zu wissen, die ihn zu der Bemerkung veranlaßten, er habe in
den "Erinnerungen" nicht alles über ihn schreiben können, weil
seine Kinder noch lebten.[90]
Die Aufforderung an den
jungen Gelehrten im Oktober 1874, Mommsen auf ein "kleines, vornehmes
Rektoratsdiner" zu begleiten, ist schon erwähnt worden. Während des
Diners fiel Mommsen in Ohnmacht, und Wilamowitz erhielt den Auftrag, ihn nach
Hause zu begleiten. Er hat erstmals in den "Erinnerungen" darüber
gesprochen[91]:
"Auf der langen Fahrt nach Charlottenburg sprach er unaufhörlich mehr zu sich selbst als zu mir, sprach, was er niemals wissenschaftlich einem fremden Ohre anvertraut haben würde, Stimmungen, Hoffnungen, Ansprüche, Reue. Hüllen der Seele fielen. Nie und zu niemandem ist auch nur eine Andeutung von dem über meine Lippen gekommen, was ich wider seinen Willen, sein Bewußtsein gehört hatte, nie werde ich ein Wort verraten. Aber ich gelobte ihm die Treue für Leben und Tod, die ich gehalten habe."
Wilamowitz' Bericht ist sehr diskret - und er ist es wiederum nicht. Seine Worte regen zu Spekulationen an, die es ohne seine Erinnerung an den Vorfall nicht geben könnte. Sein Entschluß im Jahre 1928, doch darüber zu sprechen, ist nur durch die Entfremdung der letzten Zeit und durch das Bewußtsein zu erklären, mehr über Mommsens "Hüllen der Seele" zu wissen als selbst seine Kinder. Eine nüchterne Deutung seines Berichtes führt auf die Testamentsklausel von 1899 und die dort niedergelegten Urteile über sich und andere zurück. Seit jenem 15. Oktober 1874 wußte Wilamowitz Digne über Mommsen, die ihm fremd waren, fremd bleiben mußten, und vielen seiner innersten - nicht zuletzt auch politischen - Überzeugungen widersprachen: "Aber ich gelobte ihm die Treue für Leben und Tod, die ich gehalten habe."
Für die Annahme,
daß der alt gewordene Wilamowitz mit seinen kritischen Worten ungute
Gefühle relativ neuen Datums zu Unrecht auf die gesamte Zeit seiner
Beziehung zu Mommsen übertragen hat, gibt es natürlich auch Hinweise;
die Wahrheit mag in der Mitte liegen. Sieht man vom Ton des gesamten
Briefwechsels ab, der sich mit einer grundsätzlichen Reserve des
Briefschreibers gegenüber Mommsen nicht vereinbaren läßt, so ist
schon die Erklärung des Schülerverhältnisses in der geradezu
überschwenglichen Widmung der Habilitationsschrift vom Jahre 1875 mit der
Charakterisierung der Beziehungen in der lateinischen Autobiographie schlecht
vereinbar. Ein Selbstzeugnis für die siebziger Jahre ist auch die
griechische Widmung der "Herakles"-Übersetzung vom Jahre 1879,
geschrieben anläßlich der silbernen Hochzeit der Schwiegereltern. In
diesen Versen kommt die frühe Bewunderung für Mommsen zur Sprache,
sein Ehrgeiz, es ihm nachzutun, und übrigens auch die Freude darüber,
Mommsen nicht nur durch die gemeinsame Wissenschaft, sondern auch durch die
Enkelin in besonderer Weise nahe zu sein. Die griechische Form der Widmung gab
Wilamowitz die Möglichkeit, Gefühle auszusprechen, die er in
deutscher Sprache auszudrücken vermutlich Hemmungen gehabt hätte.[92]
Die Wandlung des
Verhältnisses chronologisch genauer zu bestimmen, ist kaum möglich.
Wichtige Faktoren für die Entfremdung der letzten Jahre, einmal abgesehen
von der immer wachen Erinnerung an den Vorfall vom Oktober 1874, dürften
Wilamowitz' wachsendes Selbstbewußtsein als Wissenschaftler auch
gegenüber Mommsen gewesen sein und, spätestens seit der
Übersiedlung nach Berlin, die sehr menschliche Enttäuschung
darüber, daß Harnack eine Rolle bei Mommsen einzunehmen begann, die
Wilamowitz für sich allein vorbehalten glaubte.[93]
Wilamowitz' herbe Worte
über Mommsen am Ende seines Lebens dürfen bei der Frage, was er dem
Schwiegervater als Wissenschaftler zu verdanken hat, nicht isoliert werden und
allen früheren Zeugnissen vorgezogen werden. "Nam nihil umquam me
adiuvare poterat" ist eine nicht sehr gerechte Verkürzung - Wilamowitz hat
in der lateinischen Autobiographie die Bereiche seiner Forschung ausgespart,
für die er wichtige Anregungen erhalten hat, freilich keine Nachweise von
Zitaten, sondern Wichtigeres: Hinweise zur Methode. In einer besseren Zeit hat
Wilamowitz an Mommsen geschrieben[94]:
"Ich habe das weite Gebiet der Beziehungen von Rat und Bürgerschaft dabei durchgearbeitet. Freilich fehlt mir da sehr Dein dritter Band Staatsrecht; nicht Positives, aber scharf denken zu lernen.[95]"